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WAHLKAMPF / ADENAUER Wie man Wähler gewinnt

aus DER SPIEGEL 37/1957

Auf riesigen Plakaten war es - in Weinheim an der Bergstraße - überall zu lesen: »ER kommt.« Zwei Stunden, ehe ER kam, fuhren zwei Lautsprecherwagen durch Weinheim. Die Bevölkerung solle IHM einen »recht freundlichen und herzlichen Empfang« bereiten.

Vor dem Bahnhof von Weinheim warteten ein paar hundert Menschen, die sehen wollten, wie ER kam. Ein Sonderzug lief ein, ER schritt an den still verharrenden Menschen vorbei die Gleise entlang und winkte.

Vor der Halle war ein Rednerpult mit einem Mikrophon aufgebaut. ER wandte sich an die Kinder, die gekommen waren: »Meine Damen und Herren, meine lieben Kinder, ich freue mich, daß Kinder hier sind; denn es ist wichtig, daß die Jugend an so wichtigen politischen Veranstaltungen teilnimmt.«

ER gedachte vor dem Bahnhof auch jener, die geistig arm sind: »Ich sprach neulich mit einer Frau, die immer fleißig Radio hört. Sie sagte zu mir, man weiß gar nicht, woran man ist Das mag sein, daß viele, die viel Radio hören, nicht wissen, woran sie sind. Aber wer es nicht weiß, der soll sehen. Der soll die Taten sehen der CDU und die Taten der Kritiker. Dann weiß er, woran er ist.«

»'ER kommt' - Wer kommt?« fragte die »Allgemeine Zeitung für Württemberg« in einer Glosse. »In der christlichen Terminologie bedeutet 'ER' der Herr Jesus Christus und Gott selbst. Im Wortschatz der Christlichen Demokraten bedeutet 'ER' offensichtlich: der Bundeskanzler.«

Vor der Weinheimer Obstgroßmarkthalle drängten sich die Menschen, um Konrad Adenauer zu sehen. An Kinder waren schwarz-rot-goldene Fähnchen verteilt worden. Die Halle faßt 3000 Menschen, weitere 2000 drängten sich davor. Über die Köpfe der 2000 schepperte eine Lautsprecherstimme: »In wenigen Minuten trifft der Bundeskanzler ein. Bereiten Sie ihm einen herzlichen Empfang!« In der Halle verkündete ein Mann vom Rednerpult: »Die Tore nach Osten werden auf Kommando geschlossen, die Tore nach Westen bleiben offen.«

Dann war Konrad Adenauer da. Die Kapelle hinter dem Rednerpult intonierte den Kärntner Liedermarsch. Kurzer Jubel, dann Stille, und vor der Halle

sprach der Kanzler die ersten Worte zu seiner Gemeinde: »Meine lieben Freunde! Ich freue mich von Herzen, daß es nicht regnet ...«

Dann schritt Konrad Adenauer in die Obstgroßmarkthalle und hielt seine Wahlrede. Wieder einmal in diesem Wahlkampf hatte sich der Regierungschef eines demokratischen Staates auf eine Weise dem Volk präsentieren lassen, die man bis dahin nur unter anderen Staatsformen für möglich gehalten hatte. Statt das Regierungsprogramm zu entwickeln, das die CDU in der nächsten Legislaturperiode zu verwirklichen gedenkt, gefiel sich der Kanzler in einem Jargon, den sich zweitklassige Parteiredner gemeinhin für Vorstadtversammlungen reservieren. Aber offenbar gab es in des Kanzlers Auditorium, wo immer in der Bundesrepublik er sprach, genug Leute, die mit seiner Darbietung zufrieden waren. Auch in Weinheim prasselte Beifall, zum Schluß wurde das Deutschlandlied abgespielt, und der CDU-Wahlkreiskandidat Dr. Hermann Lindrath, Prokurist der Portland-Zementwerke Heidelberg AG, brach vor der Versammlung in die Worte aus: »Gott schütze Konrad Adenauer.«

Am selben Tage sprach der Kanzler noch in einer zweiten Versammlung - 15 Kilometer weiter in Bensheim. Der Weg dorthin, der durch die Orte Hemsbach, Laubenbach und Heppenheim führt, war rechtzeitig »beschallt« und »durchgewärmt« worden, wie es im Kauderwelsch der Reklame-Agenten heißt. Lautsprecherwagen hatten die Einwohner auf das frohe Ereignis vorbereitet: »In wenigen Minuten wird Bundeskanzler Adenauer vorbeikommen, in wenigen Minuten wird ein großer Staatsmann vorbeikommen; wenn Sie ihn sehen wollen, kommen Sie!«

»In den Versammlungshallen, wo die ohnehin schon Überzeugten sitzen, lost sein Erscheinen Beifallsstürme und eine Massen-Euphorie aus«, schrieb in der »Neuen Zürcher Zeitung«, dem Lieblingsblatt Konrad Adenauers, der Bonner Korrespondent Fred Luchsinger, der den Kanzler auf einem Teil seiner Tournee begleitet hatte.

