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ABGEORDNETE Wie Kinder

Die »Parlamentarische Gesellschaft« der Bonner Abgeordneten ist Restaurant, Freizeitzentrum und Kungelverein zugleich. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Für die Bonner Abgeordneten ist das Haus der »Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft« so etwas wie ihre gute Stube. »Wenn einer dort lange nicht gesichtet wird, hat er entweder zu viel zu tun, oder er hat eine Freundin«, weiß Schatzmeister Ludolf von Wartenberg.

Und Heinrich Franke, Ex-MdB und heute Präsident der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, spürt bei seinen Besuchen in der »Plüschsessel-Atmosphäre« der Gründerzeit-Villa »einen Hauch von Familienersatz«.

Exakt 444 der 520 Bundestagsmitglieder gehören, für einen Monatsbeitrag von zehn Mark, der Parlamentarischen Gesellschaft in der Dahlmannstraße 7 an, einer neuerdings vornehm mattgelb und weiß gestrichenen Villa, die der Bonner Industrielle Dahm 1876 im großbürgerlichen Stil gebaut hatte. Als historisches Bauwerk darf die Villa selbst in den rigorosen Plänen zur Neuordnung des Regierungsviertels fortbestehen, die aus dem Gelände rund ums Bundeshaus einen öffentlichen Park, eine öffentliche Gedenkstätte oder einen Platz der Demokratie machen wollten.

Von allem ein bißchen ist die »Parlamentarische«, und deshalb genehmigten die dort verkehrenden Abgeordneten statt der nötigen Milliarden für neue Parlamentsbauten erst mal 4,5 Millionen Mark für die Renovierung ihres Klubheimes. Mehr Räume und eine neue Küche mußten her, ein Weinkeller und neue Möbel, denn die alten waren größtenteils geliehen.

Ein weiteres Provisorium der vorläufigen Bundeshauptstadt ist nun geschwunden und hat einem Hauch von Luxus Platz gemacht, den sogar Grüne-Abgeordnete goutieren; etwa der MdB Roland Vogt: Er kommt im Pullover, aber er kommt.

Auch die Verwaltung der Begegnungsstätte ist vom Feinsten. Als die Geschäftsführerin »Betta« Gräfin von Werthern nach 33 Jahren in den Ruhestand ging, waren sich vor allem Sozial- und Freidemokraten einig, daß die Nachfolgerin wieder von edlem Geblüt sein sollte.

Sieben Gräfinnen bewarben sich, eine Adelsdame ohne Titel, Ingrid von Hagen, besorgt nun als von-Werthern-Nachfolgerin die Geschäfte.

Mit dem Adel wollte Richard Stücklen (CSU) besser mithalten, als ihn die Mitglieder 1976 an die Spitze ihrer Freizeitgesellschaft wählten. Dem Bürger Stücklen reichte die Bezeichnung »Vorsitzender« nicht, er ließ die Satzung ändern und nannte sich fortan Präsident.

Vor allem mittags geht es in der kalten Pracht der Räume gediegen bis vornehm zu. Dann treffen sich unter Kristallüstern Minister mit Gästen in kleinem Kreise, Abgeordnete mit ausländischen Parlamentariern oder die »Industrie-Lobby zum Herrenessen« (SPD-Abgeordneter Peter Conradi), die aber nur mit Eintrittsbillett: Firmengäste müssen auf die Preise einen Zuschlag von 30 Prozent zahlen und außerdem einen Abgeordneten als Paten stellen.

Abends wird der Betrieb zünftiger. Da glucken die Abgeordneten unter sich, essen am liebsten Eintopf für 7,50 Mark oder trinken einen Trockenen, die Flasche schon ab 13 Mark, denn der Bundestag subventioniert den laufenden Betrieb mit rund 850 000 Mark jährlich.

Kein Wunder, daß der alte Kasten zwischen Bundestag und Presseamt, jedenfalls in den Sitzungswochen zwischen Dienstag und Freitagmittag, als Treffpunkt beliebt ist. Das läßt sich, natürlich, auch vornehmer sagen: Die Parlamentarische »lebt vom Miteinander«, so ihr jetziger Präsident Otto Wulff (CDU).

Manche zwischenmenschliche Wiedergutmachung wurde dort nach hitzigem Plenarstreit begonnen, manches Problem beim »Nightcap« (der darin besonders erfahrene FDP-Abgeordnete Detlef Kleinert) gelöst.

Wenn es menschelt, sind Journalisten aus Prinzip nicht erwünscht. Sie würden das traute Miteinander der Abgeordneten nur stören, »denn in der Parlamentarischen können wir mal Schwäche zeigen, draußen müssen wir immer nur stark sein«, gesteht der CDU-Abgeordnete Elmar Kolb. Wenn die deutschen _(Oscar Schneider (CSU), Wolfgang Schäuble ) _((CDU), Manfred Carstens (CDU), davor ) _(Hermann Kroll-Schlüter (CDU), Doris Pack ) _((CDU), Dietrich Rollmann (CDU), ) _(Carl-Dieter Spranger (CSU). )

Volksvertreter sich bei Fußball-Länder- oder Europacup-Spielen im großen Salon »Berlin« vor dem Fernseher versammeln, dann - so besingt Conradi die Idylle - »vergessen sie alles, sind wie Kinder«.

