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»Wie Hunde mit gebrochenen Gliedern«

SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani über Tibet nach 30 Jahren chinesischer Besetzung (l)
Von Tiziano Terzani
aus DER SPIEGEL 46/1980

Ehrfurchtgebietend, majestätisch erhebt sich aus der Mitte des Lhasatals, einem Zauberwerk gleich, der Potala, eine Festung aus Stein, Stroh und Gold auf einem Berg aus nacktem Fels -- Symbol des menschlichen Wunsches, den Himmel zu erreichen, ein trutziges Bauwerk, errichtet von Sklaven für ihre Gottkönige.

Seit Jahrhunderten machten sich Millionen asiatischer Pilger, besessen von der Hoffnung, einmal in ihrem Leben den Potala zu sehen, zu Fuß auf die monatelange Reise. Viele starben auf diesem Weg. Auch ein paar kühne westliche Abenteurer und Missionare, die von diesem mythischen, verbotenen Ort jenseits des eisigen Gebirgshangs gehört hatten, kamen, angezogen von seiner Ferne, um das letzte Geheimnis des Ostens zu begreifen.

Wer diesen Ort erreicht, kann sich seinem magischen Zauber nicht entziehen: Vom Gipfel des weißen und dunkelroten, von Menschenhand geschaffenen Berges inmitten der kahlen toten Berge der Natur verfolgen wie Hunderte von Augen die Fenster des Potala den Wanderer an jeder Stelle im Tal, mal wohlwollend und tröstend, mal drohend und erschreckend.

Unter den ersten Sonnenstrahlen glitzern seine Dächer aus purem Gold S.187 im Dunstschleier des anbrechenden Tages. Im Schatten der Nacht schwebt seine gespenstische Gegenwart über der Stadt, beladen mit Erinnerungen an Mord, aber auch an Erlösung.

Für die Chinesen, die Tibet jetzt besetzt halten, ist der Potala ein Museum des Greuels und des Aberglaubens, von dem sie die Tibeter vor 30 Jahren »befreiten«. Für die Tibeter aber ist er immer noch der Sitz ihres göttlichen Herrschers, der Heilige Tempel.

Sonntags, wenn der Potala seine riesigen Holz- und Messingpforten am Ende atemraubender Steintreppen öffnet (Eintrittsgebühr: 0,30 Jüan, das sind 35 Pfennig), strömen Tausende Tibeter in das Heiligtum, durchstreifen ein Labyrinth dunkler Gänge, werfen sich vor den 10 000 Schreinen nieder, schlagen ihre Köpfe gegen heilige Steine, erklettern steile Holztreppen zu den verborgenen Altären, gießen Jak-Butter in Hunderte bebender Lämpchen vor den 200 000 Bildern, viele aus massivem Gold, von Göttern, Dämonen und Ungeheuern.

Sie bringen den Mumien früherer Lamas Opfergaben, von Geld bis zu Sicherheitsnadeln, kriechen unter riesige Regale mit Stapeln heiliger Schriften, als wollten sie von ihrer Weisheit durchdrungen werden, fordern ihre Kinder auf, sich das Gesicht mit läuterndem Wasser zu waschen und es zu trinken, das angeblich einem riesigen unterirdischen See mit goldenen Inseln in der Tiefe dieser Festungskathedrale entspringt.

Schweigend knien sie unter den leeren Wohnungen des Dalai Lama, ihres jetzt im Exil lebenden Gottkönigs. Sie gehen an Wänden mit ebenso prächtigen wie erschreckenden Fresken entlang und murmeln, betäubt und besessen, Anrufungen und Gelübde.

Verzückt drehen sie ihre Gebetsmühlen, endlos den heiligen Refrain wiederholend: »Om mani padme hum« (Oh, du Kleinod in der Lotosblüte).

Einige uniformierte chinesische Soldaten, die einen Ausflug hierher gemacht haben, schauen ungläubig und verloren zu.

Nach 1959, als Pekings Truppen den letzten antichinesischen Volksaufstand niederschlugen und der Dalai Lama mit 85 000 seiner Anhänger nach Indien floh, war der Potala für die Tibeter gesperrt. Seit Januar dieses Jahres ist er wieder geöffnet, allerdings nur einmal in der Woche.

