Zur Ausgabe
Artikel 25 / 70

PRÄSIDENTENTOD Wie bei Shakespeare

aus DER SPIEGEL 47/1963

Ist zum Ende vergangener Woche war

Südvietnams gestürzter Präsident Ngo Dinh Diem in den Augen der Weltöffentlichkeit am 2. November eines dreifachen Todes gestorben.

Der katholische Staatschef des südostasiatischen Dschungelstaates

- hatte sich angeblich vergiftet, als offenbar wurde, daß der Militärputsch gegen sein Regime geglückt war;

- war angeblich das Opfer eines »unglücklichen Zwischenfalles« geworden, als er nach der Pistole eines Offiziers griff und beim Handgemenge umkam, und

- hatte angeblich auf dem Weg ins Hauptquartier der Revolutionsjunta, von einem Hauptmann in einem Schützenpanzer erschossen, sein Ende gefunden.

Alle drei Todesversionen stammten von den neuen Militärmachthabern Südvietnams.

Die erste trug das Datum des 2. November. Die zweite Version gaben die Putschgeneräle vier Tage später heraus, als Fremde an den Leichen Diems und seines ebenfalls getöteten Bruders, des einst allmächtigen Polizeiherrn Ngo Dinh Nhu, Schußverletzungen festgestellt hatten. Der Tod im Schützenpanzer schließlich war die inoffiziell verbreitete Lesart für mißtrauische Auslandskorrespondenten, die weder an Selbstmord noch an Unfall glauben mochten.

Ungläubige Auslandskorrespondenten waren es denn auch, die in der vergangenen Woche die Wahrheit über das Ende der beiden bisher mächtigsten Männer Südvietnams herausfanden: Der Präsident und sein Bruder sind von den revoltierenden Generälen eigenhändig erschossen worden.

So lief der Stundenplan eines »Dramas von shakespearischen Ausmaßen« (US-Korrespondent Sanche de Gramont) am Allerheiligen- und am Allerseelentag in Saigon ab:

Freitag, 1. November, 10 Uhr morgens: Diem empfängt den amerikanischen Botschafter Henry Cabot Lodge und Admiral Harry D. Felt, Befehlshaber der US-Streitkräfte im Pazifik. Felt verabschiedet sich, um nach Tokio zurückzukehren; Lodge sollte im Laufe des Tages zu Konsultationen nach Washington fliegen. Der Präsident witzelt: »Immer wenn ein amerikanischer Botschafter das Land verläßt, gibt es einen Putschversuch.«

13.30 Uhr: Aus dem Scherz Diems wird blutiger Ernst. Drei Bataillone amerikanisch gedrillter Marine-Infanterie dringen als »Lanzenspitze der Revolution« ("Newsweek") in die City von Saigon ein und schießen sich bis in die Nähe des Präsidentenpalastes durch.

14 bis 18 Uhr: Die Kämpfe breiten sich in der Stadt aus. Diem ruft Lodge an und fragt, ob die USA hinter dem Putsch stünden. Der Botschafter antwortet, er höre Schüsse, wisse aber nicht, was geschehen sei. Danach fragt der Amerikaner besorgt, was Diem zu tun gedenke. Diem: »Ich werde tun, was die Situation und meine Ehre verlangen.«

22.30 Uhr: Das Hauptquartier der Präsidentengarde wird gestürmt. Die Rebellen fordern über Telephon den Staatschef zur Übergabe auf, doch Diem schmettert den Hörer auf die Gabel.

Samstag, 2. November, 3.30 Uhr: Diem telephoniert mit General Ton That Dinh, dem Stadtkommandanten von Saigon, und bittet ihn um Hilfe - ohne zu ahnen, daß sich der General längst den Rebellen angeschlossen hat und seine Soldaten den Angreifern beistehen. Dinh zum Diktator: »Ihr seid erledigt. Es ist alles aus.«

4 Uhr: Rebellen-Flugzeuge greifen den Palast mit Bordwaffen an. Präsidentenbruder Nhu fordert über einen Palastsender die Republikanische Jugend und die Verbände der Frauenmiliz auf, der Regierung zu Hilfe zu eilen.

