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WIDER DEN WANKENDEN HEINEMANN

aus DER SPIEGEL 45/1968

Zur Osterzeit, da Demonstranten gleich wilden Heuschrecken das Haus des Herrn heimsuchten, richtete sich Sein Auge auf ihn, wie er sich verhalte. Und siehe, Gustav Heinemann bestand seine Prüfung nicht. Er verurteilte im Fernsehen nicht nur Gewalttaten von Anti-Springer -- Demonstranten, nein, taktlos verlangte er auch, »daß wir alle uns zu fragen haben, was wir selber in der Vergangenheit dazu beigetragen haben könnten, daß ein Antikommunismus sich bis zum Mordanschlag steigerte«.

Solche Worte gefielen dem Herrn nicht, und so antworteten Titelzeilen eines »Welt«-Kommentars: »Die Standfestigkeit wird geprüft.« Und: »Keine Zeit für Schwankende.« Gustav Heinemann wurde gewogen und als Schwankender befunden, weil er, in der Zeit, da Stacheldraht um die Springerhäuser wuchs, gefragt habe, »ob nicht die ältere Generation aus eigenem Verschulden den Kontakt mit der Jugend verloren habe«.

Heinemann bekam von der »Welt« in sein Lebensbuch geschrieben, er besitze das »reine Gemüt eines Romantikers«. Er hatte die Bestimmung nicht erreicht, die da -- schrieb die »Welt« -- lautete: »Behauptung der Staatsautorität, entschlossenes Zupacken gegen ungesetzliche Handlungen«. Und als Gustav Heinemann gar bald darauf eine Amnestie für Demonstranten wie Polizeimacht anregte, erblickte die »Welt« darin einen »Freibrief für weitere Aktionen gegen die öffentliche Ordnung«.

Jetzt aber greift dieser autoritätslose Romantiker nach dem höchsten Amt unseres Staates? Was tun? Sollten die Diener des Herrn noch einmal verkünden, daß Kandidat Heinemann ein schwankender Freibriefverteiler sei? Ach, am Ende hätte es dem Kandidaten mehr genützt als geschadet. Gilt doch heute das Wort des Herrn in unserem Volke längst nicht mehr soviel wie vor einem Jahr.

Doch der Herr versteht es, seine Wünsche auch zwischen die Zeilen zu schreiben. Und was ist schon die Verbreitung eines abfälligen Urteils über den Kandidaten Heinemann gegen die Nachricht, daß Heinemann überhaupt keine Chance habe, Kandidat zu werden!

Das war der rechte Weg. Kein böser Kommentar, nur Nachrichten, objektive Meldungen, die nachdenklich stimmten. Das »Hamburger Abendblatt« eröffnete den Nachrichten-Feldzug am vorletzten Dienstag mit der aufsehenerregenden Schlagzeile: »Stimmt die FDP für Schröder?« Im Fettdruck meldete das Springer-Blatt: »Die Chancen von Verteidigungsminister Schröder ... Bundespräsident zu werden, steigen immer mehr. In Bonn hält man es für möglich, daß die Freien Demokraten geschlossen für Schröder stimmen ...«

Und jetzt folgte ein Wenn-Satz, von dem die beiden Vordersätze sowohl wie die Schlagzeile abhingen: wenn sie (Freie Demokraten) eine Chance sehen, dadurch das für die FDP tödliche Mehrheitswahlsystem ein für allemal zu verhindern.«

Am vorletzten Wochenende tat »Welt am Sonntag« ihr Werk. Einige SPD-Leute hatten Georg Leber als Kandidaten ins Gespräch gebracht. Für »WamS« war dies schon die »überraschende Wende in der Präsidentenfrage«. Für »WamS«-Leser war Heinemann bereits aus dem Rennen ausgeschieden: »Selbst innerhalb der Parteispitze der SPD wird eine Kandidatur Heinemanns nur von Außenminister Brandt uneingeschränkt befürwortet.« Auch dieser Satz war vielleicht unantastbar« wenn man nur das Wort »uneingeschränkt« mitlas. Nur, wer tut das noch, wenn er in der Titelzeile von einer »überraschenden Wende« erfährt?

»Bild am Sonntag« steuerte seine erbauliche Version bei: »Gelingt es doch noch, einen »Wahlkampf« um die Nachfolge für Präsident Lübke zu vermeiden? Seit gestern sind die Chancen dafür erheblich gestiegen.« Es habe zwischen CDU/CSU und SPD über einen gemeinsamen Kandidaten Leber Gespräche gegeben -- »wenn auch inoffiziell«, bedauerte »BamS« und frohlockte, daß diese Aussicht »bei vielen Menschen ein Aufatmen ausgelöst« habe.

Und am Montag stand es in der »Welt": »CDU will als Bundespräsidenten notfalls SPD-Kandidaten wählen.« Der aber könne dann nicht -- so stand es im »Welt«-Text -- Heinemann heißen. Was schadet es da schon, daß ein gemeinsamer Kandidat für Fraktionschef Barzel noch am gleichen Abend nur ein »Gerücht« war. Das »Abendblatt« jedenfalls machte gleichzeitig mit den beglückenden Schlagzeilen auf: »Leber hat die besten Chancen -- Schröder und Heinemann verlieren an Boden.« Begründung im Text: Unerwartete Entwicklungen »scheinen« sich anzubahnen. Die Anwartschaft Heinemanns »scheint jetzt« »ernsthaft in Frage gestellt«. Der Name Lebers »schiebt sich in den Vordergrund«.

Wirklich, Springers Hamburger Zeitungen haben alles getan, um mit »Wenn«- und »Scheinen«-Nachrichten die SPD von dem unwürdigen Heinemann abzubringen. Wie rücksichtslos, daß diese Partei am letzten Wochenende nicht so entschied, wie sie es in Springer-Zeitungen längst getan hatte.

Otto Köhler

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