Die nun erfolgte Explosion bisher unterdrückter religiöser Gefühle hat die Chinesen überrascht. Sie hatten diese begrenzte Freiheit der Religionsausübung als eine Art Sicherheitsventil für unterschwellige Unruhen im tibetischen Volk gewährt. Es wurde ein Fanal.

Peking, tief beunruhigt, ordnete sofort eine grundlegende Überprüfung der früheren Politik an und entsandte einige seiner Spitzenpolitiker nach Lhasa, darunter im Mai 1980 den ZK-Generalsekretär Hu Jao-bang und den Vizepremier Wan Li. In der Hoffnung, die Gefolgschaft der aufsässigen Provinz zurückzugewinnen, machten die Chinesen unlängst liberale Zugeständnisse, viel weitergehend als im übrigen China.

Tibet stellt ein Achtel des gesamten chinesischen Territoriums dar. Durch seine lange gemeinsame Grenze zum immer noch nicht befreundeten Indien, noch dazu nicht allzu weit vom sowjetisch besetzten Afghanistan entfernt, ist Tibet -- die einzige chinesische Provinz, in der die übergroße Mehrheit (1,68 von 1,83 Millionen) Nichtchinesen sind -- eines der empfindlichsten Gebiete entlang der chinesischen Grenzen.

Eine Rebellion gegen die chinesische Herrschaft in Tibet würde sich auf Chinas Image im Ausland verhängnisvoll auswirken und könnte destabilisierende Folgen in China selbst haben, wo unzufriedene Minderheiten die meisten Grenzprovinzen bewohnen.

Seit 30 Jahren, vor allem aber in den letzten 20 Jahren, haben die Chinesen Tibet mit starker Hand regiert und versucht, dort die gleiche Politik mit den gleichen harten Mitteln durchzusetzen wie im übrigen Land. Damit hatten sie jedoch keinen Erfolg, so wurde denn der Kurs geändert.

»Man kann verschiedene Arten Haar nicht mit derselben Bürste bürsten«, erklärte dem SPIEGEL Jin Fa-tang, der chinesische Parteichef in Tibet und Nachfolger des unlängst abgesetzten Generals Ren Rong, der 19 Jahre lang unumstrittener Herrscher der Region war.

Tibet hat sich in der Tat als eine andere Art Haar erwiesen. 20 Jahre der marxistisch-leninistischen Ideologie und des wissenschaftlichen Sozialismus haben nicht vermocht, auch nur die S.190 Oberfläche des tibetischen Wesens anzukratzen.

Selbst wenn tibetische Häuser und Hütten jetzt mit Bildern von Marx und Engels, Lenin und Stalin geschmückt sind und einige der Menschen, die sich im Potala niederwerfen, eine Mao-Plakette tragen, die im übrigen China schon verschwunden ist, haben die neue Ideologie und die neuen Weisen hier keine Wurzeln geschlagen. Das jahrhundertealte Bild des merkwürdigsten aller Länder, bewohnt von Göttern und Weisen, vermochte Peking nicht zu ändern.

Tibet ist immer noch das Land, dessen übernatürlicher Zauber über die Jahrhunderte die Menschen anlockte. So bestieg Laotse am Ende seines Lebens einen Büffel und machte sich auf den Weg in ein Land, aus dem er nie zurückkehrte -- nach Tibet.

Vor 70 Millionen Jahren lag Tibet an den Küsten des Meeres. Dann drifteten die Landmassen Indien und China gegeneinander, die Himalaja-Kette entstand. In ihrer Mitte wurde das tibetische Plateau aufgeworfen.

Noch heute sind auf den höchsten Gipfeln, unter dessen Ausläufern zwei der sprühendsten Ströme der Welt entspringen, der Brahmaputra und der Mekong, riesige Muscheln in lebhaften Farben, versteinerte Schwämme und Korallenriffe zu finden. Und die Seen Tibets sind, Rückstände aus dem Meer, immer noch salzig.

Der Zusammenstoß der beiden Kontinente ist noch nicht beendet. »Der Himalaja wächst immer noch zehn Zentimeter im Jahr«, sagt der leitende französische Geophysiker einer französischen Delegation, die sich in Lhasa aufhält, um dieses Phänomen zu untersuchen -- den Grund für die Erdbeben, die China immer noch verwüsten.

