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BÜCHER Wie Flucht

Der KZ-Roman »Höllenfahrt«, von einem anonymen Autor geschrieben und im Ausland ein Millionenerfolg, erschien nun auch in Deutschland. Wer war »Kazetnik 135 633«?
aus DER SPIEGEL 3/1981

Pünktlich traf der Gerlingener Verleger Heinz Bleicher zum Antrittsbesuch bei seinem erfolgreichsten Autor ein. Doch die Wohnung im ersten Stock des Appartementhauses in der Pinelesstraße 7 zu Tel Aviv war leer. Nachbarn klärten den Deutschen auf: Der Herr sei abgereist, Art und Umfang seines Gepäcks ließen auf eine Fahrt nach Übersee schließen. Dem Büchermacher kam es vor »wie eine Flucht«.

Zu dem im letzten Moment geplatzten Treffen, am 20. Juli im vergangenen Jahr, wollte zum erstenmal seit 35 Jahren ein Schriftsteller aus seiner selbstgewählten Isolation treten, dessen Bücher in den USA, England, Frankreich und weiteren Ländern rund 15 Millionen mal verkauft wurden, der Dutzende von Autoren beeinflußt hat, und der nur unter einer Zahl bekannt ist: 135 633.

»Kazetnik 135 633« schrieb in den fünfziger und sechziger Jahren die Roman-Trilogie »Höllenfahrt«, »Feuerofen« und »Salamander«, die das Schicksal dreier polnisch-jüdischer Geschwister in Getto und Konzentrationslager schildert, überlebt hat nur eines der Geschwister. Eine Ausgabe auf deutsch, der Sprache der Schinder, hat sich der Autor jahrelang verbeten. In Israel erschien eine deutschsprachige limitierte Auflage des ersten Teils der Trilogie -- mit dem Vermerk auf der Umschlaginnenseite »Reserviert ausschließlich für den Verkauf in Israel«.

Erst nach der Diskussion um die Fernsehserie »Holocaust« (SPIEGEL 5/1979) mochte »Kazetnik 135 633« seine Zustimmung zu einer Ausgabe für Deutschland erteilen. Im Dezember erschien eine Neu-Übersetzung des ursprünglich jiddisch geschriebenen ersten Trilogie-Teils im Gerlingener Bleicher-Verlag.

( Kazetnik 135 633: »Höllenfahrt«. ) ( Bleicher Verlag, Gerlingen; 348 Seiten; ) ( 29,80 Mark. )

Was in Israel »Freuden-Abteilung« hieß, auf englisch, französisch und italienisch reißerisch-kolportagehaft »Puppenhaus«, wird auf deutsch »Höllenfahrt« genannt. Der unterschiedliche Charakter der Titel deutet an, was seither die Hauptsorge des Verlegers Hans Bleicher ist.

Denn Bleicher, 57, in der Nazi-Zeit politischer Häftling, Vorsitzender der Stuttgarter Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der in seinem Verlag neben einer Esperanto-Ausgabe von Heinrich Bölls »Katharina Blum« ein halbes Dutzend israelischer Autoren im Programm hat, fürchtet dieses: »Unsere deutschen Leser werden den Unterschied zwischen Roman und Tatsachenbericht nicht machen.«

Tatsächlich enthält »Höllenfahrt«, der Roman des polnisch-jüdischen Schulmädchen Daniela, historische Unstimmigkeiten. SS-Wachmannschaften im besetzten Polen etwa trugen nicht, wie in »Höllenfahrt« beschrieben, schwarze Uniformen, sondern feldgraue. Den Begriff »Dienstkommando« gab es für Schreibstubenbesatzungen nicht, und Nazi-Statthalter Hans Frank war in Polen nicht »Gauleiter« -- der Rang stammt aus der Parteihierarchie --, sondern »Generalgouverneur« des besetzten Polen, gleichsam dessen Regierungschef also.