Und vergessen offenbar auch, daß es sonst in oder an der Bannmeile - seit die »Rheinlust« abgerissen wurde - keine Kneipe gibt, in der man sich zum Stammtisch, zur Fußballübertragung oder zum Skat versammeln könnte. So nehmen die MdBs mit ihrem elitären Unter-sich-Klub vorlieb, reizen unter Ausschluß der einfachen Öffentlichkeit ihre Skatblätter aus und freuen sich, wenn sie mal richtig nach Punkten statt mit Argumenten gewinnen.

Die CDU-Abgeordneten Haimo George und Elmar Kolb machten vor kurzem ihren Ex-Kollegen Franke beim Ramsch geradezu nieder. Der Arbeitslosen-Präsident verlor, nachdem er selbst und ein Mitspieler geschoben hatten; ein zweiter Christdemokrat blieb Jungfrau. Solche Blätter gehen in die Parlamentsgeschichte ein.

Richard Stücklen wurde einmal von einem niederbayrischen Kollegen herablassend gefragt, warum er denn mit dem Jungsozialisten Klaus-Dieter Kühbacher Skat spiele. Er fragte zurück, warum es nicht erlaubt sein solle, dem politischen Gegner Geld aus der Tasche zu ziehen. Stücklen stolz: »Was mir auch gelungen ist.« Deutschland im kleinen.

Ihre Blätter geben die Abgeordneten am liebsten aus Tradition im »Marmorzimmer« gleich neben dem Haupteingang, in dem ein wackliger kleiner Marmortisch steht. Das Marmorzimmer war wegen seiner Abgeschiedenheit beliebt; es konnte bis zum Umbau des Hauses nur über die Küche betreten werden.

Das für Skatspieler Trauliche ist nun fortrenoviert; der Bierkeller, Weiß in Weiß, wirkt »tödlich« (Conradi) - und ohne Faßbier ohnehin nicht einladend.

Ecken und Gemütlichkeit vermissen auch die parlamentarischen Schachspieler, allen voran Neuminister Wolfgang Schäuble, CDU-Finanzexperte von Wartenberg, die SPD-Abgeordneten Peter Struck und Kühbacher: zu viele Kiebitze, zu viel exklusives Ambiente.

Früher gab''s noch mehr Programm: Vorträge, musikalische Abende und Modenschauen; Schauspieler wie Fritz Muliar oder Axel von Ambesser kamen zu Besuch. Heute sind die Abgeordneten entweder zu müde, oder Künstler werden gar nicht erst eingeladen. Nur einmal in den letzten zehn Jahren gab''s einen Schwof - Tanz zum Abschied der Gräfin von Werthern. Discjockey war natürlich ein Mann von Adel, ein leibhaftiger Graf von Bothmer.

Eine Brücke zwischen Politik und Kunst soll dadurch geschlagen werden, daß jeden Monat ein Abgeordneter nach ausgeklügeltem Fraktionsschlüssel einen Maler seiner Heimat vorstellen darf.

Eine Kunstausstellung geriet denn auch zum bisher einzigen Skandal in der Villengeschichte. 1976 hatte der Sozi Volker Hauff zu einer Ausstellung des Heidelberger Graphikers (und Sozis) Klaus Staeck geladen, der in seinen Werken den CSU-Vorsitzenden Franz Joseph Strauß angriff. Einige CDU-Abgeordnete mochten solche Kunst nicht ertragen, sie rissen die Bilder von den Wänden; einer der Bilderstürmer war Philipp Jenninger, seit kurzem Bundestagspräsident.

In Klublaune forderte der Christdemokrat Rudolf Werner aus Hannover einmal auf feinstem Büttenpapier zur Gründung eines »Vereins zur Hebung der Moral der Abgeordneten« auf, etliche Parlamentarier wollten sich der guten Sache anschließen. 47 Zusagen erhielt Werner, als er im Namen des »Vereins der Feinsandhersteller« zum Flug nach Tahiti einlud, um dort eine deutsch-tahitische Parlamentarische Gesellschaft zu gründen.

Unklar ist, ob die Orginale heute fehlen oder nur noch nicht wahrgenommen werden. Großen Erfolg erntet der CSU-Landesgruppenchef Theo Waigel in der Parlamentarischen, wenn er zu fortgeschrittener Stunde Kollegen imitiert. Als Waigel Ex-Minister Hermann Höcherl nachmachte, platzte der zur Tür herein und begann, seinerseits den Waigel zu imitieren.

Die jüngste Chronik des Hauses verzeichnet sogar einen in der Parlamentsgeschichte unerhörten Vorgang - Abstimmungen mit wechselnden Mehrheiten. Den Umbau wollten Annemarie Renger (SPD) und Richard Stücklen (CSU) nutzen, um im Garten einen Großen Saal anzubauen - dort, wo ein alter Nadelbaum zu fällen gewesen wäre.

Da steckten sich FDP-Kleinert und CDU-Wartenberg hinter den Haushaltsausschuß; dort bildete sich eine Allparteien-Koalition, die das Geld sperrte. Der Saal wurde nicht gebaut.

Oscar Schneider (CSU), Wolfgang Schäuble (CDU), Manfred Carstens(CDU), davor Hermann Kroll-Schlüter (CDU), Doris Pack (CDU),Dietrich Rollmann (CDU), Carl-Dieter Spranger (CSU).

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