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STARS »Wie ein eigenes Baby«

TV-Star Esther Schweins, 29, über Lust und Frust der Comedy-Arbeit und die Schwierigkeit, sich gegen die Fernsehroutine zu behaupten
Von Nikolaus von Festenberg und Wolfgang Höbel
aus DER SPIEGEL 50/1999

SPIEGEL: Frau Schweins, als Sie jüngst für die »Zeit« Hildegard Knef interviewten, fragten Sie, an welchem Tag sich deren Leben verändert habe. Wie würden Sie diese Frage für sich selbst beantworten?

Schweins: Für mein Berufsleben war das der Tag, an dem ich mich 1993 für die RTL-Comedy entschied.

SPIEGEL: Sie wollten den schnellen Fernsehruhm.

Schweins: Schnell? Von wegen. Ich wurde als Letzte engagiert. Die Kollegen, die ein Mitspracherecht hatten, machten einen Aufstand, weil eine andere statt meiner als Comedian vorgesehen war. Ein späterer »Samstag Nacht«-Chefredakteur empörte sich: »Die hat ja noch nicht mal Titten.«

SPIEGEL: Eine Fehleinschätzung.

Schweins: Das mit den Titten?

SPIEGEL: Die Prognose über Ihr Talent. »RTL Samstag Nacht« wurde auch dank Ihnen ein Riesenerfolg. Was waren die Gründe?

Schweins: Wir waren ein echtes Team. Wir waren Idealisten. Damit ich für die sechs Pilotfolgen genauso viel Gage bekam wie meine Kollegen, drohten sie mit Streik. Ich dachte, morgen bist du gefeuert, weil du nicht über dein Gehalt hättest reden dürfen.

SPIEGEL: Um wie viel Geld ging es?

Schweins: Um die Unsumme von 10 000 Mark für drei Monate Arbeit. Für mich war das irrsinnig viel Geld.

SPIEGEL: Und des Geldes wegen blieben Sie dabei?

Schweins: Nein. So wie ich Menschen oder Idealisten mag, die für eine verlorene Sache kämpfen, mochte ich an dem Comedy-Format, dass niemand daran glaubte.

SPIEGEL: Auch RTL nicht?

Schweins: Doch. Marc Conrad, der damalige Programmchef, hatte zwar zunächst nur einen Sendeplatz für uns um ein Uhr morgens. Aber Conrad hat uns beschützt wie eine bedrohte Tierart. Drei Jahre hatten wir eine Irrsinnsstimmung. Das war eine Zeit, in der wir weder kommerziellen noch Quotendruck verspürten. Was uns antrieb, war ein kreativer Ehrgeiz, ein neues Comedy-Format zu entwickeln. So saßen wir jeden Morgen im Pappcontainer, verschlangen Zeitungen und was das Fernsehen bot, um möglichst aktuell zu sein. Immer auf der Suche nach dem »gemeinsamen Witznenner«. Das war wie ein eigenes Baby, jeder hat''s Kindchen geschaukelt.

SPIEGEL: Mit Hugo Egon Balder, dem Produzenten, als Vater?

Schweins: Als Mutter der Kompanie war er den ganzen Tag über an den Proben beteiligt. Wenn ein schiefer Ton im Studio aufkam, zum Beispiel zu Unrecht ein Tonmann angeschissen wurde, stand er im Studio und hielt einen Vortrag über die Umgangsweise mit Menschen und dass niemand unwichtiger sei als der andere. Hut ab.

SPIEGEL: Dann aber, 1998, waren die schönen Tage von Aranjuez vorbei. Warum haben Sie und Ihre Kollegen mit »RTL Samstag Nacht« aufgehört?

Schweins: Wir mussten uns Zwängen unterwerfen. Vorher war kein Politiker, kein Prominenter, selbst Jesus nicht vor uns sicher. Aber dann kam die Schere im Kopf. Wir waren nicht mehr frei im Entwickeln. Das Ganze hat auch einen zyklischen Aspekt: Fünf Jahre sind eine lange Zeit.

SPIEGEL: Sie starteten bereits parallel zu »Samstag Nacht« eine Karriere als Schauspielerin. Jenseits vom Eden der Comedy-Gemeinschaft laufen Sie als Einzelkämpferin durchs Leben. Fällt das schwer?

Schweins: Die Wahl fiel mir nicht schwer. Andernfalls hätte ich vielleicht später ein, zwei schwache Filme drehen, dann aufhören und 20 Jahre in Talkshows mit dem Thema auftreten müssen: »Wie war meine Zeit als Comedy-Star?«

SPIEGEL: Das klingt nach Resignation.

Schweins: Ganz im Gegenteil. Ich habe viel Ehrfurcht vor der Schauspielerei. Ich möchte da meine Ziele erreichen. Das Geheimnis von »Samstag Nacht« war dieses Reingehen und Draufzubolzen. Ich habe gedacht, es würde mit großem Idealismus, mit Begeisterung und dem Willen, sich einzusetzen, auch als Schauspielerin gelingen, etwas Neues zu schaffen.

SPIEGEL: Sie haben ein Jahr lang mit ihrer Beraterin Heike-Melba Fendel für eine ZDF-Reihe namens »Im Fadenkreuz« den Typus einer neuen Heldin entwickelt: die Figur der Firmenchefin einer Bodyguard-Agentur. Was soll daran neu sein?

