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GIFTGAS Wie Kartoffeln

Ein Teil des Frankfurter Flughafens ist mit Kampfstoffen aus dem Ersten Weltkrieg verseucht. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Auf dem Sprengplatz der Firma »Tauber Spezialtiefbau« im oberhessischen Romrod schien alles Routine. Arbeiter zündeten im Sprenggraben ein paar rostige Granaten und kehrten, als die Rauchwolke verweht war, die Reste zusammen. Daß die Splitter merkwürdig naß schimmerten, fiel den Männern nicht auf.

Kurz danach bekam ein Arbeiter schweren Hautausschlag und wurde von Hustenanfällen geschüttelt; ein zweiter Feuerwerker zeigte ähnliche Symptome. Sie hatten nicht nur, wie angenommen, alte Sprenggranaten aus dem Zweiten Weltkrieg hochgejagt; auch ein Behälter mit Kampfstoff-Munition aus dem Ersten Weltkrieg war darunter gewesen - gefüllt mit dem flüssigen Giftgas »Lost«.

Die Firma, die im Auftrag der hessischen Landesregierung Altmunition beseitigt, verschwieg den Unfall vom Mai 1984: »Wir sind an die Vertraulichkeit gebunden.«

Auch das zuständige Darmstädter Regierungspräsidium hielt dicht, aus gutem Grund. Über Munitionsfunde im Land wird nur lasch Buch geführt. Der Sprecher der Behörde, Karl-Heinz Hofmann, räumt jetzt ein: »Wir wußten nicht mehr, woher das Ding stammt.«

Vier Monate nach der Sprengung in Romrod fand sich der Herkunftsort der Giftgranate, wieder durch einen gefährlichen Zufall. Auf dem Frankfurter Flughafen mußten Munitionssucher beim Ausgraben alter Sprengkörper mit starkem Brechreiz kämpfen, diesmal waren sie auf den Kampfstoff »Clark« gestoßen.

Seitdem wurden nach und nach 18 Behälter mit den Giftgasen »Lost« und »Clark« auf dem Gelände von Rhein-Main-Airport geborgen, eine unbekannte Anzahl liegt noch immer dort.

Voriges Jahr wiegelte das Darmstädter Regierungspräsidium ab, es handele sich um eine der üblichen »Altlagerstellen«. Nun aber gilt der Fundort, so Hessens Innenminister Horst Winterstein (SPD), als »die zur Zeit gefahrenträchtigste Stelle in der Bundesrepublik hinsichtlich der Verseuchung mit Kampfstoffen«.

Mit der Räumung kann, weil Fachleute fehlen, frühestens im Herbst begonnen werden. Mühsam haben sich die Behörden in Archiven und Museen erst einmal Klarheit über Geschichte und Lage des vergessenen Gasdepots verschafft.

Die Armeen Kaiser Wilhelms hatten dort, fernab von jeder Siedlung, im Ersten Weltkrieg Granaten mit Kampfstoffen gefüllt. Das Giftgas »Clark«, bestehend aus Chlor und Arsen ( Blaukreuz"), galt im militärischen Sprächgebrauch als »Maskenbrecher«. Die damals üblichen Filter konnten den Nasen- und Rachenreizstoff nicht zurückhalten, den Soldaten wurde blitzartig übel. Sie rissen, weil sie sich übergeben mußten, die Gasmasken vom Gesicht.

Die schutzlosen Truppen wurden dann mit »Lost«, auch »Senfgas« oder »Gelbkreuz« genannt, bombardiert. Der Kampfstoff machte die Soldaten fast auf der Stelle kampfunfähig. Das Zellgift verätzt Haut, Schleimhäute und Augen, zerstört allmählich Lunge und innere Organe. In Erich Maria Remarques Bestseller »Im Westen nichts Neues« sagen die Frontsoldaten: »Wir husten die Lunge bröckchenweise aus.«

»Lost« und »Clark« wurden auch von den Alliierten eingesetzt. 500000 Soldaten waren nach 1917 an der Front den _(Deutsche Soldaten an der Westfront im ) _(Jahr 1916. )

Kampfstoffen ausgesetzt. Zehntausend starben sofort; wie viele an den Spätfolgen der Vergiftung langsam verendeten, ist nicht erfaßt worden.

