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SRI LANKA Wie ein Korken

Unter Druck Indiens willigte Sri Lankas Präsident Dschajawardene in die Stationierung einer indischen Friedensstreitmacht ein - und riskiert damit seinen Sturz. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Den Einfluß übernatürlicher Kräfte machte Junius Richard Dschajawardene, 81, für die Hast verantwortlich, mit der er seinen Frieden schloß. Das Abkommen soll der Tropeninsel Sri Lanka nach vier Jahren Bürgerkrieg mit über 6000 Toten gleichsam über Nacht das Ende eines schweren ethnischen Konflikts bringen. Der günstige »Einfluß der Sterne und Planeten«, so Colombos greiser Staatschef, habe ihn zu einem Schritt getrieben, den er schon längst hätte riskieren sollen. Doch früher habe es ihm dazu wohl an Klugheit gefehlt.

Der Partner in diesem eiligen Deal, Indiens Premier Rajiv Gandhi, 42, zollte dem »elder statesman« Respekt für dessen »Mut und Staatskunst«. Sie unterwirft Sri Lanka freilich einer Pax indica, erzwingt die Unterordnung unter die außenpolitischen Interessen des Giganten auf dem Subkontinent.

Denn nur wenige Stunden nach Unterzeichnung eines bilateralen Abkommens landeten im Norden des früheren Ceylon, den Siedlungsgebieten der Tamilen, als erster Schub einer indischen Friedensstreitmacht 3000 Soldaten. Weitere 5000 Mann stehen in Südindien für einen Einsatz bereit.

Die Militärpräsenz der Inder soll sicherstellen, daß der Bruderkrieg zwischen der buddhistisch-singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und den 18 Prozent hinduistischen Tamilen auf Ceylon endlich aufhört, die Guerrilleros ihre Waffen abliefern.

Doch viele Buddhisten befürchten, daß dieses Eingreifen, ähnlich der türkischen Intervention auf Zypern, die Souveränität Sri Lankas aushöhlt und schließlich zur faktischen Teilung der Insel führen wird.

»Indien will ganz Sri Lanka unterjochen«, wütete Madihe Pannansihija, einer der buddhistischen Hauptpriester, »erst nehmen sie den Norden und Osten, dann sickern sie in das Zentrum ein, und am Ende schnappen sie sich das ganze Land.«

Selten wurde die feierliche Zeremonie der Unterzeichnung eines Friedensabkommens von derartigen Haßausbrüchen, von Gewalt und Aufruhr im Land begleitet. Trotz Ausgangssperre liefen in Colombo Tausende Amok, angeführt von Mönchen unter schwarzen Fahnen.

Die Demonstranten setzten 30 Busse und zahllose Privatautos in Brand, errichteten Barrikaden, schleuderten Molotowcocktails in Behördengebäude und Zeitungsredaktionen. In den Straßenschlachten mit Militär und Polizei starben wenigstens 40 Personen, darunter zwei Mönche.

Den Zorn über Indiens Hegemoniecoup nach Art einer Supermacht bekam Rajiv Gandhi handgreiflich auch selbst zu spüren. Als der Premier zum Abschluß seiner Visite in Colombo eine Ehrengarde abschritt, griff ihn ein singhalesischer Marinesoldat mit dem Gewehrkolben an.

Geistesgegenwärtig duckte der Nehru-Enkel sich weg. So wurde er nicht am Schädel, sondern nur hart an der linken Schulter und am Nacken getroffen.

»Es zeigt, in welchem Spannungszustand sich dieses Land befindet, wenn ein Mann, der mit einem Friedensangebot kommt, so behandelt wird«, erregte sich Indiens Botschafter Mani Dixit nach diesem Zwischenfall.

Delhi bereitete dem heimkehrenden Premier einen Jubelempfang wie für einen Schlachten-Sieger - nach Monaten innenpolitischer Fehlschläge und peinlicher Korruptionsvorwürfe für den verunsicherten Regierungschef ein selten gewordener Augenblick persönlichen Triumphs.

Insofern hat Rajiv offenbar den charismatischen Aktionsinstinkt seiner Mutter Indira geerbt. Die wußte sich in Krisensituationen mit außenpolitischen Abenteuern Luft und nationalistischen Zuspruch zu verschaffen - vor allem in Fehden mit Pakistan und bei der Geburtshilfe für Bangladesch.