Von der übrigen Welt isoliert und von der Natur gezwungen, in der schönsten, aber auch unwirklichsten Umgebung zu überleben, entwickelten die Tibeter aus Buddhismus, tantrischen Bräuchen und einem alten einheimischen Glauben die Religionsform des Lamaismus.

Er ließ sie alle Leiden und Entbehrungen ertragen und beflügelte sie, ihren Göttern riesige Monumente zu errichten. Er gab ihnen ein Wertsystem, das auserwählte Männer und Frauen erzog, fast unbegreifliche Kräfte zu entwickeln, zum Beispiel lange Zeit nackt bei Temperaturen unter null Grad zu überleben, durch Telepathie über große Entfernungen zu kommunizieren und in dieser Landschaft zu überleben, in der jeder Fleck eine eigene Legende hat und jeder Fels einen S.192 Geist beherbergt, stärker als der Fels selbst.

Jahrhundertelang war Tibet als ein Reservoir seltsamster Schätze bekannt. Schon Herodot schrieb: »Hier gibt es Ameisen, so groß wie Hunde, die, während sie im Erdreich wühlen, riesige Haufen Gold aufwerfen.«

In unserer Zeit berichtete Heinrich Harrer, der österreichische Bergsteiger, der im Zweiten Weltkrieg einem britischen Gefangenenlager in Indien entfloh, um »Sieben Jahre in Tibet« (so der Titel seines Buches) zu verbringen: »Man kann beim Schwimmen Goldstaub im Sonnenlicht glitzern sehen.«

Die Tibeter jedoch, durch Tabus gebunden und durch ihren eigenen Aberglauben eingeschüchtert, gruben nie nach Erzen, versuchten auch nie, Straßen zu bauen, weil sie glaubten, daß dadurch der Boden unfruchtbar würde.

Die Religion ließ die Zahl der Mönche, der Lamas, ständig wachsen. Da sie ehelos bleiben müssen, schrumpfte die Bevölkerung allmählich: Vor 1000 Jahren zählten die Tibeter zwölf Millionen, am Ende des 18. Jahrhunderts noch vier Millionen, 1949 knapp eine Million. Religion und Bevölkerungsschwund hielten Tibet gefangen in stagnierender materieller Entwicklung, vergleichbar unserem Mittelalter.

Als die chinesische Armee auf Befehl Mao Tse-tungs 1950 in Tibet und Lhasa einmarschierte -- von der chinesischen Propaganda heute als »friedliche Befreiung« bezeichnet --, war Tibet eine Theokratie der Lamas und des Adels mit dem Dalai Lama, dem »Ozean der Weisheit« an der Spitze, ein Land, das den Anschluß an die Zeit schon lange verloren hatte.

Es gab weder Straßen noch Schulen, Krankenhäuser oder Fabriken. Drei Autos hatte der 13. Dalai Lama in den 30er Jahren Stück für Stück auf den Rücken von Jaks und Männern aus Indien durch den Himalaja anschleppen lassen, wegen Benzinmangels standen sie schon bald ungenutzt herum. Von ihnen abgesehen, waren die einzigen Räder, die sich in ganz Tibet drehten, die der Gebetsmühlen. Eine alte Weissagung nämlich tat kund: »Wenn Räder ins Land kommen, wird der Frieden verloren sein.«

Die Chinesen kamen auf Lastwagen. Sie brachten Traktoren, Wasserpumpen und Maschinen ins Land, also war der Frieden für die Tibeter verloren und also gelang es Peking nicht, Tibet wie versprochen ins »Mutterland« zu integrieren.

Das heutige Lhasa symbolisiert dieses Scheitern. Wenn ein chinesischer Soldat im Morgengrauen von demselben Fort zum Wecken bläst, das die britischen Truppen 1904 besetzten, und aus den Lautsprechern den ganzen Tag »Der Osten ist rot« erklingt, erwachen zwei Städte.

Da ist das moderne, saubere, gut beleuchtete neue Lhasa mit gepflasterten Straßen und quadratischen Backsteinhäusern, von den Chinesen für sich selbst errichtet.

