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»Wie das alles hier so läuft«

Willy Brandts neuer Superminister Helmut Schmidt soll die von der Wirtschaft gegen die Regierung verhängte Blockade durchbrechen. Deutschlands Spitzenbosse, vom Kanzler zum Gespräch geladen, zeigten sich beeindruckt: Noch bevor Schmidt das Kabinett über den Stand der Staatsfinanzen informierte, unterrichtete er die Unternehmer. Großhandels-Präsident Dietz: »Das unterschied sich im Ton erheblich von seinem SPIEGEL-Gespräch.«
aus DER SPIEGEL 36/1972

Innerhalb der Bannmeile und nur einen Steinwurf vom Bundeskanzleramt entfernt, traf sich eine elitäre Gesellschaft. Eineinhalb Stunden beriet die Creme der deutschen Wirtschaft in der unauffälligen Dependance des Chemieverbandes, Adenauerallee 232. wie sie sich drei Monate vor den Bundestagswahlen dem sozialdemokratischen Regierungschef gegenüber aufführen solle. Eingeladen hatte sie Bundeskanzler Brandt für denselben Dienstagabend in den Schaumburg-Bungalow. um Frieden mit dem Kapital zu machen.

Der Frankfurter Zuckermillionär Fritz Dietz, der Schwerindustrielle Hans-Günther Sohl und der Stahlmillionär Otto Wolff von Amerongen schworen ihre Kollegen darauf ein, den ungeliebten Sozialliberalen die kalte Schulter zu zeigen und sich auf keinen Fall von Brandt und seinem neuen Wirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt »umarmen« zu lassen.

Um sich für die Begegnung mit dem vermeintlichen Inflationsfreund und Marktwirtschafts-Gegner Schmidt zu wappnen. forderte einer der Teilnehmer die Größen der deutschen Wirtschaft zu einem schlichten Gewissensquiz auf: Mann für Mann mußten die 16 Geladenen erklären, ob sie für Stabilität oder Wachstum seien. Die Mehrheit der Wachstumsgewinnler votierte für Stabilität.

Als sich die Runde anschickte, Krokodilstränen über den abgetretenen Karl Schiller zu vergießen und seinen Nachfolger Schmidt unternehmerfeindlicher Neigungen zu verdächtigen, war es selbst Flick-Teilhaber Otto A. Friedrich zuviel: »So kann man das nicht sa

*Am letzten Dienstag im Kanzler-Bungalow

gen. Ich kenne Schmidt seit über 20 Jahren. Bei dem ist das eine Frage der Lebenserfahrung. Und mit Unternehmen hat der mehr lebensnahe Erfahrungen als der Professor.«

Die Szene geriet grotesk, als ein der Runde bis dahin Unbekannter ums Wort bat und sich dem Oppositionszirkel offenbarte. Der von Dietz routinemäßig miteingeladene Chef der gewerkschaftseigenen Konsumgenossenschaften, Oswald Paulig: »Meine Herren, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig: Ich bin ein engagierter Sozialdemokrat.« Die Köpfe der Verschwörer fuhren auseinander.

Im Gänsemarsch machten sie sich auf den kurzen Weg ins Kanzleramt, die Kavalkade der schwarzen Limousinen rollte mit leeren Fonds hinterher. Gastgeber Brandt stand vor einer delikaten Operation. Er mußte sein Verhältnis zur Industrie, den treuesten Verbündeten der Opposition, richten > obwohl der christdemokratische Kronzeuge Karl Schiller seinen Abgang aus dem Kabinett CDU-konform mit dem drohenden Staatsbankrott begründet hatte und > obwohl es der Christenriege -- gleichfalls mit Hilfe Schillers -- gelungen ist, die Inflationsangst der Deutschen wieder zu erwecken (CDU-Wahlkampfslogan: »Macht's wie die Preise, rennt der SPD davon").

Berichte der SPD-Parteibaracke hatten den Chef der Sozialdemokraten vorgewarnt, daß es mit dem Verhältnis zur Industrie nicht mehr zum besten steht.

Wie vor jedem Bundestagswahlkampf hatte SPD-Bundesschatzmeister Alfred Nau einen Stapel Bittbriefe an deutsche Industrielle verschickt.

