Zur Ausgabe
Artikel 22 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Wie lange soll die Quälerei noch dauern?«

Zeugniszeit -- Selbstmordzeit. Die Fünf im Rechnen und in Deutsch: Angst vor dem Versagen treibt zunehmend Schüler wie Eltern in Verzweiflung. In den Klassenzimmern herrscht Ellenbogendenken, wächst die Zahl der psychisch und physisch Kranken. Lehrer und Ärzte warnen: »Unser Schulwesen treibt einer Katastrophe zu.«
aus DER SPIEGEL 8/1976

Binnen zehn Tagen erhängten sich in München drei Schuljungen, der eine mit dem Schal, der andere mit der Schnur, der dritte mit dem Strick, alle aus demselben Grund:

Der 13jährige Hauptschüler hatte einen Leistungstest für die Realschule nicht bestanden. Der 14jährige Realschüler kam in Englisch nicht mehr mit. Der 14jährige Hauptschüler wollte wegen einer Fünf in der Mathematik-Klassenarbeit nicht länger leben.

Als am Freitag letzter Woche die Halbjahreszeugnisse in Bayern verteilt waren, gab es auch an der Suizid-Ziffer nichts mehr zu rütteln: Zehn Schulkinder hatten sich aus Angst vor schlechten Noten umgebracht, und auch andernorts in der Bundesrepublik, in Hamburg wie in Hessen, zogen Jugendliche den Tod der Schule vor, in der es offensichtlich mörderisch zugeht.

Was Jungen und Mädchen zum Selbstmord treibt, sind Störungen des Selbstwertgefühls, wie sie -- jedenfalls in solchem Ausmaß -- früher kaum zu beobachten waren. »Bereits Sieben-, Acht- und Neunjährige leiden an depressiven Verstimmungen«, berichtet der Münchner evangelische Psychologische Beratungsdienst. »die bis zur Resignation dem Leben gegenüber führen.«

Um »Zensurendramen bei Kindern und Eltern verhindern zu helfen«, saßen an den zwei kritischen Tagen der Zeugnisausgabe in Hamburg sieben Psychologen und zwei Sozialpädagogen rund 20 Stunden an den Telephonen des schulpsychologischen Dienstes »Schülerhilfe«. 122 Anrufer erbaten fernmündlich Trost und Hilfe.

In Stuttgart offerierten gleich vier Verbände Zuspruch, in München ließen sich die ortsansässigen Boulevard-Zeitungen publikumswirksam eigene Klage-Strippen ziehen: »Gaby (9) weint: Ich trau' mich nicht mehr heim!«

Ausgerechnet die Schule, die nach Großväter-Spruch »fürs Leben« rüsten soll, treibt die Enkel in den Freitod -- ein beklemmendes Phänomen, das neben vielen Ursachen gewiß auch diese hat: Aufs Zeugnis kommt es an wie nie zuvor. Ob man eine Lehrstelle bekommt oder studieren darf, hängt allein von den Zensuren ab, bei Gymnasiasten sogar von der Stelle hinterm Komma.

Deutsche Bildungsreform: Nur wer in allen Fächern Einsen hat, kann noch frei wählen, was er studieren möchte; wer das Abitur schafft, hat wenigstens Aussicht auf eine Lehrstelle; die Hauptschule, einst -- in Form der Volksschule -- Basis der meisten Berufe, ist zur Restschule verkümmert.

Gymnasiasten schnappen Real- und Hauptschülern angestammte Ausbildungsplätze weg. Hauptschüler müssen mit unattraktiven Lehrstellen vorliebnehmen. Der Rest, Volksschüler ohne Abschluß, Sonderschüler und Behinderte, steht auf der Straße -- rund 100 000 sind bereits arbeitslos; nach dem nächsten Zeugnistermin im Sommer werden es noch ein paar tausend mehr sein.

