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»Wie es ausgeht, weiß niemand«

aus DER SPIEGEL 15/1991

Die Stadt am Nord-Ural, 1700 Kilometer von Moskau entfernt, ist auf Kohle gegründet. Im Straßenatlas der Sowjetunion ist die Agglomeration von 200 000 Menschen nicht verzeichnet, es führt auch keine Straße dorthin. Weicht die Polarkälte von 30 bis 40 Grad für einen kurzen Sommer, kommen die Stechmücken. Taut der Boden auf, dann sacken im Morast Gebäude ohne tiefe Fundamente ab wie unlängst das Stadttheater.

Allerorts ragen Latten mit eingebrannten Nummern aus der Erde, mitunter auch Kreuze. Dort sind über dem ständig gefrorenen Boden jene verscharrt, welche die Siedlung nahe dem nördlichen Eismeer errichtet haben - deutsche Kriegsgefangene, politische Häftlinge. Der Name dieser Vorhölle ist Workuta.

Hier traten die Zwangsarbeiter gleich nach Stalins Tod 1953 in den Streik. Sie wurden zusammengeschossen. Später entdeckten die Ökonomen des Staatskapitalismus, daß sich Sklavenarbeiter weniger rentieren als gut bezahlte Kumpel, die nicht fürs Überleben malochen, sondern für einen hohen Lebensstandard. Die Häftlinge wurden freigelassen. In die 13 Arbeitslager für jeweils einen Schacht kamen Arbeiter, die dreifacher Durchschnittslohn lockte.

Nun streiken auch sie. Die Inflation frißt die Lohnzuschläge, die Geldscheine ("Holzrubel") sind nichts mehr wert. Und die Lebensverhältnisse in Workuta drohen sich wieder der Gulag-Zeit zu nähern.

Nach ersten Warnstreiks im Sommer 1989 und Ende vorigen Jahres verlangten im März die Männer in den Gruben doppelten Lohn und Sicherheit unter Tage, was die Regierung zunächst verweigerte. So fordern sie jetzt den Rücktritt der Regierung und gleich auch noch die Auflösung des Unionsparlaments: »Wozu brauchen wir so ein Parlament, das seine ganze Macht an einen Präsidenten abgetreten hat?« fragt Wladimir Filenko, 34.

Gorbatschow habe »ein reaktionäres Kabinett aus lauter Parteifunktionären eingesetzt. Von einer solchen Führung ist nichts zu erwarten«, urteilt Filenko, der die erste unabhängige Gewerkschaft in der ehemaligen Strafkolonie führt. Der politische Streik hat auch Südsibirien, Nordkasachstan und das Donbass in der Ukraine erfaßt.

Löhne? »Seit bei uns ein Sauna-Besuch 105 Rubel und eine Flasche Wodka 30 bis 40 Rubel kostet, seit ein Auto auf dem schwarzen Markt seine 70 000 Rubel ausmacht, sind wir hier im Norden schlechter dran als unsere Kollegen anderswo«, schimpft ein Mitglied des Streikkomitees in Workuta, wo es ein emsiger Bergarbeiter auf 1000 Rubel im Monat bringen kann (Durchschnittslohn in der UdSSR: 340 Rubel). Schließlich, so der Kumpel, »einen Kleingarten kann man hinter dem Polarkreis nicht halten. Man fragt sich, warum man hier seine Zeit vergeudet«.

Um ihren sechsstündigen Arbeitstag abzuleisten, verbringen die Bergleute oft die doppelte Zeit in 400 bis 800 Meter Tiefe. Denn gegen alle Sicherheitsvorschriften müssen sie den An- und Abmarsch auf kilometerlangen, mit Holzbrettern ausgelegten Wegen bei acht Grad Celsius und starkem Wind zu Fuß bewältigen. Das ist gefährlich: Von oben und von unten sickert Grundwasser, mischt sich mit Kohlestaub zu einer Rutschbahn.

Staub- und Methankonzentrationen übersteigen die zulässigen Werte, die ohnehin zu hoch angesetzt sind, oft um das Hundertfache. Im Jahresdurchschnitt beträgt der Arbeitsausfall je Werktätigen 150 Tage.

Nach Feierabend erwarten den erschöpften Kumpel eine kaum zu heizende Wohnung (häufig noch in einer vor 50 Jahren gebauten Lagerbaracke) sowie leere Regale in den Geschäften der kaum beleuchteten, vom Kohlestaub überpuderten Stadt.

