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SPANIEN Wie ein Erdbeben

Drei Tage nachdem sie die sozialistischen Wahlsieger gefeiert hatten, jubelten Millionen Spanier dem Papst zu. Der aber las den Sozialisten gleich die Leviten.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Freude brach aus, wo immer sich der weißhaarige, weißgekleidete Herr zeigte. Blumen und Papierschnitzel fielen auf ihn hernieder, bei seiner Ankunft in Madrid am vorletzten Sonntag allein 3000 kleingehackte Telephonbücher aus der Hauptstadt.

Mit fast heidnischer Heißblütigkeit, mit Inbrunst und gekonntem Show-Arrangement feierten die Spanier den ersten Staatsgast, der drei Tage nach dem Wahlsieg der Sozialisten zu Besuch in eines der katholischsten Länder kam.

Doch statt Glückwünsche zu überbringen für den so friedlichen politischen Wechsel nur sieben Jahre nach dem Tod Francos oder gar Höflichkeiten für die spanischen Sozialisten, las der Besucher den Wahlsiegern gleich gehörig die Leviten - erste Hilfe für die anderen Spanier, die an ihrer Niederlage nun so schwer schlucken müssen, für die katholische Tageszeitung »Ya« etwa, die plädierte: »Mehr als andere Nationen braucht Spanien nun die Aufmerksamkeit Roms.«

Daß der Papst nicht schon im Wahlkampf kam, »um die ängstlichen Geister zu ermuntern« (so Nuntius Innocenti) und damit direkt Partei für die Christdemokraten der bedrängten Zentrumspartei ergriff, war nur dem Alarm einiger modern eingestellter spanischer Bischöfe und dem diplomatischen Gespür des Kirchenobersten zu verdanken.

Doch dann, nur drei Tage nachdem fast zehn Millionen Wähler einer Partei zur Macht verholfen hatten, die vielen spanischen Kirchenfürsten immer noch als »teuflisch« gilt, brach der Papst zu der längsten und beschwerlichsten seiner europäischen Pastoralreisen auf.

Nichts schien dem sichtlich gealterten Oberhirten auf dieser zehntägigen Missionarsrundfahrt zuviel zu sein: 8000 Kilometer wird er bis Dienstag zurückgelegt, 16 Städte besucht, rund 18 Millionen Spanier angesprochen und eingefangen haben mit seinem inzwischen weltweit erprobten Schauspielritual. Selbst daß der Papst auch hier wieder den schmutzigen Flughafenasphalt küßte, entzückte das Volk.

Oft ernst, mitunter mit Charme und seinen bekannten weitausholenden Gesten versuchte er, die Massen zu gewinnen - was manchmal nicht schwer war. 3000 Nonnen etwa riefen ihm in Avila den Text eines spanischen Schlagers zu: »Geh nicht mehr fort von mir.« Ein begleitender Bischof jubelte: »Wie ein Erdbeben läßt er Spanien erzittern.«

In dem allgemeinen Massenjubel wagte es dann nur noch ein junger Mann, dem Papst ein zorniges »Antichrist« entgegenzuschleudern - als der Heilige Vater in Madrid vor über 1,5 Millionen Zuhörern vor dem Verfall der Moral warnte. Der fromme Gast hatte sich aber noch mehr vorgenommen.

Das längst bekannte radikale Verdikt des Papstes gegen die Pille, sein unerbittliches Nein zu Ehescheidung und Abtreibung, seine Kritik an der staatlichen Aufsicht über die Schule klangen in Madrid wie eine Kampfansage gegen die siegreichen Sozialisten. Denn die wollen, gerade von denselben Massen gewählt, die den Papst bejubeln, eine andere Moral und Gerechtigkeit verwirklichen.

Ein schwerer Konflikt zwischen der Kirche und der neuen sozialistischen Staatsgewalt zeichnet sich dennoch nicht ab. Denn für Spaniens Katholiken ist es offensichtlich kein Widerspruch, heute eine fortschrittliche sozialistische Partei zu wählen und morgen einem konservativen Papst zuzujubeln - »Jubel für einen Tag«, so der Philosoph Jose Luis Aranguren.

»Leidenschaft und Gefühle der spanischen Katholiken stimmen nicht mit ihrem Intellekt überein«, sagt der Kirchenexperte Enrique Miret Magdalena, »ihr religiöses Bild und ihr Glaube sind mehr emotional als rational.«

Mit Gelassenheit reagieren deshalb die Sozialisten auf die erneute päpstliche Dogmenverkündigung von Madrid. Und selbst der Mehrheit der spanischen Bischöfe ist mehr an einem friedlichen Zusammenleben mit der zukünftigen sozialistischen Regierung als an Kampf gelegen.

Denn ein erneuter Glaubensstreit würde sofort die unheilige historische Allianz S.146 der katholischen Kirche mit Tyrannen und Diktatoren in Erinnerung rufen, durch die viele gläubige Spanier zu radikalen und antiklerikalen Kirchenstürmern wurden.

