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TAXIS Wie leichtes Asthma

Bonner Taxen, die oft Diplomaten und Politiker befördern, sollen ein angeblich abhörsicheres Funksystem erhalten. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Jahrelang ärgerte sich der Bonner Taxiunternehmer Knut Siebert, 43, wenn er über Funk Aufträge entgegennehmen mußte. Mal waren die Durchsagen kaum zu verstehen, weil eine Kollegin in der Zentrale nuschelte, mal knackte es ausgerechnet dann in der Verbindung, wenn die Hausnummer des Fahrgasts durchgegeben wurde. »Die richtige Adresse mitzubekommen«, berichtet Siebert, »war manchmal das Schwerste am ganzen Job.«

Neuerdings jedoch ist für Siebert der Ärger ausgestanden. Nun genügt ihm ein kurzer Blick auf einen kleinen Bildschirm über dem Autoradio der alle wichtigen Informationen in beleuchteten Druckbuchstaben anzeigt. Siebert: »Bequemer geht's nicht.«

Die Arbeitserleichterung erlebt der Droschkenfahrer bei einem Modellversuch der Bonner Funktaxi-Zentrale, die gegenwärtig »den ersten abhörsicheren Taxenfunk« (Sprecher Claus Lenz) erprobt. Die Fahr-Unternehmer wollen verhindern, daß Terroristen mithören können, wann und wo Prominente oder hohe Beamte abgeholt werden.

Im Oktober letzten Jahres, vermutet das Bundeskriminalamt (BKA), hätten RAF-Terroristen auf der Taxenwelle mitbekommen, als vom Außenministerium eine Heimfahrt ("Fahrgast: Herr von Braunmühl") geordert wurde. Der Spitzendiplomat Gerold von Braunmühl, 51, wurde von bisher unbekannten Tätern vor seinem Haus in Bonn-Ippendorf erschossen, als er aus dem Taxi stieg.

Weil Sicherheitsexperten weitere Anschläge auf Politiker und Beamte »aus der zweiten Reihe« (Generalbundesanwalt Kurt Rebmann) befürchten, will die Bonner Taxi-Zentrale ihren Funk abhörsicher machen. »Nur mit diesem Sicherheitsservice«, so Lenz, »können wir weiterhin mit Ministerien und Botschaften im Geschäft bleiben.«

Der sprachlose Funkverkehr funktioniert im Prinzip wie die Übermittlung von Computer-Daten per Telephon. Aufträge, die in der Zentrale eingehen, werden gleich bei der Annahme in einen Computer eingegeben. Der Rechner wandelt die Buchstaben in eine Kombinationsfolge von zwei verschiedenen Tönen um, die dann per Funk an die Wagen weitergegeben werden. Dort übersetzt ein Rechner im Empfangsteil die Tonfolgen wieder in Buchstaben, die dann auf dem Monitor am Armaturenbrett erscheinen.

Die Vorteile des Systems, das bislang in vier Wagen erprobt wird, sind ohrenfällig. Statt quakeliger Anweisungen aus der Zentrale hört der Fahrer beim digitalen Datenfunk nur noch ein kurzes Übertragungsgeräusch, das sich, so ein Testfahrer, »wie leichtes Asthma« anhört.

Zudem verringert das neue Vermittlungsverfahren auch die Anfahrtzeit zum Kunden: In der Zentrale geschehen Auftragsannahme und -vergabe nahezu gleichzeitig, zeitraubendes Nachfragen entfällt.

Ob der digitale Datenfunk jedoch abhörsicher ist, scheint fraglich. Zwar können ungebetene Lauscher die Anfahrtorder mit dem bloßen Ohr nicht verstehen. Doch selbst die Herstellerfirma des Datenübertragungsgerätes räumt ein, daß »eine Entschlüsselung technisch machbar« sei.

So bietet der Fachhandel zu Preisen zwischen einigen hundert und mehreren tausend Mark Dekoder an, die Datenfunk, je nach Übertragungsart, entziffern können. Die Geräte, zum Teil von der Bundespost nicht zugelassen und »nur für den Export bestimmt«, können an Empfänger angeklemmt werden, die für Taxen-. Feuerwehr- oder Polizeifunk präpariert sind - auch solche Apparate sind im Fachhandel zu haben.

Die Herstellerfirma des Bonner Textübertragungssystems behauptet jedoch, ihr Datentelegramm sei »nur mit einem ganz speziellen und nicht erwerbbaren Auswerter zu entziffern«. Dennoch sehen Computer-Freaks wie Steffen Wernery, 25, der mit seinen Kollegen vom Hamburger »Chaos Computer Club« auch schon das besonders geschützte Kenn- und Paßwort für den Bildschirmtext-Dienst der Hamburger Sparkasse geknackt hat, in der Ton-Übertragung »nur eine unwesentliche Verbesserung, die mit relativ geringen Mitteln und Aufwand auszuhorchen ist«.

Selbst wenn der Taxenfunk, was bislang nicht vorgesehen ist, noch mit einem Extra-Code verschlüsselt würde, sieht der Hamburger Hacker »kaum Probleme«. Einigermaßen abhörsicher könnte der Funk nur werden, wenn jedes Taxi einen eigenen Code bekäme, der jeden Tag geändert würde. Das aber, glaubt die Herstellerfirma, sei »für einen Taxenbetrieb viel zu aufwendig«.

Die gleichfalls von Abhör-Ängsten geplagte Fahrbereitschaft des Deutschen Bundestages hat denn auch das Datenfunk-Modell nicht übernommen. Nach Beratungen mit dem BKA, sagt Sachbereichsleiter Werner Grünschlag, »scheint für unseren Betrieb ein Sprach-Zerhacker besser zu sein«.

Die Bonner Taxi-Genossenschaft setzt weiter auf den Datenfunk und hofft, daß bis 1989 alle 250 Wagen ihre Aufträge per Monitor (Anschaffungspreis: 1200 Mark) entgegennehmen - wenn das Projekt nicht zu teuer wird. Denn Ende Juli wurden Vertreter des Fernmeldeamtes Bonn in der Fahrer-Zentrale vorstellig und mahnten, unter Verweis auf »Bestimmungen über Funkanlagen des beweglichen Betriebfunks«, 30000 Mark Gebühren für das neue System an.

Nun will die Taxi-Zentrale von der Post eine Ausnahmegenehmigung bekommen. Sonst, so Lenz, »trägt die Post das Sicherheitsrisiko«.

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