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BAYERN Wichtl gegen Hundling

Gelingt dem Sozialdemokraten Georg Kronawitter in München ein Comeback? Er will die absolute CSU-Mehrheit brechen. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Münchens Oberbürgermeister Erich Kiesl, im Hantieren mit dem Bierschlegel geübt, griff zum schweren Vorschlaghammer, holte weit aus und zertrümmerte mit einem Schlag eine 60 Zentimeter dicke Betonmauer. Jedenfalls sah es so aus.

Der Kraftakt hatte indes nur symbolische Bedeutung. Die Trennwand, die der CSU-Politiker Ende Februar auf einer Münchner U-Bahn-Baustelle durchschlug, war für den Bruch präpariert, die Untergrund-Schau nur ein Werbe-Gag. OB Kiesl, 54, zeigte sich, wie er gern gesehen werden will: vital, schlagfertig, entschlossen - ein Mannsbild, das Wände einreißen kann.

Der Auftritt eignete sich bestens für den harten Wahlkampf um das Münchner Rathaus, der am kommenden Sonntag, wenn die Bayern ihre Kommunalparlamente wählen, entschieden wird. Der quirlige Kiesl (Spitzname: »Rolling Stone") will den durchschlagenden Erfolg von 1978 wiederholen, als er den von erbitterten Flügelkämpfen geschwächten Sozialdemokraten nach 30jähriger SPD-Vorherrschaft die Macht entriß.

Damals deklassierte Kiesl mit 51,4 Prozent der Wählerstimmen seinen SPD-Rivalen, den blassen Stadtkämmerer Max von Heckel (39,2 Prozent), und die CSU gewann mit 42 von 80 Ratsmandaten in München zum erstenmal die absolute Mehrheit. »Die Bastion München«, diktiert der Parteivorsitzende und bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, »muß gehalten werden.«

So selbstsicher die CSU im Wahlkampf mit 33 500 neuen Wohnungen, 47 Kilometer U-Bahn-Strecke und drei bleifreien Tankstellen wirbt - auch die Sozialdemokraten sehen mit großer Erwartung dem Wahlsonntag entgegen. Diesmal wollen sie die Wende. »An diesem Tag«, spornt der ehemalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel seine Genossen in München an, »wird ganz Bayern, wird die ganze Bundesrepublik auf München schauen.«

Die Hoffnungen der SPD soll der Vogel-Nachfolger Georg ("Schorsch") Kronawitter, 55, erfüllen, der schon einmal, von 1972 bis 1978, Oberbürgermeister von München war. Mit seiner eigenen, angeblich ungebrochenen Popularität will er Kiesls Amtsbonus wettmachen. Kronawitter: »Das ist wie ein Lokalderby, da gewinnt auch nicht immer der, der nach der Papierform die besten Voraussetzungen hat.«

Die Lokalrivalen sind beide keine Münchner. Der gelernte Bäcker und _(Ende Februar bei der Erweiterung einer ) _(U-Bahn-Linie. )

spätere Landwirtschaftslehrer Kronawitter stammt aus Pfaffenhofen an der Ilm; der Postsekretärssohn Kiesl, ein Jesuitenzögling und Theologiestudent, der sich auf Jurisprudenz und Politik besann, aus dem niederbayrischen Pfarrkirchen.

Kiesl (Wahlspruch: »I mog d''Leit, d''Leit mögn mi") gibt sich gern leutselig bis deftig-derb, verkörpert laut »Münchner Merkur« den bajuwarisch-gewieften »Hundling«, einen cholerischen Typ, dessen »boarische Hundsfotzn« man nach Kiesls eigenem Bekunden »nach dem Tod extra totschlagen muß«.

Anders der Genosse Kronawitter, den sein einstiger Mentor Vogel als einen »bis zur Eigensinnigkeit ehrlichen Mann« bezeichnet: Verbissen, trocken und redlich rackerte der biedere Schorsch für sein Comeback in der eigenen Partei. Ein linkslastiger Unterbezirksvorstand hatte ihn vor Jahren noch für »nicht vermittelbar« gehalten und kalt abserviert.

Kronawitter (früherer SPD-Spott: »Kronawichtl") revanchierte sich mit einer literarischen Beschreibung »aller Kniffe und Listen« der dogmatischen Linken und startete eine neue Karriere mit Hilfe der SPD-Rechten.

Der kampfesmüden, abgeschlafften Stadt-Partei dämmerte bald die Erkenntnis, daß sie auf den erstaunlich populären Frührentner Kronawitter gar nicht verzichten kann. Wiederholt bescheinigten Umfragen dem Mann mit dem »erkennbaren Vertrauenskapital« (Kronawitter), daß nur er als Herausforderer des CSU-Matadors Kiesl denkbar war.

Auf einmal galt der einst Geschaßte wieder als »unser bester Wählermagnet« (SPD-Landesvorsitzender Helmut Rothemund). Die Münchner SPD erkannte eine »einmalige Chance, mit Kronawitter neu zu beginnen« (so der Unterbezirksvorsitzende Günter Naumann).

Im April vergangenen Jahres wurde der »standhafte Zinnsoldat« ("FAZ") schließlich mit großer Mehrheit zum OB-Kandidaten nominiert. Begeisterung kam auf, das Partei-Kürzel SPD prägte ein neues Motto: »Schorsch packt''s doch.«

Nach einem aggressiven Wahlkampf, in dem der kantige Kronawitter dem CSU-OB »Großmannssucht« und »Ausflüge im Jet-set-Stil«, »Mietpreistreiberei« und »raketenhaft ansteigende Tarife und Gebühren«, vor allem aber ein »20-Millionen-Geschenk« an den Baulöwen Josef Schörghuber vorwarf (SPIEGEL 8/1984), rechnen sich die Sozialdemokraten plötzlich eine, wenn auch minimale, Siegeschance aus.

Sollte Kiesl am 18. März die nötige absolute Mehrheit verfehlen, kommt es im zweiten Durchgang zum Stechen - die Bewerber von FDP und Grünen treten nicht mehr an.

Der Sozialdemokrat könnte dann vom liberalen und grünen Wählerpotential und von Kiesls erlittenem »Prestigeverlust« (Kronawitter) profitieren. »Bei der Stichwahl«, beschreibt der Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete Manfred Schmidt die erhoffte Ausgangslage, »hat der Angreifer einen Vorteil.«

Ende Februar bei der Erweiterung einer U-Bahn-Linie.

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