Und dann das alte, schmutzige, verfallene Lhasa der Tibeter mit Lehmhäusern und flachen Dächern, krummen, ungepflasterten Straßen, auf denen ein Gemisch aus Schlamm und Exkrementen liegt -- eine Stadt, eingehüllt in den Gestank von ranziger Jak-Butter und Jak-Dung, in diesem holzarmen Land noch immer der meistbenutzte Brennstoff.

In dieser Altstadt haben die Chinesen den Straßen Namen und den Häusern Nummern gegeben, »um uns besser zu kontrollieren«, wie die Tibeter behaupten. Die Menschen aber verrichten ihre Notdurft noch immer in offenen Gräben, denn das erste Kanalisationssystem wird erst jetzt gebaut, und eine Wasserleitung gibt es noch nicht.

Nach zwei Jahrzehnten sozialistischer Bautätigkeit gleicht Lhasa mit seinen dunklen, stinkenden Hinterhöfen, wo die Kinder inmitten von Schweinen und Ziegen im dicken Qualm der großen Kessel spielen, in denen die Frauen die Wolle kochen, noch immer der Stadt, die der Jesuit Johann Grueber im Jahre 1661 als erster Reisender aus dem Westen erblickte.

Das neue Lhasa, das sich jetzt zum westlichen Tal hin erstreckt, und das alte Lhasa, das am Fuße des Potala nistet, stoßen an einer Hauptstraße zusammen. Morgens sieht es hier so aus: Auf der einen Seite treiben die Chinesen ihre Morgengymnastik und ihr Jogging, S.194 auf der anderen Seite beginnen die Tibeter, die Finger am Rosenkranz, ihre täglichen Gebete.

Beide Gruppen sprechen nicht miteinander und verstehen die Sprache der jeweils anderen meist auch nicht. Zuweilen scheinen sie in zwei verschiedenen Zeitaltern zu leben: Auf der Straße zum Flughafen zieht eine Armee-Einheit die Telephonkabel, über die Lhasa jetzt mit der übrigen Welt verbunden ist. Ihm folgen Gruppen von Tibetern, die ihre Gebetzettel daran befestigen.

In ganz Tibet leben, die hier stationierten Soldaten ausgenommen, nur 120 000 Chinesen, über sechs Prozent der Bevölkerung, davon 70 000 allein in Lhasa als führende Kader, Techniker und Verwaltungsbeamte dieser Provinz.

Obwohl nach amtlichen Statistiken 46 Prozent der Führungskader im heutigen Tibet bereits Tibeter sind, stößt man doch überall auf den Chinesen, hier »Han« genannt. Auch die Angestellten der Zweigstelle der Bank von China, im Hauptpostamt und im Reisebüro sind fast ausschließlich Han.

Die überwältigende Mehrheit von ihnen spricht kein Tibetisch. »Ich lerne lieber Englisch, da habe ich mehr Chancen«, sagt ein junges Chinesenmädchen, das aus Szetschuan stammt und jetzt in einem Regierungsbüro arbeitet. Sie träumen nur davon, ins »Inland« zurückzukehren, wie das übrige China hier genannt wird.

Für Menschen aus dem flachen Land ist das Leben in 4000 Meter Höhe nicht leicht. Die Chinesen haben im Tal von Lhasa Tausende von Bäumen angepflanzt, um so den Sauerstoffgehalt der Luft um ein Prozent zu erhöhen. Die dünne Luft im tibetischen Bergland macht den Tiefland-Chinesen Atembeschwerden.

Hier kocht das Wasser bei 89 Grad. Viele Bakterien werden daher nicht abgetötet, so daß Zugereiste über Magenbeschwerden klagen. Als Ausgleich für all diese Härten zahlt Peking seinen Han-Kadern eine Prämie von 30 Prozent auf ihren Lohn.

Peking hat zur Bewachung Tibets etwa 300 000 Soldaten seiner Volksbefreiungsarmee im Land stationiert. Aktiver S.195 Widerstand wird gegen die chinesische Herrschaft nicht geleistet. Berichte über tibetische Freischärler, die chinesische Patrouillen aus dem Hinterhalt angriffen, liegen mindestens 15 Jahre zurück.

