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»Wie der letzte Dreck«

Jeder deutsche Airport schwört auf andere Sicherheitschecks. Doch schikaniert werden die Passagiere überall. Schuld daran sind ein paar wichtigtuerische Beamte.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Die Hamburgerin Nicola Sievers ist eine erfolgreiche Personalberaterin. Aber wenn sie allwöchentlich an die Sicherheitsschleusen des Frankfurter Flughafens kommt, fühlt sie sich eher wie eine Ladendiebin.

Mantel ausziehen, Jacke abgeben, Taschen entleeren, bis auch die letzten Krümel im bereitgestellten Körbchen liegen. Mehrfach habe sie sich über das ebenso entwürdigende wie zeitraubende Gegrapsche bereits beschwert. Ohne Erfolg. Beim nächsten Mal mußte sich die Headhunterin Sievers wieder fragen, »wieso das nicht besser organisiert ist«, weshalb sie in den Warteschlangen oft ihre Maschine zu verpassen droht und warum jeder Flughafen die Checks wieder anders handhabt.

In München wird ihr Laptop aufs Gramm genau abgewogen und mit einer Liste von Herstellerangaben verglichen. »Die hassen einen besonders«, glaubt sie. In Hamburg interessiert man sich kaum für ihr Handy. Und in Frankfurt mußte sie gar die Funktionsweise ihrer Milchpumpe erklären, die sie wegen ihres kleinen Kindes im Handgepäck hatte. Das Chaos hat Methode.

»Ich kann verstehen, wenn das den Passagieren nicht einleuchtet. Aber es gibt noch keinen weltweiten Standard«, klagt Bernhard Semling von Heimann Systems. Die Wiesbadener Firma stieg 1970 ins Geschäft mit Sicherheitstechnik ein und verkauft heute alles an Geräten, was Gefahren erkennen soll: von der Handsonde bis zum Röntgenapparat für komplette Lastwagen-Ladungen.

Bei der Güter- und Gepäckkontrolle ist Heimann nach eigenen Angaben weltweit führend. Die Tochter des Rheinmetall-Konzerns macht rund 80 Prozent ihres 180-Millionen-Mark-Umsatzes im Ausland und kennt deshalb alle Standards zwischen Los Angeles und Tokio.

Die Heimann-Metalltore lassen sich verschieden scharf einstellen. Während sie in anderen Ländern eventuell erst bei Handgranaten fiepen könnten, schlagen auf deutschen Flughäfen schon genagelte Schuhe Alarm. Für soviel Schikane werden die Passagiere zur Kasse gebeten.

Im Jahr 1990 betrug die »Luftsicherheitsgebühr« noch 3,50 Mark, stieg aber schnell auf 5 Mark. Airlines klagten gegen den »Fummel-Fünfer« bis zum Bundesverwaltungsgericht. Vergeblich. Jeder Reisende muß mit seinem Ticket für lange Schlangen, Fummelfrust und Behördenwillkür zahlen. Die Preise differieren mitunter um fast hundert Prozent.

Am Frankfurter Flughafen sind es derzeit 6 Mark pro Passagier. Berlin hat gleich drei Tarife: In Tegel fallen 5,50 Mark an, in Tempelhof 6 Mark, in Schönefeld 9,50 Mark.

Die Unterschiede seien »schwer kommunizierbar«, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen. Die detaillierte Gebührenordnung sei zu einer »Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Beamte verkommen«, schimpft ein Airport-Sprecher. Denn die Airlines überweisen das Geld nicht etwa direkt an die Flughäfen, sondern ans Bundesinnenministerium, das dann weiterverteilt. Wer das Geld hat, sagt auch, wo es hin- und damit langgeht.

In Bonn und den mitverantwortlichen Grenzschutzpräsidien säßen »Beamte, die sich aufspielen, als seien sie Flughafenkommandanten«, sagt ein Insider: »praxisfern, ineffizient und kostenintensiv«. Sie orientierten sich »nicht an Kundenwünschen, sondern nur an ihrer jeweils nächsten Besoldungsgruppe«. Und die erreiche vor allem, wer ein möglichst großes Beamten-Heer befehligt.

