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Briefe

Wie eine Ratte
aus DER SPIEGEL 33/1981

Wie eine Ratte

(Nr. 27/1981, Medizin; Nr. 23/1981, Hochschulen)

Endlich ein Arzt, der den Mut hat auszusprechen, was keinem verborgen ist.

Geblendet ist der Blick der Schulmedizin durch die rasante Entwicklung der exakten Naturwissenschaften, nur das Meß- und Zählbare gilt. Der kranke Mensch aber will nicht vermessen werden, sondern erfaßt und behandelt sein. Gesundheit ist nicht denkbar ohne Leibeserziehung, Selbstbewußtsein und Eigenverantwortung. Nur Selbstbeteiligung des mündigen Patienten an den Kosten kann den Automatismus der Kostenexplosion als Steuerung aufhalten, und doch muß jeder im sozialen Netz vor unverschuldeter Not gesichert bleiben.

Die eingeborene Lebenskraft der Natur vermag Schäden auszugleichen, der Arzt schützt ihr Wirken, der Mediziner weiß nichts mehr davon, seitdem die Naturheilkunde aus dem Unterrichtsplan der Universitäten verbannt ist, und doch gilt auch heute noch der alte Satz: Medicus curat, natura sanat (der Arzt sorgt, die Natur heilt).

Aber was kann man erwarten, wenn anstatt Bewährung im Krankendienst über die Zulassung zum Studium ein Losentscheid bestimmen soll und wenn statt Können und Erfahrung am Abschluß der Ausbildung die Beantwortung von multiple choiced questions steht.

Ebenhausen (Bayern) PROF. DR. MED. HANS v. BRAUNBEHRENS

Die falsche Richtung wird schon vorprogrammiert durch die Mediziner-Auslese nach Abiturnoten; sie setzt sich fort in der falschen Lernmotivation durch das MC-System, das jedes S.10 kreative, syntheitische und intuitive Denken erschlägt zugunsten eines sturen Faktenbüffelns, und sie gipfelt in einem Prüfungssystem, das den Studenten wie eine Ratte im Verhaltensversuch in ein vorfabriziertes Denkraster zwängt.

Obendrein wird durch die bundesweit vorgeschriebenen, angeblich richtigen Antworten ein medizinisches Meinungsmonopol erzeugt, das den verfassungsmäßig gebotenen Meinungspluralismus beseitigt. Und wo bleibt die Beurteilung so entscheidender Eigenschaften wie etwa der Fähigkeit und Motivation zu praktischer Hilfeleistung oder des manuellen Geschicks?

Es ist höchste Zeit, die ärztliche Vorprüfung durch eine der MC-Prüfung mindestens gleichwertige hochschuleigene praktisch-mündliche Prüfung zu ergänzen, wenn man schon das MC-System nicht ganz abschaffen will.

Marburg (Hessen) PROF. DR. MED. HERBERT HENSEL Direktor des Instituts für Physiologie der Universität

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