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Asyl Wie ein Märchen

Eine afrikanische Fürstin versteckt sich vor deutschen Behörden - und vor ihrem Stamm.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Pünktlich zum Auftakt der »Woche des ausländischen Mitbürgers« warf Helmut Frenz, 61, Flüchtlingsbeauftragter der Nordelbischen Kirche, »einen letzten Rettungsanker, um schweres Unrecht zu vermeiden": Er brachte eine Petition bei der Hamburger Bürgerschaft ein.

Retten will der ehemalige Generalsekretär von Amnesty International die Afrikanerin Mary Mugabe*, 34. Sie war 1987 eingereist, hatte Asyl begehrt und ihren Antrag völlig anders begründet als fast alle Asylbewerber, die regelmäßig auf Verfolgung von Staats wegen verweisen: Sie sei Oberhaupt eines Stammes und auf der Flucht vor ihrem Volk.

Den seltsamen Fluchtgrund mochte ihr niemand abnehmen. Das Nürnberger Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge lehnte Mugabes Antrag wegen mangelnder Glaubwürdigkeit ab: Bei zwei Befragungen über chronologische Details, genaue Daten wie den Flucht- und Einreisetag sowie das Todesjahr von Marys Großmutter, habe Mugabe unterschiedliche Angaben gemacht und diese Widersprüche nicht »umfassend aufklären« können, hieß es im Ablehnungsbescheid; _(* Name von der Redaktion geändert. ) das Verwaltungsgericht Mainz schloß sich dieser Einschätzung an und verwarf die Klage der Abgelehnten, im August wies das Bundesverfassungsgericht Mugabes Beschwerde gegen diese Entscheidung als unbegründet zurück. Seither hält sich die Frau versteckt - vor Stammesangehörigen aus der alten und Behörden aus der neuen Heimat.

Mugabes Fall ist einmalig in der deutschen Asylgeschichte. Zwar verweist Norbert Smekal von der Hamburger Ausländerbehörde darauf, daß die Verfahren »nach rechtsstaatlichen Maßstäben korrekt« abgewickelt worden seien. Davon, daß dennoch »mangelnde Kenntnis fremder Kulturen und fehlende Sorgfalt bei der Einzelfallprüfung« Fehlentscheidungen bewirken können, ist hingegen Frenz überzeugt - zumal wenn es um Menschen aus Westafrika geht, deren Asylbegehren fast immer abgewiesen werden.

Tatsächlich klingt Mugabes Geschichte, wie auch Frenz einräumt, »wie ein Märchen aus 1001 Nacht": Mugabes Großmutter war »Queen-mother« des Ashanti-Stammes. So heißt die sakrale Fürstin und Oberpriesterin im Kreise der Häuptlinge bei westafrikanischen Völkern.

Die Priesterinnen-Würde dieser Monarchie wird vererbt und zusätzlich per Wahl bestätigt. Die Ältesten der Ashanti übergingen nach dem Tode der Queen-mother deren Tochter, Mugabes Mutter, die weder lesen noch schreiben kann - und kürten die ahnungslose Enkelin. Sie sollte, neben weltlicher Lokalpolitik, etwa der Organisation kollektiver Frauenarbeit, auch kultische Handlungen wie Opfergaben an Götter erledigen.

Mugabe jedoch wurde von ihren Eltern als Christin erzogen und ist überzeugte Adventistin. Die Aufgaben einer Stammesfürstin lehnte sie als heidnischen Götzendienst ab. Zwei Jahre lang verweigerte sie sich dem geistlichen Oberamt, dann verloren die Ältesten die Geduld. Denn ohne Queen-mother konnten Opferriten zur Besänftigung der Götter nicht stattfinden. Solcher Frevel mußte sich, so der Glaube, zwangsläufig eines Tages in Unheil und Katastrophen entladen.

Um die junge Frau auf die Inthronisierung vorzubereiten, sperrte der Ältestenrat der Ashanti Mugabe in ein Haus und unterwies sie gegen ihren Willen in Voodoo-Riten. Nach einigen Wochen flüchtete sie und schwebt, so fürchtet ihre Anwältin Sigrid Töpfer, in Lebensgefahr: Eine neue Fürstin könne erst berufen werden, wenn die alte gestorben sei.

Als Kronzeugen präsentieren Töpfer und Frenz den Ethnologen Wulf Lohse, der Mugabes Heimat aus eigener Anschauung kennt. Afrikanist Lohse, Oberkustos am Hamburgischen Museum für Völkerkunde, befragte die Westafrikanerin in drei mehrstündigen Sitzungen - Ergebnis: »Aufgrund ihres Detailwissens und gerade auch nach meinen Fangfragen« halte er ihre Schilderungen für »ganz besonders glaubwürdig«.

Lohse hatte bereits dem Mainzer Verwaltungsgericht schriftlich fünf Fragen zum Fall der Fürstin beantwortet - und hält die Richter mittlerweile für Ignoranten. Schon ihre Fragen hätten »falsche Tatsachen impliziert«, und er habe sie, ohne volle Akteneinsicht und präzise Kenntnis des Falls, nur »allgemein« beantworten können.

Mehr Interesse als bei Behörden weckte die Not der jungen Afrikanerin, über deren Schicksal demnächst der Petitionsausschuß der Hamburger Bürgerschaft entscheidet, bei einem Autor des Rowohlt-Verlags: Nach ersten Berichten der Lokalpresse habe sich der Mann bei ihr gemeldet, sagt Anwältin Töpfer, um weitere Einzelheiten der Geschichte in Erfahrung zu bringen - für einen Krimi. Y

Die Götter sollten besänftigt werden

* Name von der Redaktion geändert.

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