Daß der ehemalige Berufspilot Rajiv eine ähnliche Befriedungsaktion auf der Insel vor Indiens Südspitze im Sinn hatte »wie nach einer südasiatischen Breschnew-Doktrin« ("Indian Express"), war spätestens seit Anfang Juni offenkundig.

Da hatten indische Transportflugzeuge in klarer Mißachtung der Souveränität Sri Lankas Hilfsgüter für die separatistischen Tamilen auf der Halbinsel Dschaffna im Norden abgeworfen, waren Colombos Regierungseinheiten von

Delhi des »ethnischen Genozids« bezichtigt worden, weil sie gegen die Rebellen kriegsmäßig vorgingen.

Indiens Luft-Operation war eine unmißverständliche Warnung an die singhalesischen Ultras, von denen die tamilische Minderheit auf Sri Lanka stets diskriminiert worden war. Doch auch jetzt noch verlangten Scharfmacher in der Regierung Colombos wie Premierminister Ranasinghe Premadasa, den separatistischen »Krebs mitten in uns endgültig auszumerzen«, wurden Befürworter einer politischen Lösung des Volksgruppenstreits von den Extremisten »zu unserem ärgsten Feind« gestempelt.

Dschajawardene spürte, daß Indien es ernst meinte. Als Emissäre aus Colombo überdies Rückversicherungsbitten in Peking und dem pakistanischen Islamabad vorbrachten, aber abblitzten, schwenkte der Staatschef des durch den Bürgerkrieg wirtschaftlich ruinierten früheren Touristenparadieses auf konzilianteren Kurs um.

Er akzeptierte Delhis »Beistands«-Offerte, obwohl die nach dem Angebot einer Protektoratsmacht schmeckt. So verpflichtet sich Colombo in den 15 Klauseln des Abkommens mit Delhi zum Beispiel, keinerlei fremde Militärstützpunkte zuzulassen, »die indischem Interesse« widersprechen - Monroe-Doktrin a la Gandhi.

Statt Befriedung scheint dieser Friedensvertrag eher neuen Aufruhr zu schaffen. Zwar zeitigten Delhis Pressionen auf die rivalisierenden Gruppen der tamilischen Untergrundkämpfer, die Waffen niederzulegen, erste Erfolge; der Widerstand der Singhalesen aber gegen den »nationalen Ausverkauf« drohte sich in einer Kette gefährlicher Eruptionen zu entladen.

Kaum Chancen auf die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit zur Ratifizierung in Sri Lankas Parlament hat bei dieser aufgewühlten Stimmung der Plan, die Nord- und Ostprovinzen der Insel zu einer Verwaltungseinheit mit weitgehender Tamilen-Autonomie zusammenzuschließen.

Damit aber steht und fällt der ganze Befriedungsversuch, zumal die Hardliner unter den Tamilen in dieser Initiative einen »Dolchstoß« Indiens sehen, der ihnen den erstrebten unabhängigen Staat, »Tamil Eelam«, die Heimat der Tamilen, verwehrt.

Demonstrativ blieben Premierminister Premadasa und Sicherheitsboß Athulathmudali der Vertragsunterzeichnung in Colombo fern. Unbeirrt von diesem Boykott kündigte der isolierte Präsident an, er werde an seinem Pakt mit Rajiv Gandhi »unter allen Umständen« festhalten - ein Pakt, den ein hoher Minister gar mit der Einladung des Kabuler KP-Regimes an die Sowjettruppen zum Einmarsch in Afghanistan verglich.

Die Machtkämpfe in Colombo sind noch nicht ausgestanden, jede Entwicklung war am vergangenen Wochenende denkbar. Daß der alte Mann bei seinem bislang wagemutigsten Einsatz selbst zum Opfer werden könnte, scheint ihn offenbar wenig zu beunruhigen.

Vertrauten gegenüber bekundete Junius Dschajawardene seinen Glauben in die Prognosen seines Horoskops: »Ich kann nicht ermordet werden, denn wie ein Korken im Wasser tauche ich immer wieder auf. »

[Grafiktext]

INDIEN SRI LANKA Tamilische Siedlungsgebiete Dschaffna Colombo Kandy Trinkomali

[GrafiktextEnde]

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