Arglos warb Nau um Sympathie und Geld: »Ich würde es als Ausdruck einer nüchternen, objektiven und leistungsgerechten Einstellung zur Politik ansehen, wenn Sie der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands einen angemessenen Spendenbeitrag zukommen ließen.«

Unter der »Vielzahl ruppiger Antwortbriefe« (ein hoher SPD-Politiker) fand Nau auch einen Lehrbrief des Geschäftsführers der Maschinenfabrik Rüsen GmbH in Moers. Diplomkaufmann Uwe Hoefer an den roten Sammler: »Indem ich hiermit Ihrer Bitte entsprochen habe, »in der bei Unternehmern üblichen Art eine objektive Analyse der Erfolgsbilanz dieser Regierung vorzunehmen ... muß ich Ihnen aufgrund meiner Analyse mitteilen, daß es für mich unzumutbar ist, Ihrer Partei einen Spendenbeitrag zukommen zu lassen.«

Naus Barackenkassierer haben sich auf die Hoefers in der deutschen Industrie eingestellt. Sie gaben die Hoffnung auf. daß die SPD von industriellen Sympathisanten noch einmal, wie vor drei Jahren, mit zwei Millionen Mark bedacht wird. Statt dessen sahnt die Unions-Konkurrenz nach SPD-Rechnung in dieser Wahlsaison 40 Industriemillionen ab, die Hälfte des Wahlbudgets von CDU-Schatzmeister Kiep.

Allein Industriefreund Helmut Schmidt, dem die SPD am vergangenen Donnerstag als Nachfolger Schillers im Parteipräsidium den bürgerlichen Genossen Jochen Vogel anstelle des von den Jusos favorisierten linken Erhard Eppler zur Seite stellte, kann nach den Plänen Brandts die Blockade durchbrechen.

Und der neue Superminister gab sich jede Muhe, alles anders zu machen als Schiller. Statt des einsamen Diktats nach Schiller-Manier suchte der Nachfolger bei der Stabilisierung der Haushalte 1972 und 1973 das Einvernehmen mit seinen Kollegen. Statt sich mit Bundesbankpräsident Klasen anzulegen, zog er den eigenwilligen Parteifreund schon während der Vorverhandlungen in seinem Haus am holsteinischen Brahmsee hinzu und verpflichtete ihn so zum Genossen-Akkord zwischen Bonn und Frankfurt.

Auch bei den Wirtschaftsbossen suchte der flotte Hamburger Kontakt und Rat. Während seines Urlaubs besuchte der Währungsnovize den renommierten hanseatischen Bankier Alwin Münchmeyer. Und entgegen Bonner Regierungsbrauch entschloß er sich, auch Alwin Münchmeyer und seine Kombattanten im Kanzlerbungalow noch vor dem Bundeskabinett über den neuesten Stand der Staatsfinanzen zu informieren.

Kurz vor dem Eintreffen der skeptischen Gästeschar am Dienstagabend ermunterte der Kanzler die Gastgeberriege: »Dann erzählt mal, wie das alles hier so läuft.

lind Schmidt erzählte. Militärisch knapp wies er die Obersten der Wirtschaft in die aktuelle Lage ein: Die Konjunktur laufe gut, die Etats 1972 und 1973 seien in Ordnung, die öffentliche Verschuldung gedrosselt.

Ohne Scheu enthüllte des Kanzlers neuer Superstar das Stabilitätskonzept ä la Schmidt: Die Industrie habe sich darauf einzustellen, daß im nächsten Jahr bislang stets übliche Subventionen gestrichen und die Mehrwertsteuer erhöht werde -- seine Pläne zur Anhebung der Ergänzungsabgabe auf Spitzeneinkommen verschwieg der Minister freilich.

Ein Schmidt-Kollege später über die Reaktion im Publikum: »Die waren überrascht. daß die Bundesfinanzen nicht katastrophal. sondern solide sind. Als wir das belegt hatten, war die Luft raus.

Zuhörer Dietz, der aus Furcht, das Kolloquium mit Schmidt könne als Wahlhilfe der Industrie mißdeutet werden, gleich zu Anfang Vertraulichkeit gefordert hatte, rang sich nach der Sitzung zu einem bescheidenen Lob durch: »Das war sehr sachlich und nüchtern und unterschied sich im Ton erheblich von seinem SPIEGEL-Gespräch. Da war weder von Gequake noch von Eierlegen die Rede« (SPIEGEL 34/1972).

Gleichwohl blieb Dietz bei der sorgfältig einstudierten Pflichtübung: »Die Skepsis bleibt«

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