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TODD Wie herrlich weit

aus DER SPIEGEL 48/1957

Drei Jahre Entwicklungszeit und fünf Milionen Dollar hatte der Supermann der amerikanischen Filmindustrie, Michael ("Mike") Todd, in sein Unternehmen investiert, ehe er Anfang September 1955 ein Dutzend Fachleute zur Vorführung eines neuartigen Filmaufnahme- und Vorführverfahrens einlud, mit dem er alle herkömmlichen Kino-Normen auf einmal zu sprengen gedachte.

»Mike Todd schickt sich an, die Grundfesten der Leinwand zu erschüttern«, urteilte damals die »New York Times« über das »Todd-AO«-Verfahren*, und Todd selbst verkündete: »Neben meinem System sind Cinemascope, Vistavision und Cinerama so altmodisch wie die Laterna magica gegenüber dem ersten Film.« Das Toddsche Verfahren gilt seither in der Zelluloidbranche wegen seiner gigantischen Bildwand, seinem riesigen Bildwinkel, dem sechskanaligen Raumton und anderen Raffinessen in wörtlichem wie in übertragenem Sinne als das A und O kinematographischer Illusionstechnik.

Deutsche Kinobesucher hatten vor rund fünf Monaten zum ersten Male Gelegenheit, das »Wunder Todd-AO« zu betrachten: Zwei eigens für die Aufführung von Todd-AO-Filmen hergerichtete Lichtspielhäuser, das »Savoy« in Hamburg und der »Royal-Palast« in München, zeigten das Leinwand-Musical »Oklahoma«, den ersten nach dem neuen Verfahren hergestellten Film. Als nächste Aufführung avisierten die beiden Kinos Mike Todds zweiten AO-Film, das Kolossalwerk »In achtzig Tagen um die Welt« (Todd: »Das ist kein Film, das ist eine Schau"). Gleichzeitig begannen Theaterbesitzer in anderen Großstädten der Bundesrepublik, ihre Kinos im Eiltempo umzubauen, um möglichst bald in das Todd-AO-Rennen einsteigen zu können.

Nach pompöser Uraufführungsfeier lief der Film schließlich in München und in anderen Orten an. Bei dem lauten Werbefeldzug, den Verleih und Kino-Besitzer aus diesem Anlaß veranstalteten, blieb freilich eine seltsame Tatsache fast völlig unbeachtet: Der Film »In achtzig Tagen um die Welt« hatte, ehe er nach Deutschland kam, eine eigentümliche Verwandlung durchgemacht. Die Verleihfirma United Artists hatte »Todds triumphale Schau« in aller Stille zu einem gewöhnlichen Cinemascopefilm umgemodelt.

Nach dem Willen des Verleihs soll »In achtzig Tagen um die Welt« weder in Deutschland noch in sonst einem nichtamerikanischen Land als echter Todd-AO -Film gezeigt werden. Die United Artists hat den Film von dem 70 Millimeter breiten Zelluloidband, das bei dem Todd -AO-Verfahren nötig ist, auf normales Filmmaterial von 35 Millimeter Breite umkopieren lassen.

Die Überbreite des Filmstreifens aber war das Besondere an Mike Todds Filmsystem gewesen. Nur mit dem 70-Millimeter-Film hatte der Produzent vor zwei Jahren sein Ziel erreicht: ein Leinwandbild von etwa 150 Quadratmetern zu erzeugen, das er ohne Übertreibung als »das größte je in einem geschlossenen Raum projizierte Filmbild« bezeichnen konnte. Das Riesenbild, das auf eine an den Seiten stark zum Zuschauerraum gekrümmte Bildwand geworfen wird, sollte das Kinopublikum »suggestiv in das filmische Geschehen einsaugen«.

Zwei Kanäle wurden geopfert

Todd mußte breitere Zelluloidbänder verwenden, weil das Bild, eines konventionellen 35 Millimeter breiten Zelluloid -Streifens nicht über ein bestimmtes Maß hinaus vergrößert werden kann, solange die Entfernung zwischen Bildwand und Betrachter gleich bleibt. Die verwischten Konturen, die ein photographiertes Bild stets aufweist, kämen zum Vorschein, das Bild würde körnig und unscharf wirken.

Der doppelt so breite Filmstreifen des Todd-AO-Verfahrens dagegen gestattet es, ein Bild zu projizieren, das den Blickwinkel eines Kinobesuchers beinahe völlig ausfüllt. Durch Verwendung des 70-Millimeter-Films war es auch möglich, noch eine andere Toddsche Film-Neuerung anzuwenden: den Sechs-Kanal-Stereo-Ton.

Mike Todd hatte diese Tontechnik entwickeln lassen, um dem perfekt naturalistischen Eindruck des Todd-AO-Bildes ein akustisches Pendant entgegenzusetzen. Fünf voneinander getrennte Magnet-Tonspuren steuern nach dem Prinzip des Tonbandgeräts ebenso viele Lautsprechergruppen hinter der Bildwand und sorgen dafür, daß die Dialogtexte entsprechend dem Standort der Akteure ausgestrahlt werden Eine weitere Tonspur, die sogenannte »Effektspur«, liefert Geräusche an einige Dutzend Lautsprecher, die im Saal verteilt sind Sie sollen die Ton-Effekte wiedergeben, die nicht dem Filmbild entstammen können - etwa ein fernes Donnergrollen.

