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Italien Wie bei Borgia

Der ermordete Gucci-Erbe hatte fragwürdige Geschäftspartner. Wurde er Opfer der Spielbank-Mafia?
aus DER SPIEGEL 14/1995

Der Brief aus Mailand kam mit der Frühpost. Doch als der Empfänger ihn öffnete, war der Absender schon tot. Maurizio Gucci, 45, ein Erbe der weltberühmten Lederwaren-Dynastie aus Florenz, starb am vorigen Montag im Treppenhaus seines Mailänder Büros, niedergestreckt von den Schüssen eines vermutlich bezahlten Killers.

Der naheliegende Verdacht, daß Guccis liebe Verwandtschaft - wie der Verblichene selbst bestens geübt in Niedertracht, Verrat und Intrige - den Mörder geschickt habe, wurde von den Ermittlern schnell verworfen. Die Spur führte ziemlich eindeutig in die Schweiz.

Die biederen Eidgenossen hatten 1993 beschlossen, zum Wohle des Fremdenverkehrs Spielbanken in ihrem Land zuzulassen - goldene Aussichten für die internationale Spielhöllen-Mafia, die im Kasino ihr schmutziges Geld wäscht, und ein vermintes Gelände für Unerfahrene wie Maurizio Gucci.

Aber der war fest entschlossen, mitzumischen. Im exklusiven Crans-Montana, wo Ski-Weltcuprennen ausgetragen werden, hatte er sich mit einem örtlichen Immobilienhändler, Gaston Barras, zusammengetan, um in dessen Hotelanlage Sporting ein Kasino zu eröffnen. In dem Brief lud Gucci den Geschäftspartner in seine Villa nach St. Moritz ein, wo das Vorhaben vertraglich festgeklopft werden sollte.

Der Schweizer Makler gilt als clever und sauber - was nicht von allen gesagt werden konnte, mit denen Gucci in jüngster Zeit geschäftlichen Umgang pflegte.

In einer Mailänder Bar hatte zum Beispiel vor ein paar Monaten ein finsterer Typ, ein Ex-Fremdenlegionär namens Armando, geprahlt: »Maurizio Gucci ist einer von uns.« Armando arbeitet als Gorilla in einem Kasino in Kenia, das einschlägig bekannten italienischen Geschäftsleuten gehört. Daß Gucci sich in diesen Kreisen finanziell engagieren wollte, war kein Geheimnis.

Von der Welt der kleinen Gucci-Tasche mit dem Bambusgriff, die als besonders gelungener Markenartikel ins Museum für Moderne Kunst in New York aufgenommen wurde, hatte sich Maurizio Gucci in den vergangenen Jahren weit entfernt. Den Niedergang des legendären, 1904 gegründeten Familienunternehmens hat er freilich nicht allein zu verantworten. Der war das Werk eines brudermörderischen Clans, dessen Mitglieder einander mit Haß verfolgten und mit Prozessen überzogen.

Jenny, die englische Gattin eines Gucci-Sprößlings, fühlte sich in Florenz wie bei einer giftmordenden Renaissancefamilie: »Mit einem Gucci verheiratet zu sein ist schlimmer, als täglich bei den Borgias zu speisen.«

Ihr Mann Paolo, der das edle Sortiment der Familie durch Lizenzvergaben erweitern wollte, wurde bei einer geschäftlichen Sitzung des Clans von Brüdern, Cousin und dem eigenen Vater zusammengeschlagen.

Um sich zu rächen, verriet Paolo seinen Vater Aldo an die amerikanische Steuerbehörde: Der Denunzierte mußte im Alter von 81 Jahren eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und einem Tag antreten, die freilich bereits nach vier Monaten ausgesetzt wurde.

Aldo und seine Söhne wiederum verbündeten sich in den achtziger Jahren gegen Maurizio, der von seinem Vater 50 Prozent der Gucci-Anteile geerbt hatte. Sie denunzierten ihn bei der italienischen Justiz: Maurizio habe die Unterschrift seines Vaters gefälscht. Derart sollte der Eindruck entstehen, daß dieser ihm schon zu Lebzeiten sein Aktienpaket weitergegeben hätte, um die Erbschaftsteuer zu sparen. Das konnte am Ende nicht nachgewiesen werden. Maurizio, der sich in die Schweiz verzogen hatte, wurde freigesprochen.

Heftig bestraft wurde er dagegen für illegalen Kapitalexport, den seine Verwandten den Fahndern gemeldet hatten. Mitte der achtziger Jahre waren allein vor italienischen Gerichten 18 Verfahren anhängig, die Mitglieder des Gucci-Clans gegeneinander angestrengt hatten. Das ging an die Substanz.

Die Geschäfte stagnierten, auch weil die Guccis in ihrem ständigen Hader versäumt hatten, ihr Edel-Unternehmen zu modernisieren. 1988 verkauften Aldo und seine Söhne ihre 50 Prozent an die arabische Investcorp mit Sitz in Bahrein. Maurizio, der seinen Anteil behielt, durfte als Präsident weiterhin das Unternehmen leiten.

Aber das gelang ihm nicht gut. Die arabischen Mitbesitzer nahmen zunehmend Anstoß an dem merkwürdigen Geschäftsgebaren ihres italienischen Partners. Den größten Teil der Produktion verlagerte Maurizio aus Florenz nach Chile. Um den Absatz zu steigern, verhandelte er mit einer japanischen Handelskette und sogar mit Herstellern von Gucci-Imitationen.

Als die Araber Maurizio baten, ihnen seinen Anteil zu übereignen, willigte dieser beglückt ein. Wegen seiner persönlichen Schulden stand ihm das Wasser bis zum Hals. Nur hatte er seine Gucci-Aktien bereits an eine Schweizer Bank verpfändet. Daß er sie gleichwohl im Handumdrehen auslösen konnte, nährte das Gerücht, die Herren von der Spielbank-Mafia hätten ihm mit Barem ausgeholfen.

Maurizio erklärte seine plötzliche Liquidität anders. Er behauptete, er habe das Geld »unter den Fußplanken meiner Villa in St. Moritz gefunden«. Y

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