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Wie Gscheidle sich für Arendt opferte

aus DER SPIEGEL 45/1976

Eine bislang unbekannte Lesart für die Absicht des Verkehrs- und Postministers Kurt Gscheidle sich von einem seiner beiden Arbeitsbereiche zu trennen, lieferte dieser Tage das »Darmstädter Echo« in einem Bericht seines Bonner Korrespondenten Werner Neumann. Auszüge:

Man erinnert sich der Aufregung ... als die SPIEGEL-Redaktion aus einem noch unveröffentlichten Gespräch mit Bundeskanzler Schmidt einen Satz vorab bekanntgab: »Zwei Mitglieder des Kabinetts sind nach der Wahl mit dem Wunsch einer sie betreffenden Veränderung an mich herangetreten.« Eines davon, Gesundheitsministerin Katharina Focke (SPD), gab sich daraufhin sofort öffentlich zu erkennen ... Bei dem zweiten tippten die Journalisten auf Arbeitsminister Walter Arendt (SPD) ... Aber Arendts Pressestelle bestritt jede Rücktrittsabsicht.

Tatsächlich war Arendt aber doch der zweite, den Schmidt mit seiner Äußerung gegenüber dem SPIEGEL gemeint hatte. Nur war es dem Kanzler inzwischen gelungen, dem Arbeitsminister die Rücktrittsabsicht wieder auszureden ...

Da der Kanzler aber nun einmal von »zwei Mitgliedern des Kabinetts« gesprochen hatte, brauchte man jetzt, neben Frau Focke, auch ein zweites. Und so kam man im Bundeskanzleramt auf Kurt Gscheidle, den Doppelminister für Verkehr und Post. Kanzlermitarbeiter erinnerten sich, daß Gscheidle früher einmal eine Trennung der beiden Ministerien angeregt hatte. Das war doch eine »Veränderung«, von der Bundeskanzler Schmidt gesprochen hatte. Nur nach der Bundestagswahl hatte Gscheidle mit keiner Silbe daran gedacht, einen entsprechenden Wunsch dem Kanzler offiziell mitzuteilen, weil er ohnehin gewisse Befürchtungen hatte, Schmidt könnte ihn ganz aus dem Kabinett nehmen. Im Kanzleramt beschloß man an jenem

Freitagnachmittag, Gscheidle als jenen zweiten aufzubauen. Er selbst hatte davon zunächst keine Ahnung.

So gab auch seine Pressestelle auf Anfragen -- wahrheitsgemäß -- immer wieder die Antwort: »Uns ist von Änderungswünschen des Ministers nichts bekannt.« Kanzleramtsmitarbeiter suchten inzwischen fieberhaft den zunächst nicht auffindbaren Gscheidle,

der gerade in der Bonner Innenstadt Einkäufe machte. Dem Chef des Kanzleramtes. Schiller, gelang es schließlich, den Minister über Autotelephon zu erwischen. Er bat ihn, sich als das »zweite Kabinettsmitglied«, das für seine Person eine Veränderung wünsche, zur Verfügung zu stellen, um Arendts Reputation zu retten. Gscheidle willigte ein ...

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