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»Wie im Familienclan«

SPIEGEL-Report über den Handel mit deutscher Kriegs-Elektronik *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Prinz Abdullah Ibn Nassir Ibn Abd el-Asis Al Saud kam mit der Nachmittagsmaschine der Air France aus Paris auf dem Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel an. Standesgemäß wurde er im weißen Rolls-Royce, Kennzeichen HH-RR 985, zum Hotel Interconti an der Außenalster chauffiert und am nächsten Morgen nach Kiel gebracht.

Auf dem Gelände der Waffenschmiede »Krupp MAK Maschinenbau GmbH« drehte Prinz Abdullah ein paar Runden im deutschen Renommierpanzer »Leopard 2«, wobei ihm schlecht wurde. Hernach interessierte er sich besonders für leichte Panzerfahrzeuge vom Typ »Wiesel«.

Am Abend in Hamburg gab der Gastgeber dem saudischen Königssproß und seiner Begleitung - dem früheren Bundeswehr-General Joachim von Schwerin und dem Frankfurter Rechtsanwalt Wolfgang Heiermann, Deutschland-Vertreter des Prinzen - eine Welcome-Party mit, so wies es am Ende die Rechnung aus, 45 Flaschen Champagner.

Die Prinzen-Reise organisiert hatte Peter Klüver, 39, Gebieter über eine kleine Flotte von Rolls-Royces und Inhaber der Firma »PK Electronic«. Der Aufwand lohnte sich: Prinz Abdullah, Chef des Beschaffungsamtes in Saudi-Arabien, orderte nach dem Besuch Ende Juni 1983 bei der PK elektronisches Gerät für 65 Millionen Mark.

Die Apparate, von der Abhörwanze im Aschenbecher und Telephon-Überwachungsanlage bis hin zu Infrarot-Laserstrahlinstrumenten und Nachtsichtgeräten der zweiten Generation, waren für den saudischen Geheimdienst bestimmt.

Vieles von dem, was Klüver und seine wenigen deutschen Konkurrenten in alle Welt verkaufen, kann legal exportiert werden. Etliche Produkte militärischer Art aber dürfen, laut Kriegswaffenkontrollgesetz und Außenwirtschaftsverordnung, nur mit schriftlicher Genehmigung des Bundesamtes für gewerbliche Wirtschaft ins Ausland gehen.

Das hindert bestimmte Elektronik-Firmen nicht, alles zu liefern, was liquide Militärs erfreut. Radaranlagen? Kein Problem. Feuerleitgeräte? Sicherlich. Komplette Elektronik-Ausrüstungen für Panzer? Werden prompt geschickt.

So bietet die Firma »Kranz Electronic« aus Steinbach im Taunus zusammen mit dem Hamburger Unternehmen »Micro and Security Electronic« das System ISA 2000 an. Es besteht aus Tag- und Nachtvisiersystemen, Kameras, Laser-Entfernungsmesser, Ballistik-Computer sowie einem Bildschirm und soll »die Kampfkraft von Panzern bei Tag und Nacht« (Angebotstext) erhöhen.

Gerade solche Elektronik ist in vielen Ländern begehrter als der berühmte Leopard 2. »Warum soll etwa«, sagt ein Insider, »ein Land wie Syrien zehn Millionen Mark für einen Leo ausgeben?« Viel billiger sei es, von den Russen für rund 350000 Mark pro Stück gebrauchte T 72 zu kaufen. Die werden anschließend, so geschehen bei 300 Sowjet-Panzern in Syrien, mit modernster Elektronik und luftgekühlten Motoren aus Deutschland ausgerüstet. Der Experte: »Die Dinger sind dann praktisch wie neu und kosten die Syrer nur rund eine Million pro Stück. Auch diese Länder haben doch längst zu rechnen gelernt.«

Der Handel blüht. Offiziell bieten die westdeutschen Händler vor allem Sicherheit an, gegen Spionage oder gegen Terroristen. Besonders nach Flugzeugentführungen trudeln bei ihnen massenweise neue Aufträge ein.

Noch mehr werfen die Geschäfte mit Kriegsgerät ab: Da werden oft mehrere 100 Prozent auf den Einkaufspreis aufgeschlagen. Nachfrage herrscht nicht so sehr nach Gewehren, Panzern und Kanonen,

die überall in der Welt mehr oder weniger legal zu haben sind. Die Westdeutschen bieten gerade jene speziellen Zusätze an, die aus vielen Waffen erst unfehlbare Killermaschinen machen: Mit ihnen läßt sich genauer zielen, und dem Gegner nutzen weder Tarnung noch Dunkelheit.

