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DEMONSTRATIONEN Wie die Krebse

Roter Punkt in Hannover: Die Demonstranten sind zerstritten, die Polizei schlägt zu.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Mal sind es zwei-, mal viertausend, die auf festgelegter Route durch die Innenstadt marschieren -- werktags allabendlich. Mal sind es etliche hundert, mal mehr als tausend Polizisten, die ihnen das so schwer wie möglich machen: In Hannover sind erneut die Verkehrstarife angehoben worden. und die niedersächsische Landeshauptstadt hat, seit zwei Wochen, wieder ihren »Roten Punkt«.

Einst war der siegreich, vor sechs Jahren, als schließlich gar keine Straßenbahn mehr fuhr, fast jeder Autofahrer den Roten Punkt an der Scheibe hatte und jeden mitnahm, der nur winkte. Nie zuvor und später auch nicht stand eine Stadt so geschlossen gegen ihre Obrigkeit -- Vorbild aller Bürgerproteste, bis hin zu Wyhl.

Die Chancen, daß sich der Erfolg wiederholt und auf Tariferhöhung abermals verzichtet wird, sind noch nicht abzuschätzen. Dabei haben die inzwischen kommunalisierten »Uestra«-Straßenbahnbetriebe diesmal noch kräftiger zugelangt. Der einst als Fortschritt gefeierte Einheitstarif wird durch Stufentarife ersetzt, Einzelfahrscheine werden von einer auf zwei Mark verdoppelt und eine Rentner-Monatskarte gar um 150 Prozent auf 25 Mark angehoben.

Die Demonstrationen dagegen sind schon vor drei Monaten angemeldet worden, und sehr präzise hat sich die

Mit Megaphon: Kabarettist Kitiner.

Polizei darauf einstellen können. Aber von einer Einheitsfront der Demonstranten kann einstweilen nicht die Rede sein.

Zwar haben sich in der »Aktionsgruppe Roter Punkt« über fünfzig Organisationen zusammengeschlossen -- darunter Gruppen wie die Evangelische Studentengemeinde und Grüppchen wie eine »Antikriegswerkstatt Sievershausen« -- aber wenn sie nicht wenigstens die DKP in ihren Reihen hätten, die fürs Organisatorische sorgt, Lautsprecher stellt und Ordner einsetzt, wären sie wohl aufgeschmissen.

Obwohl die DKP weder im Rot-Punkt-Bündnis noch auf der Straße den Ton angibt, hat das den hannoverschen DGB verschreckt, der zwar auch prinzipiell gegen Fahrpreiserhöhungen ist, aber deshalb nicht gleich mit Kommunisten auf die Straße gehen möchte. So hat sich bislang lediglich die vergleichsweise machtlose Einzelgewerkschaft Handel. Banken und Versicherungen (HBV) mit dem Roten Punkt solidarisiert.

Und anders als im Juni 1969, als die fremdwortgewandten SDS-Studenten an allen Ecken agitierten, haben die Hannoveraner nun nur noch einen, der das richtig kann: den Kabarettisten Dietrich Kittner, der aus der SPD ausgeschlossen wurde, weil er Aufrufe unterschrieb. die auch DKP-Leute unterzeichnet hatten -- für ordentliche Hannoveraner gilt er nun natürlich selbst als Kommunist. Dabei versteht er sich nach wie vor als linker Sozialdemokrat, der in diesem Fall mit Kommunisten am selben Strang zieht und dessen ehemalige Partei den Roten Punkt ignoriert.

Nur selten stoßen einige SPD-Organisationen dazu. Erst veröffentlichten die Jungsozialisten eine Solidaritätsadresse, dann verteilte der linke SPD-Ortsverein Linden-Limmer eigene Flugblätter. Manchmal, privat sozusagen, reihen sich auch -- wie die SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer -- Mandatsträger in den Zug ein, und einmal marschierten auch die beiden Pastoren Klaus Rautenberg und Hartwig Hohnsbein in Pfarrerskleid mit Beffchen und Barett ein paar Stunden mit, immer vornweg.

Alltäglich liefert sich Kittner Megaphon-Duelle mit der Polizeiführung, etwa wenn vom Polizeilautsprecher die Weisung kommt, »den Aufzug fortzusetzen«. Dann schlägt Kittner einen offiziellen Tonfall an und erwidert: »Achtung, Achtung. Hier spricht die Aktionsgruppe Roter Punkt. Eine Durchsage an die Polizei.« Der Zug sei in der Mitte abgerissen, und man könne ja nicht zwei Züge entstehen lassen. dazu fehle die Genehmigung.

Da muß Kittner es sich dann auch gefallen lassen, wenn er von Tränengas getroffen über die Fahrbahn torkelt, auch noch veralbert zu werden: Polizei-Durchsage: »Herr Kittner, hier ist kein Kabarett:

Überhaupt hat sich die Polizeiführung etliche neue Sprüche einfallen lassen. Polizeidirektor Hans Bergmann. Einsatzleiter vor Ort, richtet gern das Wort an die Bevölkerung: »Hannoveraner, schauen Sie sich hannoversche Demonstranten an. Sie gehen wie die Krebse, rückwärts.« Damit meint er Mitglieder des sektiererischen Kommunistischen Jugendverbandes (KJV), die am Schluß des Zuges Achterketten gebildet hatten, die der Polizei ins Auge sahen.

Anders als vor sechs Jahren nimmt es so bald keiner übel, wenn ohne Ankündigung die Wasserwerfer in Aktion treten -- fast stets am Bahnhofsvorplatz, wo eine Polizeikette den Zug erst auf ein Straßendrittel einengt, sich dann plötzlich öffnet und die Demonstranten offenbar nur deshalb auf die Straßenbahngleise läßt, um gegen sie loszuschlagen.

Während einige Polizisten stoßen und draufhauen, verspritzen andere aus der zweiten Reihe Tränengas in die eingekeilte Menge, sorglos, als sei die von Demonstranten und Beamten so genannte »Chemie-Keule« nur eine Wasserpistole.

Der Einsatz des Spritzgeräts vom Typ MK-V (Smith & Wesson). das einem Revolver ohne Lauf ähnelt, ist umstritten. Das Flüssiggas Chloracetophenon, das nur in Notwehr eingesetzt werden soll, wenn ein Schlag nicht ausreicht und ein Schuß nicht angemessen wäre, kann nach Feststellung von Ärzten schwere Augenschäden hervorrufen. Beim ersten Einsatz, vorletztes Wochenende, mußten vierzig Verletzte in Krankenhäusern behandelt werden.

Sie waren selber schuld: Für Polizeipräsident Heinrich Boge war es jedesmal eine »Notwehrsituation«.

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