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Wie der Naturschutz den Bach runtergeht

Flußbegradigung und Trockenlegung vernichten die letzten Reservate bedrohter Tier- und Pflanzenarten Seit Kriegsende haben Wasserbau-Ingenieure in der Bundesrepublik rund 40 000 Kilometer Flüsse und Bäche - insgesamt so lang wie der Äquator - mit deutscher Gründlichkeit kanalisiert, betoniert und reguliert. Ein Ende ist nicht abzusehen, obgleich die Begradigungswut längst mehr ökologischen Schaden als ökonomischen Nutzen stiftet. Die Wasserbauer haben die Republik derart gründlich entwässert, daß selbst einstige Allerweltstiere wie Storch und Elritze auf die »Roten Listen« der vom Aussterben bedrohten Arten rückten.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Christdemokrat Gerhard Glup, 61, Bauer und Agrarminister im Kabinett des hannoverschen Landesherrn Ernst Albrecht, lobte das eigene Werk: Das neue Niedersächsische Naturschutzgesetz, seit Juli dieses Jahres in Kraft, trage der »gestiegenen Belastung von Natur und Landschaft Rechnung«.

Zugleich aber sei das Paragraphenwerk, rühmte Glup, ein gutes Beispiel demokratischen Umgangs miteinander, weil es berechtigte Interessen anderer nicht »über Gebühr« strapaziere.

Das Gesetz nämlich regelt auch, wann die Natur gebührend zurückzustehen hat -- immer dann, wenn es um die Landwirtschaft geht: »Ordnungsgemäße landwirtschaftliche Bodennutzung«, das setzte Landwirt Glup im Landtag mit Hilfe seiner Partei durch, sei »nicht als Eingriff« in die Natur anzusehen.

Dieses »Landwirtschaftsprivileg« -von Niedersachsens Sozialdemokraten als »verhängnisvoll« abgelehnt -nimmt Glup privat schon des längeren für sich in Anspruch. S.59

Der Großbauer und Schweinezüchter, der im Landkreis Cloppenburg einen 700 Jahre alten Hof bewirtschaftet, hatte 1977 auf einem neuerworbenen, rund 25 Hektar großen Wald- und Buschgelände Bäume fällen lassen, um seine Äcker zu mehren. Daß die Fläche bereits seit 1950 als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen war, habe er nicht gewußt, beteuerte Glup, nachdem die Abholzaktion ruchbar geworden und Niedersachsens höchster Umweltschützer öffentlich als »Ab-Forstminister« ("Die Welt") und »Umweltsünder« ("Hamburger Abendblatt") tituliert worden war.

Seinem Ruf, Landschaftsschutz am liebsten nach Gutsherrenart zu betreiben, scheint der Minister auch künftig gerecht werden zu wollen. Was er unter »ordnungsgemäßer landwirtschaftlicher Bodennutzung« versteht, demonstriert Glup derzeit just an jenem Fluß, an den seine eigenen Ländereien grenzen.

Weil die Soeste, einer der letzten naturnahen Flußläufe im Nordwesten der Bundesrepublik, gelegentlich die Wiesen des Politikers samt seiner Nachbarn unter Wasser setzt, will Glup den Fluß auf ciner Strecke von zehn Kilometern für runde anderthalb Millionen Mark regulieren lassen -- großenteils auf Kosten des Steuerzahlers und gegen den Widerstand von Naturschützern, aber auch von hannoverschen Regierungsexperten.

Der Plan, den Wasserspiegel des Flusses durch Begradigung und Ausbau um 40 bis 60 Zentimeter zu senken, um eine »bessere Bewirtschaftung des Soestetales« zu ermöglichen, wird vom Niedersächsischen Landesverwaltungsamt, S.62 verantwortlich für Naturschutz, Landschaftspflege und Vogelschutz, entschieden abgelehnt.

Das Vorhaben, urteilten die Naturschutzbeamten wider den Naturschutzminister, führe zur »Zerstörung seltener und gefährdeter Lebensräume«. Das Soestetal sei »ein für den Naturschutz wertvolles und gleichzeitig schutzwürdiges Feuchtgebiet«.

Zwar lasse, so die Behörde, die Regulierung der Soeste eine »Produktionsverbesserung« zugunsten der Anlieger, also auch des Glupschen Betriebes, erwarten. Dennoch halten die Gutachter eine Entwässerung dieser Flächen »aus landespflegerischer Sicht weder ökonomisch noch ökologisch« für vertretbar, weil dem »relativ geringen Vorteil von Einzelinteressen ... erhebliche Nachteile für Natur und Landschaft« gegenüberstünden.

