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Wie in einer Kettenreaktion kippten die Kurse

Das Desaster begann an der New Yorker Börse, dann stürzten die Aktienkurse in Tokio und Hongkong, in London und Frankfurt. Auf den schwarzen Montag mit Milliarden-Verlusten folgten Hektik und Panik. Alte Ängste wurden spürbar: Droht eine neue Weltwirtschaftskrise, kommt es zum lange prophezeiten großen Crash?
aus DER SPIEGEL 44/1987

Am Tag, als es in Wall Street krachte, lag stahlblauer Himmel über New York, und die Luft war lau. Die Broker und Bankiers von der Finanzmeile hatten ein farbenprächtiges Wochenende in den herbstlichen Wäldern von Long Island und Connecticut hinter sich. Nach einer hektischen Woche, in der das Dow-Jones-Börsenbarometer, bestehend aus 30 führenden Industrieaktien um fast 250 Punkte auf 2246 gerutscht war, genossen sie Neuenglands lichtvollen Indian Summer.

Kein Grund zur Panik, hatte sich Börsen-Guru Henry Kaufman vom Wall-Street-Haus Salomon Brothers am Freitag noch im Fernsehen vernehmen lassen. Robert Prechter, als Verfasser eines Börsenbriefes in Prognosen ebenfalls geübt, schien mit seiner Zukunftsschau richtig gelegen zu haben: Der Dow werde wieder klettern, nur eine kleine Delle stehe bevor.

Die Delle, so hofften die Experten der Wall Street, als sie am Montagmorgen wieder nach Manhattan rollten, war überstanden. Nancy Reagans Krebsoperation war ein heißeres Thema als die Verfassung der Finanzmärkte.

Allenfalls amüsiert und befriedigt nahmen die Wall-Street-Leute auch zur Kenntnis, daß ihr Finanzminister James Baker es den arroganten Deutschen gegeben hatte, die sich sperrig zeigten und ihre Wirtschaft nicht ankurbeln wollten. Noch von Washington aus hatte Baker gedroht, den Dollar nach unten rauschen zu lassen und damit den deutschen Export zu gefährden (siehe Kasten Seite 140). Dann war Baker selbst nach Frankfurt gefahren, um den Deutschen Dampf zu machen. Großartig, der Mann.

Doch die Computerprogramme in den Wall-Street-Firmen werteten Bakers Worte anders: als veränderte Datenkombination. Und die Eigenheimbesitzer mit ihren hohen Hypotheken auch. Wall Streets Kursverluste in der Woche davor und der transatlantische Streit um Dollar, Zinsen und Wachstum galten als Wackelpartie der Weltwirtschaft. Was konnte kommen? Höhere Zinsen und sinkende Kurse etwa?

Da gab es nur eins: Raus aus den Aktien, raus, raus. Es blieb nicht bei der kleinen Delle im Dow Jones, es wurde ein schwarzer Montag. Als die Broker, fassungslos und erschöpft, nach Börsenschluß Bilanz zogen, sprachen viele von einem Massaker.

Binnen sechs Stunden stürzte der Marktwert sämtlicher börsennotierter Unternehmen Amerikas steil nach unten. Der Dow-Jones-Index verlor 508 Punkte an einem einzigen Tag. Vom US-Wertpapiervermögen, im Spätsommer noch auf 3000 Milliarden Dollar geschätzt, waren seitdem 1000 Milliarden verloren, am schwarzen Montag allein über 500 Milliarden.

Im großen Saal der New York Stock Exchange, dem Eckhaus von Broad Street und Wall Street, lagen die Händler vor Entsetzen quer auf den Bänken. Auf den Bildschirmen rauschten die Notierungen wie im freien Fall vorbei. Die computergesteuerten Verkaufsorders durchschlugen eine Widerstandsschwelle nach der anderen, als raste eine Bombe vom Dach her durch die Stockwerke eines Hauses: 2200... 2100... 2000.. . 1900... 1800...

