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Rußland »Wie eine Kugelbombe«

aus DER SPIEGEL 42/1993

Der Melonenhändler aus dem georgischen Gori hockt in einem rotbraunen Brei aus Schlamm und Melonenmatsch durchnäßt vor seinem Lkw. Böse blickt der Mann aus dem Kaukasus aufs nahe Ortsschild: »Herzlich willkommen in Moskau«.

Muras Palaschwili, 45, ist nicht willkommen in Rußlands Hauptstadt. In einer Fünf-Tage-Fahrt hat er sechs Tonnen Früchte herangeschafft. Doch der Schwarzbärtige muß draußen bleiben, im Vorortdreck »wie vor einer mittelalterlichen Festung« - Ausnahmezustand.

Der Mann aus dem Geburtsort Josef Stalins, mit der Unnachgiebigkeit autoritärer Herrscher vertraut, hat wie Dutzende seiner Kollegen die Hälfte seiner Ladung kurzerhand an den Straßenrand gekippt. Den Rest verhökert er nun zum Dumpingpreis an Vorübergehende, für 200 Rubel das Kilo. Muras nimmt die Papirossa aus dem Mund und zählt mit zitternden Fingern nach: »Das macht anderthalb Millionen Rubel Verlust.«

Palaschwili gehört zu den Verlierern der Moskauer Schlacht um die Macht in Rußland.

Sergej Sirota, 22, aus Kaliningrad (dem früheren Königsberg) eingeflogener Spezialpolizist, steht auf der Seite der Gewinner: »80 Prozent der Verbrecher im Weißen Haus«, haben ihn seine Vorgesetzten vergattert, »waren Kaukasier, deswegen lassen wir die nicht rein.«

Mit blauer Uniform, schwarzem Barett und schußbereiter Kalaschnikow steht Sirota nur 500 Meter von Palaschwilis Lastwagen entfernt auf Posten. Damit ihn auch Ausländer als Autorität wahrnehmen, prangt an seinem Ärmel ein Aufnäher »Special Force«.

Präsident Boris Jelzin hat die bürgerlichen Rechte in Moskau außer Kraft gesetzt. Die Stadt, verfügte er, sei »endgültig von Terroristen zu befreien«. 5000 Elitepolizisten sollen für »Ruhe und Ordnung« sorgen.

Tagsüber durchkämmen Einsatztrupps die Hotels und Märkte nach Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Es setzt Prügel. Die Festgenommenen müssen sich auf den Boden legen, dann stundenlang mit hinter dem Kopf verschränkten Armen an einer Wand stehen, bis sie aus der Stadt geschickt werden. Ab null Uhr herrscht Ausgangssperre für jedermann.

Im Fernsehen hatte Oberbürgermeister Jurij Luschkow, die blaue Jeansjacke militärisch straffgezogen, seinen Truppen geraten, »nicht allzu pingelig« zu sein bei der »Tschistka«, der Säuberung. Ein böses Wort. Die schreckliche Vokabel aus den Jahren Stalinscher Gewalt kommt dem kahlköpfigen Radikaldemokraten leicht über die Lippen. Ihm verschafft der Ausnahmezustand die Gelegenheit, nicht nur mit Altkommunisten und Neonazis abzurechnen, sondern gleich auch mit Rauschgiftdealern, Autodieben, Stadtstreichern und überhaupt allem Fremdländischen in seiner Neun-Millionen-Stadt.

Als ein stahlgrauer Ford nicht sogleich an der Postenkette zum Stehen kommt, hilft eine MPi-Garbe nach - noch in die Luft. Die beiden Insassen, durchs feine Tuch als Geschäftsleute erkennbar, werden nach Waffen abgesucht - Hände aufs Autodach, Beine gespreizt. Die Ausbeute ist dünn: eine knotige Lederpeitsche im Kofferraum und eine Gas-Spraydose.

»Eure Visagen merken wir uns«, drohen die Sistierten, entgegen einer neuen Überlebensregel der Zeitung Kommersant für die Moskauer Nächte: »Diskutieren Sie nicht, geben Sie knappe Antworten, und werfen Sie sich bei Schüssen sofort hin.«

Um zehn Uhr abends stationiert Polizeioberst Wiktor Milejew Nachtverstärkung an »strategischen Objekten": dem Heizkraftwerk, der Telefonstation, den Regierungsdatschen auf den Sperlingsbergen und vor der Kognak-Fabrik an der Rjabinowa-Straße: »Ein Lkw voller Schnaps in der Stadt«, begründet er die Präventivmaßnahme, »das wirkt bei uns wie eine Kugelbombe.«

Die feuchtkalten Zellen des Polizeireviers Torapewo sind zu Beginn der Sperrstunde leergefegt. Zur Tagesbeute »aufgegriffener Gesetzesverletzer«, die zum Kursker Bahnhof eskortiert werden, gehören ein paar Dutzend Armenier, Aserbaidschaner und Tschetschenen.