Dennoch gibt es Anzeichen, daß im tibetischen Untergrund eine passive Widerstandsbewegung fortbesteht. Vergangenes Jahr zum Beispiel, als in Peking die Mauer der Demokratie gleichsam ihren Frühling erlebte, erschien eines Abends in Lhasa ein Wandplakat, das die Unabhängigkeit Tibets forderte.

Seit dem Sommer 1979, als Peking Tibet erstmals nach 30 Jahren für ausländische Touristen öffnete, treten die Tibeter immer wieder an die Besucher heran, stecken ihnen diskret handschriftliche Botschaften zu und verschwinden dann wieder.

Für gewöhnlich wird auf diesen Zetteln, in tibetischer Sprache, über die »Han-Besetzung« geklagt und an die Vereinten Nationen appelliert, Tibet bei der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu unterstützen. Der Wortlaut dieser Botschaften, der SPIEGEL erhielt zwei, ist immer gleich, nur die Orte der Übergabe variieren.

Die Chinesen wollen auch heute noch keine allzugroße Publizität. So dürfen in den nächsten zwei Jahren keine weiteren Journalisten nach Tibet einreisen, und die Zahl der Touristen, die ursprünglich rasch wachsen sollte, wird nach amtlichen Quellen in Lhasa auf 600 im Jahr begrenzt bleiben.

Ende Juli dieses Jahres fand der Widerstand gegen die chinesische Herrschaft in Tibet spektakulären Ausdruck, als die zweite Delegation des Dalai Lama das Land bereiste, um die Verhältnisse zu untersuchen: S.197

Als die kleine Gruppe von Exil-Tibetern auf dem Gelände eines Tempels eintraf, der während der Kulturrevolution zerstört worden war, sah sie sich von einer großen Menge umringt, die weinend rief: »Lang lebe der Dalai-Lama]«

73 tibetische Fahrer hatten die Lastwagen ihrer Arbeitseinheiten zweckentfremdet, um etwa 3000 Menschen zum Tempel zu fahren. Die Chinesen kürzten daraufhin sofort das Besuchsprogramm der Delegation und brachten sie dazu, Tibet zu verlassen. Den Fahrern wurde der Führerschein entzogen.

Seit 1959 macht Peking imponierende Anstrengungen, Tibet zu verändern. Es pumpte 4,5 Milliarden Mark ins Land, errichtete 252 Fabriken, eröffnete 6624 Schulen, baute 22 000 Kilometer Straßen, etwa eine von Tschengdu in Szetschuan über zwölf Flüsse und 14 Gebirgsketten, alle durchschnittlich 4000 Meter hoch.

Wie andere Kolonialisten zeigen auch die Chinesen voller Stolz diese beachtlichen Leistungen, begreifen aber nicht, warum sie dennoch nicht geliebt werden.

»Weil sie uns mit unserer Seele dafür bezahlen ließen«, sagt Lobsan K., 32, ein tibetischer Lehrer, der mich eines Abends in sein Haus einlädt. Dort trifft sich eine Gruppe anderer Tibeter, die alle seine Ansichten zu teilen scheinen. »Die Han bauten Straßen, zerstörten dafür aber unsere Tempel. Mit ihren Krankenhäusern retteten sie Menschen das Leben, mit ihren Gewehren aber töteten sie die Lamas. Wir Tibeter sind wie Hunde mit gebrochenen Gliedern.«

1959, nachdem die antichinesische Rebellion niedergeschlagen worden war und Peking die Periode »demokratischer Reformen« einleitete, gab es in S.199 Tibet noch 106 000 Lamas und Nonnen. Heute ist ihre Zahl auf weniger als 1000 geschrumpft. Damals auch gab es noch 2464 Klöster, heute sind etwa zehn übriggeblieben.

In einer riesigen Höhle des Tals, 20 Kilometer von Lhasa entfernt, baute Tsong Kapa, der große Reformer des Buddhismus, der Martin Luther Tibets, 1409 das riesige Kloster Gandan. Er errichtete es an einem so abgelegenen und verborgenen Ort, weil ihm ein Orakel prophezeit hatte, der Buddhismus werde eines Tages zerschlagen.

