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SCHULEN Wie Knetekitt

Zerstörungen in Schulen sind nach einer niedersächsischen Studie oft nur die Folge mangelnder Geborgenheit und Zufriedenheit der Schüler.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Auf Dienstreisen knipste Baudirektor Arpad Asztalos, Schulbaureferent im niedersächsischen Kultusministerium, in Pausenfluren und Turnhallen, Klassenzimmern und Waschräumen das Desaster vor Ort: zerfetzte Vorhänge, aufgehebelte Türen, Teppichböden, auf denen Farbbeutel zerplatzt, Decken, in die Löcher gerissen waren.

Da waren Schulbücher und Hefte in Schließfächern ruiniert worden, weil jemand Wasser durch den Schlitz gegossen hatte. Uhren waren demontiert, Heizkörper abgebrochen, Wasserhähne durch »massive Kraft«, wie Asztalos fand, verbogen wie Knetekitt -»Schule kaputt?«

In einer Broschüre unter diesem Titel hat Asztalos, 46, gebürtiger Ungar, ein Phänomen untersucht, das bislang allzuschnell und vordergründig als Symptom wachsender Kriminalität der deutschen Jugend bewertet wurde, obwohl »der Erforschung der Ursachen«, wie Asztalos feststellen mußte, bisher »wenig Aufmerksamkeit geschenkt« wurde.

Bei seinen Recherchen bemerkte der Baudirektor, daß keineswegs in allen Schulen gleichermaßen kaputtgemacht wird. So meldete in der Volkswagenstadt Wolfsburg das Schulzentrum Westhagen-Mitte mit mehr als 2000 Schülern Schäden in Höhe von 137 000 Mark binnen eines Jahres. Nebenan, im Wolfsburger Schulzentrum Kreuzheide mit gleich großer Schülerzahl, konnte Asztalos konstatieren: »Zerstörungen sind eine Seltenheit.«

In dem monotonen, ungegliederten Gebäudekomplex von Westhagen ist der Anteil ausländischer Kinder, deren Eltern zumeist auch noch beide berufstätig sind, besonders hoch; die Schule ist ihnen fremd geblieben. Kreuzheide jedoch, obendrein in einem sogenannten besseren Viertel, besteht aus mehreren separaten Bauten, in denen die Schüler auch in zahlenmäßig kleineren Gruppen untergebracht sind; sie »betrachten«, so Asztalos, »jeweils ihr eigenes Gebäude als ihre Schule«.

Auch wenn der Experte für manche Zerstörungen keinerlei Erklärung zu geben vermochte und es etwa »unbegreiflich« fand, »warum die Zigaretten auf den hitzeempfindlichen Kunststoff-Klobrillen ausgedrückt werden«, so stand für ihn doch bald fest, daß »der Zerstörungsdrang« damit zusammenhängt, »daß die Schüler mit der ihnen aufgezwungenen Schulumwelt nicht immer fertig werden«, in der sie oft »nur Rädchen in einem geschmierten Lernprozeß« zu sein haben.

Zwar, so räumte Asztalos ein, sei man »weitgehend auf Vermutungen über die Ursachen und Gründe« angewiesen, aber die Frage stelle sich, ob die »rohen Zerstörungshandlungen« nicht einfach Symptome dafür seien, daß die Schüler »Geborgenheit und Zufriedenheit vermissen«. Konkret: »Ist die verwüstete Garderobe ein Hinweis auf emotionale Mängel?«

Eine Antwort erteilte Niedersachsens Kultusminister Werner Remmers im Vorwort zu der Broschüre, die er herausgeben ließ, unerschrocken gleich selbst: »Kaum wundern« dürfe man sich, so befand der unkonventionelle Christdemokrat, »wenn Schüler und Lehrer sich unbewußt weigern, in den modernen funktionsgerechten Schulgebäuden nach Plan zu funktionieren« oder in alten, »nicht mehr akzeptierten« Gebäuden zu leben, und »dann mutwillig oder achtlos kaputtgehen oder verkommen lassen, was für das Leben und persönliche Wohlbefinden ... ohnehin nicht gedacht war«.

Im Unterricht, so ordnete Remmers unterdes an, soll in Niedersachsen deshalb künftig »Planung und Gestaltung« der Schulen zum Thema werden, und die Schulbehörden forderte der Minister auf, Initiativen, die sich daraus ergeben, »nicht durch bürokratische Bedenken zu lähmen«.

Überall nämlich, so hatte Remmers-Referent Asztalos recherchiert, wo Schülern »abgeschlossene Heimatbereiche« zur Verfügung standen, waren Zerstörungen ebenso die Ausnahme geblieben wie dort, wo es ihnen erlaubt worden war, Wände oder Freizeitecken nach eigenem Geschmack auszugestalten; dort zeigte sich, »daß Schüler sich mit selbstgeschaffenen Werten in besonderem Maße identifizieren«.

Freilich ergab die Untersuchung auch, daß nicht nur die seelischen, sondern vor allem die baulichen Voraussetzungen stimmen müssen. Wände aus Gipskartonplatten etwa, so kritisierte der Baudirektor, seien für Schulen höchst ungeeignet.

Auch für Minister. Als Werner Remmers sich bei einem Schulbesuch kürzlich gegen eine Flurwand lehnte, gab ihm ein Lehrer den Rat, das besser zu lassen, weil es sonst leicht ein Loch geben könnte. Remmers: »Da habe ich denen gesagt: Ihr habt hier wohl nicht alle auf der Latte. Man muß doch auch mal einen Nagel in so 'ne Wand kloppen können.«

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