Im Bürgerkrieg machte die Wut der Republikaner auf die putschenden Militärs und auf die mit ihnen verbündeten Oberschichten auch vor den Kirchentoren nicht halt. 13 Bischöfe sowie über 7000 Priester und Ordensleute wurden getötet, Hunderte von Kirchen brannten bis auf die Grundmauern nieder.

Nach Ende des Bürgerkriegs begann Franco gleich mit der Wiedergutmachung. Noch vor Brücken und Wohnhäusern wurden erst einmal die Gotteshäuser aufgebaut. Denn dem Caudillo von Gottes Gnaden kam die Kirche gerade recht.

Im Gegensatz zu deutschem und italienischem Faschismus fehlte ihm eine staatstragende Ideologie, die heilige Instanz diente als Ersatz: »Für das Reich hin zu Gott«, hieß ein Motto der Franco-Regierung.

Noch 1953 festigten der spanische Staat und der Heilige Vater ihre enge Verbundenheit in einem neuen Konkordat. Der Staatschef übernahm eine Rolle, die eigentlich dem Heiligen Geist vorbehalten ist: die Ernennung der Bischöfe.

Im Gegenzug bedankte sich Franco für die »unermeßliche moralische Mitarbeit«. Er beschützte die Kirche vor lästiger Konkurrenz, befreite sie von der Steuerpflicht, entlohnte die Geistlichen aus der Staatskasse. Spaniens Kirche kontrollierte viele Schulen und Universitäten, zensierte Spielfilme.

Zweifel an dieser Einheit von Kirche und Staat kamen erst zu Zeiten des Zweiten Vatikanischen Konzils über die erstarrte spanische Kirche. Priester an der Basis äußerten Unzufriedenheit mit der Obrigkeit, bildeten einen religiösen Untergrund, der sich sogar mit politischen Gegnern des Regimes einließ.

Im Kloster Montserrat bei Barcelona suchten Oppositionelle Zuflucht vor der Polizei. Eine 1953 eingerichtete Sonderhaftanstalt für den Klerus füllte sich zunehmend mit rebellischen Priestern.

Und das Kirchenvolk lief dem Alleinseligmachenden davon. Millionen verließen die ländlichen Regionen, Hochburgen des Katholizismus, und suchten ihr Glück in den verführerischen Großstädten oder im Arbeit, Waschmaschinen und Fernsehen versprechenden Ausland.

Zwar ist Spanien mit 96,7 Prozent auch heute noch eines der katholischsten Länder der Welt. 82 Prozent der 1981 geborenen Kinder wurden nach katholischem Ritus getauft. Doch inzwischen geht nur noch ein Drittel aller Gläubigen zum Gottesdienst. In den Arbeitersiedlungen von Madrid und Barcelona sind es nicht einmal mehr 20 Prozent.

Und was die Kirchenhierarchie am meisten sorgt: In den eigenen Reihen wächst die Identitäts- und Glaubenskrise. In dem Land, in dem alle Herrscher seit 1496 immer auch den Titel »Katholische Könige« führen durften, das die meisten Missionare in die Welt geschickt und die meisten Klöster als Bollwerke des Glaubens gebaut hat, wird es immer schwerer, Priester-, Mönchs- und Missionarsnachwuchs zu finden.

Das Staatskirchentum wurde inzwischen durch die neue Verfassung von 1978 abgebaut. König Juan Carlos hatte schon 1976 auf das Recht, die Bischöfe zu ernennen, verzichtet. S.147

Im Schulwesen aber behielt die Kirche großen Einfluß: Rund ein Viertel aller spanischen Schulen gehören noch heute der Kirche.

Hier haben sich Spaniens Sozialisten Reformen vorgenommen - obschon sie auf dem Marsch in die Sozialdemokratie auch ihren früheren Antiklerikalismus weitgehend hinter sich gelassen haben.

Schon die Tatsache, daß die Sozialisten die staatlichen Schulen stärker fördern wollen, erscheint der in die Defensive gedrängten Kirche als Gefahr, gegen die sie sich vom Papstbesuch Entlastung versprach. Der Philosoph Jose Luis Aranguren: »Der Papst sucht hier nicht die lebendige Religion von heute, sondern die alte von gestern.«

Nach einer Woche ständiger Fernsehübertragungen der Mammutreise des nimmermüden Predigers schienen die Spanier des Besuchsrummels doch ein bißchen müde zu werden - mochten auch die Nonnen im Kloster von Avila beglückt verkünden: »Wenn schon der Papst so wunderbar ist, wie muß dann erst Jesus Christus sein.«

Etliche Spanier ließen sich durch solche Gefühle der Glückseligkeit nicht ablenken von ihrer Politik der Gewalttätigkeit. Am Donnerstag früh, während Johannes Paul II. im Kloster von Guadalupe in der Provinz Caceres eine Messe las, wurde General Victor Lago Roman, Chef der in der Nähe von Madrid stationierten Panzerdivision Brunete, von zwei Motorradfahrern erschossen.

Der Papst, für dessen Schutz 18 000 Mann Sicherheitskräfte aufgeboten wurden ("Operacion Pax"), unterbrach seinen Gottesdienst, um für den General zu beten - aber auch für alle Opfer des Terrorismus.

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