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CHINA Wie die Welt aussieht

Im Herzen Pekings, nahe dem Mao-Mausoleum, wurde ein ganz anderer Tempel eröffnet - eine Huldigung an westliche Dekadenz. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Ich kann es einfach nicht glauben«, sagte ein europäischer Botschafter, »es ist wie ein Traum.« Er ereignete sich mitten in Peking, 800 Meter entfernt vom Mausoleum des großen Revolutionärs Mao Tse-tung:

Das Pariser Restaurant »Maxim's«, Inbegriff bourgeoiser Feinschmeckerei, öffnete seine chinesische Dependance, das einzige ausländische Restaurant in China. 300 ausgesuchte Gäste wurden dazu eingeflogen, in Peking ansässige Ausländer eingeladen.

Die Fremden passierten eine Mauer verdutzter chinesischer Zuschauer, die von einem Dutzend Polizisten in Schach gehalten wurden, vorbei an Portiers in roten Uniformen, hinein in eine andere Welt: die Lampen und das Treppenhaus im Jugendstildekor, weibliche Akte an den Wänden (mit Schleiern verhüllt), bunte Glasfenster - alles wie in Paris, nur Plastik statt Holz.

Denn Maxim's in Peking ist, sogar der Größe nach, eine genaue Kopie des Originals in der Pariser Rue Royale.

Zur Premiere erklangen Vivaldis »Die vier Jahreszeiten« und diverse Walzer der Belle Epoque, gespielt von vier Violinen und einem Klavier. Ober im Frack

balancierten Frikassee aus Meeresfrüchten, das in China kaum je erhältliche Rinderfilet, Gratin Dauphinois, Himbeersorbet.

Nach dem Kaffee eröffneten eine Prinzessin de Polignac und, nicht ganz standesgemäß, der Festdekorateur den Tanz. Dann lud Hausherr Pierre Cardin, 61, der Mode-Mandarin aus Paris, seine Gäste ein, mitzusingen: »Frou-frou froufrou frou-frou raschelt Madames Unterrock« - gewiß nicht in China -, »erregt die Phantasie des Mannes« - gewiß nicht parteikonform.

Einige der anwesenden Gourmets, die sich für alte China-Kenner hielten, schlossen Wetten ab, wie lange das Restaurant wohl bestehen werde, ehe eine neue Kampagne gegen die Politik des Luxus-Imports aus dem Westen einsetze: Maxim's Peking mußte auf höchster politischer Ebene gebilligt worden sein. Gesättigt und animiert tippten die Gäste auf den Spitzenfunktionär Teng Hsiao-ping als Gönner, einen Freund guten Essens, heiterer Spiele und europäischer Sitten.

»Er möchte den Parteitölpeln hier zeigen, wie die Welt aussieht«, befand ein jugoslawischer Journalist, »dies ist ein revolutionäres Ereignis.« Ein anderer Peking-Astrologe: »Teng kennt die Welt, er hat immerhin in Paris studiert.« Teng war in den 20er Jahren gar nicht in Paris, sondern in Lyon und nicht als Student, sondern als Fabrikarbeiter.

Den Zuschlag zur Einrichtung eines Restaurants - als Teilhaber eines chinesischen Staatsunternehmens (Zweck: Deviseneinnahmen) - bekam Cardin, nachdem er 1979 schon die erste Modenschau, 1981 die erste Vorführung mit chinesischen Mannequins veranstaltet hatte. Cardin: »Mit Maxim's habe ich einen Traum nach China gebracht.« Seinen Traum, nicht den der Chinesen.

Das Restaurant beschäftigt 130 Personen, darunter 13 Franzosen und 13 chinesische Köche, die fünf Monate lang in Paris ausgebildet wurden. »Unser berühmter Barmann Jean Rene war einverstanden, ihnen seine Geheimnisse anzuvertrauen«, warb Cardin für sich und Frankreichs Genüsse.

Täglich holen drei Lkw frischen Fisch und frisches Fleisch aus dem Hafen von Tientsin. Die Weine dürfen zollfrei aus Frankreich importiert werden.

Die Kellner rechnen mit dem chinesischen Durchschnittsgehalt von 60 Jüan (80 Mark) im Monat, genau wissen sie es noch nicht: Es zahlt die chinesische Partnerfirma. Eine Mahlzeit im Maxim's kostet 50 US-Dollar (130 Mark) pro Person, ohne Wein.

Dafür müßte ein Chinese anderthalb komplette Monatslöhne opfern, doch Chinesen dürfen ohnehin nur als Gäste von Ausländern bei Maxim's essen. Für Einheimische eröffnet Cardin demnächst ein »Minim's Restaurant« im Erdgeschoß, zwei Jüan pro Mahlzeit - immer noch doppelt so teuer wie in einem chinesischen Restaurant.

Cardin versteht sich als Wohltäter: »Ich bin nicht hier, um Geld zu machen, sondern um zu zeigen, daß zu China die Lebensfreude genauso gehört wie zu jedem beliebigen anderen Land.«

Genauso sieht es Frau Chen Mu-hua, 62, die chinesische Ministerin für Außenwirtschaft. Auf die Frage, ob dieses Luxusrestaurant im heutigen China nicht eine Absurdität sei, befand sie: »Essen gehört zur Zivilisation und hat mit Sozialismus oder Kapitalismus nichts zu tun. Das ist nicht die Sache der Partei. Warum also nicht Maxim's in Peking?«

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