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Briefe

WIE IN DER SCHWEIZ
aus DER SPIEGEL 44/1970

WIE IN DER SCHWEIZ

(Nr. 43/1970, SPIEGEL-Report über Gastarbeiter)

Die Lage der Gastarbeiter, die für billiges Geld ihre Arbeitskraft an deutsche Konzernherren und Unternehmer verkaufen, besser: »verschenken«, ähnelt in gewisser Weise dem Los des ausgebeuteten und besitzlosen Proletariats zur Zeit des Frühkapitalismus. Denn genau wie die Werktätigen des 19. Jahrhunderts werden heute die ausländischen Gastarbeiter rücksichtslos ausgebeutet und zu Menschen zweiter Klasse, zu Sklaven degradiert. Sie dienen den Unternehmen als billige, zu jeder Zeit austauschbare Arbeitskraft, verrichten Schwerstarbeiten, die jeder für menschenunwürdig erklären würde, ihr Lohn überschreitet selten das Existenzminimum.

Hamburg PETER ROSENDAHL

Daß Sie das Problem des ausländischen Arbeitnehmers aufgreifen, ist notwendig. Daß Sie das Wort Ausbeutung einen Philosophen und Soziologen sagen lassen, läßt vermuten, daß der SPIEGEL hier Mut und Konsequenz scheut. Die Ausbeutung der Ausländer ist trotz Geldrückfluß indirekt auch Ausbeutung der Heimatländer und eine Infragestellung der Humanität unseres Wirtschaftssystems.

Reutlingen (Bad.-Württ.) GERHARD BLUM

Sozialsekretär

Als Maurer habe ich täglich mit Gastarbeitern zu tun und möchte darum nur einige Aspekte in Anführung bringen, die Licht in das Dunkel bringen können. Prinzipiell war bisher festzustellen, daß Gastarbeiter in den

* In Düsseldorf.

meisten Fällen nicht die fachliche Qualifikation aufweisen, wie sie bei uns mm einmal wünschenswert ist. In den wenigsten Fällen ist das Bemühen zu erkennen, daß sie sich mit uns verständigen wollen, Indem sie versuchen, wenigstens die notwendigsten Sprachkenntnisse in unserer Landessprache zu erwerben. Statt dessen müssen wir oft erleben, daß sie, die ihre Frauen hüten wie den eigenen Augapfel, sich »lustig machen« über unsere Frauen, Kinder in die Weit setzen, obwohl zu Hause auch verheiratet und mit Kindern reich gesegnet, sich sogar nicht scheuen, über uns Spottlieder zu singen, weil der deutsche Arbeiter zuviel arbeiten geht, und sie derweil Zeit finden, seine Frau zu verführen.

Berlin KURT LÖHNERT

Es ist nicht jeder Fall, der auf den ersten Blick skandalös erscheint, nur den Vermietern, den Arbeitgebern, den Deutschen allgemein zuzuschreiben. Wuppertal TILL SÖLING

Was hier von den Vermietern für menschenunwürdige Löcher für Preise verlangt werden, ist schlicht gesagt eine riesengroße Sauerei.

Heilbronn PETER PFÄFFLE

Sie haben in Ihrer Dokumentation einige mir aus langjähriger beruflicher Beschäftigung mit dem Ausländerproblem bekannten Fakten -- wie ich hoffe -- aus Versehen -- und nicht In böser Absicht -- verschwiegen:

1. Die prekären Wohnverhältnisse von Gastarbeitern beruhen überwiegend auf der nachweislich inneren Einstellung der ausländischen Arbeitnehmer, den Mietkostenanteil in ihrem Monatsbudget so gering wie möglich zu halten. Die meisten ausländischen Arbeitnehmer kommen nur eine begrenzte Zeit nach Deutschland ...

2. Auch verkennen oder verschweigen Sie -- was mir durch eine Reihe von Reisen In Ursprungsländer unserer Gastarbeiter bekannt ist -- die für uns in der Regel unzumutbar erscheinenden Wohnverhältnisse dort.

