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NATO Wie eine Artischocke

Der von der Nato angestrebte Dialog mit dem Kreml über den Truppenabbau hat sich verzögert, vornehmlich weil Moskau erst mit Washington sprechen will.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Hohe Beamte der Nato-Zentrale in Brüssel sahen wenig Grund zur Sorge. »Der Kundschafter erfreut sich in Turin seines Ruhestandes«, beschrieb Bonns Botschafter bei der Allianz, Franz Krapf, den Tagesablauf des ehemaligen Nato-Generalsekretärs Manlio Brosio.

Dabei dürfte Brosio, 74, nach seinem Ausscheiden als Generalsekretär Anfang Oktober zum Sonderbotschafter für Moskauer Sondierungsgespräche über einen ausgewogenen Truppenabbau bestimmt, gegenwärtig wenig Zeit für ein Pensionärsleben haben. Brosios Amtsnachfolger Luns: »Wir hoffen, daß Brosio den Ministern Anfang Dezember erste Auskünfte über die Vorstellungen der anderen Seite geben kann.«

Doch knapp drei Wochen vor der Herbstsitzung des Nato-Ministerrats in Brüssel sah es nicht so aus, als wollte die Kreml-Führung mit Brosio schnell über den komplizierten beiderseitigen Truppenabbau (Nato-Slang: Mutual Balanced Force Reductions -- MBFR) sprechen. Die belgische Regierung, die sich im Nato-Auftrag in Moskau um Gesprächspartner und -termine für den Allianz-Kundschafter bemüht, blieb bisher ohne Bescheid.

Im Frühjahr schien auch die Sowjet-Union an dem von der Nato bereits im Sommer 1968 in Reykjavik formulierten Angebot an den Warschauer Pakt interessiert zu sein, einen Abrüstungsdialog zu beginnen. Parteichef Breschnew bekräftigte im Mai mit seinem »Appell von Tiflis« Moskaus Entspannungsbereitschaft.

Doch bisher blieb das Signal des Kreml-Parteichefs noch verschlüsselt. Bei der Nato vermutet man. Moskau selbst habe für das »schwierige Unterfangen« (so ein Nato-Beamter) der beiderseitigen Truppenverminderung noch keine genauen Vorstellungen entwickelt. Bonns Botschafter Krapf: »Das Thema Sicherheit ist wie eine Artischocke. Wenn man sie aufblättert. kommen immer neue Schichten zum Vorschein.«

Als mögliche Gründe für das Zögern Moskaus erwägen Nato-Strategen:

>Die Sowjet-Union ist an MBFR-Verhandlungen nicht interessiert. solange die von Moskau gewünschte europäische Sicherheitskonferenz nicht stattgefunden hat.

* Die Sowjet-Union will den Anschein von Block-zu-Block-Verhandlungen vermeiden, weil sie sich von bilateralen Truppengesprächen mit den USA mehr verspricht.

Tatsächlich haben sowjetische Diplomaten Mitte vergangener Woche in Genf wissen lassen, Moskau wolle den »Rahmen« der geplanten MBFR-Verhandlungen mit Washington absprechen. Anschließend könnte sich die Sowjet-Union -- »der Form halber« -- bereit zeigen, Brosio von dem sowjetisch-amerikanischen Dialog zu unterrichten. Ein sowjetischer Diplomat: »Wir nehmen das Mandat des ehemaligen Nato-Generalsekretärs nicht ernst.«

Diese Marschroute für die künftigen Abrüstungsgespräche will sich der Kreml von seinen Paktpartnern auf einer für Ende dieses Monats in Warschau anberaumten Außenminister-Konferenz bestätigen lassen. Wenige Tage später werden in Brüssel die Nato-Minister aus den Berichten von der Warschauer Konferenz die künftigen Moskauer Abrüstungspläne erraten müssen.

Doch die Bündnis-Minister sind noch zuversichtlich. Auf ihrer Herbst-Tagung wollen sie das Angebot an Moskau erneuern und sich auf eine neue Sonder-Konferenz im Januar oder Februar einigen. Beruhigte Botschafter Krapf: »MBFR ist auf einen Zeitraum zwischen fünf und zehn Jahren angelegt. Eine Verzögerung von ein paar Monaten spielt dabei überhaupt keine Rolle.«

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