So wollte er seinen Anhängern einen Zufluchtsort schaffen, an dem sie ihre Tradition aufrechterhalten könnten. Heute steht von diesem alten, riesigen Bau kein Stein mehr auf dem anderen.

Die Zerstörung der Religion verlief geplant, systematisch und erbarmungslos. Sie veränderte die tibetische Landschaft von Grund auf.

Jeder Bezirk hatte seinen Dzong, eine Art religiöser Festung, auf dem Gipfel eines Hügels. Fast alle wurden dem Erdboden gleichgemacht.

Auf den Feldern standen einst Stupas. Die Rotgardisten verwandelten sie in Vogelscheuchen.

In jedem Haus standen auf den Altären Tonfiguren von Göttern. Alle wurden zerschlagen, die Gebetsfahnen, die an Stangen über Dächern und auf den Hügeln wehten, eingeholt und durch die rote Fahne der Partei ersetzt.

Auf den Bergen zertrümmerten die neuen Herren Tausende Felssteine, auf denen buddhistische Bilder eingemeißelt oder gemalt waren.

Vor dem Potala auf dem Gipfel des Eisernen Hügels stand einst die berühmte Medizinschule, die den Lamas jahrhundertelang als Lehrstätte diente und zu der die Tibeter pilgerten, um den Kalkstein abzukratzen und als Medizin zu essen. Heute ist kaum noch etwas davon zu sehen.

Die chinesische Artillerie zerstörte 1959 den Tempel als Nest reaktionärer Kräfte. Rotgardisten besorgten den Rest, indem sie die letzten Steine beseitigten und eine ganze Seite des Hügels mit Hunderten eingemeißelter Figuren abtrugen.

Nicht einmal ein heiliger Weidenbaum mitten in Lhasa, angeblich dem Haar Buddhas entsprossen, blieb verschont. Heute ist nur noch ein vertrockneter Stumpf zu sehen, mit Gebetszetteln bedeckt.

Jak-Butter in den Votiv-Lämpchen zu verbrennen, wurde als Verschwendung verboten, Hunde wurden als »Schmarotzer« bezeichnet. So kam es, daß fromme Eltern zusehen mußten, wie ihre Kinder indoktriniert wurden, Hunde zu steinigen und mit Keulen nach ihnen zu schlagen, obschon der Hund nach tibetischem Reinkarnationsglauben wie alle anderen Lebewesen die Seelen anderer Menschen, oft der ihrer eigenen Verwandten, auf dem Wege der Seelenwanderung verkörpert.

Der heilige Refrain »Om mani padme hum«, der Gutes nicht nur verheißt, wenn er ausgesprochen, sondern auch, wenn er gelesen, gesehen oder in die Gebetsmühlen eingegeben wird, war überall auf Felsen und Wände geschrieben. Die Rotgardisten löschten ihn überall aus und ersetzten ihn durch »Lange lebe der Vorsitzende Mao«.

Jetzt, wo Zeit und Regen der Vergangenheit Gerechtigkeit widerfahren lassen, schimmert die alte Schrift an vielen Stellen unter der roten Farbe der Maoisten wieder durch.

»Die Viererbande richtete schwere Schäden an«, sagt Losang Chicheng, Vize-Gouverneur von Tibet. Den meisten Tibetern aber fällt diese Unterscheidung schwer: Die Viererbande und die Rotgardisten waren für sie in erster Linie allesamt Han.

Die Tibeter setzen jetzt alles wieder zusammen, was sie an Trümmern S.201 aus der Katastrophe nur finden können. An den Straßen bauen sie die kleinen Stupas wieder auf. In Gandan widmen Gruppen junger Menschen ihre Freizeit regelmäßig dem Wiederaufbau eines Schreins auf dem Gelände des zerstörten alten Klosters.

In Sera liegt die Hälfte eines einst prächtigen Komplexes von Häusern, Zellen und Tempeln am Fuße eines felsigen Berges noch in Trümmern -- erschreckendes Zeugnis der Gewalttätigkeit, die Rotgardisten angewandt haben müssen.

