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WESTERWALD Wie die Kletten

Ein Volksgut soll vernichtet werden. Wegen seiner ungünstigen klimatischen Aussagen möchten Touristik-Werber das Lied »Oh, du schöner Westerwald« durch eine sonnige Melodie ersetzen.
aus DER SPIEGEL 42/1975

Eine Dame aus Thüringen warnte eindringlich davor, »den Text des schönen Liedes zu verballhornen: Das haben wir schon als Kinder in Mitteldeutschland mit heller Kehle geschmettert«.

Ein Jurist aus dem Taunus, der die Melodie »als Landser oft und gern gesungen« hat, spürt noch heute ein angenehmes Kribbeln dabei: »Das Lied ruft eine Gänsehaut hervor.« Die Leute, staunt Verkehrsdirektor Becker aus Montabaur, »kleben am Westerwald-Marsch wie die Kletten«.

Doch alles Gemüt, das deutsche Bürger aus gegebenem Anlaß hervorkehrten, vermochte den Westerwälder Verkehrsvereinschef nicht weichzumachen: Über einen mit 10 000 Mark dotierten Wettbewerb will er bis zum 15.0ktober eine neue Heimat-Hymne für den Landstrich zwischen Bergischem Land und Taunus finden. Schon sind 1350 Vorschläge auf dem Tisch; Besseres als der alte Ohrwurm« urteilt allerdings Wettbewerbs-Organisator

Dieter Rolfes vom Landratsamt Montabaur, »ist noch nicht dabei«.

Eine Chance, das Volksstück, das drei Arbeitsdienstler im Winter 1932/33 komponierten, zu verdrängen, wird der neue Song ohnehin kaum haben. Denn der Evergreen ist laut Radio Luxemburg das drittbekannteste Lied der Welt, weiland propagiert vom größten Chor des Reiches, der Wehrmacht. Ob in Afrika oder den Ardennen, wo immer deutsche Landser marschierten, donnerten sie das Lied vom Westerwald -- Eukalyptusbonbons inbegriffen.

Doch gerade die Kernzeile« wonach über die Höhen des Mittelgebirgszuges ein »Wind, so kalt«, pfeift, soll nun nicht mehr das Wahre sein. Denn diese Wettermeldung, so ergab eine Umfrage auf der Berliner Touristikbörse« verprelle potentielle Urlauber. »Die denken«, sagt Westerwald-Werber Rolfes, »bei uns sähe es aus wie in Sibirien.« Und auch Norbert Heinen, CDU-Landrat im Westerwald (Juli-Durchschnittstemperatur 14 bis 17 Grad), will die Dinge sonniger betrachtet sehen: »Bei uns ist es nicht kälter als anderswo.«

Nun mühen sich die Liedermacher, die rheinland-pfälzische Region wohltemperiert erscheinen zu lassen. Freizeit-Texter Karl Heinz Capitain aus Wiesbaden riß Witzchen über das unschuldige Land: »Westerwald, du steiler Zahn, wer dich kennt, der bricht bald ab.« Die meisten, wie Christa Moritz aus Wien, griffen aber auf bewährte Naturschätze zurück: »Schwalbenpärchen, Blumenduft und Mondenschein.«

Verkehrsdirektor Becker freut sich ernsthaft über »die vielen erstklassigen Sachen, die da gekommen sind«. Des Westerwälders wärmster Wunsch: »Das neue Lied vom Westerwald muß in die Hitparade.«

Doch der Wind weht, wie er will, auch der vom Westerwald. Im neuen »Liederbuch der Bundeswehr«, das der Truppe kulturellen Beistand leisten soll, wird der Renner aus dem Dritten Reich wiederum als »wichtiges Lied« gelobt -- wegen »vorzüglicher Eignung für den Marschgesang«.

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