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Geschichtsunterricht »Wie halten Sie das aus?«

aus DER SPIEGEL 14/1995

Todesrampe, Mitternacht vom 1. zum 2. Februar 1943.« Die Stimme klingt nüchtern, ein wenig brüchig vielleicht, aber gefaßt.

»Ein SS-Offizier steht vor uns. Obersturmführer. Vermutlich Arzt. Einzeln treten wir vor. Seine Stimme ist ruhig. Fast zu ruhig. Fragt nach Alter, Beruf, ob gesund. Läßt sich Hände vorzeigen. Einige Antworten höre ich. Schlosser - links. Verwalter - rechts.«

Er stützt die Arme aufs Pult, blickt auf die Zehntkläßlerinnen, die sich auf Stühlen, Tischen, auf dem Fußboden drängen. Schräges Licht fällt durch hohe Fenster, auf Bücherregale, weiß getünchte Mauern, Gewölbedecken - die Schulbibliothek des Augsburger Stetten-Instituts sieht eher nach Kloster aus als nach der Gießerei, die sie früher einmal war.

Ein friedlicher Ort. Ein alter Mann erzählt seine Geschichte. Wissen die Mädchen, wovon er da spricht? Haben sie das Wort »Selektion« schon gehabt?

»Dann ist mein Vater an der Reihe. Hilfsarbeiter. Er geht den Weg des Verwalters. Er ist 55. Dürfte der Grund sein. Dann komme ich. 23 Jahre, gesund, Straßenbauarbeiter. Die Schwielen an den Händen. Wie gut sind die Schwielen. Links.« _(* In der Münchner Adalbert Stifter ) _(Realschule. )

Max Mannheimer, 75, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben, weil er dachte, daß er bald sterben würde. Das war 1964, kurz nach dem Tod seiner zweiten Frau, als er glaubte, er hätte Krebs. Seine Tochter war damals 17, und sie sollte später lesen, was in der Zeit geschehen war, über die er nie geredet hatte.

Doch seine Krankheit war heilbar, und so hat sein Text eine andere Funktion bekommen: Seit neun Jahren berichtet er in Schulen aus den schrecklichsten Stationen seiner Biographie - Theresienstadt, Auschwitz, Warschau, Dachau.

Wie kann man darüber reden, Jahr für Jahr? Immer wieder vor anderen das eigene Grauen ausbreiten, anschaulich, so daß sie es verstehen?

Er liest: Der erste Tag in Auschwitz. Appellplatz, im Morgengrauen. Blick nach links, und er sieht: »Elektrisch geladener Stacheldraht. Nur berühren - aus. Tut nicht weh. Mein kleiner Bruder fragt: Willst du mich allein lassen?«

Vom verwöhnten Max erzählt er, aus ehemals bürgerlichem Haus, und wie der plötzlich nach verdreckten Kartoffelschalen giert. Von der Verrohung, von der Todesangst. Und vom Tod: wie die Lebenden den Toten die Kleider vom Leib rissen, in der Hoffnung, ein bißchen mehr Kälte zu überstehen.

Auschwitz - ist das beschreibbar? Geschichts- oder Religionslehrer laden Zeitzeugen in ihre Klassen, in der Hoffnung, daß die auch jene Schüler beeindrucken, die das Erinnern satt haben oder gar den Rechten glauben, daß alles Lüge gewesen sei. Der Massenmord ist Unterrichtsstoff, es herrscht Anwesenheitspflicht - nützt das was?

Keine Ahnung. Sie wisse es nicht, sagt beispielsweise die Zeitzeugin Trude Simonsohn, 73, aus Frankfurt, die häufig in Schulen spricht. Egal: Schon der Versuch sei »eine Pflicht, den Toten gegenüber«, sagt sie.

Von einer »Verpflichtung, mehr zu leisten als andere Menschen«, spricht auch Jizchak Schwersenz, 79. Er hat lange in Israel gelebt und ist erst vor wenigen Jahren nach Deutschland zurückgekehrt, um über seine Jugend als Jude im faschistischen Deutschland zu reden.

Für ihn, wie für viele Überlebende, sind die Gespräche mit Schülern eine Art Rechtfertigung dafür, daß er in Deutschland lebt. Als er 1979 zum erstenmal wieder in seine Heimatstadt Berlin reisen wollte, hatte ihn eine Freundin in Israel beschimpft: »Deine Eltern sind tot, von Deutschen umgebracht. Was würden sie sagen, wenn sie wüßten, du sitzt in einem Cafe am Kurfürstendamm?«

Es gibt diesen verzweifelten Kampf der Überlebenden mit der Erinnerung - und den Versuch, so hat es der norwegische Psychiater Leo Eitinger ausgedrückt, »dem Leid einen humanen, tieferen Sinn zu geben«. Der Sinn wäre: Aufklärung. Die Hoffnung, in Zukunft solches Leid zu verhindern.

Aber wie soll es möglich sein, zu vermitteln, was die Vorstellungskraft sprengt? Daten, Gedenksteine, Bilder, Mahnmale und immer wieder Zahlen, Zahlen, Zahlen: Wie fühlt man mit sechs Millionen Ermordeten?