Statt der störenden »Pauschalaussage«, die Soeste sei »besonders wertvoll«, hat das Amt inzwischen neue, auf »Teilflächen« abgestellte Aussagen vorgelegt -- die den Schluß zulassen, der Ausbau einer Teilstrecke sei doch akzeptabel.

Der Streit um den Hausbach des Ministers markiert ein Umwelt-Problem, das von der Öffentlichkeit bislang nur wenig beachtet wurde, obwohl es wie kaum ein anderes zur Naturverarmung beiträgt: Ähnlich wie die Straßenbauer, die das Bundesgebiet schon mit einem allzu dichten Netz von Autobahnen überzogen haben, betreiben auch Wasserbauer und Flurbereiniger in großem Stil die Denaturierung der Republik -oft, wie das Fachblatt »Umweltforum« argwöhnt, nur, weil sich »eine Behörde selbst erhalten« will oder sich »jemand an seine Planstelle klammert«.

Kaum ein Landstrich, in dem nicht die letzten Flüßchen reguliert, Sumpfwiesen entwässert, Tümpel zugeschüttet und Quellen ins Rohr gesteckt werden. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik für rund vier Milliarden Mark schätzungsweise 40 000 Kilometer Wasserläufe ausgebaut, insgesamt so lang wie der Äquator.

Ob es um die uniforme Ausrichtung von Isar, Iller oder Wümme, Donau, Nidda oder Main geht -- begründet werden die Wasserbau-Projekte durchweg mit Interessen der Schiffahrt, des Hochwasserschutzes oder, zumeist, der Landwirtschaft, gerade so, als habe sich auf dem Agrarmarkt in den letzten Jahrzehnten nichts geändert, als hätten die Bauern, wie ehedem der Reichsnährstand, den Auftrag, mit allen Mitteln für Autarkie zu sorgen.

Zwar sind die Verdienste unbestritten, die Wasserbauingenieure einst errungen haben, als es galt, durch »innere Kolonisation« Feuchtgebiete trockenzulegen und Ackerflächen zu schaffen, um den Hunger aus Mitteleuropa zu verbannen. S.63

Geradezu absurd aber mutet es an, in einer Zeit wachsender EG-Agrarüberschüsse weiterhin durch Entwässerung nach der überkommenen Devise »Nutzung des letzten Quadratmeters« neue Produktionsreserven für die Landwirtschaft zu erschließen -- zumal Bodenverbesserung und Gewässerbegradigung zu katastrophalen Konsequenzen für Flora und Fauna führen.

Denn der deutsche Bach stirbt nicht für sich allein. Die rar gewordenen Feuchtgebiete entlang naturbelassener Gewässer beherbergen fast die Hälfte der 649 höheren Tierarten, 140 von 300 Vogelarten, alle 19 Lurcharten und 150 Fischarten, dazu eine Fülle vielfältiger Pflanzenformen. Die zwar ebenfalls grünen, aber kaum mehr naturnahen Monokulturen der Land- und Forstwirtschaft dagegen, die rund 85 Prozent der Fläche Westdeutschlands bedecken, sind arm an Arten.

Wie rasch die ökologisch so bedeutsamen Feuchtgebiete schwinden, dokumentieren Statistiken aus den Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen etwa sind nur noch 25 Prozent jener Kleingewässer auffindbar, die dort vor zwanzig Jahren registriert wurden. In Bayern gar sind, wie unlängst das Münchner Umweltministerium feststellte, 90 Prozent der in Landkarten noch verzeichneten Quellen und Quellmoore verschwunden.

Der Anteil des Auenwaldes, der auf periodische Düngung durch Überschwemmung sowie auf hohen Grundwasserspiegel angewiesen ist und einst Biber und Fischotter, Störche und Seeadler zuhauf beherbergte, schrumpfte durch Regulierung und Urbarmachung auf zwei Prozent der Waldfläche. In Niedersachsen ist von ehemals 330 000 Hektar Hochmooren aufgrund jahrhundertelanger Austorfung nur weniger als ein Zwanzigstel übriggeblieben.

