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STÄDTE Wie Dallas

In Bochum wollen Politiker den Intendanten Claus Peymann feuern, weil er sich für jugendliche Fabrikbesetzer engagiert.
aus DER SPIEGEL 6/1982

Als Claus Peymann, 45, noch Schauspieldirektor am Stuttgarter Staatstheater war, gab es Theater nicht nur von, sondern auch um Peymann.

Das Publikum bejubelte den Erfolgsintendanten, weil er die produktivste und vitalste Truppe im Ländle hatte, die regierenden Christdemokraten ächteten ihn. Als der Theatermann 1977 zu einer Spende für die Zahnbehandlung der in Stuttgart-Stammheim einsitzenden Baader-Meinhof-Häftlinge aufrief, verlangte der damalige CDU-Fraktionschef Lothar Späth Peymanns fristlose Entlassung. Ministerpräsident Filbinger graulte den Direktor schließlich weg, 1979 ging er.

Peymann wechselte mit seiner Truppe aus dem schwarzen Stuttgart nach Bochum, wo die SPD das Sagen hat. Doch ausgerechnet im roten Revier erlebt er nun »verfluchte Parallelen zu Stuttgart«, bisweilen fühlt er sich gar »wie in Dallas«.

Vorletzten Freitag warfen ihm die CDU-Sozialausschüsse vor, »Zwietracht unter die Einwohner« gebracht und seine »herausragende Position« mißbraucht zu haben. Peymann müsse entlassen werden. Und schlimmer als in Stuttgart: Im Bochumer Rat (44 SPD-, 27 CDU-Sitze) entstand eine große Koalition. SPD-Fraktionschef Heinz Hossiep nannte Peymann »arrogant«, er beschwöre »Kreuzberger Verhältnisse« herauf. Im übrigen könne man auch ohne ihn Theater machen: »Das Schauspielhaus ist nicht Peymann.«

Der Ärger hatte schon mit Peymanns erster Spielzeit begonnen. Kaum war er 1979 im Pütt eingetroffen, verkündete er, richtiges Theater müsse »polarisieren« und »die Zerrissenheit und Vielköpfigkeit einer Stadt« widerspiegeln. »Unruhe« sei die »Qualität einer Zeit, wo Ruhe alles mögliche lähmt«.

Peymann brachte viel Unruhe. Nach den Vorstellungen ließ er sein Ensemble zeitweise einen Schriftsteller-Appell von der Bühne verlesen, in dem Bundeskanzler Helmut Schmidt aufgefordert wurde, sich von der »amerikanischen Regierung« nicht in eine »Politik hineinziehen« zu lassen, die »die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten zur Folge haben könnte«.

Bochums Oberstadtdirektor Herbert Jahofer (SPD) klärte Peymann auf, dies sei »die Grenze des Zumutbaren«. Mit Boykott drohten die Kollegen von der Gewerkschaft, als sich Peymann mit zwei linken, geschaßten Hoesch-Betriebsräten solidarisierte.

Erst recht in Schwierigkeiten brachte den »dynamischen, unruhigen Geist« ("FAZ"), der die Bochumer Bühne zu einem der besten deutschen Theater machte, ein Bündnis mit der örtlichen »Bewegung": mit Punkern, Arbeitslosen und Studenten, die Flugblätter gegen die »Marionetten der Knete« verfassen und »keinen Bock auf vorgeschriebene Kultur, Politik und Freizeit« haben.

Zusammengeführt wurden der gutdotierte Peymann (Jahresgehalt: 200 000 Mark) und die Alternativen durch eine Auseinandersetzung um ein 8000 Quadratmeter großes Fabrikgelände in der City, das die Stadt Bochum 1974 für 7,2 Millionen Mark im Zuge der Stadtsanierung von der Eisen-Firma Heintzmann & Co. erworben hatte.