Die ungeliebten Südländler aus den einstigen Bruderrepubliken, im Polizeijargon und Volksmund »Schwarze« genannt, lebten illegal in der Stadt. Sie hätten sich den Moskowitern gegenüber »nicht fein« verhalten, rechtfertigt Milejew die vom Gesetz nicht gedeckte Ausweisung von 5000 Kaukasiern.

Doch die Revierhaftzellen füllen sich rasch wieder in der Nacht. Ein Trupp Sonderpolizei (Omon) aus dem sibirischen Omsk, mit Thermosflaschen und schußsicheren Westen, rückt in Richtung Metro-Station aus. Die zurückbleibende Ortspolizei ist in jahrelanger Erfolglosigkeit beim Kampf gegen Moskaus Unterwelt gedemütigt, durch miese Entlohnung um fähige Mitarbeiter gebracht, in der Öffentlichkeit aber als korrupt verschrien. Ihr bietet der Ausnahmezustand die Chance, »neuen Mut zu fassen«, ermuntert sie ihr Kommandeur Michail Melnik.

»Wir brauchen jetzt heiße Herzen und kühle Köpfe«, zitiert er in seinem Büro einen Spitzbart auf dem Foto an der Wand: Lenins obersten Geheimpolizisten Felix Dserschinski. Statt militanter Jelzin-Gegner ("Die sind inzwischen an den Fingern abzuzählen") haben Melniks Männer gerade am Hotel »Saljut« einen Autodieb mit MPi-Nachhilfe zur Strecke gebracht und schwer verletzt.

»16 Prozent weniger Verbrechen«, meldet Stadtkommandant Alexander Kulikow, und den »ersten Tag seit 1917 ohne Autodiebstahl«.

Den Bürger freut's. 68 Prozent, ergab eine Moskauer Blitzumfrage, hätten nichts gegen eine Verlängerung der Ausgangssperre. Von den Märkten sind die unbeliebten »Schwarzen« samt ihrer teuren Ware verschwunden.

Die Russin Olga Bereskina, 54, hat wieder die Reise aus ihrem Dorf auf den Moskauer Danilow-Markt gewagt. Sie bietet »endlich ohne Angst vor Mafia und Kaukasiern« ihre Hühnchen feil. Unsicher äugt die Bäuerin jedoch auf die vakanten Stände: »Irgendwann kommen die ja wohl zurück.« Bürgermeister Luschkow plant, das Betreten seiner Stadt nach Ende des Ausnahmezustands nur noch mit Visum zu gestatten.

Auf dem Kiewer Bahnhof halten 5 Transportpolizisten mit einer MPi um drei Uhr nachts 2000 Reisende in Schach. Bis fünf Uhr sind die Bahnhofstüren verschlossen. In abgestellten Vorortzügen nächtigen Obdachlose und Kleinkriminelle. »Ein gefährliches Gemisch«, sorgt sich ein Sergeant, »aber alle Kollegen sind draußen zum Absperren menschenleerer Straßen eingesetzt.«

In der Polizeiwache am Mitschurin-Prospekt herrscht dagegen pure Ausgelassenheit. Die Zellen sind mit zu spät gekommenen Säufern, liegengebliebenen Autofahrern und verliebten Pärchen in Abendgarderobe gefüllt. Es riecht nach Fusel, Urin und Waffenöl.

»Jelzin, Victory«, skandiert die trunkselige Notgemeinschaft, wenn Oberleutnant Kondratjew um die Ecke blickt. Der sehnt sich wie seine Gäste nach dem fünften Glockenschlag.

25 000 Moskowiter lernten so in zwei Wochen die Polizeistationen ihrer Stadt kennen. »Pure Einschüchterung«, lacht Kondratjew: Die Anhänger des Putschisten Chasbulatow - der selbst im KGB-Gefängnis Lefortowo einsitzt - seien längst in den Untergrund abgetaucht.

Aber: »Nach der Wahl im Dezember geht alles wieder von vorn los.« Y

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