Bei alledem nimmt nicht wunder, daß Trockenlegung von Feuchtgebieten nach Untersuchungen der Bonner Bundesforschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie eine der Hauptursachen des rapiden Artenrückgangs in der Bundesrepublik ist. Ob das Adonisröschen, das Nixenkraut oder die Eselsdistel, ob Orchideen- oder Hahnenfußgewächse -- nicht weniger als 339 Pflanzenarten sind aufgrund von Flurbereinigung und Wasserbaumaßnahmen gefährdet.

Einige der bedrohten Moor- und Wasserpflanzen, Wassernuß und Seekanne, Sumpfgladiole und Schlangenwurz, werden bald womöglich nur noch im Briefmarkenalbum zu betrachten sein: Die Bundespost gibt nächste Woche eine Sondermarken-Serie mit gefährdeten Wildkräutern aus (siehe Photo Seite 66).

Um die Tierwelt steht es nicht besser. Die pflegeleichten Gewässer vom Reißbrett bedrohen Eisvogel, Graureiher und Fischotter ebenso wie gut 40 Prozent der Brutvögel. Schmetterlinge S.66 wie der Waldportier und der Moorgelbling fliegen nicht mehr. Und schon 70 Prozent der Süßwasserfisch-Arten in der Bundesrepublik, darunter einstige Allerweltsfische wie die Elritze, stehen vielerorts auf den »Roten Listen«, den Aussterberegistern der Naturschützer.

Solche Verluste indes treffen nicht nur Naturnarren, die sich mit Feldstecher und Botanisiertrommel im Grünen erfreuen. »Wer über Rotschenkel, Brachvogel und Schwertlilien spottet«, sagt Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes Naturschutz in Bayern, »ist entweder ein Dummkopf oder ein Verbrecher.«

Tatsächlich wird, wie Ökologen an einer Fülle von Beispielen nachgewiesen haben, die Gesundheit einer Landschaft vor allem vom Vorkommen mannigfacher Tier- und Pflanzenarten bestimmt. Nur aufgrund dieser Vielfalt ist die menschliche Umwelt gegen die wachsende Belastung durch Eingriffe und Schadstoffe biologisch abgepuffert.

So hängt die Selbstreinigungsfähigkeit der Flüsse vor allem davon ab, wie weit und artenreich die Watten, Marschen und Weiden sind, die von ihnen regelmäßig überflutet werden. Wie viele Lebewesen im intakten Süßwasserwatt gleichsam als biologische Kläranlage wirken können, zählten Zoologen an der Elbe aus: Sie fanden auf einem einzigen Quadratmeter »18 800 Strudelwürmer, 48 200 Fadenwürmer, 61 200 Rädertierchen, 164 000 Ringelwürmer, 129 000 Schlammröhrenwürmer, 29 800 Kleinkrebse, 3600 Zuckmückenlarven, 2400 Gnitzenlarven«.

Der Ausbau der Elbe, die Betonierung ihrer Ufer und die Eindeichung von Watten und Weiden haben in den letzten Jahrzehnten, wie der Naturschützer Horst Stern registriert, »Europas größte naturnahe Stromlandschaft erdrosselt« und den Fluß zum stinkenden Abwasser- und Schiffahrtskanal verkommen lassen -- ein Geschick, das mittlerweile fast alle großen Fließgewässer teilen.

Aber auch an Bächen machen sich die Wasserbauer mehr und mehr zu schaffen, seit an den großen Flüssen kaum ein Stromkilometer mehr natürlich ist.

Mit deutscher Gründlichkeit entwarf etwa das Frankfurter Stadtentwässerungsamt ein 5,1-Millionen-Mark-Programm zur Regulierung des Steinbachs, einer Rinne, die laut landschaftsplanerischem Gutachten seit Jahren »meist ohne Wasser« ist.

Das Vorhaben, das Bächlein mit einem 100 und einem 300 Meter langen Staudamm einzudeichen und es obendrein mit zwei Rückhaltebecken für 35 000 und 150 000 Kubikmeter Wasser auszustatten, mußte allerdings unlängst um zwei Millionen Mark reduziert werden: Der Ortsbeirat des Stadtteils Praunheim hatte gegen das Ansinnen protestiert, »einen der letzten naturbelassenen Landschaftsteile im Frankfurter Stadtgebiet technischem Perfektionismus zu opfern«.