Bei 1738 war das Ende gekommen - für viele im wahrsten Sinne des Wortes. »Dort können Sie jetzt Leute sehen«, so ein deutscher Banker vor Ort,"die ganz, ganz arm geworden sind.«

Mit aufgerissenen Kragenknöpfen und wirren Haaren hingen viele Aktienhändler schlapp auf ihren Stühlen. Mit jedem Blick auf die Monitore schlugen die einen sich gegen die Stirn, vergruben die anderen den Kopf in den Händen. Manche

stierten nur fassungslos vor sich hin. Aufgerissene, feuchte Augen: Wo sind die Millionen geblieben?

Weltweit breiteten sich alte Ängste und Panik aus. War es das Ende des Bull Markets, der stetigen Aufwärtsbewegung der Aktienkurse? Drängten nun nach fünf Jahren Boom die Bären, Symbole der Baisse, aufs Parkett? Sollte es gar zum großen Crash kommen, zum Zusammenbruch der führenden Volkswirtschaften, den selbsternannte Propheten seit langem vorhersagen?

Der Sturz an den Börsen zumindest war tiefer als 1929, dem Jahr der großen Krise. Wie in einer Kettenreaktion kippten die Kurse in Tokio um 15 Prozent, in Sydney um 25 und in Singapur um über 20 Prozent. Als in Hongkong der Hang-Seng-Index in wenigen Minuten um 300 Punkte wegrutschte, machte Börsenchef Ronald Li sein Haus für den Rest der Woche zu.

In Europa verlief der Kurssturz vergleichsweise milde. In London verfielen die Kurse im Schnitt um zehn, in Zürich um elf und in Paris um fünf Prozent. In Frankfurt waren die Verluste mit sieben Prozent fast bescheiden.

Doch bestürzend war die Liste der großen Verlierer auch hier. An einem einzigen Tag verlor die Aktie der Allianz 235 Mark, Daimler-Benz sackte um 109, Nixdorf um 83 und Deutsche Bank um 74 Mark. Die deutschen Aktionäre wurden am Montag um 30 Milliarden Mark ärmer.

Die Verluste aller Börsen der Welt lagen Anfang der Woche, zumindest auf dem Papier, über einer Billion Dollar. Das ist eine Zahl mit zwölf Nullen.

Die Mächtigen der westlichen Welt meldeten sich spontan zu Wort, um die Hysterie in Grenzen zu halten. Das ökonomische Fundament sei solide, meinte US-Präsident Ronald Reagan, keine Panik, die Kunden müßten nur »Vertrauen« haben. Vor allem die Finanzminister der Länder suchten den »Crash« oder »Le krach«, wie die Franzosen sagen, lautstark zu übertönen. Die Wirtschaft sei gesund, die Aktionäre sollten »langfristig« denken, sagte Edouard Balladur in Paris. Der Londoner Schatzkanzler Nigel Lawson nannte die Kursstürze geradezu »absurd« .

Die Aktien gingen nun mal »auf und ab«, beschwichtigte der japanische Finanzminister Kiichi Miyazawa. Auch für Bonns Gerhard Stoltenberg war die plötzliche Baisse »rational nicht zu begründen«.

Die Seelenmassage schien zunächst Erfolg zu haben - am Mittwoch der vergangenen Woche ging es bereits wieder bergauf. An der Tokioter Börse wurden die Kurseinbußen gut zur Hälfte wieder wettgemacht. In New York kletterte der Dow-Jones-Index wieder über die wichtige Schwelle von 2000 Punkten.

Auch in der Bundesrepublik war der schwarze Montag zunächst vergessen. Eine Flut von Kaufaufträgen schwappte am Mittwoch durch die acht deutschen Börsen. Die Öffnungszeiten mußten um eine Stunde verlängert werden.

Als endlich alle Orders zusammengezählt waren, gab es eine tröstlichere Bilanz. Bei einigen Papieren war der Stand der Vorwoche fast wieder erreicht.

Der Kurs der AEG-Aktie etwa war von 310 auf 283 abgestürzt, bis Mittwoch aber wieder auf 307 geklettert. Der VW-Kurs fiel von 361 unter 320 Mark, stieg dann auf knapp 350 Mark.

Doch die nervöse, gefährliche Grundstimmung blieb. Die Börse war im Fieber, dem Kaufrausch vom Mittwoch, der die Kurse nach oben trieb, konnte rasch ein neuer Sturz folgen. Mit einemmal schien alles möglich.

Tatsächlich ging es am Donnerstag schon wieder steil nach unten. In New York wie in Tokio und Frankfurt sackten die Aktienpreise.

Die Börsianer haben den Laien schon immer mit Sprüchen beglückt, die zum Erfolg im Aktienroulette führen sollen, aber letztlich nur platt und nichtssagend

sind. »Buy low, sell high«, heißt es etwa - billig kaufen, teuer verkaufen. Oder: »Cut your losses short, let your profits run« - Verluste kappen, Gewinne laufenlassen. Doch diesmal beschränkten sich die Erklärungsversuche der Börsianer auf alte Volksweisheiten: Wer hoch steigt, kann tief fallen.

Der Sturz, der am Montag der vergangenen Woche begonnen hatte, erschreckte selbst abgebrühte Börsenkenner. »Ich habe nie gedacht«, sagte der New Yorker Börsenpräsident John J. Phelan, »daß ich in meiner Amtszeit einmal so kurz vor der finanziellen Kernschmelze stehen würde.«

Die Kernschmelze, eine Wiederholung des Wall-Street-Desasters von 1929, das zur Weltwirtschaftskrise führte, fand nicht statt. Doch dichter denn je seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der westliche Kapitalismus, hatte die industrielle Welt vor dem Zusammenbruch gestanden. Schlimmer noch als am Schwarzen Freitag des Jahres 1929 hatte es an jenem Montag von 1987 auf den Finanzmärkten ausgesehen. Unausdenkbar, wenn es weiter nach unten gerauscht wäre. Jede Kreditsicherung, Milliarden von Privatvermögen wären dahin, ein Run auf die Banken und ihr Bares wäre möglich gewesen. Eine Weltwirtschafts-Katastrophe, ausgelöst durch weltweite Spekulation, verstärkt durch den Einsatz der modernen Technik.

Die Börsenjobber rätseln noch, warum ihnen plötzlich der Himmel aufs Haupt gestürzt ist, doch nachdenkliche Geister haben längst die entscheidenden Ursachen für das Kursgemetzel der vergangenen Woche ausgemacht. Die wichtigste: Sie haben's alle zu toll getrieben, die Broker und die Banken, die Anleger und die Regierungen.

Die Börsen der Welt, vor allem die in New York und Tokio, sind in den vergangenen Jahren zu Spielkasinos geworden. Die Preise für die dort gehandelten Anteilscheine hatten mit der Realität, das heißt der wirtschaftlichen Verfassung und den Zukunftschancen der betreffenden Unternehmen, am Ende nur noch sehr wenig zu tun.

Die Kurse waren vielfach grotesk überhöht. So waren etwa die Aktien des japanischen Konzerns NTT mehr wert als alle an den deutschen und französischen Börsen gehandelten Papiere zusammen .

Der Grund für diese spekulative Übertreibung, die auch jetzt nur zum Teil korrigiert wurde, ist in der weltweit seit Jahren enorm ansteigenden Liquidität zu suchen. Eine schwer kalkulierbare Welle von Milliarden und aber Milliarden Dollar schwappt um den Erdball, mal nach New York, mal nach Tokio, Hongkong oder Frankfurt, und sucht eine Anlage.

Die Milliarden stammen zum Teil aus westlichen Industrieländern, die seit Jahrzehnten im Wohlstand leben und beachtliche Kapitalvermögen angehäuft haben. Zum anderen kommen sie aus den bevölkerungsarmen Scheichtümern, die trotz des Luxuslebens ihrer Potentaten nach wie vor für einen Großteil ihrer Erdölexporterlöse nur eine Verwendung haben: Kapitalanlagen. Auch die Kapitalflüchtlinge vor allem Lateinamerikas verstärken die Welle anlagesuchender Gelder.

