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»WIE ICH DIE LEICHE HITLERS FAND«

aus DER SPIEGEL 19/1965

Erich Kuby stieß bei seinen Vorarbeiten für die SPIEGELSerie über den Fall von Berlin in Moskau auf die Spuren jenes Suchkommandos, das Hitlers Leiche am 4. Mai im Hof der Reichskanzlei entdeckte. Es wurde von dem damaligen Oberstleutnant Klimentko, der heute in Lemberg lebt, geführt. In der Woche des Jahrestages des geschichtlichen Leichenfundes veröffentlicht der SPIEGEL hier zunächst den Bericht Klimenkos über seinen Auftrag in der Reichskanzlei.

In den letzten Apriltagen 1945, als die sowjetischen Soldaten den Reichstag stürmten, beauftragte das Oberkommando eine von mir geleitete Aufklärergruppe, Adolf Hitler und die ihn umgebenden Personen zu finden...

Uns war bekannt, daß sich Hitlers Stab und sein letzter Unterschlupf in der Voßstraße, im Luftschutzkeller unter der Reichskanzlei befanden. Das hatten mir Gefangene beim Verhör mitgeteilt. Diese unterirdische Anlage hieß »Führerbunker«, obwohl die Wohnung Hitlers im Luftschutzkeller etwas abseits von den übrigen Räumlichkeiten gelegen war.

Wir gehörten den angreifenden Abteilungen General Kusnezows an. Von der anderen Seite rückten zur Reichskanzlei die Abteilungen der 301. Division vor, die General Antonow befehligte. Die Soldaten General Antonows hatten das Gestapo-Gebäude besetzt und standen unmittelbar vor der Reichskanzlei. Wir hofften, zusammen mit den ersten sowjetischen Soldaten in die Reichskanzlei einzudringen. Um die geplante Operation erfolgreich durchführen zu können, mußten wir zuerst sämtliche Ein- und Ausgänge sperren.

Am 29. April befanden wir uns 500 Meter vor dem Ziel. Die Fenster der Reichskanzlei waren verbarrikadiert. Von dort wurde unaufhörlich aus Gewehren und MG geschossen.

Am 30. April um 1 Uhr 30 Minuten befahl das Oberkommando den angreifenden Truppen, das Artilleriefeuer auf das Gebäude der Reichskanzlei zu konzentrieren. Innerhalb weniger Minuten waren die oberen Stockwerke des Gebäudes von den Geschossen heruntergemäht.

Nach dem Artillerietrommelfeuer begannen die Soldaten mit dem Sturm und nahmen die Reichskanzlei schnell ein. Jetzt begann unsere Arbeit. In den Stockwerken des Bunkers wurde hie und da noch geschossen, doch die meisten Verteidiger der Reichskanzlei und die Bunkerbewohner kamen mit erhobenen Händen aus ihren Schlupfwinkeln.

In den Keller konnte man nur durch das Vestibül der Reichskanzlei gelangen, von wo aus eine ziemlich breite Treppe nach unten führte, oder aber vom inneren Hof aus durch einen Eingang in der betonierten Wand. Wir gingen die Treppe hinunter und kamen in einen langen, dunklen Korridor, auf den viele Türen führten. Hitlers Wohnung war in dem Keller nicht sofort zu finden. Man mußte einen komplizierten, verworrenen Weg zurücklegen. In den ersten Tagen fanden wir uns hier nur mit Hilfe ehemaliger Bewohner des Kellers zurecht.

Der »Führerbunker« war ein höchst verworrenes unterirdisches Betonlabyrinth aus kajütenähnlichen Zimmern. Hitler und Eva Braun, mit der er sich noch am 29. April hatte trauen lassen, bewohnten größere Räumlichkeiten. Ihre Wohnung bestand aus einem Konferenzsaal, gleich links war eine Tür, die in ein etwas kleineres, längliches Zimmer führte, den Empfangsraum Hitlers. Hier standen Sessel und eine lange braune Bank. In diesem Raum wurden, wie die Gefangenen aussagten, die Lage der deutschen Truppen analysiert und operative Fragen besprochen.

Dahinter lag Hitlers Arbeitszimmer, mit einem Schreibtisch, einer Etagere und einem Safe. Der letzte Raum war das Schlafzimmer. Hier sahen wir Hitlers Rock mit dem goldenen Hakenkreuz und das weiße Hochzeitskleid von Eva Braun. Die Bunkerbewohner erklärten jedoch bei den Verhören, Eva Braun sei in einem schwarzen Kleid getraut worden. In Hitlers Zimmern fanden wir niemanden.

Im Keller war eine starke Funkverbindungsanlage aufgestellt, die Speicher waren mit Lebensmitteln, kostbaren Weinen und Kognaksorten gefüllt, es gab eine speziell eingerichtete Küche. In vielen Zimmern standen Weinflaschen herum, Speisereste waren verstreut...

Die SS-Leute hatten sich bis zur Bewußtlosigkeit betrunken und dann eine Kugel durch den Kopf geschossen oder sich vergiftet. Wir sahen viele Selbstmörder in dem Bunker. Unerträglicher Leichengestank und Blutlachen - das war alles, was der Faschismus hinterlassen hatte.

Einer der ersten, die wir entdeckten, war der Arzt von Goebbels. Bei der Vernehmung erklärte er, daß ihm befohlen worden war, Gift bereitzuhalten. In der Nacht zum 1. Mai ließ Goebbels ihn rufen. Als der Arzt sah, daß Goebbels beschlossen hatte, seine Kinder zu vergiften, riet er ihm, sie doch unter den Schutz des Roten Kreuzes zu stellen. Doch Goebbels widersprach ihm: »Was hat das Rote Kreuz damit zu tun, Doktor, das sind doch die Kinder von Goebbels!«

Dann erzählte der Arzt, wie er zusammen mit Magda Goebbels den mit Morphium eingeschläferten Kindern die Münder aufsperrte und die Giftampullen zerdrückte. Goebbels trieb sie zur Eile an. Mehr konnte der Arzt nicht aussagen.

Meine Aufklärergruppe setzte Schritt für Schritt die Untersuchung des Kellers fort. Wir sahen in alle Winkel, Eingänge, Geheimräume, entdeckten zahlreiche Gefangene, darunter allein gegen 100 Oberste, aber wir fanden im Keller weder Hitler noch Goebbels.

Danach gingen wir auf den Hof der Reichskanzlei und suchten das ganze Gelände Meter für Meter ab. Unweit des Bunkers fanden wir bald die verbrannten Leichen von Goebbels und seiner Frau. Sie waren nicht einmal mit Erde bedeckt. Magda Goebbels war viel stärker vom Feuer verunstaltet, da der Wind anscheinend von der Seite aus geweht hatte, wo sie lag. Zwischen ihnen lagen Papier und verbrannte Lumpen.

Die ganze Nacht vom 2. zum 3. Mal verhörte ich Gefangene, die im Tiergartenbezirk festgenommen worden waren. Es waren hauptsächlich Regierungsbeamte, Generäle, Offiziere.

Vorher hatte sich eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte zugetragen: Einige deutsche Bürger führten einen großen, hageren Mann von aristokratischem Aussehen und in neuem Soldatenrock zu uns. Die Berliner behaupteten, daß er gar nicht wie ein einfacher Soldat aussähe und daß er wahrscheinlich einer von den Nazibonzen wäre, der sich bei ihnen im Kuhstall versteckt hatte. Wir dankten den Bürgern für ihre Hilfe, den Herrn behielten wir bei uns.

Als ich diesen Herrn im Verhör nach seinem Namen fragte, reichte er mir seine Papiere, aus denen hervorging, daß er Admiral Voß, Bevollmächtigter von Großadmiral Dönitz bei Hitler, sei ...

Der Admiral berichtete über die Hochzeit von Hitler und Eva Braun und sagte, daß beide sich am Tage des 30. April das Leben genommen hätten. Am Tage vorher hätte Hitler einigen Vertrauenspersonen, unter ihnen auch Ihm, wichtige Dokumente für Dönitz übergeben, den er zu seinem Nachfolger ernannt hatte. Voß erzählte auch über die letzten Tage im Bunker.