Die hochtechnischen Apparate werden, im Gegensatz zu simplen Wanzen, nicht von den Security-Händlern selbst hergestellt, sondern bei den Großen der Branche gekauft. Sie alle sind in den Prospekten der westdeutschen Elektronik-Versender vertreten: von Siemens bis Philips, von AEG-Telefunken bis Zeiss.

»Anbei finden Sie unser Angebot für 100 Stück binokulare Nachtsichtgläser für den Marine-Einsatz, Typ PK 1200«, schrieb im Juli 1983 die »PK Electronic« an die saudische Einkaufsgesellschaft »Electronic Equipment Marketing Company« in Riad. »Von der Nato und der deutschen Bundeswehr wird dieses Glas als Standard genutzt.« Der Preis sollte einschließlich Transport und Versicherung rund 30000 Mark pro Stück betragen.

Ein paar Tage vorher war bei der PK, die sich gern »größter Produzent der Welt für Geheim-Elektronik« nennt, eine fernschriftliche Offerte aus Bremen eingegangen. Das Philips-Tochterunternehmen »Elektro Spezial« offerierte darin das Nachtsichtglas UA 1242 zum Stückpreis von 20380 Mark. Allerdings enthielt das Telex einen »besonderen Hinweis«. Die Firma: »Wir machen darauf aufmerksam, daß für Lieferung ins Ausland eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich ist.«

Das Drei-Millionen-Mark-Geschäft mit der PK Electronic, die an den Philips-Gläsern lediglich die Typenschilder auswechselte, kam trotz des überhöhten Preises zustande. Denn die Hamburger Firma bemühte sich gar nicht erst um die lästige Ausfuhrgenehmigung: Sie lieferte die Ware, harmlos deklariert als »Ferngläser«, per Luftfracht in die saudiarabische Hauptstadt. Alle waren zufrieden: Die Philips-Tochter hatte ihre Geräte verkauft, die PK ihre Provision und die Saudis die gewünschten Gläser.

Damit der schöne Handel weiter reibungslos lief, schlossen Elektro Spezial und PK am 14. Juli 1983 einen »Vertriebsvertrag« für den arabischen Raum mit Ausnahme des Emirats Oman ab. Kernsatz: »Darüber hinaus haben die Parteien die Absicht, künftig auf dem Gebiet der elektronischen Anwendungen für militärische Zwecke näher zusammenzuarbeiten, u. a. bei der Innovation vorhandener Geräte sowie der Entwicklung neuer Konzeptionen unter Berücksichtigung moderner Technologien.«

Die Philips-Manager, die ihre Tätigkeit dezent mit »der Herstellung und dem Vertrieb spezieller elektronischer Anwendungen« umschreiben, übertrugen PK-Chef Klüver für zunächst fünf Jahre »das Alleinvertriebsrecht im Vertragsgebiet«. Dafür verpflichtete sich die PK, »im Vertragsgebiet keine Erzeugnisse

zu vertreiben und/oder herzustellen, die mit den Vertragsgeräten direkt oder indirekt im Wettbewerb stehen«. Und natürlich strikte Geheimhaltung: »Keinerlei Kenntnisse oder Informationen irgendwelcher Art, die sich auf diese Vereinbarung beziehen, dürfen durch eine Vertragspartei, ohne vorherige schriftliche Zustimmung der anderen Partei, Dritten bekanntgegeben werden.«

Auf den Prospekten und Geräten wird seitdem das Philips-Markenzeichen durch Klüvers Emblem »PK« ersetzt. So sicher fühlt sich der Elektronik-Händler, daß er sogar Aufmachung und Texte der Produktbeschreibungen ohne Änderungen übernimmt.

Klüver ist nicht der einzige, mit dem die Bremer Philips-Manager zusammenarbeiten. Das Panzer-System ISA 2000, das Kranz & Micro Electronic anbieten, ist ebenfalls ein Philips-Gerät, das von den Bremern sogar unter der gleichen Typenbezeichnung offeriert wird.

Micro-Chef Joachim Creutzmann, 48, der in einer mit Alarmanlagen gespickten Villa in der Schönen Aussicht an Hamburgs Außenalster residiert, hat noch andere Philips-Produkte im Programm. So zum Beispiel das BM 8042, ein Infrarot-Feuerleitgerät der zweiten Generation, das auf Maschinenwaffen oder zur Panzerbekämpfung bei Nacht eingesetzt werden kann.

Zudem offeriert er das Wärmebildgerät TRM 7401, das in Panzern, Kriegsschiffen und Hubschraubern die Nacht zum Tage machen soll. Komplette Überwachungsfahrzeuge sind ebenso zu haben wie transportable Radarstationen, mit denen das eigene Artilleriefeuer überwacht wird.