Der weitaus größte Batzen an Liquidität aber stammt aus Japan. Da die sparwütigen Asiaten nur einen kleinen Teil ihrer Exportüberschüsse konsumieren oder in Fabriken, Straßen und Wohnungen investieren, haben es die japanischen Banken und Brokerhäuser schwer, das Geld ihrer Kundschaft sinnvoll anzulegen .

Mangels geeigneter anderer Anlagemöglichkeiten steckten sie das Geld außer in Regierungspapiere vor allem in die Börsen in Tokio und New York. So trieben sie dort die Kurse in schwindelerregende Höhen.

Das konnte ja nicht gutgehen, sagen nun die schlauen Börsianer - wer hoch steigt... Manche wollen es sogar schon früher gewußt haben. Elaine Gazarelli etwa, Analystin der Wall-Street-Broker Shearson Lehman Brothers, hatte schon im Sommer gewarnt: Die Kurse würden mit 60 Prozent Wahrscheinlichkeit bald heruntergehen.

»Wenn Sie in einem Flugzeug 60 Prozent Absturzchance haben«, fragte Elaine suggestiv, »was würden Sie tun?« Sie empfahl, das gesamte Börsen-Investment in Bares einzutauschen.

Solche spekulativen und spektakulären Wahrscheinlichkeitsrechnungen gefielen nicht jedem. Doch viele Fachleute in New York hatten die Sorge, »daß die Märkte übertreiben«, wie ein Banker vorsichtig formulierte. Die Diskrepanz zwischen den auf die Dauer bedrohlichen Wirtschaftsdaten der USA - hohe Defizite im Budget und in der Handelsbilanz, steigende Zinsen - und dem Aktienboom an den Börsen war rational längst nicht mehr erklärbar.

Präsident Ronald Reagans Optimismus, sein Talent, aus ganz Amerika eine Traumfabrik zu machen, hatte auch vor den rationalen Superstars in den wild wachsenden Wall-Street-Firmen nicht haltgemacht. Die Skeptiker verschwanden allmählich aus der Geldszene.

Nur noch Versprengte an den alten Ostküsten-Hochschulen wie Harvard melden sich gelegentlich und dann vergebens zu Wort. Ein so erfahrener Ökonom

wie John Kenneth Galbraith drohte sich mit seinen Hinweisen auf 1929 der Lächerlichkeit auszusetzen.

Noch 1982 hatten die Wall-Street-Analysen das Haushaltsdefizit der Amerikaner und die Fixierung auf das Rüstungsgeschehen für so börsenschädlich gehalten, daß sie einen Stillstand, wenn nicht gar Rückgänge in der Kursentwicklung prophezeiten. Damals lag der Dow Jones unter 1000. Als er im Februar 1986 bei 1600 ankam, gaben die Analysten ihre Warnungen auf und ließen die Dinge laufen.

Die Chemical Bank von New York, eine der fünf am besten bewerteten Amerikas, schloß kurzerhand ihre volkswirtschaftliche Abteilung, weil deren Prognostiker stets danebengehauen hatten. Als der Index knapp ein Jahr später über 2000 kletterte, ließen selbst die Skeptiker sich widerstandslos auf die Hoffnung ein, er werde auch die Schwelle der 3000 noch überspringen.

Dabei hatten der Dow-Jones- und auch der Standard-&-Poor's-Index für 500 Industriewerte längst Höhenlagen markiert, die jede Hoffnung auf weitere Kursgewinne zerstören mußten: *___Die durchschnittliche Dividendenrendite der Aktien (das ____Verhältnis von Ausschüttung zum Tageskurs) war seit ____1982 von 6,0 auf 2,4 Prozent gesunken - auf den ____niedrigsten Wert seit Menschengedenken. *___Der Kurswert der Aktien war seit 1982 im Vergleich zum ____Buchwert von durchschnittlich 1,0 auf 2,7 gestiegen. *___Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, 1981 noch bei soliden 7,5 ____zu 1, lag im August 1987 mit durchschnittlich 22,5 zu 1 ____auf seinem historischen Höhepunkt. Nur Ende 1961 hatte ____es so etwas schon einmal gegeben.