Ob jemand bis an die Spitze der Bildungspyramide klettert oder ob er unten hängenbleibt, dies bestimmt, so der bayrische Lehrerfunktionär Wilhelm Ebert, die »gnadenlose Notenmaschinerie« der Schule. Schon bei den Jüngsten in der Grundschule wird getestet und sortiert. »Im Gegensatz zu jeder pädagogischen Theorie«, klagt Ebert, »wird der Lehrer in die Rolle eines Menschensortierers hineingezwungen.«

Was sich in den Klassenzimmern abspielt, beschreibt ein hessischer Pädagoge so: »In jedem Halbjahr beginnen für den Schüler aufs neue die Rivalitätskämpfe. Als Devise gilt »freie Wildbahn dem Tüchtigen« nur die Stärksten boxen sich durch.« Der Konkurrenzdruck er. zeugt Ellenbogendenken, weckt »unsoziale Motivationen«, so der Münchner Hauptschullehrer Wolfram Machalitzky.

Dabei spiegeln die Resultate der Klassenarbeiten und Tests, die über Auf- und Abstieg entscheiden, »weniger die geistige Leistungsfähigkeit eines Kindes als seine vegetative und psychische Belastbarkeit« (so der Hannoveraner Medizin-Professor Kurt Nitsch). Die Quote derjenigen, die »trotz guter Intelligenz« in der Schule scheitern, wird von Kinderpsychiatern auf 90 Prozent beziffert.

Und auch die meisten Pädagogen wissen längst, was Hartmut Zeiher vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung so formuliert: »Zensuren sind ein völlig untaugliches Instrument zur objektiven, gerechten und zuverlässigen Bewertung von Schülerleistungen.«

Es ist schlimmer als der Paukbetrieb von einst: Gelernt wird, was Prüfungsstoff sein

könnte, gelehrt, was abgefragt werden kann. Wo die Schüler eigentlich wählen sollten, was sie gerne machen möchten, in der reformierten Oberstufe der Gymnasien beispielsweise, entscheiden sie meist weder nach Neigung noch nach Fähigkeiten, sondern nach einem ganz anderen Kriterium: »In welchem Fach gibt"s die besten Noten für den Numerus clausus?«

Unsichere Pädagogen haben es leicht, aufmüpfige Schüler zu disziplinieren, Widerspruch im Keim zu ersticken. Wer an sein Zeugnis, an die Noten denkt, schweigt besser, auch wenn der Lehrer Unsinn redet. Machalitzky: »In den Klassenzimmern breitet sich Duckmäusertum aus.« Immer mehr Jugendliche erleben Schule als Mißerfolg, als eine Stätte, in der sie nicht das leisten, was -- fälschlicherweise -- von ihnen erwartet wird.

Jeder zehnte bayrische Realschüler blieb im vergangenen Schuljahr sitzen. »13 674 Schüler«, rechnete der bayrische SPD-Abgeordnete Adalbert Brunner vor, »bedeuten 13 674 Familienkatastrophen.« Auf insgesamt 400 000 jährlich schätzt der Hamburger Hochschullehrer Willy Starck die bundesdeutsche Heerschar der Sitzenbleiber. So viele Dumme?

Aus Furcht zu scheitern, den Anschluß zu verlieren und den selbstgesetzten oder von den Eltern vorgeschriebenen Anforderungen nicht zu genügen, weichen immer mehr Schüler in Verhaltensstörungen aus. Fast jedes dritte Schulkind leidet, so die Summe zahlreicher Untersuchungsreihen, an psychischen Störungen, jedes fünfte brauchte ob seiner krankhaften Angstzustände therapeutische Behandlung.

»Die Schulangst«, diagnostiziert der Arzt und Studiendirektor Johannes Meinhardt, »ist eine echte Krankheit geworden.« Die Symptome reichen von Konzentrationsschwäche, motorischer Unruhe, Schlaf- und Eßstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen zu Drogenabhängigkeit, ernsten Depressionen bis zum Lebensüberdruß.« Meine Tochter«, klagt eine Mutter aus Fürstenried« »besucht die 7. Klasse des Gymnasiums. Sie kaut Nägel, hat undefinierbare Leib- und Magenschmerzen, schläft vor Schulaufgaben nur mit Mühe ein und wacht morgens um fünf Uhr wieder auf -- vor Angst.«

Selbst die Pausengewohnheiten haben »pathologische Ausmaße« (Meinhardt) angenommen: Schokolade und Bonbons werden massenhaft konsumiert, Tabletten gehören bei vielen zur täglichen Kost, geraucht wird mit 14 Jahren wie selbstverständlich, und manche Schüler sind wegen Schulversagens »regelrecht an den Suff geraten«, wie ein Kieler Psychologe es ausdrückt.