Im Hauptgebäude mit der rohen Stein- und Eisenarchitektur, der »schönsten Halle Deutschlands« (Peymann), hatte der Intendant mit städtischer Genehmigung zwei Spielzeiten lang (seit Dezember 1979) vier Stücke spielen lassen. Als am 11. Dezember vergangenen Jahres von der »Theaterinitiative Nordrhein-Westfalen« auf Einladung des Kulturringes der Stadt das Gastspiel »Die Hausbesetzer« aufgeführt wurde, spielten 300 jugendliche Zuschauer auf ihre Weise mit: Nach der Aufführung besetzten sie die Fabrik, die von der Stadt mittlerweile - zugunsten eines Wohnbauprojekts - für den Abriß vorgesehen war.

Statt der Peymann-Truppe traten jetzt in der Halle Pott-Musiker auf: »Krisenstab«, »1 Jahr Garantie« und »Tollwut« droschen Punk-Töne aus der Revier-Szene. Bier gab's an der »Molli-Bar« zum Einkaufspreis. Es kamen Tausende, die von der offiziellen Jugendpolitik nicht mehr erreicht werden.

Weder die Peymann-Erfolge noch der Zulauf zum »Autonomen Kulturzentrum« in der »BO-Fabrik« vermochten die Pläne der Stadtpolitiker zu stoppen. Mit Ratsbeschluß vom 28. Januar setzten sie »ihren Dialog mit dem Vorschlaghammer« ("Bochumer Studentenzeitung") fort, indem sie, SPD und CDU gemeinsam, endgültig den Abriß verfügten.

Für Peymann ist diese Entscheidung »ein Blödsinn ohnegleichen«, überdies eine »verpaßte Chance, den Dialog mit der Jugend wirklich zu führen«. Tatsächlich fügt sich der Abriß der »Bo-Fabrik« in die Mentalität konservativer Sozialdemokraten, denen es zumal im Ruhrpott schwerfällt, Verständnis für alternative Bewußtseins-, Lebens- und Arbeitsformen zu entwickeln, und die auch Schwierigkeiten mit konventioneller Kultur haben.

Eine Stahlplastik ("Terminal") des Amerikaners Richard Serra etwa, gleich rechts vor dem Hauptbahnhof, die 350 000 Mark gekostet hat, ist ihnen heute noch peinlich. Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck, der ohnehin meint, wahre Kunst werde beim VfL Bochum gepflegt, schlug vor, das Werk mit einem Sandstrahlgebläse zu glätten, »weil das Ding doch ganz rostig« sei. Auf Parteitagen fallen die Bochumer selbst in Dortmund auf, weil sie während wichtiger Debatten bisweilen ein Radio am Ohr haben, von wegen Bundesliga.

Zutiefst verdächtig sind den Traditionssozis neue Formen der Jugendkultur. Schon einmal, im Sommer vergangenen Jahres, hatten Bochumer Jugendliche auf der Suche nach einem Raum für ein Zentrum eine Fabrik besetzt - die Stadtväter reagierten mit »Knüppel raus und Hunde frei« (Peymann). Abgeführt wurden 140 Jugendliche auf einen Streich, die Fabrik wurde plattgewalzt. Der SPD-Ratsherr Adalbert Krejci hält diese Sorte von Jugend für unbelehrbar; denen könne man »Zucker in den Hintern blasen, die geben keine Ruhe, die wollen Terror«. Peymann gehört, meinen Bochumer Ratsherren, zum Umfeld.

Der Intendant glaubt zu wissen, warum. »In Stuttgart«, sagt er, »wurde die Unfähigkeit, mit Terroristen umzugehen, auf mich abgeleitet. In Bochum wird die Unfähigkeit, Jugendpolitik zu machen, durch Angriffe auf mich kaschiert.«

Der Bochumer »Tragikomödie in Millowitsch-Dramaturgie und mit Boulevard-Besetzung« will Peymann demnächst etwas Brisantes entgegensetzen. Den Schriftsteller Rolf Hochhuth hat er um eine Auftragsarbeit gebeten. Der Papst- und Filbinger-Kritiker soll ein Stück über Muff und Filz in SPD und Gewerkschaften schreiben.

Hochhuth hat akzeptiert.

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