Das Sechs-Kanal-Tonsystem aber ist ebenso wie das Todd-AO-Riesenbild von dem 70 Millimeter breiten Zelluloidstreifen abhängig, denn auf herkömmlichem 35-Millimeter-Film haben bestenfalls vier. Tonspuren Platz United Artists mußte mithin beim Umkopieren des Todd-Films auf 35-Millimeter-Material zwei der sechs Tonkanäle opfern. Vier-Kanal-Tonfilme aber sind für deutsche Kinogeher nichts Außergewöhnliches - fast jeder Cinemascope-Film arbeitet mit diesem System.

Über die Gründe, die den Verleih veranlaßten, das in den USA als »bester Film des Jahres« prämiierte Todd-Werk zu verstümmeln, erklärte United Artists: »Rein kommerzielle Überlegungen« hätten zu dem Entschluß geführt, das Filmspektakel nicht im Todd-AO-Verfahren zu zeigen. Der Mangel an Todd-AO-Kinos schließe den Masseneinsatz des Films aus, und nur beim Großeinsatz in vielen Städten lohne sich das Verleibgeschäft. Die United -Artists-Chefs versicherten bieder, die jetzt angewandte Vorführtechnik und der geschmälerte Todd-Film seien »fast so gut« wie »Todd-AO«. Sie mühen sich, den Verdacht zu zerstreuen, daß sie sich, bei ihrer. Geheim-Aktion freiwillig auf eine niedrigere technische Ebene begeben hätten.

Tatsächlich läßt sich eine Qualitätsminderung aber kaum bestreiten. Von dem ursprünglichen Todd-AO-Verfahren ist nur ein einziger der einstmals gepriesenen Vorzüge erhalten geblieben: Der überweite Aufnahme- und Projektionswinkel bei Todd-AO (128 Grad) umfaßt auch jetzt noch etwa den dreifachen Projektionswinkel eines Normalfilms und immerhin noch etwa den doppelten eines Cinemascope -Films.

Neue Spezial-Leinwand

Die Bildqualität dagegen hat gelitten: Mitunter flimmert das Bild - was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, daß der bei Todd-AO auf 30 Bilder in der Sekunde hochgeschraubte Bildwechsel wieder auf das Normalmaß (24 Bilder in der Sekunde) reduziert werden mußte. Den Inhabern der Lichtspieltheater, die eigens zur Vorführung des neuen Todd-AO-Films umgerüstet worden sind, droht durch den Einsatz des verkleinerten Todd-Films aber noch eine andere Unannehmlichkeit. Sie müssen - wie im Münchener »Royal« bereits geschehen - die gekrümmte Todd -AO-Bildwand wieder herausreißen und durch eine aus Amerika importierte Spezial-Leinwand ersetzen. »Das hat Mike Todd in Amerika alles selbst ausprobiert«, entschuldigt der Verleih das Durcheinander.

Wenn für die seltsame Verwandlung des Todd-AO-Films auch wirtschaftliche Erwägungen angeführt werden, so scheint doch der wahre Grund für die Filmverstümmelung in einer Kontroverse begründet zu sein, die Todd mit der Todd-AO -Gesellschaft ausficht. Seit der Produzent aus der Gesellschaft ausgeschieden ist, will er verhindern, daß Lizenzgebühren für Todd-AO-Aufführungen an die Gesellschaft fließen, die heute die Rechte an dem Verfahren besitzt.

Todd selbst soll deshalb veranlaßt haben, daß Normalkopien von »In achtzig Tagen um die Welt« hergestellt und verliehen werden. Er war mit dem ihm eigenen Selbstbewußtsein überzeugt, daß die Filmqualität durch einen solchen gewaltsamen Eingriff nicht gemindert werden würde: »Mein Film ist so gut, daß die Leute schon klatschen, wenn sie die Eintrittskarten kaufen.«

In Deutschland hat der Verleih United Artists es aber wohlweislich vermieden, das Kinopublikum auf die seltsame Verwandlung aufmerksam zu machen, und kaum jemand bemerkte, daß die Verleihfirma auf ihren Plakaten die Bezeichnung »Todd-AO« längst gestrichen hat. Selbst routinierte Kinobesucher ließen sich täuschen. Schrieb der Kritiker der Hamburger Zeitung »Die Welt« nach der deutschen Premiere des heimlich verkleinerten Films: »Wer will, kann vergleichen, wie herrlich weit Todd-AO es gegenüber den grotesken Kintopp-Anfängen gebracht hat.«

* AO: Abkürzung für »American Optical« So heißt die Firma, die das Verfahren für Todd entwickelt hat

Filmschausteller Todd

Bezeichnung »Todd-AO« gestrichen

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