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Freizeit Wie in Pamplona

Illegale Autorennen als Mutprobe sind bei jungen Leuten in Mode gekommen.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Mit einem Taschentuch streicht Andreas Rydberg, 24, sorgsam eine Dose Altöl aufs Profil des Hinterreifens. Den Asphalt um das ellenbreite Rad begießt er mit Coca-Cola. »Das bringt mehr Schlupf«, weiß der Hamburger Automechaniker und meldet sich »fertig zum burn out«.

Erst jetzt startet Rydberg den 280-PS-Motor seines Chevrolet Impala, tritt auf die Bremse und gibt Gas: Unter sattem Röhren kämpft die 5,7-Liter-Maschine gegen die Bremsscheiben - Verlierer ist der rechte Hinterreifen.

Quietschend und qualmend scheuert der Pneu auf der Straße, ohne daß der 2,3 Tonnen schwere Wagen sich voranbewegt. Nach 20 Sekunden hat sich der Chevi eingenebelt, und das Reifenprofil klebt auf Radkasten und Asphalt.

Der 400 Mark teure Spaß gilt vielen - meist jugendlichen - Autofans in Deutschland als letztes großes Abenteuer: Mit PS-starken Amischlitten oder bis zur Unkenntlichkeit aufgemotzten Mantas, BMWs und Golfs testen sogenannte Cruiser ihren Mut und die Kräfte der Maschinen. Filmisches Vorbild: James Deans motorisierte Rivalenkämpfe in » . . . denn sie wissen nicht, was sie tun«.

Der burn out, das Heißfahren der Reifen durch geschicktes Spiel mit Bremse und Gas, soll dabei lediglich das Profil klebriger machen - das bringt einen besseren Start bei den illegalen Kurzstreckenrennen, die von den Cruisern veranstaltet werden. Doch für die Show lassen Motorfreaks wie Rydberg auch schon mal einen Reifen »qualmen, bis die Felge glüht«.

In Dortmund, Hamburg, Braunschweig und anderen Städten versucht die Polizei seit Monaten, solche Cruiser-Rennen zu unterbinden. In Hamburg sperrten am Pfingstsamstag mehr als 30 Polizeibeamte stundenlang den Überseering in der City Nord, wo sich an jedem ersten Samstag im Monat etwa 150 Cruiser treffen.

Mit dem aus den USA stammenden Cruising, dem langsamen Kolonnenfahren mit frisch polierten Straßenkreuzern durch die Innenstadt, haben die jüngsten Autotreffs nur noch wenig zu tun. Hauptattraktion der verbotenen Spektakel sind die Beschleunigungsrennen.

An die 500 Zuschauer säumen an Renntagen in Hamburg die Sprintstrecke, auf der je zwei bis zu 400 PS starke Kraftautos ihre Beschleunigung vergleichen. Die Absperrtaktik der Polizei hat dabei nur mäßigen Erfolg: »Wir haben uns einfach auf die Vororte verteilt«, erzählt PS-Fan Rydberg, »und da unsere Rennen abgezogen.«

Ähnliche Erfahrungen hat die Polizei in Dortmund gesammelt, wo sich schon _(* Oben: jugendliche Auto-Fans beim ) _(verbotenen Autorennen vergangenen Monat ) _(im Stadtteil Allermöhe; unten: Filmszene ) _(mit Natalie Wood. ) im vergangenen Sommer Kadett- und Golf-Fahrer im Kneipenviertel der Stadt trafen, um messerscharf an den johlenden Zuschauern vorbeizurasen.

Die Stadt reagierte mit Radarkontrollen, Geldbußen bis zu 500 Mark und Führerscheinentzug. Prompt verlegten die Raser ihre nächsten Cruising-Nights nach Düsseldorf oder Bochum.