Allein in Frankfurt rangeln neben den rund 1600 Security-Leuten der Airport AG rund 1000 Zöllner, 1500 Bundesgrenzschützer und 100 Polizisten um Macht und Mitsprache. Ganz zu schweigen von den 150 Lufthansa-Spezialisten oder den 2000 Beschäftigten privater Sicherheitsdienste.

Oberamtsräte wie Ronald Otto aus der Bundesgrenzschutzabteilung II 2 des Bundesinnenministeriums führen das Totschlagsargument immer am Mann: Sicherheit gehe vor Wirtschaftlichkeit.

So wuchs sich der »Rahmenplan Luftsicherheit« allmählich zu einem »dicken Wälzer« aus, sagt Klaus Ludwig vom Bundesgrenzschutz am Frankfurter Flughafen. Der Ordner ist »vertraulich zu behandeln« und fordert zum Beispiel unter Maßnahmen-Nummer 155 die »lückenlose manuelle körperliche Durchsuchung der Fluggäste vor dem Abflug«.

Wohl nirgendwo sonst auf der Welt (außer im Terror-erfahrenen Israel) muß derart scharf kontrolliert werden wie auf deutschen Flughäfen. Zwar würden zum Beispiel in Frankfurt nur 30 Prozent der Passagiere überhaupt einen Alarm an den Metallschleusen auslösen. Doch streng nach Bonner Anordnung müssen es 50 Prozent sein.

Prompt werden die Detektoren, die hierzulande ohnehin erst mit etlichen Jahren Verspätung eingeführt wurden, so scharf gemacht, daß sie selbst bei Aluverpackten Erfrischungstüchern oder einer Tüte »Fisherman's Friend« zu fiepen beginnen.

Man könnte auch nackt durch die Schleusen gehen, es würde immer noch nichts nützen. Ein Zufallsgenerator schlägt gezielt falschen Alarm, nur um die 50-Prozent-Quote zu erfüllen und die Security-Leute wachzuhalten. Fast die Hälfte der »Nachkontrollen« bringt nicht einmal ein paar vergessene Münzen - nur neue Staus.

Und während der Pulk der geschäftsreisenden Herren entnervt auf die Uhr schaut, starren die weiblichen Sicherheitskräfte gelassen in die Luft. In den Schulungen wurde ihnen eingebleut, daß sie keine Männer durchsuchen dürfen.

In München werden die Checks gern garniert mit zackigem Befehlston wie auf einem Kasernenhof ("Machen Se ma die Tasche leer!"). An anderen Airports schlagen den Reisenden Gerüche entgegen wie aus der Umkleidekabine einer Turnhalle. Kein Wunder: Den ganzen Tag müssen die Helfer kräftig hinlangen und sich mit der Handsonde jedem Schuh entgegenbücken.

Zum Fummel-Fitneßprogramm kommt der Angstschweiß. Regelmäßig versuchen Bundesgrenzschützer, sich in Urlauber-Tarnung mit versteckten Sprengsätzen durch die Schleusen zu mogeln. Diese »Realtests« machen den Flughafen nicht unbedingt sicherer. Selbstmord-Kommandos können ihre Sprengstoffkoffer problemlos aufgeben. Das Gepäck wird oft nur stichprobenweise geröntgt. Und selbst in der Handtasche lassen sich Granatenattrappen aus Plastik an Bord schmuggeln. Manchmal reicht eine Wasserpistole, um einen Flugkapitän in Hysterie zu versetzen.

Die Tests schüren vor allem die Angst der kleinen Schleusenwärter um ihren ohnehin mager nach BAT VII bezahlten Job. Das akribische Filzen der Passagiere wird zur regelmäßigen Überlebensfrage. Ein Röntgenteam in Frankfurt schafft höchstens 150 Passagiere pro Stunde. Kontrolleure auf ausländischen Flughäfen winken mitunter laut Experten fünfmal so viele Gäste durch.

Auf der einen Seite der Metalltore wächst der Wartefrust, auf der anderen die Furcht vor internen Tests und externem Gepöbel, vor allem der Viel- und First-Class-Flieger. »Unsere Leute fühlen sich oft wie der letzte Dreck«, klagt Sicherheitsprofi Volker Zintel vom Frankfurter Flughafen. Seine Security-Helfer müßten sich alles anhören, »was der deutsche Wortschatz an Beschimpfungen hergibt«. THOMAS TUMA

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