Alle drei Werte weisen das Mitte 1987 erreichte Kursniveau als gefährlich überhöht aus. Aber Wall Street blieb seltsam gelassen. Das hängt zum Teil mit den neuen Leuten zusammen, die sich in der »Street« festgesetzt haben. Die alten Herren, die noch den Crash von 1929 erlebt hatten, sind weg, Donald Regan von Merrill Lynch war einer der letzten. Ihnen folgten auf Business-Schulen gedrillte Finanzhechte, denen der Sinn für wirtschaftliche Katastrophen und ihre politischen Folgen abgeht.

Wall Street ist eine Mischung von spekulativer Sturheit und höchstem naturwissenschaftlichem Intellekt geworden. Abgänger von Business Schools und Universitäten sahen solche Geldchancen, daß ein großer Teil der intellektuellen Elite sich dort, am äußersten Zipfel Manhattans, einnistete.

Ökonomen und Mathematiker haben das Spiel mit dem großen Geld verfeinert. »Financial Engineering« heißt das jetzt; die feine Börsennase, die den Trend noch riechen konnte, ist nicht mehr gefragt.

Die moderne Technik hat alles verändert. Die neue Generation der Broker arbeitet mit Supercomputern. Die hochspezialisierten Aktienmakler haben mathematische Ablaufmodelle entwickelt, mit denen sie auf Knopfdruck in das Börsengeschehen gehen und angeblich weit in die Zukunft sehen können.

Und sie haben so viel Provisionen aus Einzelgeschäften oder so viel Gewinnbeteiligung, daß sie wie eigene Unternehmer vorgehen können.

Die Computer können in Gedankenschnelle Massen von Verkauf- oder Kauforders bewegen, die früher unvorstellbar waren. Allein am Montag der vergangenen Woche verbuchte das vollelektronische System am New York Stock Exchange rund 600000 Orders, das gehandelte Volumen: mehr als 600 Millionen Aktien.

Und eben die moderne Technik, die vorher das Geschäft an der Börse so glänzend laufen ließ, führte schließlich am schwarzen Montag auch zum tiefen Sturz. Computertechnologie und Telekommunikationsmittel haben den Kurssturz in New York zwar nicht verursacht, aber doch beträchtlich verstärkt.

Informationen gehen in Sekundenschnelle um die Welt und sind überall auf den Bildschirmen der Investoren und Händler gleichzeitig abzulesen. Die Reaktionen auf diese Informationen, die Order zu kaufen oder zu verkaufen, erfolgen heute schneller, in größerer Zahl und gleichförmiger als früher.

Immer häufiger werden die Reaktionen überdies völlig dem Computer überlassen. Dieser führt dann zum Beispiel

sogenannte Stop-loss-orders automatisch aus, ohne daß ein Händler noch einmal darüber nachdenkt; bei Erreichen eines gespeicherten Mindestkurses wird der Verlust für den Anleger begrenzt indem der Computer verkauft. Da die Computer meist nach sehr ähnlichen Methoden programmiert sind, treten sie fast gleichzeitig in Aktion und lösen riesige Kauf- oder Verkaufswellen aus.

Schlimmer noch wirkte sich der sogenannte Programm-Handel aus. Diese moderne Form des Börsengeschäfts, die mit den Finanz-Terminbörsen in Chicago sich erst in den vergangenen vier Jahren erfolgreich entwickelte, löst Kauf oder Verkauf umfangreicher Aktienpakete anhand gespeicherter Daten aus. Besonders die neueste Technik des Programmhandels, die sogenannte Portfolio Insurance, auch Dynamic Hedging genannt, eine besonders raffinierte Technik zum Schutz vor schweren Kursverlusten, ist seit Montag unter Beschuß geraten.