3. Sie verkennen, daß die ausländischen Arbeitnehmer aufgrund Ihrer typischen Lebensgewohnheiten für angrenzende, ruhebedürftige Nachbarn als Mitmieter oder Mitbewohner eines Hauses nicht sonderlich attraktiv sind. Wollen Sie es einem Hauseigentümer verübeln, wenn er, Wahlmöglichkeiten vorausgesetzt, sich dann einen deutschen Mieter nimmt? 4. Zumindest zu Beginn ihrer Tätigkeit mit Sicherheit, jedenfalls aber auch noch in späteren Jahren bestehen zwischen Deutschen und Ausländern erhebliche sprachliche Verständigungsschwierigkeiten. Ein nur deutsch sprechender Hauseigentümer wird es sicher schwer haben, im Interesse der Aufrechterhaltung der Hausordnung oder der Bewohnbarkeit der Räume (zum Beispiel eilbedürftige sanitäre Anweisungen) notwendige Anordnungen dem Mietpartner verständlich zu machen. Dieser kann, und Erfahrungen beweisen das, sich mit höflichem »Kannitverstan« doch jederzeit heraushelfen. Gerade Im Abbau dieser formalen Verständigungsschwierigkeiten liegt ein noch unbeackertes Feld staatlicher Vermittlungs- und Betreuungsarbeit.

Stuttgart ROLAND W. HECKLINGER

Dr. jur.

So gründlich Ihr »Gastarbeiter«-Bericht Ist, so beiläufig ist er In der Würdigung dessen, was Hörfunk und Fernsehen In der Bundesrepublik Deutschland tun. Im Radio werden von Hamburg bis München täglich je vierzig Minuten für Italiener, Spanier, Griechen, Türken und Jugoslawen gesendet. Im Fernsehen bietet das ZDF am frühen Samstagnachmittag alternierend für Italiener, Spanier und Jugoslawen ein Programm, das aus dem »Gastarbeiter«-Herkunftsland geliefert wird. Das westdeutsche Fernsehen, das Dritte Programm des Westdeutschen Rundfunks, sendet seit fünf Jahren an jedem Werktag zwischen 19 und 20 Uhr zehn Minuten »Ihre Heimat -- unsere Heimat« für Italiener, Spanier, Griechen, Türken und Jugoslawen -- und zwar in Verantwortung und in Herstellung durch den WDR. Die Ansagerinnen dieser Programme sind die populärsten »Gastarbeiterinnen« an Rhein und Ruhr.

Weil die Bezeichnung »Gastarbeiter« unzulänglich Ist, wollen wir zudem versuchen, durch ein Preisausschreiben (unter Mitwirkung des DGB, des BDA sowie der Industriellen Arbeitgeberverbände von Nordrhein-Westfalen) einen besseren Begriff für unsere »Arbeitsgäste« zu finden.

Köln WERNER HÖFER

Programmdirektor des WDR

Dieses Problem wird auch tu Deutschland nur dadurch zu lösen sein, daß man die Zahl »der Gastarbeiter durch Gesetze beschränkt, wie dies auch die Schweiz getan hat.

Sparwiesen (Bad.-Württ.) K. DITSCH

Sie haben ja recht, Indem Sie sagen, wir sind die Kulis dieser Gesellschaft. Aber malen Sie nicht doch etwas zu schwarz? Natürlich, das Wohnproblem Ist sehr groß. Aber dies tat ein deutsches, sozialpolitisches Problem. Den leisten auf der sozialen Stufe beißen die Hunde. Egal, ob Deutscher oder Gastarbeiter. Klar, wir werden oft als Störfaktor empfunden. Aber ist dieses Empfinden nicht fast verständlich -- wenn auch nicht entschuldbar -- In einem Land, wo über zehn Jahre lang Rassenhaß als Staatsreligion galt? Lieber ein »Spaghetti« in Deutschland, als ein »Tschingge« in der, ach so liberalen, Schweiz! Jene Arroganz, mit welcher die Eidgenossen uns Fremdarbeiter behandeln, kennen die Deutschen gar nicht.

Nürnberg PAOLO OBERRAUCH

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