4.15 Uhr: Nach neuen, vergeblichen Übergabe-Forderungen der Militärs beginnt der Generalangriff auf Diems Palast.

6 Uhr: Die Angreifer erreichen die Tore des Gebäudes.

6.05 Uhr: Diem und Nhu erklären sich zur bedingungslosen Kapitulation bereit. Das Feuer wird eingestellt, Verwundete werden geborgen.

6.35 Uhr: Da der Präsident und sein Bruder nicht erscheinen, wird schließlich der Sturm auf das Gebäude befohlen.

6.42 Uhr: Marine-Infanteristen in gefleckten Kampfanzügen und Stahlhelmen dringen in den Palast ein und stürmen Zimmer um Zimmer.

6.45 Uhr: Die Eindringlinge erreichen den Raum des Präsidenten. Er ist leer. Auf dem verlassenen Arbeitstisch des Diktators liegt ein französisches Buch. Titel' »Ils Arrivent« ("Sie kommen"). Diem und Nhu sind verschwunden.

Die Herrscherbrüder hatten die Dunkelheit und das Chaos des Kampfes auf engstem Raum benützt und während der Nacht den Palast verlassen. Ein schwarzer Peugeot brachte die Flüchtlinge in Saigons übervölkerte Chinesenvorstadt Cholon. Dort, etwa vier Kilometer vom Palast entfernt, fanden die gestürzten Brüder bei einem Funktionär von Nhus Republikanischer Jugend Unterschlupf. Sie blieben in ständiger Telephonverbindung mit dem Palast.

Der Jugendführer bereitete die Flucht der beiden Brüder vor. Ein Boot sollte den Präsidenten und dessen graue Eminenz den Saigon-River hinunter zu regierungstreuen Divisionen bringen, die im Süden des Landes stationiert waren.

Diem und Nhu weigerten sich jedoch, aus der Stadt zu flüchten. Dann begingen Südvietnams letzte Mandarine einen fatalen Fehler: Nur von einem Leibwächter begleitet, fuhren Diem und sein Bruder gegen neun Uhr morgens zur Franziskus-Xaver-Kirche, um inmitten chinesischer Glaubensbrüder eine katholische Messe zu hören und die Kommunion zu empfangen.

Die beiden blieben nicht lange unerkannt. Eine halbe Stunde später stoppte vor der Kirche ein von mehreren Militärfahrzeugen begleiteter Schützenpanzer des amerikanischen Typs M-113.

Ein Hauptmann stürmte durch das Portal und schrie den Priester an: »Wo sind sie?«

Der letzte Akt des Dramas begann. Diem und Nhu wurden von der Eskorte zum Hauptquartier der Rebellen in das unweit des Palastes gelegene Verteidigungsministerium gebracht. Dort hatten sich alle am Putsch beteiligten 14 Generäle und mehrere jüngere Offiziere versammelt. Dem Präsidenten wurde ein Mikrophon zugeschoben - mit der Aufforderung, seinen Rücktritt zu erklären.

Diem schleuderte das Mikrophon zu Boden. Bruder Nhu schrie die Offiziere an, es kam zu einem Handgemenge. Da bellte eine kurze Maschinenpistolensalve. Nhus Körper wurde von den Kugeln aufgerissen, den Präsidenten traf ein Geschoß am Hinterkopf.

Wer der Todesschütze war, blieb bislang strikt gehütetes Geheimnis des Revolutionsrates. »Ein feierlicher Pakt des Schweigens«, meldete die »New York Herald Tribune« in der vergangenen Woche, »soll die Namen jener Offiziere oder Generäle, die Nhu und Diem exekutierten, für immer im dunkeln lassen.«

Putsch-Opfer Diem

Noch der Messe ...

Putsch-Opfer Nhu

Mord im Hauptquartier

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 70
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die gleichzeitige Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten