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BERLIN Widerliche Auswüchse

»Die nackte Furcht« wollen die Veranstalter eines »Tuwat«-Festivals demnächst die Berliner lehren. Pure Großmäuligkeit oder Vorbote eines heißen Herbstes?
aus DER SPIEGEL 34/1981

Selbst wenn sich wirklich mal »nix« tut in Berlin, tut sich hinterher allein schon deshalb »wat«, weil sich vorher nichts getan hat.

»Tunix« lautete die Anweisung, die vor dreieinhalb Jahren Tausende von Jugendlichen auf einem auch so genannten Kongreß strikt verfolgten. Und ausgerechnet diese Devise hat in diesem Sommer das Gegenmotto produziert: »Tuwat«.

Politische Müßiggänger von damals sind des Nichtstuns müde. Aussteiger wollen wieder einsteigen, und das gleich massenhaft: »Ganz Europa ist in Bewegung« -- glauben sie.

»Kraaker, Anti-AKWler, Instandbesetzer, AJZ-Kämpfer, Anti-Imperialisten, Feministinnen, Chaoten, Punks, Hippies und Gammler, Schwarze und Indianer, Schwule und Lesben, Alternative und Grüne Radler, Anti-Militaristen, Sozialisten und Antifaschisten, die Autonomie und der Untergrund« -- sie alle, ob in Belfast oder Bologna, in Amsterdam oder Zürich, sind für vier Wochen, vom 25. August an, zum »Spektakel in Bärlin« geladen.

Dort, am »gespaltenen Arsch der Nationen«, soll ein »Festival« ablaufen, bei dem, so Flugblätter in mehreren Sprachen, die »Straßen von den Musikanten und Gauklern Europas bevölkert werden« -- ein »Woodstock der Hausbesetzer«.

Die grünbunte »Tageszeitung« ("taz"), Zentralorgan der alternativen Szene, hieß die Tuwat-Gäste letzte Woche mit warmen Worten willkommen: Endlich reisten mal erfreulichere Typen nach Berlin als die üblichen »Mauergaffer, Puffbesucher und Spesenritter«, deren in »Kongresse und Konzerte eingepackten Spritztouren« zu den »widerlichen Auswüchsen des senatsgeförderten Berlin-Tourismus« zählten.

Das offizielle und das offiziöse Berlin indes befürchten von den Tuwat-Touristen das Allerschlimmste. Nachdem Bausenator Ulrich Rastemborski jüngst die Räumung von neun besetzten Häusern angekündigt und damit die Stimmung der »Häuserkämpfer« angeheizt hat, könnte das Spätsommerfest ein übriges tun, um die Stadt in einen heißen Herbst schlittern zu lassen.

Die mehr oder weniger anonymen Tuwat-Veranstalter haben nichts unterlassen, solche Ängste zu schüren: »Wehrdörfer«, heißt es in Flugblättern, sollen eingerichtet, »Feldküchen« aufgestellt werden. »Die ganze Linke« werde geballt erscheinen, um die Berliner »die nackte Furcht« zu lehren.

Bei einer Pressekonferenz der Festival-Veranstalter tauchten vermummte Hausbesetzer auf, »Streetfighter«. Auf ihren Hemden war zu lesen: »Eine Million Sachschaden pro Räumung.«

Denn, so eine andere Drohparole, »den Schweinen muß einfach klar sein, ein Haus -- und sie werden den Tag S.32 verfluchen«! Auf einem inzwischen beschlagnahmten Flugblatt fordern die Initiatoren: »Die Stadt muß stinken und brodeln.«

Wie ernst diese und ähnliche Ankündigungen wirklich zu nehmen, wie sie wirklich gemeint sind, weiß gegenwärtig nicht einmal der Berliner Staatsschutz-Chef Manfred Kittlaus: »Ich bin kein Prophet.«

Eine Mitarbeiterin in der Kreuzberger Tuwat-Zentrale schwächt ab: »Das ist so 'ne Insider-Sprache.« Gemeint sei, erläutert die Namenlose, »daß es in der Stadt eh schon stinkt und daß wir die Kacke halt noch zum Dampfen bringen wollen«.

Das soll mal hier, mal dort und wohl stets so geschehen, daß die Polizei sich kaum darauf einrichten kann. Die »Zwischenräume« zwischen »Fressen und Saufen«, heißt es in dem vage gehaltenen Programm, sollten mit »Phantasie« und »Ideen« ausgefüllt werden. Genauere Vorstellungen haben die Veranstalter nicht oder nur im Sinn. Tuwat soll sein »wie ein Gespenst, nicht greifbar und doch überall«.

Unheimlich, als beherrsche dieser Geist bereits die Stadt, wirkte mancherlei schon zwei Wochen vor der geplanten Eröffnung in einem Zirkuszelt.

Der Berliner Vorsitzende der Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund, Egon Franke, redete von der bevorstehenden »Beendigung des demokratischen Lebens in Berlin« und forderte gleich die Einberufung der Freiwilligen Polizeireserve sowie Verstärkung aus dem Bundesgebiet. Günter Brosius, Chef der Polizeigewerkschaft im DGB, verlangte die »unverzügliche Ausstattung der Polizei mit dem Reizstoffsprühgerät Chemical Mace«. Der Vorsitzende der IG Metall in Berlin, Horst Wagner, hielt es für richtig, daß die Tuwat-Leute »als das bezeichnet werden, was sie sind: faschistoides Gesindel«.