Eltern sind da in der Regel hilflos, oder mehr: Sie verschlimmern die Lage ihrer Kinder, wenn sie beispielsweise Hausaufgaben noch in den späten Abendstunden erledigen lassen. Zeit zur Entspannung, zum Spielen bleibt dann den Kindern kaum. Und dabei genügen die »Hilfslehrer der Nation«, wie die FDP-Bildungsexpertin Hildegard Hamm-Brücher die Eltern genannt hat, meist nicht einmal den schulischen Anforderungen. »Wer Nachhilfeunterricht bezahlen kann«, weiß der Starnberger Unterprimaner Axel Fincke, »ist da fein raus.«

Die Angst, ihre Kinder könnten beim Gerenne um die besten Bildungsplätze zu kurz kommen, setzt ein, so der Tübinger Kinderpsychiater Professor Reinhart Lempp, »wenn das Kind der Nachbarin vierzehn Tage eher sprechen kann«. Nie war das Geschäft mit Lernspielen so gut wie heute, nie die Quote derjenigen so hoch, die schon mit Verhaltensstörungen zur Schule kommen.

Wie sich bei einer Untersuchung von 14 368 Berliner Kindergarten-Kindern herausstellte, litten 16 Prozent an »realen Ängsten«, 14 Prozent waren auffällig aggressiv, zehn Prozent kontaktscheu. Solcherlei Schäden lassen sich in der Schule dann kaum noch beheben. Im Gegenteil: »Die Schule ist zum führenden pathogenen Faktor bei der Entstehung kindlicher Verhaltensstörungen geworden«, schreibt Lempp, »zumindest zum Kristallisationspunkt.«

»Wie lange soll die Quälerei in den Schulen noch dauern«, empört sich denn auch der bayrische SPD-Abgeordnete Hans Hochleitner, und allerorten fordern Bürgerinitiativen »Humanisierung der Schule«, im christsozialen Bayern ebenso wie im sozialliberalen Berlin: »Unser Schulwesen treibt einer Katastrophe zu.«

An gutgemeinten Rettungsvorschlägen mangelt es nicht: Die »Lehrpläne müssen um 40 Prozent gekürzt werden« -- »Die Schulstunde sollte 60 Minuten statt 45 dauern« -- »Keine Noten, kein Sitzenbleiben für Grundschüler«. Auch der CSU-Landtagsabgeordnete Peter Widmann hat sich was ausgedacht: »Ich glaube, es ist an der Zeit, wieder zu sagen, daß wir gute Arbeiter und Handwerker sowie Bauern brauchen.«

Wo die Lehrstellen für diejenigen herkommen sollen, die freiwillig aufs Gymnasium verzichten, wenn schon jetzt Ausbildungsplätze fehlen, weiß der Bayer nicht zu sagen. Die Bundesanstalt für Arbeit macht eine ganz andere Rechnung auf: 1,4 Millionen Jugendliche mit Schulabschluß werden sich, so die Prognosen aus Nürnberg, im nächsten Jahrzehnt vergeblich um eine Berufsausbildung bewerben. »Jede pädagogische Vernunft muß teilkapitulieren«, sagt Jürgen Zimmer vom Deutschen Jugendinstitut in München, »angesichts der Menetekel von Numerus clausus und Jugendarbeitslosigkeit« schlechte Zeiten für Arbeiter und Bauern, kein Elysium für Abiturienten.

Die Krisis der Krankheit, die Schule heißt, steht noch bevor.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 74
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.