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PRODUKTE /STRÜMPFE Wie Klingelbeutel

aus DER SPIEGEL 43/1968

Nicht erschrecken: Bini ist klein und ohne Form«, warnt die Firma Franz Falke-Rohen GmbH vor ihrer neuesten Strumpfkreation.

Der Hinweis ist nötig. Denn was die Industrie seit Anfang dieses Monats westdeutschen Frauen unter Diminutiv-Titeln wie Bini, Kini und Mini offeriert, hat mit den herkömmlichen Nylons und Perlons wenig Ähnlichkeit: Die neuesten Strümpfe sind nur knapp 50 Zentimeter lang und haben weder Fuß noch Ferse.

Das Gewirk läßt sich bis zu 1,70 Meter in die Länge und 25 Zentimeter in die Breite ziehen, so daß es dünnbeinigen Teenagern ebenso paßt wie rundlichen Matronen. Selbst die Branchen-Manager müssen sich an das formlose Gebilde erst gewöhnen. »Das Ding sieht scheußlich aus«, meint Kunert-Werbeleiter Karl A. Schmitz, »es erinnert mich immer an einen Klingelbeutel.«

Dennoch erhoffen sich Produzenten, Händler und Werber ein Riesengeschäft. Die Falke-Rohen GmbH im sauerländischen Schmallenberg glaubt sogar, daß in ihrem Bmi eine Marktrevolution stecke. Im nächsten »Jahr will die Branche mindestens 100 Millionen Paar absetzen. Bis 1971 werde etwa jedes dritte Damenstrumpfpaar zur modernen Beutel-Kategorie gehören, schätzen die Marktanalytiker.

Der neue Universalstrumpf wurde in England von der Pretty-Polly Ltd. entwickelt. Von ihr erwarben die Strumpffabriken Falke-Rohen GmbH und die Bellinda Vatter & Palme GmbH Lizenzrechte. Beide Firmen sicherten sich dann bei der Glanzstoff AG den Rohstoff: das Elastikgarn Nevafil. ein hochelastisches feinkrepp- oder stretchähnliches Material.

Das neue Produkt braucht nicht mehr, wie bei konventionellen Strümpfen üblich, im Herstellerwerk über eine Beinform gezogen, erhitzt und formbeständig gemacht zu werden. Der Strumpf paßt sich auch ungeformt faltenlos jedem Bein an,

Die Lizenzkäufer konnten sich jedoch nicht lange ihres Marktvorsprunges erfreuen, denn wenige Wochen nach ihrem Bini-Start folgte ihnen die Konkurrenz mit eigenen formlosen Mini-Strümpfen auf den Fersen.

Branchen-Riese Schulte & Dieckhoff (Marktanteil 35 Prozent) behauptet: »Wir hatten den Strumpf praktisch schon seit Monaten in der Schublade. Nicht das Material, sondern die Verarbeitung ist neu. Dazu braucht man doch keine Lizenz.« Von seiner Marke »Opal-Mini« setzte der größte Strumpf-Konfektionär schon bis Mitte Oktober 5,1 Millionen Paar um.

Die Stuttgarter Hudson GmbH bietet ihren Schrumpel-Strumpf »Sit« in metallglänzenden Kleinstpackungen an. »Wir sehen den Eine-Größe-Strumpf als eine Aufgabe wie im Luftverkehr die Umstellung von Propeller- auf Düsenmaschinen«, übertrieb Hudson-Geschäftsführer Horst Weisshuhn. Arwa kreierte die Marke »Kini«, Ergee ebenfalls einen Beinling namens »Mini«.

Um den »häßlichsten, aber auch vollkommensten Strumpf der Welt« (Falke-Vertriebschef Gerd Bunsmann) populär zu machen, starteten alle Produzenten große Werbekampagnen. In den nächsten zwölf Monaten sollen allein für »Bini«-Anzeigen, -Plakate und -Fernsehspots drei Millionen Mark ausgegeben werden.

Für die Techniker ist der Kurz-Strumpf das Nonplusultra der Branche, für die Verkaufs- und Werbechefs hingegen ein schwieriges Produkt. Denn alle Marken-Strümpfe werden sich jetzt sehr ähnlich sein: Sie unterscheiden sich weder in der Verarbeitung noch in der Farbe noch im Preis (zwischen 1,95 Mark und 2,95 Mark). Alle Marken sind dadurch austauschbar geworden,

Deshalb brütet Schulte & Dieckhoffs kreativer Werbeleiter Willy Bloess über Variationsmöglichkeiten: »Die Strümpfe könnten an der Spitze so rund gestrickt werden, daß ein kleines Loch bleibt. Man könnte es als Entlüfter erklären.«

Westdeutschlands vornehmster Strumpf-Fabrikant, Elbeo in Augsburg, distanziert sich indes von dem ganzen Allerweltsgewirk, das sehr bald jeder Teenager und jede dritte Hausfrau tragen wird. Elbeo will weiterhin nur Nobel-Strümpfe alter Machart -- das Paar bis zu 18 Mark herstellen, die in Farbe und Form Anspruch auf höchste Eleganz erheben.

Als Außenseiter und Hoflieferant der Party-Girls hofft Elbeo, auf diese konservative Art seinen bisher bescheidenen Marktanteil (3,5 Prozent) mitten im Bini-Kini-Mini-Boom steigern zu können.

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