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LEHRLINGE Wie in der Disco

Nachwuchswettbewerb im Einzelhandel: Jugendliche Verkäufer managen Supermärkte und mehren den Umsatz. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Claus Zahn, 18, angehender Lebensmittel-Einzelhandelskaufmann aus Kernen im Remstal, weiß, was Hausfrauen wünschen. Drei Monate lang begrüßte er die Kundinnen des Nanz-Supermarktes in der Stuttgarter Forststraße per Handschlag. »Das ist wie beim Türsteher in der Disco«, verrät er, »der erste Eindruck ist entscheidend.«

Nach dem Einkauf schickte er alle Kunden mit einem freundlichen »Auf Wiedersehen« nach Hause. »Solche Kleinigkeiten machen's aus«, prahlt der Jung-Kassierer, »beim nächsten Mal strahlen die schon beim Reinkommen.«

Inzwischen ist Claus Zahn wieder in die heimische Filiale nach Kernen zurückgekehrt. Und so manche Stammkundin trauert dem Sonnyboy mit Lederschlips und modisch ausrasiertem Nacken nach: »Man ist sprachlos, wie man da bedient wird«, bedankte sich eine Käuferin bei der Hauptverwaltung des süddeutschen Lebensmittelkonzerns in Untertürkheim. Eine andere regte an, »dieses Projekt zu einer Dauereinrichtung zu machen«.

Das überschwengliche Lob gilt einem Modellversuch des schwäbischen Lebensmittelkonzerns, der bei Kunden und Lehrlingen gleichermaßen Zustimmung fand. Von Anfang Juni bis Ende August durften im Stuttgarter Westen erstmals zwei Dutzend Jugendliche einen Supermarkt des Familienunternehmens managen. Die Stammbelegschaft wurde derweil auf Urlaub geschickt oder in benachbarte Filialen umquartiert.

Unter Führung von Urs Frey, 18, Einzelhandelskaufmann im dritten Lehrjahr, orderten die Nachwuchsverkäufer den Nachschub, nahmen Sonderangebote ins Sortiment und machten abends Kasse. »Die ersten 14 Tage«, gesteht der Interimschef, »habe ich den Job sogar noch im Traum bewältigt.«

Trotz Sommerflaute und verstärkter Konkurrenz durch Neueröffnungen konnten die Azubis den Umsatz halten. Besonders die Zeitschriften- und die Gemüseabteilung, lobte eine Kundin, »sahen viel ordentlicher aus als vorher«.

Fast 200 Nanz-Lehrlinge im zweiten und dritten Ausbildungsjahr wollten die einmalige Chance nutzen, Erlerntes in die Praxis umzusetzen und den Laden selbst zu schmeißen. Doch nur 25, »die von der Leistung und von den menschlichen Voraussetzungen her qualifiziert waren« (Nanz-Personalchef Otto Breslauer), wurden ausgewählt.

Die Idee, Jugendlichen vorübergehend eine Lebensmittel-Filiale zu überlassen, ist nicht neu. Schon Ende Februar hatte die Hamburger Supermarkt-Kette Bolle ein ähnliches Experiment gestartet. »Wir wollten einfach mal sehen, was passiert, wenn man Jugendlichen frühzeitig Verantwortung gibt«, erzählt Verkaufsleiter Jörg Grimm.

Der Versuch war ein voller Erfolg: Die 28 Berufsneulinge im Alter von 18 bis 21 Jahren schafften es, den Umsatz binnen vier Wochen um zwölf Prozent zu steigern.

Als Pionier unter den Jugend-Markt-Managern gilt ein holländisches Unternehmen. Bereits 1982 eröffnete der niederländische Filialist Albert Heijn in Nieuwerkerk bei Rotterdam ein Lebensmittelgeschäft,

das überwiegend von jungen Leuten geführt wird. Inzwischen betreibt Heijn in Holland ein Dutzend solcher Märkte.

Da die Heranwachsenden nur vier bis sechs Monate lang auf ihren Job vorbereitet werden, bleibt zwar der Umsatz in einigen Jugendshops leicht hinter dem anderer Filialen zurück. Dafür, so schrieb das westdeutsche Branchenblatt »Lebensmittel-Praxis«, arbeiten die Angestellten »begeistert und motiviert mit«.

