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PHILIPPINEN Wie Brüder

Diktator Marcos hat 1980 womöglich amerikanischen Politikern illegal Geld zugesteckt. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Im Dezember 1941 floh der Oberbefehlshaber der US-Truppen im Pazifik, General Douglas MacArthur, vor den japanischen Invasionstruppen auf die Manila vorgelagerte Insel Corregidor. Mit ihm setzte sich der damalige Präsident der US-Kolonie, Manuel Quezon, ab.

Knapp einen Monat nach der Flucht wurde es Quezon zu mulmig. Er bat seinen Freund und »Bruder« MacArthur um Evakuierung, doch der lehnte ab.

Daraufhin verfügte der listige Quezon, der General und drei seiner Stabsoffiziere sollten »wegen hervorragender Verdienste« um den Aufbau des philippinischen Staates belohnt werden. Auf Mac-Arthurs Privatkonto in der Heimat gingen alsbald 500000 Dollar ein seine Offiziere erhielten insgesamt 140000 Dollar. Das veränderte die Lage.

MacArthur beorderte das U-Boot »Swordfish« heran, mit dem Quezon samt Familie wegtauchte. Die US-Regierung wußte von der Bestechung, doch sie wahrte Stillschweigen - an Helden vom Schlage MacArthurs war schließlich dringender Bedarf. Die Korruptionsunterlagen verschwanden in den Geheimarchiven und wurden erst 39 Jahre später bekannt.

Um den einzigen philippinischen Mitwisser der Transaktion, Quezons damaligen Finanzminister Manuel Roxas, kümmerte sich MacArthur bei Kriegsende persönlich: Er sorgte dafür, daß Roxas trotz einschlägiger Kollaboration mit den japanischen Besatzern zum ersten Präsidenten der unabhängigen Republik Philippinen wurde.

Die Affäre aus dem Zweiten Weltkrieg steht beispielhaft für die eigenartigen Bindungen zwischen den USA und ihrer einstigen Kolonie. Vorige Woche wurde offenbar, daß möglicherweise auch der gestürzte philippinische Herrscher Ferdinand Marcos sich die Gunst der Schutzmacht durch Geldzahlungen sichern wollte.

Unter den rund 2000 Seiten Akten und Unterlagen im vom US-Zoll beschlagnahmten Reisegepäck des Exilanten fand sich ein Blatt Panier von besonderer Brisanz. Auf dem »Bilanzbogen« stehen die Namen Ronald Reagan und Jimmy Carter, deren Wahlkampfkassen Marcos 1980 jeweils 50000 Dollar zugedacht haben soll. Überdies sind die Namen von Senatoren vermerkt, die der ehemalige Diktator ebenfalls unterstützen wollte. Der demokratische Senator Alan Cranston (Kalifornien) etwa war für 10000 Dollar gut.

Wohl gingen die Wahlkampfmanager der benannten Politiker unverzüglich daran, die Spendenlisten zu sichten. Doch die jeweiligen Beträge entdeckten sie nicht. Zuwendungen von Ausländern sind nach dem US-Wahlgesetz illegal. US-Bürger dürfen nicht mehr als 1000 Dollar spenden.

Das Cranston-Büro allerdings fand Hinweise, daß die Großspenden womöglich aufgeteilt worden waren. So hatten beispielsweise zwei Mitarbeiter der Firma Mabuhay dem Senator jeweils 500-Dollar-Schecks für seinen Wahlkampf zugeschickt.

Mabuhay ist ein philippinisches Unternehmen und wurde in Manila von dem Marcos-Vertrauten General Fabian Ver kontrolliert. Einer der Direktoren der Mabuhay-Tochter in San Francisco, die 1978 gegründet und vier Jahre später wieder aufgelöst wurde, war ein Dr. Leonilo Malabed, 64. Er gab an, »Spenden aus eigener Tasche« an US-Politiker von Cranston über Carter und Mondale bis zu Reagan gezahlt zu haben.