Anderswo aber, wo Kommunalpolitiker weniger wachsam und umweltbewußt sind, wüten weiterhin die Wasserbauer. Der Wümme bei Bremen beispielsweise, die bislang noch in sanften Windungen durch eine der schönsten niedersächsischen Landschaften fließt, soll es an die Krümmungen gehen, obwohl der Fluß zu den letzten deutschen Refugien des Fischotters zählt. Wenn sich dort die betriebswirtschaftlichen Interessen der Landwirtschaft durchsetzen, warnt der Braunschweiger Biologe Norverg Prauser, »sterben die Fischotter aus«.

Obwohl es für viele Feuchtgebiete »zwei Minuten vor zwölf« ist, so der Bremer Seenkundler Michael Schirmer, werden weiterhin unablässig Kleingewässer wie der Zipfelbach im Baden-Württembergischen oder die Kahl im Fränkischen vertieft, gelegentlich betoniert und ihre Ufer abgeböscht. Zumeist gilt die Faustregel: Böschungslänge gleich Länge des Mähbalkens eines Traktors, der Pflege wegen.

Die Folge: Das kahle, schutzlose Ufer kann nicht länger als biologischer Filter dienen, der Jauche und Dünger vom Wasser fernhält; das traktorgerechte Profil bietet keine stillen Nischen mehr für Lurche oder Nistplätze für Enten und Uferschwalben; erhöhte Fließgeschwindigkeit zerstört den Lebensraum von Würmern, Schnecken, Insektenlarven oder Bachflohkrebsen, die wiederum als Beutetiere von Fischen zum biologischen Gleichgewicht eines Gewässers beitragen. »Die Satzungen vieler Entwässerungsverbände«, beklagt der konservative Niedersächsische Heimatverbund, »verbieten Anpflanzungen« beiderseits S.68 der Entwässerungsgräben, daher komme es oft zum »Kahlschlag an den Wasserläufen«. So werden mancherorts Schwarzerlen oder Weiden wahllos gefällt -- obgleich ihr Laub das Nahrungsangebot für die im Wasser lebenden Kleintierorganismen anreichert und obwohl die Bäume den Wärmehaushalt der Gewässer regeln, weil ihr Schatten den Bach im Sommer vor übermäßiger Hitze schützt.

Wird eine der vielen Nahrungsketten im Bach oder Fluß unterbrochen, ist der Rückgang von Flora und Fauna unausweichlich. In der durch Oberammergau fließenden alten Ammer beispielsweise fanden Wissenschaftler einst 148 Wasserinsekten, in der neuen, regulierten Ammer sind es nur noch 55. Und seit die Nidda bei Frankfurt umgemodelt wurde, gibt es dort kaum einen Frosch mehr. Weißstörche, im nahen Bonames früher Dauergäste, sind nicht zurückgekehrt.

In Wertheim befürchten Fischer bei Ausbaggerung des Mains den Verlust von Fischlaichplätzen. In der schwäbischen Iller, früher eines der artenreichsten Gewässer, leben fast nur noch Weißfische, seit der Fluß von der Stadt Memmingen in einen Kanal gezwängt worden ist.

Zwar schreiben Gesetze und Verordnungen in allen Bundesländern vor, daß bei Bach- und Flußregulierungen Naturschutz-Gesichtspunkte zu berücksichtigen seien.

So »ist bei der Unterhaltung und Pflege der Gewässer« auf die »Verbesserung der biologischen Wirksamkeit« besonderer Wert zu legen, wie das Wasserhaushaltsgesetz verfügt. Und »Natur und Landschaft« sind auch nach Ländergesetzen »so zu schützen, daß die Pflanzen- und Tierwelt nachhaltig gesichert sind« (so das Bremische Naturschutzgesetz).

Solche Vorschriften allerdings haben bislang ebensowenig bewirkt wie ein Leitfaden für naturnahen Wasserbau des Landes Nordrhein-Westfalen, der seit vergangenem Jahr für die amtlichen Wasserbauer verbindlich ist.

»Zweihundert Jahre lang«, erklärt der Niedersächsische Heimatbund, »haben wir systematisch alle Arten von Feuchtgebieten entwässert. Jetzt sollten wir Belohnungen für Landwirte aussetzen, die Feuchtgebiete bewirtschaften.«

Denn »während es früher hieß, das Wasser so schnell wie möglich über Entwässerungssysteme abzuführen«, sei heute, wie auch der Deutsche Naturschutzring fordert, exakt das Gegenteil vonnöten: »Wasser so lange wie möglich und so sauber wie möglich in unserer Landschaft zurückzuhalten.«

Auf diese Weise ließe sich auch verhindern, daß immer häufiger schon gewöhnliche Frühjahrsniederschläge Hochwasser auslösen. So überschwemmten in diesem Jahr Werra und Leine mehrere Orte in der Gegend von Göttingen, Northeim und Eschwege. Bäche und kleinere Flüsse wie die Aschaff im Landkreis Aschaffenburg oder die Nidda bei Frankfurt setzten im Sommer Straßen und Keller unter Wasser.