Wir legten Voß nahe, an der Identifizierung teilzunehmen. Auf dem Hof erkannte er sofort die Leichen von Goebbels, seiner Frau Magda und den fünf Kindern. Zusammen mit Admiral Voß und einem Vertreter der sowjetischen Armee, der Voß in den Frontstab bringen sollte, gingen wir über den Hof der Reichskanzlei. Der Admiral hatte versprochen, uns einige Notausgänge aus dem »Führerbunker« zu zeigen.

Als wir an einem betonierten Bassin vorübergingen, in dem viele Leichen lagen, blieb Voß plötzlich stehen und rief: »Hitler!« »Hitler!« Der Leichnam sah wirklich Hitler ähnlich; er hatte den gleichen Schnurrbart. Wir brachten ihn vom Hof in den Bunker, in das sogenannte blaue Speisezimmer, zur Identifizierung. An dieser Geschichte wurde viel herumgedeutelt. Einige ausländische Journalisten brachten die Version von einem Doppelgänger Hitlers auf. Etwa zehn Personen, die zur Identifizierung herangezogen wurden, unter ihnen der Garagenchef der Reichskanzlei, Karl Schneider, und der Leibkoch, Wilhelm Lange, erklärten, daß der Leichnam, den sie hier sahen, nicht Hitler sei. Die Suche mußte von neuem beginnen.

Das einzige, was wir mit Bestimmtheit wußten, war, daß Hitler tot war. Aber wo sollten wir seine Leiche suchen? Und hier möchte ich nun von einem anderen Fund erzählen.

An dem Morgen, als die zur Identifizierung Geladenen im blauen Speisesaal die Leiche von Hitlers Doppelgänger besichtigten, suchten meine Aufklärer den Hof der Reichskanzlei Meter für Meter ab. Unter Leichen, Schutthaufen, umgestürzten Pfeilern und eingestürzten Bauten, in der Nähe des Betonmischers, in dem man noch vor einigen Tagen Zement zur Verstärkung der Bunkerüberdeckungen bereitet hatte, entdeckte der Soldat Tschurakow, ungefähr drei bis vier Meter vom Eingang des »Führerbunkers« entfernt, einen Trichter, auf dessen Boden eine Panzerfaust lag.

Aus Vorsichtsgründen beschloß man, sie herauszuholen und zu entschärfen - rundherum waren ja Menschen, und es hätte ein Unglück geben können. Tschurakow beugte sich hinab, um den Stiel der Waffe zu, fassen, und wollte gerade aus dem Trichter herausklettern, als er plötzlich die mit einer grauen Decke bedeckten nackten Beine einer Leiche aus der Erde ragen sah. Wir entfernten die Erdschicht und erblickten die verbrannten Leichen eines Mannes und einer beinahe nackten Frau. Damals dachten wir, im blauen Speisesaal läge die Leiche Hitlers, und schenkten daher dem neuen Fund keine sonderliche Beachtung. Ich ließ sie wieder zuschütten.

Nachts, nach dem Mißgeschick mit dem »Fund« von Voß, ließ ich mir noch einmal die Aussagen der SS-Leute durch den Kopf gehen. Ich beschloß, noch einmal zu dem Trichter zu gehen, in dem die Panzerfaust lag. Es sah mir sehr nach der Stelle aus, von der die SS Leute mehrmals gesprochen hatten.

Am nächsten Morgen gruben wir den Trichter auf und erblickten wieder die zwei halbverbrannten, in eine graue Decke gewickelten Leichen. Etwas tiefer waren zwei Hunde vergraben. Die Wachleute, die an der Identifizierung teilnahmen, behaupteten steif und fest, das seien die Leichen von Hitler und Eva Braun.

Der SS-Mann Harri Mengeshausen aus der Leibwache Hitlers sagte zum Beispiel folgendes aus: »Ich patrouillierte im Gebäude der Reichskanzlei und kam im Gang an Hitlers Arbeitszimmer vorbei. Am Mittag des 30. April blieb ich am Fenster stehen, denn ich wollte sehen, was da für eine Bewegung im Hof war.« Mengeshausen sah, wie die Ordonnanzen Günsche und Linge die Toten Hitler und Braun aus dem »Führerbunker« hinaustrugen, sie mit Benzin übergossen und anzündeten. Das Benzin verbrannte, doch die Leichen verkohlten nicht einmal.