Die meisten dieser Instrumente sind für die Bundeswehr und oft mit finanzieller Unterstützung des Verteidigungsministeriums entwickelt worden. Dank der Elektronik-Händler gelangen sie nun in alle Welt.

Denn nicht nur der Nahe Osten ist an Präzision made in Germany interessiert, auch viele afrikanische Länder kaufen bei den westdeutschen Elektronikern. So hat Libyens Staatschef Muammar el-Gaddafi, ähnlich wie Syrien, seine Panzerausrüstungen in der Bundesrepublik zusammengekauft - sie wurden für den Export als Fernmeldeeinrichtungen deklariert.

Gute Kunden sind die lateinamerikanischen Länder, die schon mal auf einen Schlag für 25 Millionen Mark ordern. Die Indonesier sind an deutschem Know-how ebenso interessiert wie etliche Länder auf dem südostasiatischen Festland. »Die ärmsten Länder geben dafür am meisten Geld aus«, berichtet ein Insider. Bei der Hamburger PK dürfen die Abgesandten sogar üben: Im eigenen Schulungsraum lernen Gäste aus Libyen oder Indonesien den rechten Umgang mit Elektronik.

Erstaunlicherweise haben sich die Japaner bisher nicht in den profitablen Wettbewerb eingeschaltet. Westdeutsche Kenner vermuten, daß ihnen die Stückzahlen zu gering scheinen für eine rentable Produktion. Da zudem Engländer und vor allem Amerikaner ihren High-Tech-Export streng überwachen, sind die Deutschen praktisch allein auf weiter Flur.

Kein Wunder, daß immer mehr clevere Geschäftemacher von der schnellen Mark mit der Elektronik träumen.

Die Münchner »Schwencke Elektronik« offeriert die JAI 772 - eine Visierausrüstung für Kampfpanzer. Sie ist in der Lage, »Dateninformationen von fast allen Laser-Entfernungsmessern zu empfangen und zu verarbeiten. Außerdem kann eine besondere Infrarot-Kamera geliefert werden, die zusammen mit dem JAI-772-System eingesetzt wird, um eine besonders hohe Sicherheit bei der Zielerkennung zu erreichen«.

Die Firma »H.P. Marketing und Consulting« in Benstaben bei Lübeck bietet Nachtsichtgläser an, die »das Legen oder Bergen von Minen, Schießen mit Pistolen oder Maschinengewehren oder Fliegen von Hubschraubern« auch bei Dunkelheit ermöglichen. Ihr Chef Hans-Peter Wüst arbeitet mit dem bayrischen Rüstungskonzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm und mit dem Gewehrproduzenten Heckler & Koch zusammen. Er liefert sein Gerät bis Südkorea.

Die Firma »Glasco GmbH« in Bad Oeynhausen ließ sich vertraglich eine Provision für die »Ausrüstung von drei Luftlandetruppenbataillonen« in Saudi-Arabien zusichern. Die »Infrarot-Technik GmbH« (IRT) in Stuttgart bietet Spezialgläser als »erstklassiges Gerät für den Präzisionsschuß« an, »für alle Waffentypen lieferbar«. Einzige Einschränkung: »Die Ausführung Z ist in der BRD nur an Behörden oder mit behördlicher Genehmigung lieferbar.« Mit solchen Geräten sind mittlerweile die syrischen Elitetruppen ausgerüstet. »Zieldarstellungssysteme« verkauft auch die Dortmunder Firma »Capito und Assenmacher«, die sich sonst dem Stahl- und Rohrleitungsbau verschrieben hat.

Die Geschäfte werden unter großer Geheimhaltung abgewickelt.

Die Kataloge der Hamburger PK Electronic etwa sind einzeln numeriert, die Nummer muß bei jeder Bestellung angegeben werden. Unterlagen von anderen Firmen bekommt nur, wer den Händlern bekannt ist oder Referenzen vorweisen kann.

»Vertraulich« steht auf der Preisliste der PK. Eine »Geheimhaltungsverpflichtung«

verlangt auch der österreichische Panzerbauer »Steyr-Daimler-Puch AG« für die Angebotszeichnungen eines Kampfschützenpanzers und des Schützenpanzers G 127, die er ebenfalls über die deutschen Elektronik-Firmen abzusetzen sucht.