Rennverbote nützen nach Ansicht des Hamburger Jugendforschers Peter Struck ohnehin wenig. Der Erziehungswissenschaftler beobachtet seit Jahren »einen wachsenden Drang von Jugendlichen, sich durch Mutproben gegenüber Gleichaltrigen zu beweisen«. Je gefährlicher das Abenteuer, um so größer das Ansehen in der Gruppe: *___Auf Rollschuhen und Skateboards hängen sich jugendliche ____Autosurfer an Pkw oder Busse, um sich mit 50 Kilometer ____pro Stunde und mehr durch die Stadt ziehen zu lassen; *___S-Bahn-Surfer hängen sich bei Tempo 100 aus Fenstern ____und Türen der Waggons; *___Fahrstuhl-Surfer klettern durch die Notluken auf das ____Dach der Kabinen, um von dort auf die auf und ab ____fahrenden Gegengewichte zu springen; *___beim »Hühnchenspiel« legen sich Halbwüchsige auf die ____Fahrbahn von vielbefahrenen Straßen und springen erst ____kurz vor herannahenden Autos zur Seite.

Bei den Mutproben, vor allem beim S-Bahn-Surfen, sterben immer wieder Jugendliche und Kinder. Doch gerade das »höchstmögliche Risiko« und eine »unterschwellige Todessehnsucht«, so Struck, reizt die jungen Leute.

Die Ursachen sieht Struck in der »Suche nach extremen Erlebnissen, die im normalen Leben fehlen«. Der Beweis von Kraft und Mut gebe den Jugendlichen die Chance, »sich mit anderen zu messen und dadurch einzuordnen«.

Solche Einsichten weist Chevrolet-Fahrer Rydberg weit von sich: »Wir wollen nix als Spaß haben«, sagt der Cruiser, »und unsere Autos zeigen.«

Auch die Polizei attestiert den Ami-Fans, sie seien »unter den Cruisern noch die Vernünftigeren«, so der Hamburger Polizeioberrat Detlev Hohn. Probleme machten vor allem rücksichtslose Manta- und Golf-GTI-Fahrer. »Die echten Cruiser stecken so viel Geld und Liebe in ihre Wagen«, so Hohn, »die sind kaum so blöd, einen Crash zu provozieren.«

Tatsächlich lassen sich viele Cruiser die Bastelei an ihren Limousinen jeden Monat einige hundert Mark kosten. Allein für Kfz-Steuer und Versicherung zahlen viele bis zu 3000 Mark im Jahr. Automechaniker Rydberg hat seinen Wagen deshalb kostengünstig als Lkw angemeldet - zulässige Höchstgeschwindigkeit 80 Stundenkilometer. _(* Am 25. Mai in Braunschweig. )

Micky König, 25, Lagerist aus Hamburg, hat für seinen 67er Camaro letztes Jahr 10 000 Mark bezahlt. Seitdem schraubt er jede freie Minute an dem 350-PS-Auto herum. »Ich seh'' das als Hobby«, sagt König, »dafür spare ich woanders, beim Urlaub zum Beispiel.«

Das Ergebnis seiner Bastelei würde König gern auf legalen Cruiser-Treffs präsentieren. Doch offiziell ausgewiesene Rennstrecken werden den Fans bisher verweigert. »Das Problem ist das Geld«, sagt König, »allein die Versicherung der Zuschauer würde mehrere zehntausend Mark kosten.«

Auch Klaus Buhlmann, Sprecher der Braunschweiger Polizei, sieht für legale Rennen »kaum eine Chance«. Außerdem »würden die Sicherheitsmaßnahmen dem Publikum den Nervenkitzel nehmen«. Denn die Zuschauer, so Buhlmann, springen bei den sonntäglichen Rennen im Norden der Stadt immer wieder »begeistert auf die Fahrbahn«; das sei »wie beim Stierrennen in Pamplona«.

Die Braunschweiger Polizeiführung setzt inzwischen auf drastische Abschreckung: Ende letzten Monats ließ sie bei einem illegalen Cruising-Treff einen Korso aus Notarztwagen und Sattelschleppern auffahren, beladen mit Autowracks von Verkehrsunfällen und Totenmasken aus dem Staatstheater.

Unterstützung fand die makabre Aktion bei einschlägigen Braunschweiger Unternehmen. Ein Abschleppbetrieb stellte die Lastautos zur Verfügung. Dem Umzug schloß sich auch ein Leichenwagen des örtlichen Bestattungsinstituts »Zur Ruhe« an.

* Oben: jugendliche Auto-Fans beim verbotenen Autorennen vergangenenMonat im Stadtteil Allermöhe; unten: Filmszene mit Natalie Wood.* Am 25. Mai in Braunschweig.

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