Max Mannheimer bittet um Fragen; eine Weile redet keiner, das ist normal. Dann: Die Familie? Was aus der geworden ist? »Meine Eltern und meine Frau wurden sofort ins Gas geschickt. Meine Schwester Käthe lebte noch fünf Wochen. Mein Bruder Ernst auch fünf Wochen. Mein ältester Bruder wurde schon früher umgebracht. Nur mein kleiner Bruder Edgar und ich haben überlebt.«

»Wie halten Sie das aus?« Keine Frage, eher ein Aufschrei von einem sehr jungen Mädchen, dessen Stimme sich überschlägt: »Ich verstehe nicht, daß Sie nicht verrückt geworden sind! Ich würde ausflippen, ausrasten! Wie hält man das aus!«

Anfangs, sagt Mannheimer in demselben ruhigen Ton, »habe ich bei Vorträgen Tabletten gebraucht«. Die schlimmste Stelle in seinen Erinnerungen konnte er überhaupt nicht vorlesen: wie sein Bruder Ernst, vom Typhus gezeichnet, an der Wand einer Baracke lehnt, ausgesondert zum Abtransport in den Tod. Er hat mit den Lehrern ausgemacht, daß sie diese Passage vorlesen würden. Er ging solange aus dem Raum, »ohne etwas zu sagen. Die Schüler sollten ruhig glauben, ich müßte eben mal raus«.

Sie dürfen wissen, wie schmerzhaft die Erinnerung ist. Zeigen will er es nicht. Er berichtet. Er erzählt, wie er in den fünfziger Jahren zu malen anfing, weil er dabei nicht denken mußte, und wie er versucht habe, die Vergangenheit »zu übertünchen«.

Er schildert, wie im Jahr 1981 die mühsam konstruierte Haltung zusammenbrach: eine Begegnung mit einem Menschen, der in Auschwitz seinem Bruder geholfen hatte; ein Hakenkreuz, das er auf einer Reise in Amerika, dem »Land der Freiheit«, sah - und dann nichts mehr. »Zwei Tage später kam ich in einer Nervenklinik zu mir.« Der Kopf wurde wieder ein bißchen klarer, es folgte eine halbe Rückkehr zur Wirklichkeit - und der entsetzliche Augenblick, als er in der Klinik zur Dusche geht und vorsichtig den Hahn aufdreht: Was kommt heraus? Wasser? Gas?

Der alte Mann nennt das »die chaotische Zeit im Kopf«, eine Zeit, die vorbei sei, Gott sei Dank.

1985 hat er zugestimmt, daß sein Text von 1964 in den »Dachauer Heften« veröffentlicht wurde*, danach bekam er immer häufiger Einladungen zu Vorträgen. Er hoffe, das sei ihm sehr wichtig, »daß meine Emotionen nicht erkennbar sind«. Die Kontrolle, die ihn selbst schützt, sieht er auch als didaktischen Zweck: »Wenn ich mich aufrege, könnt ihr nicht fragen.«

Anderntags, in der Münchner Adalbert Stifter Realschule, sieht es so aus, als habe er recht. Er hält denselben Vortrag wie immer, ein wenig schlichter vielleicht; jedes Fremdwort wird erklärt. Es ist ein kalter Tag, er muß in der Aula im Mantel sitzen, und die Schüler sind weit weg, wie im Theater sitzen sie ihm gegenüber.

Ob denn die Deutschen so einfach Nazis geworden seien, von heute auf morgen, will einer wissen. Viele, sagt _(* Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): ) _("Dachauer Hefte 1. Die Befreiung«. ) _(Deutscher Taschenbuch Verlag, München; ) _(232 Seiten; 14,90 Mark. ) Mannheimer. Und dann kommt ihm plötzlich zum erstenmal seit damals dieser Invalide in den Sinn. Der Jude mit dem Holzbein, der im Ersten Weltkrieg für Österreich-Ungarn gekämpft hatte. 1938 marschieren die Deutschen in Mähren und auch in Mannheimers Heimatstadt Neutitschein ein, und ein Nachbar wird plötzlich Faschist und brüllt auf den Invaliden ein und - der Referent stockt, verbirgt das Gesicht in den Händen und sagt nichts mehr.

Die meisten versuchen, nicht hinzuschauen auf diesen Mann, der da vorne sitzt und in sich versinkt. Lähmung, absolutes Schweigen. Dann fängt sich Mannheimer wieder, löst die Beklemmung, redet weiter, aber über Dinge, die er schon einmal ausgesprochen hat. Die haben offenbar die Kraft nicht mehr, ihn so zu erschüttern.

Selbst die Szene mit der Gerberbrühe mutet er sich zu: Strafkommando in Auschwitz, Holzhacken, ein Moment unerlaubter Ruhe - und der Kapo: »Wartet, ihr Schweine.« Wirft Mannheimer und einen Kameraden in ein Becken gelbe, giftige Gerbersäure, tritt auf die Köpfe, sie sollen sterben. Dreimal kämpfen sie sich hoch, dann lacht der Kapo: »Ihr seid Kerle. Euch lass'' ich leben.« Auch das muß er wohl schon einmal erzählt haben. Er hält es aus.