Die Hauptursache sieht Detlef Meyer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Limnologie und Gewässerschutz in Hannover, darin, daß fast »jeder nennenswerte Bach« begradigt wurde, so daß »die Landschaft als Stauraum fehlt und das Wasser stärker abfließt«. Meyer: »Dann wundern sich die Leute, wenn sich woanders plötzlich der Pegelstand erhöht.«

Nach Berechnungen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erhöht sich die Hochwasserspitze überdies bereits dann um hundert Prozent, wenn ein Fünftel der Einzugsfläche bebaut oder auf sonstige Weise mit Beton versiegelt ist: Die Niederschläge können dann nicht versickern, sondern werden im Eiltempo durch Gully und Kanalisation in die überlasteten Bäche geleitet.

Dennoch halten, wie es scheint, Politiker allerorten an ihren oft jahrzehntealten Planungen fest. Eine Ausnahme, daß Bundesverkehrsminister Volker Hauff jüngst mit seinem französischen Amtskollegen den Verzicht auf den Bau einer Rhein-Staustufe bei Neuburg-Weier vereinbarte, um massive Umwelt- und Landschaftsschutzgefahren zu vermeiden. Meist wird vielmehr in Kauf genommen, was beispielsweise das saarländische Ministerium für »mwelt, Raumordnung und Bauwesen so beschreibt: Die » » schiffahrtsgerechte Begradigung des Flußlaufes der Saar und » » die Auswirkung neuer Industrie- und Gewerbegebiete wird » » unvermeidlich den Verlust an biologisch wertvollen » » Teilflächen verursachen. So gehen beispielsweise wertvolle » » Riedbestände bei Dreisach und im Bereich der Saarschleife » » verloren. Im Engtal muß gewässernaher Auenwald teilweise » » beseitigt werden; flußbegleitende Weiden, Erlen, Gebüsche und » » Pappeln müssen dem Ausbau weichen. »

Welche Schäden Gewässerbegradigung und Entwässerung von Feuchtzonen bewirken, läßt sich seit langem auch an der niedersächsischen Ems ausmachen. S.71 Noch in den fünfziger Jahren, als Biologen das Gelände erstmals auf seine vegetative Vielfalt untersuchten, säumte Knickfuchsschwanz-Rasen die Ufer, zierten Dotterblume und Schafgarbe die nassen Wiesen und hundert Pflanzenarten die Weiden. Zwanzig Jahre später war die Flur bereinigt -- und die Natur gleich mit.

Was blieb, war, so die Forschungsanstalt für Naturschutz und Landschaftsökologie, »eine nivellierte, biologisch verarmte, wegemäßig gut erschlossene Wirtschaftslandschaft«. Den Bach runtergegangen waren rund 40 Pflanzenarten.

Derart verstandener Flurbereinigung ist in den letzten Jahrzehnten rund die Hälfte aller landwirtschaftlichen Flächen in der Bundesrepublik zum Opfer gefallen. Wo die Landbauingenieure Tümpel in Rübenäcker verwandelten, Bäche wie mit dem Lineal geradezogen, Wiesen dränten und Wallhecken wie Feldgehölze abrasierten, bestimmen nun Monokulturen und Monotonie die Landschaft.

Der Biologe Heinrich Weber, Professor an der Universität Osnabrück, wies 1979 in einer Untersuchung nach, daß jede fünfte einstmals im Landkreis Osnabrück nachgewiesene Pflanzenart »als ausgestorben oder nahezu ausgestorben zu betrachten« ist. Weber: »Mehr als die Hälfte ... geht allein auf das Konto der Landwirtschaft.«

Naturschützer müssen oft machtlos zuschauen. In vielen Bundesländern fällt, wie eine bayrische Verwaltungsvorschrift formuliert, die »Bodenentwässerung landwirtschaftlich, forstwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzter Grundstücke« nicht unter amtliche Auflagen. Sie ist in das Belieben des Besitzers gestellt, wenn »die Entwässerungsfläche unter 10 Hektar liegt«.