»Auch die dichten Spaliere der Neugierigen auf den Straßen begrüßen ihn herzlich, und die Frauen, die dort dominieren, himmeln ihn an. Ungute Erinnerungen an 'frühere Zeiten' lassen sich oft nicht unterdrücken angesichts dieser Massen, in denen offensichtlich Relikte von Führerkult noch wirksam sind. In der Gestalt des Bundeskanzlers scheinen sie wieder die Person gefunden zu haben, die für viele nicht nur die Regierung, sondern den Staat schlechthin verkörpert und ohne die hier offenbar nur schwer auszukommen ist.«

Nach Adenauer geht es denn auch am 15. September gar nicht darum, daß der Wähler zwischen verschiedenen demokratisch gleichartigen politischen Parteien entscheidet, sondern um eine Art plebiszitärer Demonstration dessen, was heute wie einst »überwältigende Mehrheit« geheißen wird. Konrad Adenauer kennt keine Parteien mehr, er kennt nur noch Deutsche.

In Essen klang es so: »Es handelt sich am 15. September darum - ich denke jetzt nicht an irgendeine Partei -, daß das deutsche Volk, meine Damen und Herren, mit überwältigender Mehrheit erklärt der ganzen Welt, den mit uns verbündeten Nationen, auch der Sowjet-Union, daß wir zu unseren bisherigen Bündnissen in Treue weiterstehen.«

Und in Bremen: »Es handelt sich in Wahrheit, meine Damen und Herren, bei der Bundestagswahl 1957 letzten Endes nicht darum, ob die CDU die stärkste Partei wird, zusammen mit der CSU, sondern es handelt sich darum, daß die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes ein ganz klares Bekenntnis ablegt für die Gemeinschaft der freien Völker, insbesondere mit den Vereinigten Staaten.« Das Protokoll verzeichnet: »Starker Beifall.«

»Wenn am 15. September die Sozialdemokratie in die Führung der Regierung kommt, haben wir dann mit der Londoner Abrüstungskonferenz Schluß, dann ist es vorbei mit dieser Hoffnung«, menetekelte Konrad Adenauer am 7. Juli in Nürnberg. »Aber ich sage Ihnen umgekehrt, das ist meine feste Überzeugung: Wenn wir auch diesmal wieder in dem Umfang wie bisher die Stimmen der Wähler bekommen, dann wird es im Verein der Arbeit zwischen den freien Volkern der Welt, an der Spitze die Vereinigten Staaten und uns, doch zu der kontrollierten Abrüstung kommen. Dann hat die Atomwaffe ihren Schrecken verloren.«

In Nürnberg gab Konrad Adenauer auch die Parole vom Untergang Deutschlands aus, die den ganzen Bundestagswahlkampf bestimmt hat:

»Bis in die letzte Zeit hinein haben mich ehrlichmeinende Politiker des Auslandes gefragt: 'Wird denn nicht eines Tages diese Partei, die Sozialdemokratische Partei, an die Macht kommen, und ist dann nicht alles vergebens gewesen, was wir mit dem deutschen Volk gemacht haben?' - Wir werden dafür sorgen, daß die SPD niemals an die Macht kommt.

Stürmischer Beifall, Zurufe

»Warum sind wir so fest dazu entschlossen? Nicht etwa, glauben Sie mir das, aus parteipolitischem Haß. Das ist nicht der Grund, sondern wir sind dazu so fest und bis zutiefst entschlossen, weil wir glauben, daß mit einem Sieg der Sozialdemokratischen Partei der Untergang Deutschlands verknüpft ist.«

Selbst die bürgerliche Wochenschrift »Die Zeit«, die der CDU-Bundestagsabgeordnete Bucerius verlegt, schrieb: »Vielen - auch manchem, der nicht zur SPD gehört - ist der Zorn flammend rot ins Gesicht gestiegen beim Lesen jener Worte, die der Kanzler in Nürnberg sprach: 'Wenn die SPD die Regierung übernimmt, so bedeutet das den Untergang Deutschlands.' Wörtlich: den Untergang Deutschlands! Finis Germaniae! ... (Es) läßt sich bereits mit Sicherheit sagen, daß der Regierungschef das Klima der Innenpolitik ruiniert hat.«

Der unbekannte Begleiter

Aber der Kanzler hielt den Ton, den er in Nürnberg angeschlagen hatte, unbeirrt durch. In Hannover sagte er beispielsweise: »Wenn wir, die CDU/CSU, aus der Regierung ausscheiden würden, und wenn an unsere Stelle eine Regierung träte, in der die Sozialdemokratie maßgebend wäre, dann würde allerdings innenpolitisch und außenpolitisch und in der ganzen Welt ein Erdrutsch erfolgen.«

