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WIE EIN MÖNCH IN SEINER ZELLE

Der amerikanische Schriftsteller Robert Payne beschreibt in einer demnächst in deutsch erscheinenden Stalin-Biographie das Arbeitszimmer des Diktators, das auch im Leben Swetlana Allilujewas eine wichtige Rolle spielte: in diesem Zimmer empfing Ministerpräsident Kossygin sie und wies Swetlanas Antrag ab, den Inder Singh heiraten zu dürfen, mit dem sie von 1963 bis zu seinem Tod 1966 zusammenlebte. Dem Bericht Paynes ist der folgende Auszug entnommen*:
aus DER SPIEGEL 38/1967

Für Besucher, die ihm im Kreml auf Armeslänge nahe kamen, war es manchmal ein Schock, wie wenig das offizielle Bildnis dem wirklichen Menschen glich. Was sie erblickten, war ein kleiner Mann, nicht größer als einen Meter sechzig, mit grober, von Blatternnarben zerrissener Haut, steifem, borstigem Haar über einer auffallend niedrigen Stirn, braunen, gelbgefleckten Augen und dicken Lippen, die, wenn sie sich teilten, häßliche, kurze, schwarze und goldene Zähne sehen ließen.

Seine Augen blickten schlau und aufmerksam, manchmal schienen sie gelbe Funken zu sprühen. Er sprach wenig und zog es vor, zuzuhören oder halb hinzuhören, während er mit einem blauen oder roten Stift endlose Schnörkel kritzelte.

Seine physische Erscheinung hatte nichts Imposantes und nichts Einnehmendes an sich, sie strahlte keinen Magnetismus, nicht das geringste Fluidum seiner vermeintlichen Auserwähltheit aus. Der Mensch, der dahinter steckte, war wachsam und intelligent. Er besaß ein überaus feines Gefühl für die kleinsten Nuancen im Gespräch und wog jedes Wort, das er hörte, mit ungewöhnlicher Präzision.

Während er in seine Kritzeleien vertieft schien, waren alle seine Sinne hellwach. Nur selten sah er den Menschen in die Augen und konnte darum wenig aus den flüchtigen Veränderungen des Blicks erfahren, die oft verraten, was der Mensch wirklich denkt. Er verließ sich auf seine Ohren, die abnormal empfindlich waren für jeden Wechsel des Tonfalls, jedes Stocken oder Schnellerwerden der Rede, das anzeigt, daß der Sprecher etwas verfälscht oder verschweigt.

Wie ein tüchtiger Polizeiinspektor hatte er sich darauf trainiert zu erkennen, ob die Menschen die Wahrheit sprachen oder logen oder Wahrheit und Lüge vermischten. Für Stalin waren die Menschen hauptsächlich körperlose Stimmen.

Jeden wachen Augenblick beobachtete er sich mit erbarmungsloser Selbstkritik. Er war ein Mensch, der, um mit Paul Valéry zu sprechen, »die Marionette getötet« hatte. Die üblichen gesellschaftlichen Konventionen und Gesichtspunkte existierten für ihn nicht.

Sein Charakter war autoritär und asketisch zugleich; es war, als verlebte er seine Tage damit, still und bedachtsam, mit gemessenem Schritt, von einer Mönchszelle zur anderen zu gehen. Alles Überflüssige war ausgemerzt, beseitigt, abgetan.

Sein Büro im Kreml war über fünfzehn Meter lang und sieben Meter breit. Zwei große Photographien von Lenin und Marx hingen in einfachen Holzrahmen so hoch, daß man sie nicht erreichen konnte, an der Wand. Auf seinem Schreibtisch gab es eine weitere, viel kleinere Photographie von Lenin, eine Batterie von fünf Telephonapparaten und einen Ständer für seine roten und blauen Crayons.

Im Gegensatz zu Lenin, auf dessen Schreibtisch sich Schere, Klebstoff, Löschwiege und Siegellack ständig in einem wüsten Durcheinander von Büchern, Briefen, Dokumenten und Zeitungen verloren, hielt Stalin seinen Schreibtisch ordentlich und leer. Wenn er etwas brauchte, ließ er einfach einen Sekretär kommen und sich das Gewünschte bringen.

· Stalins Büro diente gleichzeitig als Konferenzzimmer; die Sitzungen wurden an einem langen Tisch abgehalten, der gerade unter den Bildern von Lenin und Marx an der Wand stand.

An dem Tisch, der mit Wasserkaraffen, einfachen Trinkgläsern und Aschenbechern ausgestattet war, konnten bequem zehn Leute sitzen. Die Wände waren dunkelgrün, der Teppich von- der gleichen Farbe. Es gab keine Blumen, keine Topf pflanzen, nichts, was die Aufmerksamkeit ablenken konnte.

Seine Privatwohnung im Kreml (vor 1932) war gleichfalls jeder Zierde bar. Es war ein zweistöckiges Häuschen, das einst den Dienern des Zaren als Wohnung gedient hatte. Das Erdgeschoß war von der Wachmannschaft besetzt; im ersten und zweiten Stock befanden sich drei kleine Schlafzimmer und ein Eßzimmer.

Das kleine Haus war nichts anderes als eine Wohnmaschine, Stalin empfand keine Zuneigung dafür. Er hatte keinen Sinn für Besitz, er besaß weder ein Bankkonto noch ein Einkommen. Er benötigte auch keines, denn er brauchte nur den Telephonhörer abzunehmen, und alles, was er verlangte, wurde ihm unverzüglich gebracht. Ihm gehörte ganz Rußland.

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* Robert Payne: »Stalin«. Hans E. Günther Verlag, Stuttgart; 720 Seiten; 48 Mark.

Robert Payne

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