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Tourismus Wie in Sarajevo

Überfüllte Züge, niedergetrampelter Strandhafer - wird das 30-Mark-Wochenendticket der Bahn nach Sylt abgeschafft?
aus DER SPIEGEL 35/1995

Pidder Lüng, in der Ballade gefeierter Sylter Freiheitsheld ("Lewwer duad üs Slaav!«, zu deutsch: Lieber tot als Sklave), fand noch klare Worte gegen den ungebetenen Eindringling vom Festland: »Zieh ab mit deinen Hungergesellen, hörst du meine Hunde bellen?« Wer sie überhörte, wie der Amtmann von Tondern, den erstickten die Insulaner im heißen Grünkohl.

Heute essen, zumindest die Feinen der Insel, Austern, und ihre Hunde verfügen über eine kultivierte Beißhemmung. Doch der Hungergeselle - von den Syltern mal »Tagestourist«, mal »Billigtourist« oder vornehm »Abfalltourist« genannt - fällt noch immer ein: Er drängt in Rotten von bis zu fünf Mann auf einem 30-Mark-Ticket am Wochenende aus den Nahverkehrszügen der Deutschen Bahn, die in Westerland ankommen.

Schon im Frühjahr dieses Jahres, als die ersten Discount-Touristen kamen, hatten einige der Mächtigen der Insel zur Mobilmachung gegen die ungebetenen Gäste geblasen. Der Vorsitzende des Sylter Hotel- und Gaststättenverbandes, Stephan Beck, warnte vor »Helgoländer Verhältnissen«, womit er wohl die vom Billigalkohol benebelten Tagesgäste meinte, die den Fuselfelsen Tag für Tag heimsuchen.

Die Westerländer Bürgermeisterin Petra Reiber assistierte: Die Stammgäste würden durch die überfüllten Züge vergrault. Ihr listiger Vorschlag: Der Billigtarif dürfe erst ab Husum gelten. Bahnreisende von weiter her hätten so das Nachsehen.

Die Kämpfer wider die Eindringlinge sahen sich durch den sommerlichen Ansturm bestätigt. Der Kurdirektor von Westerland, Peter Douven, 37, beobachtete, daß Zugpassagiere durch die Fenster ein- und aussteigen mußten. In Husum blieb schon mal ein Zug stundenlang stehen, weil sich der Lokführer weigerte, die überladenen Waggons zu befördern. Ein Vertreter des Kieler Wirtschaftsministeriums fühlte sich angesichts von Hunderten wartender Reisender auf dem Bahnhof von Husum zu dem Vergleich hingerissen: »Das sieht hier aus wie in Sarajevo.«

Umweltschützer machten die Ticket-Brüder für zertrampelten Strandhafer in den Dünen verantwortlich. Daß es auf dem Zentralstrand von Westerland »wie in Rimini aussieht« (Douven ) - schuld hatten immer die durchschnittlich 6000 »Schönes Wochenende«-Fahrer und nicht die ordentlichen Bürger, die sich in 24 000 Westerländer Gästebetten legen und natürlich nie schmutzen.

Nun, da die Saison zu Ende geht, sieht die Kurverwaltung eine Chance, die unliebsame Invasion zu stoppen. Das Billigangebot läuft Ende des Jahres aus; durch die Bahnreform haben die Bundesländer dann die Möglichkeit, Fahrpreise und Zugfrequenz im Nahverkehr in eigener Regie zu gestalten - und die 30-Mark-Fahrkarten nicht wieder anzubieten. Douven: »Das Ticket sollte man besser für die Reise in Städte oder in touristische Gebiete ausgeben, die jeden Gast gebrauchen können.«

Doch die Meinung der Insulaner ist so einheitlich nicht. Frittenbudenbesitzer wollen weiter die schnelle Mark machen, Edelgastronomen hingegen fürchten um das exklusive Image.

Und den wohlhabenden Reetdachhaus-Besitzern, viele davon in Kampen ansässig, ist die Sache egal. Touristenbusse dürfen dort nicht halten, und für die Wochenendfahrer ist der Anmarsch zu weit oder der Linienbus zu teuer und voll. Ex-Geo-Chefredakteur und Altinsulaner Hermann Schreiber: »Auf Sylt muß man sich antizyklisch bewegen und Westerland vermeiden.«

Devise der reichen Pidder Lüngs von heute: lieber tot als Tourist. Y

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