Da sitzen rund 50 16jährige in der kalten Aula ihrer Realschule, morgens, erste und zweite Stunde, und auf dem Stundenplan steht: Völkermord. Wollen sie wissen? Kann sie das berühren?

Die Zeit, von der sie hören, liegt zwei Generationen zurück. Wenn jetzt von Tätern, Mitläufern und vom Widerstand die Rede ist, dann wird nicht mehr über die Väter und Mütter, sondern über die Großeltern verhandelt. Der Schrecken ist weiter entfernt - schafft das Gelassenheit oder Gleichgültigkeit?

Es sei viel leichter geworden, findet die Frankfurterin Trude Simonsohn, auch für sie selbst: Wenn sie mit Kindern redet, muß sie sich nicht mehr fragen, ob sie Tätern gegenübersitzt.

»Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah«, sagt sie ihnen. »Aber daß es nicht wieder geschieht, dafür schon.«

Steven Spielbergs Film »Schindlers Liste«, das sagen viele Überlebende, sei ein erster Schritt gewesen, die Distanz zu durchbrechen. Abstrakte Begriffe wie »Opfer«, »Verfolgung«, »Holocaust« haben Gesichter bekommen, Namen, Geschichten.

Jetzt sitzt Mannheimer vor diesen Münchner Realschülern, ein echter Mensch - und als er berichten kann, er sei Amon Göth begegnet, dem Schlächter aus dem Film, gewinnt er für manche, merkwürdigerweise, noch an Glaubwürdigkeit. Als wäre Spielbergs Film realer als die Realität.

Wieviel erreicht diese Medienkinder? Wirklich wissen können das weder die Lehrer noch die Zeitzeugen, die vor ihnen sprechen. Erst nach Stunden, manchmal noch viel später, wagen sich die Schüler vor, die Geschichtslehrerin Marita Fritschi hat das schon oft erlebt: »Wie konnte das geschehen? Sind die Deutschen ein schreckliches Volk?«

Wenn sie fragen, sagt Mannheimer, dann fast immer dasselbe: »Warum haben sich die Juden nicht rechtzeitig gewehrt?« Weil keiner glauben konnte, ist seine Antwort, daß so etwas geschehen könnte: »daß Menschen andere Menschen in Gaskammern stopfen und sie vergiften«.

Wie er in Deutschland leben könne, ob er die Deutschen nicht haßt? Man dürfe nicht denken »die Deutschen«, sagt er dann und erzählt vom Lager Dachau, durch das er heute häufig Besucher führt: »Die ersten, die dort interniert waren, sind Deutsche gewesen, aus dem Widerstand.«

Manchmal tritt diese rührende Fürsorge auf: »Wie geht es Ihnen? Macht es Ihnen nichts aus, mit uns zu sprechen?« In Augsburg hat ein Mädchen Max Mannheimer gefragt: »Wie hat Ihre Tochter Ihren Bericht verkraftet?« Sie war, wohl ohne es zu wissen, ganz dicht dran am schmerzlichsten Problem.

Denn Mannheimer kann wohl mit fremden Jugendlichen über seine Geschichte sprechen; mit seinen eigenen Kindern geht das auch heute nicht. Er hat seiner Tochter damals die Erinnerungen nicht gegeben, als er wußte, daß er doch keine tödliche Krankheit hatte: »Ich wollte ja erst sterben.«

Sie wußte sicher vieles, aber sie hat nie gefragt. Einmal war sie dabei, als er vor Schülern sprach. Sie saß ganz hinten in der Ecke, »und ich habe nicht hingeschaut. Ich habe mich nicht getraut. Es konnte ja sein, daß sie das berührt«.

Schreiben war möglich, und das Bewußtsein, daß die Tochter, oder der Sohn, die Texte lesen würde. Aber darüber sprechen? Wie der Vater sich auf Brotkrumen stürzt? Wie er über die Grenzen des Erträglichen verletzt, gedemütigt, wie er vernichtet werden sollte?

Es ist, als würde er stellvertretend für seine eigenen Kinder mit diesen Jugendlichen reden. Das ist seine »Lebensabendbeschäftigung«, und es sieht so aus, als ob es hilft. Je mehr er redet, desto weniger hat ihn die Vergangenheit im Griff.

Er lächelt plötzlich und blickt herunter auf diese Schüler, denen er zwei Stunden lang vom Entsetzen und vom Tod erzählt hat, und macht einen Witz. Unruhe im Raum, fast Erschrecken: Kann einer, der Auschwitz überlebt hat, noch einen Sinn für Komik haben und für launige Geschichten? Sieht man doch: Er kann. Y

* In der Münchner Adalbert Stifter Realschule.* Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): »Dachauer Hefte 1. DieBefreiung«. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 232 Seiten; 14,90Mark.

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