Die Aufschrift am Lagertor »Kraft durch Freude« erscheint undenkbar, weil sie die Losung der NS-Arbeitsfront ironisiert hätte, und eine »Oberkalfaktorin« in modischen Reithosen und mit geflochtener Peitsche erinnert an Figuren wie aus dem Comic strip.

Dergleichen historische Ungenauigkeiten finden sich auch in Büchern anderer Autoren, die die Greuel der Konzentrationslager literarisch zu fassen versuchen. Bei »Höllenfahrt« jedoch zielt die ganze Konzeption der Geschichte auf eine Einrichtung, die es, so Adalbert Rückerl, Leiter der Ludwigsburger »Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen«, nicht gab: Das Mädchen Daniela wird, unmittelbar nach Kriegsausbruch, von seiner Familie getrennt, zuerst ins Warschauer Getto und dann ins Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Dort muß sie im Lagerbordell Soldaten zu Diensten sein. S.167

Weder Rückerl, in dessen Ludwigsburger Dienststelle nahezu 30 000 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen NS-Verbrechen in mehr als 300 000 Protokollen erfaßt sind, noch seine Kollegen wissen von einem Lager-Bordell, in dem jüdische Mädchen deutschen Soldaten zugeführt wurden. Rückerl: »Eine solche Einrichtung hätte den damaligen Vorstellungen von der Reinheit des ''arischen'' Bluts widersprochen.« In einigen Nachkriegsverfahren ging es zum Beispiel darum, daß SS- oder Gestapo-Angehörige jüdische Geliebte ermordeten, als das Verhältnis bekanntzuwerden drohte, was Bestrafung wegen »Rassenschande« nach sich gezogen hätte.

Zwar gab es Bordelle, die für Häftlinge bestimmt waren. Bei den Frauen, die sich freiwillig zu dieser Tätigkeit meldeten, durfte es sich nicht um Jüdinnen handeln. Die Schilderung des »Puppenhauses« selbst ist Produkt literarischer Phantasie.

Tatsächlich sind die Erzählungen von Danielas Schicksal im »Puppenhaus« weniger eindringlich als etwa die vom Warschauer Getto oder der, so der Lager-Jargon, »Muselmänner« -physisch und psychisch zerstörte Menschen zwischen Hungertod und Gaskammer: Unlebende, Todgeweihte.

Auch für »Höllenfahrt« trifft zu, was das »Times Literary Supplement« für einen anderen »Kazetnik«-Roman konstatierte: »Der Gesamteindruck wird von gelegentlicher Sentimentalität und Plattheit geschädigt.« Es ist, als habe »Kazetnik 135 633« unbedingt »Kunst« herstellen wollen und sei dabei, wenn auch nur gelegentlich, ins Künstliche abgerutscht.

Daß ein Auschwitz-Kunstwerk, das zu schreiben es laut »New York Times« eigentlich »eines Dostojewski oder Kafka« bedarf, literarische Schwächen hat und daß sich an den wenigen falschen Details die Verfechter der These von der »Auschwitzlüge« ereifern werden, ist indes nicht das eigentliche Problem. Das stellt sich vielmehr, ähnlich wie bei »Holocaust«, so: Genügt nicht Kolportage in Verbindung mit historischen Ungenauigkeiten -- wenn auch in kleinsten Dosierungen --, damit das Grauen um so leichter als Phantasie-Erzählung abgetan werden kann?

Bei »Höllenfahrt« gab es, ohne Mitwirken des Autors, Kolportage zuhauf. In der israelischen deutschsprachigen Ausgabe etwa ziert ein Photo einer »Feld-Hure« die Titelseite, mit dem eintätowierten Wort auf der Brust. Begriff und Zeichen gab es in Auschwitz nie, doch weder Italiens Verlag Arnoldo Mondadori noch Englands Frederick Muller ließen sich abhalten, beides unkommentiert zu verwenden.