Auf jeder Seite der Puch-Unterlagen heißt es ausdrücklich: »Die Dokumentation, wie Zeichnungen, Beilagen und sonstige Beschreibungen, sind dem Empfänger persönlich anvertraut und bleiben ausschließliches Eigentum der Steyr-Daimler-Puch AG; ... sie dürfen weder kopiert noch vervielfältigt, noch dritten Personen mitgeteilt oder zugänglich gemacht werden. Unbefugte Verwertung wird gerichtlich verfolgt.«

In der Branche weiß man übereinander Bescheid und hat die Namen von Kontaktpersonen und potentiellen Abnehmern parat. »Das ist wie bei einem Familienclan«, berichtet einer, der heute noch dabei ist, »wenn da ein Fremder kommt, gehen sofort die Jalousien runter.«

Soviel Geheimhaltung ist für die Firmen überlebenswichtig. Ein indiskreter Tip an Behörden oder Medien genügt, Millionengeschäfte platzen zu lassen. Der Job ist obendrein gefährlich.

Einer, der mal als Deutschlands »Wanzenkönig« galt, hat den Handel in der Grauzone zwischen Regierungen, Militärs und Geheimdiensten wahrscheinlich mit dem Leben bezahlt. Der damals 32jährige Hamburger Kaufmann Erwin Reichenberger, als Inhaber der Firma »Micro Electronic GmbH & Co. KG« ein Vorgänger von Joachim Creutzmann, ist seit April 1976 irgendwo zwischen London und dem Nahen Osten verschwunden. Ob ihm der syrische Geheimdienst mißtraute, ob ihn die Iraker verdächtigten, doppeltes Spiel zu treiben, und ihn deshalb beseitigten, ist bis heute ungeklärt.

An einer Aufhellung des mysteriösen Verschwindens hatte die Branche keinerlei Interesse. Sie störte schon seit langem, daß der Hamburger Jungmillionär seine Wanzen auch an Bundesbürger verscherbelte und damit die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft auf sich lenkte.

So etwas tut man nicht. Nur nicht auffallen ist das Gebot der Händler. »Wir sind doch nicht verrückt und stellen beim Bundesamt für gewerbliche Wirtschaft in Eschborn Anträge auf Exportgenehmigung«, sagt einer der Versender, »damit machen wir die doch nur auf uns aufmerksam.«

Bisher ist die Tarnung gelungen, nach dem spektakulären Verschwinden Reichenbergers drang über die Kriegselektroniker nur noch wenig an die Öffentlichkeit. Und dem Zoll gelingt es selten, die falsch deklarierten Holzkisten oder Container zu entdecken, die meist per Luftfracht, gelegentlich auch mal mit dem Schiff oder Lastwagen in alle Welt reisen.

»Beim Import gucken wir schon mal in die Kisten rein«, sagt ein leitender Hamburger Zollbeamter, »beim Export kaum.« Intensive Kontrollen könnten die Ausfuhren und Geschäfte der deutschen Wirtschaft gefährden.

Im SPIEGEL-Gespräch (29/1985) räumte auch der bisherige Verfassungsschutzpräsident und designierte Chef des Bundesnachrichtendienstes, Heribert Hellenbroich, ein: »Wegen der großen Massen des Güterverkehrs ist die Zollbehörde total überfordert, jede Kiste aufzumachen. Das ganze Material wird natürlich falsch deklariert, die Zollbegleitpapiere sind schlicht gefälscht.«

Oft geht es sogar ohne Fälschung. Den Sendungen ist regelmäßig ein ordentliches Ursprungszeugnis beigefügt. Das stellt die örtliche Handelskammer aus, ohne die Ware gesehen zu haben. Das Zollamt, zuständig für die Erteilung der Ausfuhrerklärung, begnügt sich meist mit einem Blick in die Formulare.

Da geht den Beamten manches durch die Lappen. So können im vorgeschriebenen Inhaltsverzeichnis einer Lieferung, der Packing List, nach einer endlosen Aufzählung von Kleinstkameras, UKW-Empfängern und Minisendern leicht auch ein paar »Binocular nightglasses« oder einige Lasergeräte unter unverfänglicher Typenbezeichnung untergebracht werden.

Beliebt ist auch, heiße Ware als Laboreinrichtung zu bezeichnen oder nur unverfängliche Beschreibungen ihrer Einzelteile aufzuführen. Teurer und deshalb nur für große Sendungen geeignet ist der Umweg über ein Nato- oder ein exotisches Land, das nicht unter die Exportrestriktionen für Kriegsgerät fällt.

