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Wie in der Südkurve

Seit das Kabel-TV Topereignisse im Sport live überträgt, schließen sich Fußballfans zu »Fernsehnotgemeinschaften« zusammen. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Fußballfan Alfred Bauch, 61, quetschte sich in seinem kleinen Wohnzimmer in Stuttgart-Zuffenhausen neben zehn wildfremde Männer vor das Fernsehgerät. Schwitzend, aber glücklich erinnerte er sich an alte Zeiten: »Weltmeisterschaft 1954, als noch keiner eine Flimmerkiste hatte, da hab'' ich in einer Kneipe mit Fernseher die deutsche Mannschaft siegen sehen.«

Eng war es am Dienstag voriger Woche auch auf dem Bremer Domshof. Dort drängten sich 20000 Werder-Fans um einen 22 Quadratmeter großen Bildschirm. Im Hamburger »Hotel Elysee« begeisterten sich Nadelstreifen-Hanseaten neben grün-weißen Werderanern für den Torjäger Völler mit »Rudi, Rudi«-Rufen.

In München tobten 6000 Bayern-Anhänger vor einer 48-Quadratmeter-Glotze in der Olympiahalle wie in der Südkurve des Stadions. Den 1,2 Millionen Mark teuren Großbildprojektor mit Leinwand hatte eine Boulevardzeitung eigens aus Hamburg herangekarrt. In Osnabrück gründeten sich »Fernseh-Notgemeinschaften«, in Göttingen strömten 3500 Leute vor einer Leinwand auf dem Marktplatz zusammen, um Werder Bremen vs. Bayern München nicht zu versäumen, das Bundesliga-Endspiel, das dann am Ende doch keins wurde (Endstand 0:0).

Der Stuttgarter Alfred Bauch kann bei Sportereignissen von Rang bis auf weiteres mit reichlich Besuch rechnen. Seit sich ARD und ZDF von dem Privatsender SAT 1 immer mal einen Knüller wegschnappen lassen, hat er »plötzlich viele Freunde«. Bauchs Wohnung ist für Satellitenprogramme verkabelt - wie derzeit 1,1 Millionen Haushaltungen in der Bundesrepublik.

Wer sich bei solchen Gelegenheiten mit öffentlich-rechtlichen Programmen zufriedengeben muß, reagiert ungehalten. »Gemein« findet es ein Bremer Fußballfan, daß »man auf einmal außen vor ist, bloß weil wir nicht so einen Kupferdraht haben«. Und viele sind, so eine Münchnerin, »schwer enttäuscht« daß Fußball »bald was Exklusives wird, weil ZDF und ARD nicht genug zahlen wollen«.

Den Zorn der Ballfreunde hatte sich in diesem Fall das ZDF zugezogen, das bei der Versteigerung der TV-Rechte für die Übertragung einfach ausgestiegen war. 250000 Mark hatten die Mainzer dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) geboten, doppelt soviel, wie zu Zeiten ohne Privat-Konkurrenz für ein Länderspiel gezahlt wurde.

SAT-1-Programm-Direktor Peter Gerlach, lange Jahre Unterhaltungschef beim ZDF, überbot seinen ehemaligen Arbeitgeber um 100000 Mark plus Mehrwertsteuer und erhielt den Zuschlag für das vermeintliche Schlagerspiel.

Wer kein SAT 1 hat, der soll sich als Fernsehkunde zweiter Klasse fühlen - das wollen die Manager des Privatkanals mit ihrem Kicker-Coup erreichen. Unterstützung finden sie bei der Lobby des Kommerz-TV wie der konservativen »Welt«, die durch den Springer-Konzern mit den SAT-1-Machern verbandelt ist. Das Blatt forderte die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf, »mehr an die Zuschauer zu denken«, statt bei Verhandlungen über Fußballübertragungen »sinnlose Prinzipienreiterei« zu betreiben.

Als »total unfair und faktisch falsch« verurteilt der Leiter des ZDF-Sportstudios Wolfram Esser die »Kampagne gegen die Anstalten«. Schließlich, so Esser, war es unabhängig vom Preis »praktisch ausgeschlossen, daß wir die Rechte für die Übertragung Werder-Bayern bekommen konnten«.

Esser verweist auf Regeln des DFB. Danach dürfen auch Topspiele nicht live übertragen werden, wenn andere Vereine zur gleichen Zeit kicken - am Dienstag vergangener Woche gab es acht weitere Bundesliga-Begegnungen. Wenn ein Spitzenmatch bundesweit vom Fernsehsessel aus zu haben ist, erläutert DFB-Sprecher Rainer Holzschuh, »sind die Stadion-Tribünen leergefegt«.

Gerade kleine Vereine wehren sich, so Holzschuh, gegen die Fußballshows im Fernsehen, weil sie auf die Stadion-Einnahmen angewiesen sind. Die Beschränkungen gelten im Prinzip natürlich auch für das Kommerz-TV. Doch weil SAT 1 vorerst nur einen begrenzten Kundenkreis bedienen kann, setzten sich beide Seiten pragmatisch über die DFB-Beschränkungen hinweg. Holzschuh: »SAT 1 stört den Spielbetrieb kaum.«

ZDF und ARD ziehen also auch deshalb den kürzeren, weil sie von den Alpen bis zur Nordsee alle Fernseher bedienen können. Mitgeboten hatte das ZDF zunächst, weil das Spiel hätte verlegt _(Am Dienstag vergangener Woche im ) _(Hamburger Hotel Elysee beim Spiel Werder ) _(Bremen gegen Bayern München. )

werden können, wenn die Deutsche Meisterschaft am vorletzten Spieltag schon entschieden gewesen wäre. Dann hätte sich der Einspruch der anderen Vereine gegen die Live-Übertragung für das große ZDF-Publikum erübrigt.

Unverdrossen wehren sich die Alt-Stationen allerdings gegen die hohen Preise für Übertragungsrechte. Denn »natürlich«, so DFB-Funktionär Holzschuh, »fordern wir im Interesse unserer Vereine auch weiterhin möglichst viel«. Das ZDF, so dagegen Chefredakteur Reinhard Appel, trage eine Verantwortung auch als Sachwalter der Gebühren. Appel: »Wir sind und werden kein Sportkanal.«

SAT 1 wird das so schnell auch nicht. Was das Kommerz-TV bei der Übertragung zu bieten hatte, hob sich keineswegs vorteilhaft ab von den Sportberichten in ZDF oder ARD - im Gegenteil. Die Bildführung war kläglich, der Kommentar primitiv; einzig Gastmoderator Paul Breitner genügte professionellen Ansprüchen.

Programm-Chef Gerlach muß sich fürs erste mit seinem kleinen Sport-Team begnügen. Dabei steht er unter Druck. Sein Fernsehbaby SAT 1 »kämpft um Aufmerksamkeit«. Der TV-Manager wird auch künftig hoch bieten. Er kalkuliert: »Das rechnet sich bisher zwar gar nicht, wird aber trotzdem ein gutes Geschäft.«

Daß die Fans bei dem Geschacher »in gewisser Weise veräppelt« werden, räumt DFB-Mann Holzschuh ein. Das sei allerdings »nur vorübergehend«, hofft er, bis ARD und ZDF »merken, was ihnen die Fußball-Zuschauer wert sind«.

Am Dienstag vergangener Woche im Hamburger Hotel Elysee beim SpielWerder Bremen gegen Bayern München.

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