Die Technik beruht auf der Überlegung, daß die Kurse für Index-Kontrakte an den Terminbörsen nicht so schnell fallen wie die Kurse der einzelnen Papiere an der Aktienbörse. Programm-Händler verkaufen daher nicht Aktien selbst, sondern dazugehörige Index-Kontrakte an den Terminbörsen in Chicago. Anfallende Gewinne sollen mögliche Verluste bei den Aktien ausgleichen.

Wird massenhaft in Chicago verkauft, so zeigte sich vergangene Woche, geht es allerdings in New York wesentlich steiler bergab. Die Verkaufswellen auf den Terminmärkten drücken die Terminkurse; diese ihrerseits ziehen die Aktienkurse in breiter Front in die Tiefe.

Börsenpräsident Phelan hat aus dem Krach vom Montag schnell die Konsequenzen

gezogen. Er forderte die Broker auf, den sogenannten Programmhandel vorläufig einzustellen.

Weitere Kursstürze gegen Ende vergangener Woche hat auch die Entscheidung des Börsenpräsidenten allerdings nicht verhindern können. Am Freitag legte Phelan noch einmal nach: Die New Yorker Börse stellte ihre Computer für Programm- und Future-Handel nicht mehr zur Verfügung. Ein weiterer Kursrutsch wurde abgefangen.

Die Broker bleiben dennoch nervös die Krise ist noch nicht ausgestanden. In Deutschland sackten am Freitag die Kurse wieder.

Der Schaden, den das heftige Auf und Ab an den Börsen in aller Welt anrichtete, ist bislang kaum übersehbar. Kleine Anleger, die gerade Zutrauen zur Aktie gewonnen hatten, verloren einen Teil ihres Ersparten. In Japan jammern Tausende von Hausfrauen, daß sie Ärger mit ihren Männern kriegen werden: Sie hatten Ersparnisse heimlich in Aktien investiert, die ihnen in speziellen Hausfrauen-Programmen angeboten wurden.

Mancher Millionär muß von vorn anfangen, mancher Milliardär sich mit ein bißchen weniger begnügen. »Es ist ja nur Papier«, meint lakonisch der vermutlich reichste Mann Amerikas, Sam Walton, Chef der Kaufhauskette Wal-Mart Stores. Wer allerdings vergangene Woche nicht verkaufte, hat bislang nur Buchverluste erlitten.

Andere sehen das nicht so lässig. In den USA sind besonders viele Aktienspekulationen auf Pump gelaufen. So mancher, der schnell reich werden wollte, ist nun ruiniert.

Zu den Verlierern der düsteren Börsenwoche zählen auch die Whiz Kids, die Wunderkinder des Geschäfts, die hochbezahlt, in den Brokerfirmen Millionen handelten. Es war eine besondere Clique, verbunden durch Ehrgeiz und die unstillbare Gier nach schnellem Reichtum. Jetzt suchen viele nach einem neuen Job, weil ihre Arbeitgeber kürzertreten. In der Krise werden diese Yuppies, die im Boom so erfolgreich waren, nicht mehr gebraucht.

Aber ist der Kursrausch wirklich zu Ende? »Ist die Party vorbei?« fragte das US-Magazin »Newsweek« auf seinem jüngsten Titel.

Die meisten Börsianer möchten an das Ende des fünfjährigen Aktienbooms nicht glauben. Pessimistische Stimmen wie die des Chefökonomen des New Yorker Manufactures Hanover Trust, Irwin Kellner, der die Börse »jetzt in einer Baisse« sieht, bleiben in der Minderzahl.

Roland Leuschel, der Top-Anlageberater bei der Banque Bruxelles Lambert, zeigt sich überzeugt, daß die »Börsenhausse, die 1982 begann, noch nicht vorüber ist«. Leuschel sagt für das nächste Jahr einen Dow-Jones-Index von über 3000 Punkten voraus. Und Robert

Prechter, wegen seiner in der Vergangenheit häufig erstaunlich treffsicheren Prognosen an der Wall Street derzeit einer der meistbeachteten Börsengurus, glaubt, daß der US-Aktienindex sogar über 3600 Punkte klettern wird - das ist ungefähr das Doppelte von heute. Danach allerdings - »vor Jahresende 1989«, so Prechter - werde der Dow um »rund 90 Prozent« abstürzen. Dem Crash von 1989 werde eine »Depression« folgen, die »schlimmer« sein werde »als die nach 1929« .