Ohne Quellenangabe wird in der israelischen Ausgabe eine Aufnahme von nackten Frauen gezeigt, die der polnische ehemalige Geheimdienst-Mitarbeiter Shmulewski in Auschwitz machte. Das Photo entstand unweit der Gaskammer, mit einem Lagerbordell hat das Dokument nichts zu tun.

Verleger Bleicher jedenfalls wollte, in Tel Aviv und mit seinem Autor, einige wenige Berichtigungen durchsetzen, um den gröbsten Argumenten der ewig Unbelehrbaren zu entgehen. Doch »Kazetnik 135 633« war, so wissen seine Freunde inzwischen, seelisch nicht fähig, dieses Gespräch zu führen.

Verleger Bleicher riskierte, auf eigene Faust, geringe Änderungen. Das Wort »Feld-Hure« erscheint in seiner Ausgabe nicht, und nicht mehr ausdrücklich »deutsche« Soldaten sind die Bordellbesucher im Vernichtungslager.

Einmal in seinem Leben trat der Autor von »Höllenfahrt« vor ein »ublikum. Protokoll-Auszug aus dem Eichmann-Prozeß 1961: F. Sie » » sind der Schriftsteller, der Bücher »Salamander«, »Das » Puppenhaus« und s. w. geschrieben haben?

A. Jawohl

» F. Aus welchem Grunde erreichten Sie das Pseudonym » »Kazetnik«.

» A. Das ist kein schriftstellerisches Pseudonym -- ich » » betrachte mich als Schriftsteller der Literatur, der » » Belletristik schreibt -- was ich schreibe, ist eine Chronik » » aus dem »Planeten Auschwitz«. Ich war dort zwei Jahre lang -- » » die Zeit dort ist ganz anders, als hier auf der Erde. Die » » Zeit bewegt sich auf ganz anderen Zeiträdern dort. Und die » » Einwohner jenes Planeten hatten keinen Namen. Sie hatten » » weder Eltern noch Kinder -- sie waren nicht gekleidet, wie » » man sich hier kleidet -sie waren weder geboren -- noch gaben » » sie Leben, weder atmeten sie nach den Naturgesetzen, die bei » » uns bekannt sind. Sie lebten nicht nach den Begriffen unserer » » Welt und starben auch nicht nach diesen Begriffen. Der Name » » war die KZ-Zahl ... »

Seine Fragen konnte der Generalstaatsanwalt dem Zeugen Jechiel Dinoor nicht mehr stellen. Kazetnik 135 633 brach zusammen und mußte vernehmungsunfähig aus dem Gerichtssaal geleitet werden.

S.167

F. Sie sind der Schriftsteller, der Bücher »Salamander«, »Das

Puppenhaus« und s. w. geschrieben haben?

A. Jawohl

F. Aus welchem Grunde erreichten Sie das Pseudonym »Kazetnik«.

A. Das ist kein schriftstellerisches Pseudonym -- ich betrachte mich

als Schriftsteller der Literatur, der Belletristik schreibt -- was

ich schreibe, ist eine Chronik aus dem »Planeten Auschwitz«. Ich war

dort zwei Jahre lang -- die Zeit dort ist ganz anders, als hier auf

der Erde. Die Zeit bewegt sich auf ganz anderen Zeiträdern dort. Und

die Einwohner jenes Planeten hatten keinen Namen. Sie hatten weder

Eltern noch Kinder -- sie waren nicht gekleidet, wie man sich hier

kleidet -sie waren weder geboren -- noch gaben sie Leben, weder

atmeten sie nach den Naturgesetzen, die bei uns bekannt sind. Sie

lebten nicht nach den Begriffen unserer Welt und starben auch nicht

nach diesen Begriffen. Der Name war die KZ-Zahl ...

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S.166Kazetnik 135 633: »Höllenfahrt«. Bleicher Verlag, Gerlingen; 348Seiten; 29,80 Mark.*

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