Illegal war das nicht, nur: Malabed stammt aus der gleichen Stadt wie Marcos und war mit ihm auf die gleiche Universität gegangen. »Marcos und ich«, so Malabed, waren »wie Brüder«.

Als Mabuhay 1979 versuchte, für 1,6 Millionen Dollar die Radiostationen KJAZ im kalifornischen Alameda zu kaufen, blockierte die zuständige Behörde den Erwerb. Das Unternehmen galt als »Scheinfirma«, die in Wirklichkeit für die Interessen einer ausländischen Regierung arbeite.

In den beschlagnahmten Dokumenten stecken noch weitere eindeutige Hinweise auf das finanzielle Netz, das Marcos, seine Familie und seine engsten Vertrauten im Laufe der 20jährigen Herrschaft des Diktators knüpften.

Etwa 500 der 2000 Aktenseiten lagen Ende letzter Woche noch im US-Justizministerium und bei zwei Staatsanwaltschaften, die prüfen, ob US-Firmen philippinische Beamte bestochen haben. Kopien der restlichen Unterlagen hat das Außenministerium inzwischen dem Sonderbeauftragten der Aquino-Regierung. Jovito Salonga, ausgehändigt. Salonga soll den Reichtum des Ferdinand Marcos ausloten und wenn möglich zurückschaffen.

Ein weiterer Kopiensatz ging an einen Kongreßausschuß, der die US-Anlagen der Marcos-Familie durchleuchtet"Wir haben hier den Fall eines internationalen Raubzuges gewaltigen Ausmaßes«, erklärte das Kommissionsmitglied Jim Leach nach einem flüchtigen Einblick in die Bankauszüge, Wertpapiere, Kaufverträge und handgeschriebenen Notizen, die Marcos mit in die USA gebracht hatte. »Es war ein finanzieller Monsun, in allerdings nur einer Richtung: raus aus den Philippinen, so ein anderes Ausschußmitglied.

Aktenkundig sind bislang Marcos-Guthaben bei fünf Banken in der Schweiz, den USA und auf den Cayman Islands; Gesamthöhe: 88745446,88 Dollar. Ein Teil dieser Summe dürfte aus den als »Kommissionen« deklarierten _(Ermittler Jovito Strauß (l.) beim ) _(Empfang der Marcos-Dokumente letzte ) _(Woche. )

Schmiergeldern herrühren, die an philippinische Firmen, geleitet jeweils von Familienmitgliedern oder Marcos-treuen Managern, gezahlt wurden.

Das US-Unternehmen Westinghouse Electric etwa überwies der von einem Marcos-Freund geleiteten Firma Herdis Management and Investment in den Jahren 1976 bis 1982 insgesamt 11,2 Millionen Dollar, knapp die Hälfte davon direkt an Schweizer Banken. Zahlungsgrund, so Westinghouse letzte Woche: »Für die Hilfe, den Bauvertrag« für ein Atomkraftwerk, »zu erhalten und abzuschließen«.

Vermutlich bieten die Papiere nur einen unvollständigen Überblick über das Gesamtvermögen. Die Aquino-Regierung erhielt, wie die »Financial Times« erfuhr, einen Tip, wonach Marcos in die Wahlkampfkasse Ronald Reagans 67 Millionen Dollar gesteckt haben soll. Eingeweihte, die Marcos nicht mit ins Exil genommen hat, meldeten, der Ex-Präsident habe bei einer einzigen Schweizer Bank 800 Millionen Dollar liegen. Sie dürften vorerst ausreichen, der 89köpfigen Flüchtlingsgesellschaft den gewohnten luxuriösen Alltag zu erhalten.

Vor allem Marcos-Ehefrau Imelda hat da wohl erheblichen Nachholbedarf. Sie hatte schließlich im Malacanang-Palast 3000 Paar Schuhe (Größe 38), 1000 Büstenhalter (Größe 34 B) und 167 Garderobenwagen dichtbehängt mit Pelzen und anderen teuren Kleidungsstücken zurücklassen müssen.

Ermittler Jovito Strauß (l.) beim Empfang der Marcos-Dokumenteletzte Woche.

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