Ein Hof im westlichen Teil des Klosters ist völlig ausgebrannt, von den Zellen und Balustraden ist nur noch ein schwarzes Skelett übriggeblieben, in der angrenzenden Kapelle alles zerschlagen, zerfetzt und demoliert, kein einziges Bild der Fresken mehr zu erkennen.

Der Wind verbreitet von Lhasa aus die Kakophonie der Lautsprecher mit ihrer ewigen chinesischen Propaganda. Er läßt aber auch die Dutzende kleiner goldener Glocken auf einem heilen Dach in der Einsamkeit erklingen.

Ein alter Lama, der mich allein durch die Trümmer wandern sah, lädt mich in seine Zelle ein, in die er unlängst zurückgekehrt ist. Im Garten hat er einen Thanka, eine Schriftrolle mit religiösen Gestalten, ausgegraben.

Noch immer kratzt er die Wände ab, die er mit Lehm bedeckte, um die Fresken vor den Rotgardisten zu retten. Auf seinem Tisch steht eine neue Thermosflasche aus Schanghai -- ein Geschenk der Regierung als Entschädigung für seine verlorene Habe.

Die Regierung zahlt den wenigen überlebenden Lamas jetzt Gehälter. Sie wendet eine halbe Milliarde Dollar für die Restauration der Klöster auf, so des Klosters in Drepung, fünf Kilometer westlich von Lhasa, wohin jetzt die ausländischen Besucher geführt werden.

Drepung war das größte Kloster der Welt. 1959 lebten hier über 10 000 Lamas, 1962 waren es nur noch 700. Im Zuge ihrer »demokratischen Reformen« zwangen die Chinesen die Mehrheit der Mönche, zu arbeiten oder zu heiraten. Ab 1966 vollendeten die Rotgardisten das Werk, indem sie vertrieben und töteten, wer Widerstand leistete.

»Wie viele?« Niemand scheint es zu wissen oder sich daran erinnern zu wollen. Unter den wachsamen Augen der chinesischen Reiseführer wirkt Genosse Lama Gandunjiacuo, für die geistliche Arbeit in Drepung verantwortlich, schon recht merkwürdig, wenn er die Überlegenheit des Marxismus gegenüber der Religion erklärt und den Untergang des Buddhismus in Tibet voraussagt, weil, so seine Worte, »der Marxismus am Ende obsiegen wird«.

Derzeit liegt die größte Bedrohung der buddhistischen Tradition im Mangel an Lama-Nachwuchs für die Klöster.

In der chinesischen Regierungspropaganda heißt es zwar, daß jeder die Freiheit habe, Mönch zu werden. Eine grundsätzliche politische Entscheidung dieser Frage aber wurde wahrscheinlich noch nicht getroffen -- wohl aus Furcht, daß sich dann Tausende junger Männer in den Klöstern einfinden könnten. Bisher haben zahlreiche Verwaltungsmaßnahmen die Tibeter daran gehindert, etwa die für ganz China gültige Vorschrift, nach der niemand seine Arbeitseinheit ohne besondere Erlaubnis verlassen darf.

Dennoch hat die Liberalisierung bereits einige alte tibetische Traditionen wieder aufleben lassen. So gehen im Kloster Drepung junge Männer den alten Lamas wieder im traditionellen Meister-Schüler-Verhältnis zur Hand.

Die Kunde von der neuen Freiheit der Religionsausübung, die erst vor drei Monaten voll gewährt wurde, hat sich schnell im ganzen Land verbreitet. Lhasa wurde wieder eine Pilgerstadt.

Täglich ziehen aus allen Teilen Tibets sowie den Nachbarprovinzen Szetschuan, Tschinghai und Sinkiang, wo weitere 1,7 Millionen Tibeter verstreut sind, Hunderte von Hirten und Nomaden, meist zu Fuß nach monatelanger Reise, in das heilige Tal ein und bleiben im Umkreis des heiligsten Tempels, des Jokhang. Der Tempel wurde S.203 vor 1300 Jahren erbaut, wiederum über einem verborgenen See, in dem man nach der Legende die Zukunft lesen kann.

Für einige dieser Menschen, eingemummt in ihre schwere Wollkleidung oder in Mäntel aus Jak-Leder, ist dies die letzte Reise: Sie sind gekommen, um hier zu sterben. Für andere wiederum ist es die Erfüllung eines Gelübdes oder die langersehnte Gelegenheit, sich um ihre nächste Inkarnation verdient zu machen.

