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QUOTEN Wie die Hölle

»RTL II News« ist die einzige Nachrichtensendung, die fast ohne Nachrichten auskommt. Doch bei jungen Zuschauern liegt sie schon vor der »Tagesschau«.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Es gibt Tage, da passiert so viel, dass kaum eine Nachrichtensendung dafür reicht. Vorletzten Dienstag zum Beispiel: Da waren Nacktfotos von Kate Winslet aufgetaucht und dem Känguru Billy the Kid ein Pfeil aus dem Nacken entfernt worden. Außerdem sickerte durch, dass Kylie Minogue sich »Männer als Sex-Sklaven« hält und »Naschkatze« Britney Spears Schokoladeessen »wie einen Orgasmus« empfindet.

Pünktlich zum Sendebeginn um acht Uhr abends war die Flut an vermeintlich Neuem von der »News«-Redaktion in Köln gebändigt. Als neu gilt dabei nicht, was gesellschaftlich relevant sein könnte, sondern was die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen interessiert. »Wir arbeiten den Tag nach anderen Kriterien ab als die 'Tagesschau'«, sagt Redaktionsleiter Jürgen Ohls.

Gemeint sind betriebswirtschaftliche Kriterien, und um die zu erfüllen, liefert die Redaktion ein kalkuliertes, zielgruppenkonformes Format ab - mit Berichten über Waldbrände oder, vor Monaten, »Big Brother«-Kandidaten, die sich mit Wasser nass spritzten.

Politische Meldungen, so scheint es, dürfen nur in Ausnahmefällen preisgegeben werden. Der angekündigte Rücktritt Kurt Biedenkopfs wurde in 20 Sekunden zusammen mit gestrandeten Pottwalen in einem »News-Block« aufgefangen. Selten macht Politik mehr als 14 Prozent der Sendezeit aus. Verglichen mit dem Gesamtprogramm von RTL II ist selbst das schon gewagt, denn dieses - so ein Gutachten der Landesmedienanstalten - ist quasi politikfreier Raum: Der entsprechende Anteil am Programm sei bei »kaum mehr darstellbaren« 0,2 Prozent angelangt.

Kombilohn? »Die Grünen sagen 'mehr', die SPD sagt 'njet', und damit ist das erledigt«, sagt Ohls, ein gelernter Politologe. Ohls, 40, ist seit 1996 bei RTL II und hat alle Versuche, Nachrichten zu machen, mitbekommen. Zuerst war er zuständig für Tankerunglücke bei einer Chaossendung, die »Action News« hieß. Nach Protesten versuchte es der Sender mit den seriösen »RTL II Nachrichten«, deren Zuschauerzahl nach drei Jahren so gering war, dass sie nicht mehr genau gemessen werden konnte.

Seit August 1999 gibt es die »RTL II News«, und die laufen, so Ohls, »wie die Hölle«. Tatsächlich scheint der Mix aus Nichtigkeiten, die wohl »News« heißen, weil einem nicht unbedingt das Wort Nachrichten dazu einfällt, bei vielen Jugendlichen zur festen Größe zu werden. In der von der Werbeindustrie umschlichenen Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen liegen die News schon vor der Traditionssendung »Heute«, bei den 14- bis 19-Jährigen sogar vor der »Tagesschau« im Ersten (siehe Grafik).

Im Fernsehhauptquartier der Spaßgesellschaft gilt das Produkt als Vorzeigeformat - mit Nachrichten könne man nur möglichst wenig verlieren, hieß es lange. Dazuzugewinnen schien unmöglich.

»Wir haben unsere Form gefunden«, sagt Ohls. Und die sei nicht ohne Anspruch: Afghanistan sei »kein Problem« gewesen. Auch die australischen Waldbrände seien »gut gelaufen«. Für Ohls sind solche Katastrophen »Umweltthemen«. Und schließlich, sagt Moderatorin Nazan Eckes, eine Art Anchorgirl der Nichtigkeiten, »gibt es keinen Nachrichtengott«.

Acht Redakteure helfen Jürgen Ohls dabei, Journalismus zu simulieren. Andreas Garbe, 28, wollte eigentlich zur »Tagesschau«. Er hat in England Philosophie und Politik studiert und dort eine Magisterarbeit über den Weichspüleffekt in Nachrichtensendungen geschrieben. Jetzt testet er Videospiele. »In wenigen Wochen«, so beginnt sein atemloser Beitrag für die Dienstagssendung, »erscheint endlich Wipeout.« Garbes Stimme klingt, als hätte er es ohne das Playstation-Spiel nicht mehr lange ausgehalten. »Das ist eben unsere Wirtschaftspolitik«, sagt Ohls.

Schräg gegenüber von Garbe sitzt Timm Rüß. Der 30-jährige Geschichtsstudent arbeitet seit vier Jahren bei RTL und RTL II als Bildbeobachter. Aus den vier verschiedenen vor ihm laufenden Nachrichtensendungen sucht er die skurrilsten Bilder aus. Neulich fand Rüß eine Sequenz aus einer japanischen Gameshow, bei der Menschen tagelang nackt in einem Container hausten. »Da sind die hier natürlich Feuer und Flamme«, sagt Rüß, denn schließlich werde »Wert auf Entertainment« gelegt.

Wenn Norbert Schneider solche Nachrichten sieht, sagt er bloß, es sei nicht gut, ihn für dumm zu verkaufen. Der Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten warnt den Sender seit langem davor, seine Zulassung als Vollprogramm und möglicherweise den Platz im Kabelnetz zu verspielen, wenn er sein Programm weiter von Beiträgen über Globalisierung und Arbeitslosigkeit freiräumt.

Bisher hat sich nichts geändert. »RTL II ist zu 90 Prozent Wasser, zu 5 Prozent Zucker, und der Rest sind Füllteile«, sagt Schneider. Es sei wie beim Rudern: RTL II habe die Qualifikation zum Vollprogramm verloren und sei jetzt im Hoffnungslauf, wo es nicht besonders gut aussehe.

Vor einigen Tagen gelobte der Sender Besserung. Neben einem Wochenrückblick am Sonntag sollen nun die »RTL II News« nachts einfach wiederholt werden. Die neue Qualität der Nachrichten war neulich bereits zu beobachten. Statt über Britney Spears' Schokoladenhunger zu berichten, wurde das neue Video der leicht bekleideten Kylie Minogue gezeigt, und ein Nachrichtenredakteur hatte dazu getextet: »So mancher hätte hier gerne mal unter den Vorhang geblasen.« NILS KLAWITTER

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