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VERBRECHEN / KINDERMORDE Wie die Puppe

aus DER SPIEGEL 31/1967

Die Leute im Dorf schätzten das Nachbarskind, das jederzeit gern zu kleineren Dienstleistungen bereit war, wegen seiner »Hilfsbereitschaft«.

Die Mitschüler der siebenten Volksschulklasse achteten den zurückhaltenden Jungen, der meist gute Zensuren schrieb, und sie wählten ihn zu ihrem Klassensprecher.

Der Vater sagt über seinen Sohn, der an seinen Kaninchen und Wellensittichen hängt, er habe »noch nie Blut sehen« können.

Am 30. Juni nahm der hilfsbereite und geachtete Klassensprecher Klaus-Dieter Hackbarth, 14, aus Homburg im Landkreis Wolfenbüttel seine Spielgefährtin Angelika Strube, 6, bei der Hand, um mit ihr in einem Kleingartengelände Erdbeeren zu pflücken. In einer Laube verging sich Klaus-Dieter -- wie er Ende vorletzter Woche gestand -- an dem Kind. Dann tötete er es mit einem Stein und einem Messer -- weil er, so der Täter in seinem Geständnis, Angst hatte, »daß mich Angelika verrät«; weil, so vermutet der Hamburger Psychiater Professor Hans Bürger-Prinz, dem körperlich ungleich schneller als geistig gereiften Jungen »zur Beurteilung seiner Lage keine Abstufungen mehr zur Verfügung« standen.

Klaus-Dieter handelte, wie es scheint, nach dem Gesetz einer Serie:

> Am 8. Juli lockte der Volksschüler Martin Wöhler, 15, im niedersächsischen Burgdorf das Nachbarskind Gerlind Felgenspan, 5, in die Wohnung seiner Eltern. Er erdrosselte das Kind mit einem Handtuch, mißbrauchte es und vergrub die Leiche -- in einen Plastiksack verschnürt -- unter einem Komposthaufen.

> Am 16. Mai erdrosselte der Schüler Gerhard Schulz, 13, aus Wanne-Eickel im Keller seines Elternhauses seine Spielkameradin Edeltraut Buttgereit, 7, nachdem er sich zuvor vor dem Mädchen entkleidet hatte.

> Am 5. Februar erwürgte und erschlug der Lehrling Wolfgang Güldner, 16, in Memmelsburg bei Bamberg seinen Freund Joachim Petschner, 9, und warf ihn anschließend in einen Graben.

> Am 2. Januar würgte und erstach der Schüler Josef Kern, 13, in Regensburg seinen Spielgefährten Arno Staimer, 10; er hätte sich sonst »für feige gehalten«, begründete Josef Kern später seine Tat. Nach vier Morden an kleinen Jungen -- den ersten hatte er im Alter von 15 Jahren begangen -- wurde im Juni 1966 der Fleischergeselle Jürgen Bartsch, 19, aus Langenberg im Rheinland verhaftet. Ein Jahr nachdem er die Schülerin Christa John, 11, mißbraucht und erstochen hatte, wurde jetzt in Berlin der Lehrling Willi Maramsky, 17, zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt. Unter den Händen eines 14 Jahre alten Spielkameraden starb im August 1965 in Loose bei Eckernförde die Schülerin Rosemarie Sienknecht, 9.

In der Bundesrepublik wie auch in anderen westlichen Ländern steigt die Kriminalität der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden seit Jahren stetig -- nach dem übereinstimmenden Befund der Soziologen und Kriminologen vor allem wegen der sogenannten Akzeleration, der beschleunigten körperlichen Reife von Kindern und Jugendlichen*.

Und das scheinbar Unbegreifliche, daß Kinder Kinder notzüchtigen, quälen und töten, ist denn auch für Psychiater und Polizisten durchaus deutbar:

Als »mögliche Ventilfunktion einer kommenden Psychose«, ausgelöst

* Kinder, im strafrechtlichen Sinn, sind Täter, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben; sie sind nicht strafmündig und können deshalb nicht vor Gericht gestellt werden. Als Jugendliche gelten 14 bis 17jährige, als Heranwachsende 18 bis 20jährige.

durch »mangelnde mitmenschliche Beziehung«, wertet Professor Dr. Dr. Paul Matussek, Direktor der Forschungsstelle für Psychopathologie und Psychotherapie in München, die Untat eines Klaus-Dieter Hackbarth.

Kriminologen wie der Mainzer Professor Armand Mergen unterscheiden -- soweit es sich bei den Tätern nicht um hirngeschädigte oder schwachsinnige Kinder handelt -- zwischen »Neugier-Totmachern« und »Früh-Trieb-beherrschten« kindlichen Mördern.

Wie ein Mädchen die Puppe, ein Junge seine elektrische Eisenbahn auseinandernehme, so töte der Neugier-Totmacher. Kriminologe Mergen: »Er möchte sehen, was drin ist. Er möchte der Sache auf den Grund gehen. Der Mord ist als analytisches Spiel zu verstehen.« Dem kindlichen Totmacher aus Neugier ermangelt es sowohl am Unrechtsbewußtsein wie an der Fähigkeit zur nachträglichen Reue: »Der Tod ragt noch nicht in das Leben des Kindes hinein. Es weiß noch nicht, was töten ist.«

»So wie Mozart mit sechs Jahren geigen konnte« (Mergen) ist der Früh-Trieb-beherrschte kindliche Totschläger »eine Art Wunderkind": »Der Trieb überrennt die biologische Entwicklung.«

Zwölf, 13 und 14 Jahre alte Jungen werden zu Kinderschändern und Mördern an Mädchen ebenso wie an Jungen, ohne daß dem Täter homosexuelle Neigungen angelastet werden können: Das Verhalten von Kindern in der Vor- und Frühpubertät ist bisexuell, denn, so Mergen, »das Ich des Kindes hat sich noch nicht dem Du zugewendet«. Der Kriminologe: »Eigentlich wäre die Masturbation das Normale.«

Kriminalstatistiken belegen, daß die kindlichen Opfer kindlicher Totschläger meist aus der Nachbarschaft oder aus dem engeren Freundeskreis des Täters stammen. Und Fachleute wie Mergen halten denn auch solche Delikte für vermeidbar: in Schule und Kindergarten durch Beobachtung -- und möglicherweise therapeutische Behandlung -- aggressiver Kinder und kindlicher Einzelgänger, die als potentielle Täter in Betracht kommen. Der Mainzer Mergen über Kinder, die zu Mördern an Kindern wurden: »Schule und Kindergarten hätten häufig die Katastrophe voraussehen können.«

Anzeichen drohender Katastrophen hat es in der Tat gegeben: Wegen einer sexuellen Entgleisung war der Burgdorfer Schüler Martin Wohler bereits zwei Jahre lang polizeibekannt, bevor er Gerlind Feigenspan tötete. Und Gerhard Schulz aus Wanne-Eickel hatte sich schon mehrmals vor einem Mädchen entblößt, bevor er schließlich die sieben Jahre alte Edeltraut Buttgereit mit ihrem Springseil erdrosselte.

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