Während Pionier Heijn sein Modell vor allem als Beitrag zur Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit versteht, verfolgen die Schwaben mit ihrem Experiment ein ganz anderes Ziel: »Wir haben einfach Probleme«, gesteht Nanz-Personalchef Breslauer, »genügend Auszubildende für unsere Märkte zu finden.«

Trotz knapper Lehrstellen - Ende Juli suchten im Bundesgebiet noch immer mehr als 200 000 Heranwachsende einen Ausbildungsplatz - bekommt der Lebensmittel-Einzelhandel, vor allem in Süddeutschland, nicht genügend Nachwuchs. Während Supermärkte in Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Niedersachsen unter einer Vielzahl von Bewerbern auswählen können, herrscht in Ballungsgebieten wie München, Frankfurt oder Stuttgart ein Überangebot an Lehrstellen.

Ähnlich wie im Fleischerhandwerk oder Baugewerbe gilt unter Jugendlichen auch die Ausbildung in einem Supermarkt nur als zweite Wahl. Besonders die lediglich zwei Jahre dauernde Verkäuferausbildung hat unter Heranwachsenden einen schlechten Ruf, weil dem Beruf mit den ungünstigen Arbeitszeiten »noch immer das Odium des Etikettenklebers anhaftet«, so Gerd Härig vom Hauptverband des Deutschen Lebensmittel-Einzelhandels (HVL).

Hinzu kommen die geringen Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Nach abgeschlossener Lehre verdienen Verkäuferinnen etwa 1400 Mark, selbst Marktleiter bringen es meist nur auf 3000 bis 4000 Mark im Monat.

Viele Jugendliche bewerben sich nicht bei Supermärkten, weil sie den Arbeitsalltag langweilig finden. Anspruchsvollere Arbeit übertragen die großen Konzerne auf die Zentrale oder den Filialleiter. Da die Kunden »schnell und billig an ihre Waren kommen wollen«, bleibt die Tätigkeit des Personals, wie Peter Schenkel vom Berufsbildungsinstitut in Berlin einräumt, »weitgehend aufs Regalefüllen reduziert«. »Die müssen malochen wie wahnsinnig«, sagt Margret Moenig, Bildungsexpertin der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, »dann kommt der Substitut, und dann ist erst mal Feierabend.«

Um den Beruf des Verkäufers aufzuwerten, schlagen die Gewerkschaften vor, künftig den Kaufhaus-Azubis, wie schon jetzt den Einzelhandelskaufleuten, eine dreijährige Ausbildung vorzuschreiben. Dadurch könnten die oft überforderten Filialleiter entlastet und die Berufschancen des vorwiegend weiblichen Verkaufspersonals verbessert werden.

Doch gerade die Lebensmittelfilialisten wehren sich am stärksten gegen die Abschaffung der Schmalspurlehre bei der geplanten Ausbildungsreform im Einzelhandel. Die zweijährige Ausbildung, argumentiert HVL-Präsident Robert Pütthoff, werde »den Bedürfnissen der Jugendlichen besser gerecht«. Außerdem komme die geforderte längere Ausbildungszeit die ohnehin kränkelnde Lebensmittelbranche zu teuer.

So versuchen die Supermarktmanager durch publikumswirksame Aktionen Nachwuchs zu keilen - zumindest in den Stuttgarter Nanz-Betrieben mit Erfolg. Nach Einrichtung der Lehrlingsfiliale gelang es dem schwäbischen Familienunternehmen, 80 offene Ausbildungsplätze zu besetzen. Wegen des großen Zuspruchs will die Firma den Versuch im nächsten Jahr wiederholen.

An willigen Bewerbern wird es nach Einschätzung des Jung-Kassierers Zahn nicht fehlen: »Das ist schon toll«, lobt er das Nanz-Modell, »wenn man selbst ausprobieren kann, was einem sonst nur zwischen Tür und Angel erklärt wird.«

Über Erfolgserlebnisse ganz anderer Art freuen sich nach dem dreimonatigen Experiment vier seiner jungen Kollegen: Sie fanden im Lehrlingsmarkt auch ihren Partner für die Freizeit.

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