Wo Tümpel und Teiche, vor allem in Siedlungsnähe, nicht der Flurbereinigung weichen, verschwinden sie, wie der Deutsche Naturschutzring feststellte, oft nach der »Drei-Schritt-Methode": Zuerst wird illegal Müll hineingekippt, dann werden angeblich zwecks Beseitigung des Schandflecks Bauschutt und Aushub angefahren, bis das Gelände schließlich als Bauerwartungsland gilt.

An den letzten noch halbwegs natürlichen Seen und Flüssen drängeln sich zunehmend Angler und Wassersportler, darunter die schätzungsweise halbe Million westdeutscher Surfer, die Naturschützern als »segelnde Vogelscheuchen« gelten (SPIEGEL 33/1981).

Schon zwei Angler auf einem Kilometer Uferstrecke können durch ihre bloße Anwesenheit bewirken, daß bis zu 60 Prozent aller Wasservögel vertrieben werden. Die Annäherung eines einzigen Wassersportlers an eine Reiherkolonie läßt alle Altvögel von ihrem Gelege auffliegen -- mit der Folge, daß Eichelhäher und Krähen ungefährdet die Reiher-Eier plündern können.

Den bundesdeutschen Sportfischern zuliebe, deren Zahl alljährlich um rund 10 000 zunimmt, werden zudem vielerorts Zuchtfische in unnatürlicher Dichte ausgesetzt, die den Lebensraum von Lurchen und heimischen Fischen zunehmend einengen. Stichling und Elritze, sogenanntes Fischunkraut, werden von manchen Angelvereinen systematisch ausgerottet, Büsche und Bäume gerodet, schützende Schilfgürtel zerschnitten oder mit Booten durchpflügt.

An Teichen, die noch vor Jahrzehnten von einem einzigen Berufsfischer bewirtschaftet wurden, haben nun oft 200 und mehr Mitglieder eines Vereins das Recht zu fischen. »Wenn der Ausverkauf der Gewässer an die Angler so weitergeht«, prophezeit der Bund für Umwelt und Naturschutz, »sind in wenigen Jahren die Wasservogelbestände vernichtet.«

An den niedersächsischen Flüssen Este und Seeve entdeckten Naturschützer, daß Anlieger den geschützten Eisvogel mit Kleinkalibergewehren jagen und die Eingänge seiner Bruthöhlen mit Lehm verschmieren.

Einige Landesregierungen gaben jüngst gar die ebenfalls geschützten Graureiher, die häufig Teichanlagen als Beutegebiet wählen, auf Druck der Fischwirte einstweilen zum Abschuß frei -- obgleich der Bund Naturschutz in Bayern gegen die »brutale Tötungsverordnung« protestierte und Zoologen warnten, schon befristete Bejagung könne den imposanten Vogel an den Rand der Ausrottung bringen, wenn ein »Kältewinter« folge.

Den Fremdenverkehrsverbänden, immerhin, scheint noch an ursprünglichen Gewässern gelegen zu sein, die sich idyllisch durch die Landschaft winden. Die Touristik-Propagandisten jedenfalls werben bisweilen selbst dann noch mit Naturbächen und -flüssen, wenn sie längst begradigt worden sind -- etwa im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg, der Heimat des Grünpolitikers und Großbauern Glup.

Dort tut der regionale Fremdenverkehrsverband so, als habe er nicht mitbekommen, daß der Landwirtschaftsminister schon vor Jahren, gegen den Widerstand von Biologen der Universität Osnabrück, den Calhorner Mühlenbach und das Flüßchen Marka hat ausbauen lassen.

»Verlassen Sie sich einfach auf den gewundenen Flußlauf«, empfiehlt noch immer der Fremdenverkehrsprospekt. Denn der führe dorthin, »wo es am schönsten ist«.

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Die schiffahrtsgerechte Begradigung des Flußlaufes der Saar und die

Auswirkung neuer Industrie- und Gewerbegebiete wird unvermeidlich

den Verlust an biologisch wertvollen Teilflächen verursachen. So

gehen beispielsweise wertvolle Riedbestände bei Dreisach und im

Bereich der Saarschleife verloren. Im Engtal muß gewässernaher

Auenwald teilweise beseitigt werden; flußbegleitende Weiden, Erlen,

Gebüsche und Pappeln müssen dem Ausbau weichen.

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