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Wie man einen Ministersturz macht

aus DER SPIEGEL 29/1949

Dänemarks sozialdemokratische Minderheitsregierung steuerte zum fünften Male seit ihrem anderthalbjährigen Bestehen elegant um eine parlamentarische Mißtrauens-Klippe herum. Die Folketing-Debatte über die Südschleswig-Frage, für die die oppositionellen Liberalen (Venstre-Partei) seit zwei Monaten gekämpft haben, ist abgeblasen worden.

Der dänische Reichstag nahm damit seine unterbrochenen Sommerferien wieder auf. Er wird erst im Herbst erneut zusammentreten. Hans Hedtoft, Dänemarks Staatsminister - so nennt man dortzulande den Ministerpräsidenten - , hat nun ein weiteres halbes Jahr vor sich.

»Hedtoft lebt lange dank der Dummheiten der Opposition«, stellte ein Kopenhagener Blatt fest. Es notierte gleichzeitig eine Aeußerung Hedtofts zu dem Führer der Opposition, Eriksen: »Sie sollten lernen, wie man einen Ministersturz macht.«

Das Lernen würde vergebliche Liebesmühe sein. Hedtoft, der sich mit seiner Minderheitsregierung von Fall zu Fall eine Mehrheit suchen muß, hat in den letzten anderthalb Jahren eine glänzende politische Manövrierfähigkeit bewiesen. Die Uneinigkeit der 3 bürgerlichen Oppositionsparteien kam ihm dabei gut zustatten.

Mit Hedtoft ist die dritte sozialdemokratische Generation in Dänemark am Ruder. Es wird politischen Gegnern auch in Zukunft schwerfallen, ihr die Macht zu entreißen. Durch ihre undoktrinäre, mehrere Lichtjahre von Karl Marx entfernte Politik hat die dänische Sozialdemokratie ihren Gegnern die besten Kritik-Waffen aus der Hand gewunden.

Man hat in der dänischen Arbeiterbewegung nie viel von Theorien, aber sehr viel mehr von nüchterner, praktischer Arbeit gehalten. »Macht euch so schnell wie möglich von der Idee frei, daß der Sozialismus an einem bestimmten Freitag 12 Uhr mittags eingeführt wird«, dämpfte Hedtoft erst kürzlich einige radikale Genossen. »Das sind Illusionen. Wir kämpfen für eine allmähliche Umbildung der Gesellschaft im Einklang mit dem Geist der Zeit.«

Schon Thorvald Stauning, der Nestor der dänischen Sozialdemokratie und langjährige dänische Ministerpräsident, schlug ähnliche Töne an. Er mauserte sich vom donnernden Revolutionär und kalt-berechnenden Oppositionsführer mit den Jahren zum Partner und Führer von Koalitionskabinetten. Hedtoft, den man vor Staunings Tod im Jahre 1942 »Staunings Kronprinz« nannte ("Das waren die verdammten Journalisten«, grollte er), entwickelte die Politik undogmatischer Nüchternheit zur Vollendung.

Wo Stauning zugeknöpft, wortkarg, ernst und landesväterlich wirkte, ist sein Jünger wie jeder andere Durchschnittsdäne stets mit einem Lächeln zur Hand. Sein rundes, rötliches Gesicht paßt besser in die dänische Landschaft als das Staunings mit dem imposanten Vollbart. Bei ernsthaften Regierungsdiskussionen kommt es manchmal vor, daß er plötzlich ein lustiges Liedchen vor sich hinträllert.

Hedtoft ist sogar der erste Staatsmann der Welt, der selbst einen populären Schlager geschrieben hat. Es handelt sich um das Gedicht »Peter die Spinne«, das inzwischen vertont wurde und nun überall in Dänemark gesungen, gepfiffen und gespielt wird. Hedtoft gestand: »Wenn ich schwierige Staatsgeschäfte zu erledigen habe, dann denke ich nur an meine Tochter Karen, an Peter die Spinne, und alles geht leichter.« So etwas macht populär.

Der Schlagerdichter Hedtoft ist auch ein guter Redner. Besonders gefühlvolle Parteifreunde setzen seine Stimme dem klangvollen Register einer Orgel gleich. Die dänische Sprache wird manchmal mit dem weichen Metall Zinn verglichen, geschmeidig und biegsam. Hedtoft ist ein Meister der Zinnbearbeitung. Sein Stil ist blumig und voll von charakterisierenden Adjektiva, ohne übertriebene Lautstärke, manchmal auch mit spitzer Glossierung gespickt.