Abenteuerlich auch mutet ein Schreiben vom 29. vergangenen Monats an, ("Vertraulich!«, »Verschlossen!"), das vom Berliner Verfassungsschutz stammen und einem Tuwat-Sympathisanten zugespielt worden sein soll. Nach diesem Papier wären »V-Leute« amtsintern »gedrängt«, das militante Hausbesetzerumfeld »zu gewalttätigen und verfrühten und somit zersplitterten Aktionen zu bewegen«, um dadurch »die Bekämpfung dieser Szene wesentlich zu erleichtern«.

»Totalfälschung«, sagt der Chef des Berliner Verfassungsschutzes, Franz Natusch. Lediglich Briefkopf und Unterschrift der Collage stammten aus dem Amt. Dennoch halten die Tuwat-Initiatoren einen Zusammenhang mit einem anderen mysteriösen Vorgang für möglich, der sich am vergangenen Montagmorgen in der Tuwat-Zentrale in der Waldemarstraße 29 ereignete.

Laut Tuwat-Version haben gegen 4.30 Uhr zwei Unbekannte mit einem Glasschneider ein Loch ins Fenster der Eingangstür zum Ladenbüro geschnitten und am Schloß manipuliert, um alsdann vermutlich eindringen, womöglich Belastungsmaterial deponieren oder gar Brand stiften zu können. Das seien »Faschis«, hätten drei Tuwat-Wächter drinnen prompt vermutet und »aus Angst« auf die Eindringlinge losgeschlagen, mit Kanthölzern.

Die Unbekannten freilich hätten sofort »die Knarre gezogen«. Deswegen seien zwei der Tuwat-Leute flugs durch die Hintertür stiftengegangen. Der Dritte, dem eine Pistole an die Schläfe gesetzt worden sei, habe sich nur mit einem Sprung durch die Scheibe der inzwischen wieder ins Schloß gefallenen Tür retten und dann ebenfalls über den Hof absetzen können.

»Absurd« nennt dagegen Staatsschützer Kittlaus die Behauptung vom Loch in der Scheibe und »aberwitzig« den angeblichen Beweggrund. Seine Leute, Beamte in Zivil -- »eine Streife, die nicht gezielt auf dieses Objekt angesetzt war« --, hätten zwar vor der Tür gestanden, aber selbstverständlich keinen Einbruch geplant: »So etwas machen wir nicht.«

Richtig sei vielmehr, daß die Beamten am frühen Montagmorgen im langsamen Vorbeifahren Flugblätter hinter der großen Scheibe des Ladenbüros entdeckt hätten, die -- das hätten die Polizisten gewußt -- laut richterlichem Beschluß vom Freitag davor zu beschlagnahmen waren. Deswegen hätten sich zwei von ihnen die Sache näher angucken wollen, einen von außen vor der Türscheibe befestigten Vorhang beiseite zu ziehen versucht und dabei trotz ihres Ausrufs »Polizei!« sogleich Dresche bezogen. Ein Beamter sei zu Boden gegangen und habe daraufhin seine Dienstwaffe gezückt.

Das Presse-Echo auf den nächtlichen Zusammenstoß kam ohne Zweifel der Tuwat-Bewegung zupaß. Dank der »ausführlichen und sensationslüsternen Berichterstattung«, amüsierte sich ein Tuwat-Sprecher, sei der eigenen »PR-Abteilung viel Geld und Energie erspart« worden.

Kenner der Szene, Fahnder wie Alternative, sind sich darin einig, daß in der Tat erst die offizielle Reaktion auf die großmäuligen Flugblatt-Ankündigungen ("Bärlin soll erzittern") dem Tuwat-Projekt die nötige Starthilfe gegeben haben.

Geboren worden war die Idee aus reiner »Sommerverlegenheit« ("taz") Anfang dieses Monats von frustrierten Hausbesetzern im Park einer Zehlendorfer Villa. Die Versammelten plagte der Eindruck abbröckelnder Solidarität in Berlin und abschlaffender Aktivitäten in Westdeutschland: »Da sieht's echt schlecht aus.«

Nötig sei angesichts solcher Schwächeerscheinungen, endlich mal »'ne starke Bewegung« zu schaffen, die alle alternativen Ansätze umfasse. Die Linke sei, so die Tuwat-Strategen, ja keineswegs »nur betroffen«, wenn »Häuser geräumt« würden, sondern auch, »wenn in Gorleben Baubeginn ist, wenn in Irland die Hungerstreikenden getötet« oder wenn »Freunde in Frankfurt kriminalisiert werden« und, selbstverständlich, »wenn die Nato aufrüstet«.

Erst durch die »überdimensionierte Publizität«, meint nun Berlins Polizeipräsident Klaus Hübner, sei aus den vagen Tuwat-Plänen, »nachweislich eine Sommeridee«, eine ernst zu nehmende Entwicklung geworden. Die »in der Szene bekannte Spontaneität« habe die Sache »mit kräftiger Unterstützung der Medien zum Selbstläufer« gemacht.

SPD-Oppositionschef Hans-Jochen Vogel vermißt nach den ersten Reaktionen des CDU-Senats »das notwendige Augenmaß«. Das SPD-Organ »Berliner Stimme« hört gar nur noch »viel Lärm um nichts«.

Letzte Woche allerdings bemühte sich sogar der christdemokratische Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker um Abwiegelung: Der Senat, versprach er, werde sich »nicht provozieren« lassen.

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