Schweins: Ich gehöre einer Generation an, die von den Idealen der Friedens- und Lichterkettenbewegung geprägt wurde, gleichzeitig aber Erfolg haben muss. Die klassische Grätsche zwischen

Kommerz und ursprünglichen Idealen. Das ergibt ambivalente, für manche Leute unverständliche Charaktere.

SPIEGEL: Wie sah das konkret aus? Was für eine Rolle haben Sie entwickelt?

Schweins: Wir haben die junge Frau aus der Unterschicht kommen lassen. Sie hat die Erfahrungen einer gesellschaftlichen Außenseiterin, hat mal als Prostituierte gearbeitet und leistet sich als Firmenchefin immer noch wechselnde Geschlechtspartner, weil sie den Richtigen noch nicht gefunden hat und gleichzeitig guten Sex liebt.

SPIEGEL: Das war dem allerchristlichen ZDF suspekt?

Schweins: Nach vielen Gesprächen und Drehbuchfassungen sieht es nun so aus: Das Anschaffengehen von früher wird nicht erwähnt. Die Frau leitet die Firma mit einem Ex-Polizisten zusammen, der sie einmal gerettet hat. Außerdem hat sie einen lieben Freund und keine wechselnden Partner.

SPIEGEL: Nach der reaktionären Sarastro-Maxime aus der »Zauberflöte": Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus seinem Wirkungskreis zu schreiten.

Schweins: Genau, und »da werden Weiber zu Hyänen«. Statt etwas Zeitgemäßes zu entwickeln, will man lieber alten Wein in neue Schläuche füllen. Sie stehen einer Phalanx von Onkeln gegenüber mit sehr festen Strukturen, die können sie auch mit Enthusiasmus nur sehr schwer knacken.

SPIEGEL: Spricht aus Ihnen nicht bloß gekränkte Eitelkeit? Seit wann braucht der Star das Recht, seine Rollen selbst zu schreiben?

Schweins: Nicht gekränkte Eitelkeit, sondern Leidenschaft. Wir alle, die wir am Fernsehen mitwirken, ziehen uns viel zu sehr auf gängige, verständlich durchstrukturierte Figuren zurück und vergessen, dass die Realität ganz anders ist, dass es Menschen gibt, die zwischen Wahn und Widerspruch leben. Wir sind uns nicht der Verantwortung bewusst, die damit einhergeht, dass Programme Realitäten schaffen.

SPIEGEL: Die Stars als die edlen Rebellen des Medienbetriebs - ganz was Neues. Warum haben Sie »Fadenkreuz« dennoch abgedreht?

Schweins: Weil viel Herzblut drinsteckt und auch eine Politik der kleinen Schritte etwas aufbrechen kann. Zudem ist es schwer, vorher zu wissen, ob es in einer Produktion gelingt, das rüberzubringen, was einem am Herzen liegt. Bei »Kinderraub in Rio« ist das gelungen.

SPIEGEL: In dieser Sat-1-Produktion sind Sie Mitte Januar als junge Mutter zu sehen, die ihr Kind aus den Favelas in Rio befreit.

Schweins: Das ist ein Beispiel für die Unplanbarkeit. Ich saß, auf Krawall gebürstet, dem Regisseur Jörg Grünler gegenüber, und der fragte mich bräsig: »Wie gefällt dir das Buch?« Ich antwortete: »Die Frauenrolle ist ausbaubedürftig.« Da sagte er: »Das wollte ich hören. Mit jemand anderem kann ich sowieso nicht zusammenarbeiten, denn ich finde das Buch in dieser Form auch unbefriedigend.« Das Buch wurde umgeschrieben. Es ist ein guter Film entstanden.

SPIEGEL: Stimmt. Haben Sie dennoch Angst vor schlechten Quoten?

Schweins: Ich habe Champagnerflaschen und Blumensträuße für Quoten bekommen. Aber mir ist genauso wichtig, ob und wie das Publikum reagiert, ob es lacht oder ob es weint. Ich weiß nicht, was mir als Schauspielerin eine durchschnittsstatistische, seelenlose Zahl sagen soll.

SPIEGEL: Sie träumen lieber Ihren Traum von der hehren Fernsehkunst.

Schweins: Na, das hört sich aber abgehoben an. Ich will auf jeden Fall Filme machen, die das Publikum wirklich begeistern. Weil sie mutig sind, originell und stark. Nicht weil man sie auf Sehgewohnheiten nebulöser Zielgruppen ausgerichtet hat, die sich sowieso ständig verändern. Es ist doch bezeichnend, dass Filmen wie »Lola rennt«, »Sonnenallee« oder sogar »Titanic« vorher kaum jemand eine Chance geben wollte. Und als die Zuschauer in Scharen ins Kino strömten, gefror den Neinsagern das ewige Grinsen. Das Gleiche gilt auch fürs Fernsehen, denken Sie an den Riesenerfolg von Dominik Grafs »Deine besten Jahre«. Erfolg kann man eben nicht kalkulieren. Qualität erst recht nicht. Die muss man schaffen. Und nicht nur davon träumen.

INTERVIEW: NIKOLAUS VON FESTENBERG, WOLFGANG HÖBEL

* Mit Tanja Schumann in »RTL Samstag Nacht«.* Im Sat-1-Film »Kinderraub in Rio«.

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