Rentner Michail Kwassow, 60, lebt in einer einst von Häftlingen errichteten Hütte, deren »Betriebszeit« damals auf zehn Jahre bemessen wurde. In der Wohnungswarteliste seines Bergwerks ist er unter Nummer 306 registriert. Jedes Jahr sind etwa zehn Wohnungen zu vergeben.

»Für meine 30 Jahre unter Tage stand mir nicht viel mehr als eine Medaille für vorbildliche Leistungen zu. Ansonsten hieß es immer ,warten, warten'«, grient Kwassow. »Doch wenn schon mein Betrieb nichts für mich übrig hat, wo soll ich sonst hin?«

Vor zwei Jahren erst kam Schanna Stepanistschenko, 22, mit ihrem Mann nach Workuta. Die Hoffnung auf das große Geld erwies sich bei den horrenden Preisen als Illusion. Das junge Ehepaar hatte nicht mit den Eltern eine Wohnung in Belorußland teilen mögen, nun harrt es in einer baufälligen Baracke aus.

Ärzten und Lehrern im streikenden Workuta wird seit Wochen ihr Gehalt verweigert, um gegen die Arbeiterklasse Stimmung zu machen. »Die Frauen von Bergleuten kaufen sich wie verrückt Pelzmäntel, unabhängig davon, was sie kosten und ob sie schon einen besitzen«, ärgert sich denn auch eine Lehrerin, die mit ihrem 300-Rubel-Gehalt - doppelt soviel wie in Moskau - nie im Leben an einen Streik gedacht hat.

Eine junge Musiklehrerin hält dagegen: »Mein Vater hat sich mit 40 im Bergwerk alle denkbaren Krankheiten geholt. Ich verstehe völlig, warum er heute streikt. Und daß man die Holzrubel loswerden will, heißt doch nicht, daß man reich ist, sondern daß es sonst nichts zu kaufen gibt.«

Zur Disziplinierung der Streikenden blockieren die Behörden die Versorgung. Auf Karten stehen jedermann 1600 Gramm Fleisch im Monat zu (Häftlingen in Straflagern: vier Kilo). Selbst diese »eiserne Ration« ist kaum zu bekommen. Aber in den Bergwerken werden Konsumgüter verteilt - an Arbeitende. Die Aussicht auf einen schwedischen Pkw oder einen japanischen Videorecorder hat bislang die Bergleute in 3 der 13 Schächte von der Arbeitsniederlegung abgehalten.

Gleichwohl glaubt Walerij Jutkin, lokaler Ideologie-Sekretär der KPdSU, daß diese Stadt »stärker politisiert ist als andere Regionen«. Über die Hälfte der Mitglieder ist aus seiner Staatspartei ausgetreten.

Im vorigen August kam Rußlands Hoffnungsträger Boris Jelzin vorbei. »Er versprach unseren Bergleuten das Blaue vom Himmel, unter anderem 50 ungarische Ikarus-Busse, die als Umweltverpester bekannt sind«, berichtet Jutkin. Doch für eine Stadt, deren Sauerstoffpegel um 28 Prozent unter der Norm liegt, »wäre das schlichter Mord gewesen. Zum Glück hat Jelzin auch dieses Versprechen bisher nicht gehalten.«

Falls sie sich von der Unterstellung unter das Unionsministerium lösen, so hat Jelzins russische Landesregierung den Workuta-Bergarbeitern versprochen, werde aus ihren Gruben ein Konzern mit dem Hüttenwerk Tscherepowez und dem Rohmetall-Produzenten Kostamukscha gegründet. Ob solch ein Montanriese Marktvorteile bietet, versuchen die Kumpel erst noch auszurechnen.

»Wir wissen, warum die Unionsregierung am niedrigen Kohlepreis festhält«, argumentierte Grigorij Kudrow, 48, vom Schacht Juschnaja auf einer - verbotenen - Sympathiekundgebung für Jelzin am vorletzten Sonnabend: »Mit unserer Kohle wird Metall für Panzer und Kanonen geschmolzen, und wenn sie teurer wird, wächst nur der Rüstungsetat. Er verschlingt jetzt schon fast die Hälfte des Staatshaushalts. Das ist der Grund, warum die Zentrale nie Geld für uns hat. Am Rüstungsetat sollten sie sparen, nicht an uns.«

In der tausendköpfigen Menge der Zuhörer fiel ein Funktionär des örtlichen Sowjet durch seine neue, teure Pelzmütze auf. »Wie es ausgeht, weiß heute niemand«, sagte der Mann. »Für alle Fälle sind bei uns schon einmal drei Waggons Stacheldraht angekommen.« o

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