Für die Tibeter ist Lhasa Mekka, Lourdes und Jerusalem zugleich. Den Jokhang zweimal täglich in Uhrzeigerrichtung zu umschreiten, wobei der Tempel stets zur Rechten liegen bleibt, ist heilige Pflicht.

Das alte Bauwerk beherbergt das älteste Buddha-Bild in Tibet und die Statue des berühmtesten tibetischen Königs, Srong-Btsan-Sgan-Po, dazu Dutzende dunkler, übelriechender Nischen mit goldenen Bildern. Ein ständiger Strom marschierender, kriechender, hinkender Körper bewegt sich durch das Heiligtum.

Auf den Bürgersteigen strecken Bettler die Hand aus, versuchen die Leprakranken Mitleid zu erregen, indem sie ihre Wunden zeigen, lesen Leute die Sutras, verkaufen alte Frauen Jak-Butter, kaufen Händler von den Pilgern die Korallen, Türkise und die Bernsteine, mit denen diese ihre Pilgerreise finanzieren, schneiden Schlachter auf S.206 dem Pflaster Scheiben rohen Fleisches vor Hunden, die auf die Überreste warten, während sich auf der Straße selbst die Prozession der Tiere und Menschen unentwegt fortsetzt: die meisten in Lumpen, alle jedoch freudig erregt, voll Glückseligkeit, opfern zu dürfen.

Alte Männer, junge Frauen mit Babys auf dem Rücken, Kinder, deren Augen zum Teil bereits vom Trachom zerstört sind, inmitten von Staubwolken, dem permanenten Gestank ranziger Butter und dem Rauch, der aus riesigen Messingkesseln aufsteigt. In ihnen werden auf dem ganzen Weg duftende Kräuter verbrannt.

Ich sah bei dieser Prozession innerhalb weniger Stunden, wie eine Frau ein Kind gebar, ein Mann in der Menge starb und eine alte Frau den Urin eines kleinen Jungen neben ihr trank.

Viele umkreisen den Jokhang, indem sie sich, die Hände nach vorn, auf die Erde werfen, dann den Rücken heben und sich wieder niederwerfen, ihr Gesicht eine Maske aus Staub und Schweiß.

Einige schützen ihre Hände mit hölzernen Handschuhen, andere wiederum hinterlassen eine Blutspur auf ihrem Weg.

Nachts zünden die Pilger ihre Lagerfeuer an, wobei jede Gruppe sich um ihre Alten versammelt. Aus einer gemeinsamen Schüssel gießen sie Buttertee und kneten mit den Händen Kugeln aus Gerstenmehl, während ein alter Mann das Feuer mit einem Blasebalg aus Katzenhaut schürt.

Vor dem geschlossenen roten Tor des Jokhang, unter seinem Dach aus reinem Gold, werfen sich unablässig die Menschen über denselben Steinen nieder, die Millionen von Pilgern im Laufe der Jahrhunderte blankgerieben haben.

»Jetzt haben wir Religionsfreiheit. Die Religion ist eine Theorie, sie kann nicht gewaltsam verboten werden«, sagt Josang Chicheng.

Vor zwei Jahren noch, als der Jokhang wieder seine Pforten diskret öffnete, wenn auch nur an zwei Tagen im Monat, nachdem die von den Rotgardisten angerichteten Schäden repariert worden waren, durften tibetische Regierungsangestellte dort nicht erscheinen.

Seit drei Monaten jedoch ist der Tempel jeden Morgen geöffnet (Eintrittsgebühr: ein Jüan = 1,20 Mark). Unter den Pilgerscharen aus den entlegenen Teilen Tibets kann man jetzt auch Tibeter mit Mao-Jacke sehen, die sich ebenso zu Boden werfen und die gleichen Gebete murmeln wie alle anderen.

Im nächsten Heft

Der ungebrochene Einfluß des Dalai Lama; Mißerfolg des chinesischen Wirtschaftssystems; Peking zieht seine Kader wieder ab

S.190An der Wand Bilder von Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao.*S.206Mit SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani.*

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