Dort kauft der Versender von einem höheren Beamten ein offizielles Endverbrauchszertifikat. Mit dieser Bescheinigung kann er dann in Eschborn die Ausfuhrgenehmigung beantragen, das Gerät verläßt regulär die Bundesrepublik - und wird von dem angeblichen Empfängerland an den wahren Bestimmungsort weitergeleitet. Natürlich beteuern alle Versender, daß sie selbst nicht mit solchen Tricks, sondern völlig korrekt arbeiten. Andere dagegen ...

»Ich weiß genau, daß es in unserer Branche genug schwarze Schafe gibt«, räumt Micro-Electronic-Chef Creutzmann ein, der sich selbst natürlich »generell von illegalen Geschäften distanziert«. Auch er verkauft Wärmebildgeräte, Infrarotgläser und andere Apparate, die er von Siemens, AEG-Telefunken und Philips bezieht.

Bei Verkaufsgesprächen sichern ihm solche Firmen schon mal ein Alleinvertriebsrecht für ein bestimmtes Gebiet zu, wie es PK-Klüver mit Philips für den Nahen Osten vereinbart hat. Creutzmann: »Das machen die schon mit für Regionen, wo sie nicht so gut drin sind.« Die großen Firmen schätzen offenbar, daß die kleinen nicht so viele Rücksichten nehmen müssen. Creutzmann: »Unsere Mittel, etwas zu verkaufen, sind eben aggressiver.«

Dank solcher Methoden hat sich die Bundesrepublik in die Spitzengruppe der Waffenexporteure geschoben. Von 1972 bis 1980, noch zu Zeiten der sozialliberalen Koalition, verzehnfachte sich der deutsche Rüstungsexport. Und als die Saudis sich Anfang der 80er Jahre für den Leopard 2 interessierten, verabschiedete das Kabinett Helmut Schmidt neue »Politische Grundsätze für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern«.

Bis dahin war es untersagt, Kriegsgerät in sogenannte Spannungsgebiete auszuführen - schon das ein schwammiger Begriff. Das generelle Verbot wurde in den neuen Bestimmungen gelockert durch eine noch schwerer faßbare Definition: Nun sind »vitale Interessen« der Bundesrepublik maßgeblich für eine Exportgenehmigung.

Inzwischen werden 72 Staaten, zwei Drittel aller Entwicklungsländer, mit deutschem Kriegsgerät beliefert. 43 davon waren zwischen 1945 und 1982 in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Das deutsche Sturmgewehr G-3 von Heckler & Koch wird in 49 Armeen benutzt, oft genug schießen, wie Iraker und Iraner im Golf-Krieg, beide Seiten mit der deutschen Renommierwaffe.

Vom aufblühenden Geschäft mit Gewehren, Kanonen, Panzern, Flugzeugen und Kriegsschiffen profitierte auch die Elektronik-Branche. Sie macht sich zudem den Vorteil zunutze, daß der Verkauf von militärischer Hochtechnologie an Entwicklungsländer in den USA, Großbritannien und anderen EG-Staaten ungleich gründlicher überwacht wird.

Die mobilen Kurzwellensender der US-Firma LMR in Kansas City fanden auf dem Umweg über die PK nach Syrien. Die automatischen »Direction Finder Systems« ADFS-210 und ADFS-927, die für den Einsatz bei der Marine bestens geeignet sind, darf der Hersteller »Ocean Applied Research Corporation« in San Diego/Kalifornien zwar nicht in den Nahen Osten oder nach Argentinien liefern, wohl aber in die Bundesrepublik. Von da geht das Gerät auf bewährten Wegen in alle Welt.

Ein von der skandinavischen »Delta« für die norwegische und schwedische Armee entwickeltes Kommunikationssystem wird von Creutzmann angeboten, der auch gemeinsame Prospekte mit der seit Mitte der sechziger Jahre einschlägig bekannten Waffenhandelsfirma »Merex AG« in Königswinter drucken läßt.

Klüver hat diverse Geräte der englisch-amerikanischen »SAS Group of Companies« im Programm, die vom Hersteller zwar in die Bundesrepublik exportiert werden dürfen, aber eben von dort nicht, mangels »vitaler Interessen« des Staates, in alle möglichen Krisengebiete.

Die Interessen der Bundesrepublik sind ohnehin nicht die Interessen der Elektronik-Versender. Als dem Firmen-Trio Kranz-Micro-Merex der Auftrag winkte, den Sitz des libanesischen Ministerpräsidenten in Beirut abzusichern, erläuterten Kranz-Spezialisten den interessierten Libanesen vor Ort die Absicherungen des Frankfurter Flughafens und des Atomkraftwerks Biblis, die sie selbst installiert hatten.

Solche Sicherheitseinrichtungen sind selbstverständlich geheim.

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