Wir baten Mengeshausen, uns die Stelle zu zeigen, an der die Leichen von Hitler und Eva Braun vergraben worden waren. Auf dem Hof der Reichskanzlei ging der SS-Mann auf jenen Trichter zu, wo wir die halbverbrannten Leichen gefunden hatten. Danach beschlossen wir, ein entsprechendes Protokoll aufzunehmen. Hier ist ein Auszug daraus:

»... Wir, Unterzeichnete, Oberstleutnant Klimenko, Soldat Oleinik, Tschurakow ... besichtigten unter Teilnahme des zur Identifizierung herangezogenen Harri Mengeshausen die Bestattungsstelle der Leichen des Reichskanzlers Adolf Hitler und seiner Frau.«

»... Die Besichtigung der von dem zur Identifizierung hinzugezogenen Mengeshausen angegebenen Stellen erwies die Richtigkeit seiner Aussagen (siehe Photokopie des Protokolls). Diese Aussagen sind um so glaubwürdiger, als wir aus dem von ihm genannten Trichter am 4. Mai 1945 die Leichen eines Mannes und einer Frau sowie die Kadaver zweier vergifteter Hunde zutage förderten. Letztere wurden von anderen Personen als Eigentum Hitlers und seiner Frau Eva Braun, der ehemaligen Privatsekretärin Hitlers, identifiziert.«

»... Die Skizze des Auffindungsorts

der Leichen von Adolf Hitler und seiner Frau sowie Aufnahmen der Stelle, die von Mengeshausen genannt worden war, werden dem Protokoll beigelegt ...«

Die Hunde wurden sehr bald identifiziert. Der Schäferhund Blondi, »der persönliche Hund Hitlers«, ist in unserem Protokoll als »großer Hund mit langen Ohren, schwarzem Rücken und hellen Flanken« beschrieben. Auf dem Halsband des Schäferhundes stand geschrieben: »Immer mit dir.« Paul Feni, der spezielle Wärter für Hitlers Hund, sagte aus, daß letzterer vergiftet worden sei.

Nach der Protokollaufnahme fuhren wir zusammen mit Harri Mengeshausen in den Frontstab. Harri, ein riesiger, schlaksiger Kerl, trug viel zu kleine Kleidungsstücke, die er irgendwo aufgetrieben und gegen seine prachtvolle SS-Uniform ausgetauscht hatte. Er sah in diesem Aufzug sehr komisch aus, bei jeder Bewegung krachten die Schulternähte seiner Jacke. Harri war sehr verängstigt. Er glaubte anscheinend, er werde zur Erschießung geführt.

Als er jedoch in den Stab gebracht wurde und sich überzeugte, daß niemand die Absicht hatte, ihn zu erschießen, bat Harri um Papier und Feder und schrieb ein Geständnis nieder, in dem er angab, daß er an der Verbrennung der Leichen von Hitler und Eva Braun teilgenommen habe und diese Tatsache nur deshalb nicht zu Protokoll gegeben hatte, weil er fürchtete, seine nahen Beziehungen zu Hitler zu verraten und auf diese Weise als Vollstrecker dessen Letzten Willens zu figurieren.

Mengeshausens Aussagen wurden von einer Reihe anderer Wachleute sowie vom persönlichen Adjutanten Hitlers bestätigt.

Die Leichen Hitlers und Eva Brauns blieben die ganze Zeit über in der Reichskanzlei.

Nachts wickelten meine Leute die Leichen in eine Decke ein und trugen sie aus der Reichskanzlei hinaus, legten sie in zwei Kisten, stellten sie auf ein Auto und brachten sie in unseren Stab. Soweit über die Operation, die mein Suchtrupp zu erfüllen hatte.

Oberst Klimenko (r.), Goebbels-Leiche: Nicht mit Erde bedeckt

Falscher Hitler, Sowjet-Soldaten im Hof der Reichskanzlei: Irrtum des Admirals

Klimenko (r.) am Fundort der

Hitler-Leiche: »Immer mit dir«

Iwon Klimenko
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