Auch in der Umgebung des Giftgas-Depots auf dem heutigen Frankfurter Flughafen hat es schon Opfer gegeben. Die Anlage war nach dem Versailler Friedensschluß nur stümperhaft gesprengt worden. In den zwanziger Jahren kamen, wie alte Kirchenbücher verzeichnen, spielende Kinder im nahen Wald zu Tode.

Nun müssen die Behörden versuchen, das Drehkreuz des europäischen Luftverkehrs abzusichern. Die »verdächtige Fläche« (Regierungspräsidium) mit der Größe von drei Fußballfeldern liegt zwar im südlichen Teil des Flughafens, vorn Passagier-Terminal durch die beiden Landebahnen getrennt. In unmittelbarer Nähe aber befinden sich zwei Flugzeughallen und die amerikanische Luftwaffenbasis.

»Einfach liegen lassen«, sagt Oberstleutnant Werner Widder, Sprecher des Heeres im Bundesverteidigungsministerium, über die Gasgranaten, »geht nicht.« Die Zünder der Kampfstoff-Munition sind nicht etwa »durch Rostfraß weitgehend« unschädlich gemacht wie die Hessen-Behörden ihren Bürgern ursprünglich weismachen wollten, sondern gerade durch den Rostfraß »unkalkulierbar brisant« geworden, wie die Bundeswehr-Experten für Weltkriegs-Munition wissen.

Anfangs waren die Hessen, kritisierte denn auch ein Fachmann des Heeres nach den beiden Giftgas-Unfällen, viel zu sorglos mit den Funden umgegangen: »Die behandeln das Zeug wie Kartoffeln.« Erst nachdem die Bundeswehr scharfe Vorkehrungen für die Räumung des Gaslagers gefordert hatte, sprach auch der Wiesbadener Innenminister von einer »großen Gefahr für die öffentliche Sicherheit«.

Für die Sanierung der Fundstelle verlangt die Heeresdienstvorschrift eine Absperrung im Umkreis von 500 Metern. Das hätte eine der Frankfurter Landebahnen zwangsläufig für mehrere Jahre stillgelegt, so lange nämlich wird eine vorsichtige Räumung des Geländes dauern.

In zähen Verhandlungen mit den Bundeswehr-Spezialisten setzten die Hessen schließlich durch, daß der Radius enger gefaßt wird - der Flugverkehr ist nicht beeinträchtigt. Teure technische Vorkehrungen werden getroffen, um dem Flughafen Verluste in Höhe vieler Millionen Mark zu ersparen.

Die Fundstelle mußte mit Drahtverhau umfriedet und mit Warnschildern gesichert werden. An einem beweglichen Zelt über der jeweiligen Grabungsstelle und einem Hydrozaun, die ständig mit Wasser berieselt werden, soll sich eventuell austretendes Gas niederschlagen. Zusätzlich müssen »entgegen der Windrichtung«, so der Räumungsplan, Berufsfeuerwehren bereitstehen. Sie sollen Wasserschleier versprühen, falls Gas austritt.

Ärzte und Sanitäter der nahen Flughafenklinik müssen noch für den Umgang mit Kampfgas geschult werden, um an der Baustelle und in einer eigens geplanten Notfallstation helfen zu können. Die Flughafenmeteorologen bereiten sich darauf vor, die Munitionssucher stündlich mit Klimagutachten zu versorgen: Bei Wärme und Windstille muß die Räumung wegen der erhöhten Gefahr gestoppt werden.

Das Darmstädter Regierungspräsidium setzt für die Kosten der Säuberungsaktion einen »zweistelligen Millionenbetrag« an. Doch wer die Rechnung bezahlen soll, ist zwischen Bonn und Wiesbaden strittig.

Der Bund ist nur verpflichtet, für die Beseitigung von Altmunition der Hitler-Armeen aufzukommen. Wer schließlich die Räumung bezahlt, meint denn auch Sprecher Hofmann vom Regierungspräsidium doppeldeutig, sei »eine Preisfrage«.

Deutsche Soldaten an der Westfront im Jahr 1916.

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