Vergleiche mit dem Schwarzen Freitag vom Oktober 1929 und der nachfolgenden Weltwirtschaftskrise halten viele Beobachter für unzulässig. Die Weltwirtschaft, sagt etwa Friedrich Wilhelm Christians von der Deutschen Bank, sei heute in viel besserer Verfassung als 1929. Von Kursverlusten dürfe nicht auf eine neue Krise geschlossen werden (siehe Interview).

In der Tat ist die Weltkonjunktur heute robuster, als sie es 1929 war. Wie das hektische Krisenmanagement der vergangenen Woche zeigt, scheinen sich Notenbanken und Regierungen weitaus stärker der Gefahren bewußt zu sein als damals. Die Fehler von 1929 - vor allem eine weitere Verknappung der Liquidität im Bankenapparat-, die letztlich die Weltwirtschaftskrise erst herbeigeführt haben, sind heute kaum noch denkbar.

Doch die Angst vor einer Wirtschaftskrise hat Gründe. Noch jeder Rezession, das zeigt die Geschichte, ging ein Kurssturz voraus. Das Börsendesaster der vergangenen Woche hat zudem das Konsum- und Investitionsklima nicht gerade verbessert.

Der Kurssturz von 1929, erinnert der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith, habe »sehr schlimme Auswirkungen auf die Ausgaben der Verbraucher« gehabt. Und ähnliches, so der Ökonom, »erwarte ich auch diesmal«. Das Börsendesaster werde im nächsten Jahr mindestens ein Prozent Wachstum kosten.

Wie Umfragen zeigen, erwartet rund die Hälfte aller US-Unternehmensführer eine schwere Rezession in den USA. Die meisten US-Konjunkturforscher rechnen damit, daß diese Rezession 1989 beginnen wird.

Auch Alfred Malabre, Chefkommentator des konservativen »Wall Street Journal«, beschwört seine Mitbürger, sich auf einen »ökonomischen Wirbelsturm« einzustellen. »Egal, wann er über uns kommt«, so Malabre, »es ist besser, vorgewarnt zu sein, die Badewanne voll Wasser zu haben, frische Batterien in der Taschenlampe und das Kofferradio griffbereit. »

Wenn denn tatsächlich der Wirbel-Sturm über Amerika hinwegfegt, wird er auch in Europa zu spüren sein. Der Rest der Welt, das zeigte sich gerade in der vergangenen Woche wieder, ist wirtschaftlich von den USA abhängig. »Wie so n Anhängsel« fühlte sich ein Bundesbanker in diesen Tagen.

Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterrand, vergangene Woche auf Staatsvisite in Bonn, wurde noch deutlicher. Er warf den USA vor, hemmungslos die deutsche und die französische Volkswirtschaft auszubeuten. Die Amerikaner führten sich als »Neokolonialisten« auf.

Die 320 Millionen Europäer dürften es sich nicht länger leisten, so der Franzose, sich als Objekt der Supermachtpolitik von 240 Millionen Amerikanern behandeln zu lassen. Mitterrands Forderung: eine eigene Waffe, eine eigene europäische Währung.

Im Bonner Kabinett griff Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Anregung des französischen Gastes auf. Genscher unter dem Eindruck des Börsenkrachs: »Wir kommen um eine europäische Antwort nicht herum.«

[Grafiktext]

Schwarzer Montag; Dow- Jones-Index, Monatsdurchschnitte von Januar 1982 bis September 1987 1982 (853,41), 19. Okt. (1738,74), 21. Okt. (2027,85), 22. Okt. (1950,43) Panik im Oktober; Aktienverluste an den großen Börsen vom 19./20. Oktober 1987 gegenüber Anfang Oktober 1987 Tief im Keller: US-Handelsbilanz (Saldo in Milliarden Dollar), US-Bundeshaushalt (Defizite in Milliarden Dollar)

[GrafiktextEnde]

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