Eigentlich heißt der dänische Staatsminister gar nicht Hedtoft. Als Hans Hansen wuchs er zusammen mit ein paar tausend Jungens gleichen Namens in Jütlands Hauptstadt Aarhus auf. Als er 1935, 32 Jahre alt, ins Folketing (die zweite Kammer des dänischen Reichstags) gewählt wurde, saßen dort schon zwei andere Hans Hansen. Worauf sich der neue Parlamentsbenjamin sofort eigenhändig in Hedtoft Hansen umtaufte.

In die Politik kam er schon früh. Seine Eltern, aktive Sozialdemokraten, besonders die Mutter, vererbten ihm den sozialistischen Geist. Wie so viele der großen Sozialistenführer ging der jütländische Schneiderssohn aus dem Buchdruckergewerbe hervor. Bereits mit neunzehn Jahren gab er jedoch den Beruf eines Lithographen auf und wurde Sekretär der dänischen sozialdemokratischen Jugendbewegung. 1929 kam er in die Parteileitung und war zehn Jahre später Parteiführer.

In den Jahren, da viele Dänen bereits mit den deutschen NS-Nachbarn techtelmechtelten, wirkte Hedtoft auch als Leiter des Matteotti-Fonds. Der gewährte deutschen Emigranten in Dänemark eine erste und dringend nötige Hilfe und unterstützte auch spanische Flüchtlinge, die sich auf republikanischer Seite gegen Franco geschlagen hatten. So war Hedtoft natürlich nicht »genehm«, als dann die Deutschen Dänemark besetzten.

Bereits wenige Tage nach dem Einmarsch stieg der deutsche Gesandte Renthe-Fink im Eilmarsch die Treppen zu Ministerpräsident Stauning hinauf und drohte mit Repressalien, wenn »dieser verdammte Hedtoft« nicht abgesägt würde. Stauning zögerte, gab schließlich nach und entfernte seinen designierten Nachfolger von allen Parteiämtern, ließ ihn aber seinen Parlamentssitz behalten.

Als Ersatz bekam Hedtoft einen Direktorposten in der Arbeiterbrauerei »Stjernen«. Auf Bierbrauen verstand er sich zwar nicht besonders gut, dafür aber um so besser auf illegale Tätigkeit. Er wurde der Verbindungsmann zwischen Parlament und Widerstandsbewegung und machte sich vor allem durch die Vermittlung von Waffenlieferungen aus Schweden um die dänischen Resistenzler verdient.

1944 unternahm er seine berühmt gewordene Reise, um in Stockholm mit schwedischen und norwegischen Parteifreunden über die Unterstützung der dänischen Saboteure mit Geld und Waffen zu verhandeln. Er wurde von Freunden in Kopenhagen in eine feine Lotsenuniform gesteckt und auf das Routeschiff nach Bornholm gebracht. Die Gestapo untersuchte das ganze Schiff, aber natürlich nicht den Lotsen.

In jenen Jahren schrieb Hedtoft auch als illegaler Journalist mit dem Pseudonym »Jens Petersen« an der Zeitung »Danske Tidende«. Trotz all dieser Erlebnisse ist Hedtoft kein Hasser. Nach der Kapitulation Deutschlands schrieb er in einer Polemik gegen seinen Parteifreund Korst, den Generaldirektor des dänischen Steuerwesens: »Ich melde mich nicht in die Schar der 'neuen Antisemiten', die da meinen, daß alle Deutschen wie räudige Hunde zu behandeln sind. Es tut mir leid, wenn ich Leute höre, die hinter notorisch ordentlichen Menschen 'Nazi' herrufen.«

Niemand in Dänemark setzt sich heute auch so für eine Verständigung mit Deutschland in der heiklen Südschleswig-Frage ein wie Hedtoft. Für ihn gilt des verstorbenen Konservativen Christmas Möller Wort: »Die Grenze liegt fest.« Hedtoft wird nicht müde, den Aktivisten, die sich in allen Parteien, auch der eigenen, finden, zu predigen: »Keine Wiederholung der Eiderpolitik! Um Gotteswillen keine Minderheit von 300000 Menschen, die wir bei einem dänischen Südschleswig mit übernehmen müßten!« Auch von den Speckdänen will er nicht viel wissen.

Es imponiert den Dänen, daß Hedtoft in einem kleinen eigenen Haus in einer Arbeiter- und Kleinbürger-Vorstadt Kopenhagens wohnt. Eine prunkvolle Ministerwohnung schlug er aus.

Allerdings ist der bienenfleißige Staatsminister, der oft nächtelang in seinem Büro arbeitet, nicht allzu häufig zu Hause. So kam es, daß seine kleine Tochter Karen bis vor kurzem regelmäßig beim Eintritt des unbekannten Papas bemerkte: »Mutti, da kommt der Mann, der manchmal auf deinem Sofa schläft.«

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