Vier Tage später, in Wuppertal, gab Konrad Adenauer sich wegen der Empörung über seine Untergangsparole gekränkt: »Wenn ich nach reiflicher Prüfung die feste Überzeugung habe, daß das, was die Sozialdemokratie und ihre Führer wollen, Deutschland zum russischen Satellitenstaat macht auf die Dauer, dann, meine Damen und Herren, werde ich das offen und freimütig sagen.«

Im engsten Kreise allerdings gab Konrad Adenauer den Un-Sinn dieser Redereien zu. Die bürgerliche »Welt« berichtete, ein französischer Journalist habe den Kanzler gefragt: »Glauben Sie, Herr Bundeskanzler, daß sich an der Außenpolitik der Bundesrepublik etwas ändern würde, wenn die Sozialdemokraten die Regierung übernehmen?« - »Nein, nichts würde sich ändern.« - »Kein Jota, Herr Bundeskanzler?« - »Nein, kein Jota.«

Um seinen öffentlich vorgetragenen Untergangs-Parolen den Anstrich demokratischer Seriosität zu geben, ließ der Kanzler immer einfließen, wie er die Großen der Welt und ihre Geheimnisse kennt: »Als ich zuletzt mit meinem Freunde Dulles darüber sprach ...« (Münster). Oder: »Eden hat mir selbst einmal erklärt, man könne doch nicht sagen, daß sie noch eine Großmacht wären« (Pforzheim). Oder: »Mir hat Chruschtschew und Bulganin es selbst gesagt, wir werden die Welt beherrschen, hat er gesagt« (Gummersbach). Oder: »Glauben Sie mir, meine Damen und Herren, ich stehe ja im ununterbrochenen Konnex mit den Regierungen der Nato-Staaten, glauben Sie mir ...« (Gummersbach).

»Die reine, einfache Behauptung«, so schrieb der französische Soziologe und Psychologe Le Bon 1895 in seiner »Psychologie der Massen«, ohne jede Begründung und jeden Beweis, ist ein sicheres Mittel, um der Massenseele eine Idee einzuflößen. Je bestimmter eine Behauptung, je freier sie von Beweisen und Belegen ist, desto mehr Ehrfurcht erweckt sie.«

Nun wäre es freilich falsch, annehmen zu wollen, Konrad Adenauer habe sich wohlüberlegt als ein Primitiver getarnt, um dadurch den Gesetzen der Massenpsychologie zu genügen. Er hatte keine Tarnung nötig. Er ist ein Idealfall. Er braucht sich nur so zu geben, wie er ist, und er ist genau alles das, was Le Bon von einem Massenredner verlangt: primitiv, unlogisch, oberflächlich, verallgemeinernd.

In einem Sonderzug, der von der CDU bezahlt wurde, reiste der Kanzler mit seinen Erdrutsch- und Untergangsredensarten durch Westdeutschland. Zu der Besatzung des Zuges, so beobachtete ein Mitreisender, der Journalist Hans Ulrich Kempski von der bürgerlichen »Süddeutschen Zeitung«, gehörte »auch ein schweigsamer, angenehmer Herr, der immer dabei ist, mit einem munteren Blick und einem kleinen Lederkoffer. Der Herr gehört weder zum Bundespresseamt noch zur Polizei.

»Als wir uns kennenlernten, wich er meiner Frage nach seiner Funktion mit den Worten aus: 'Ich fahre mit aus lauter Jux und Tollerei.' Der Stab des Bundeskanzlers möchte gern vertuschen, daß ständig ein Arzt in Adenauers Nähe sein muß.« Dr. Leo Nonn, 43, überwachte Tag und Nacht des Kanzlers Gesundheitszustand. Er arbeitete schon in Korea. Mit dem deutschen Rot-Kreuz-Hospital war er zu Syngman Rhee geschickt worden.

Konrad Adenauer bestritt vor seinen Mitreisenden ganz energisch, daß er sich mit irgendwelchen Medikamenten oder Spritzen in Form bringe. Die Journalisten konnten statt dessen übereinstimmend beobachten, daß der 81jährige zur Auffrischung und Anregung Sekt und Rotwein konsumierte, und zwar in einer Menge, die einen der Mitreisenden zu der Feststellung veranlaßte: »Er pichelt schon ganz schön.« Der Speisezettel war von Ärzten zusammengestellt und sah neben Gemüsen viel Fleisch vor, auch Geflügel aller Art und Austern, starken Kaffee und Schokolade.

In der Nähe der Orte, in denen der Kanzler reden sollte, hielt der Zug auf einem Abstellgleis. Das rollende Kanzlerhauptquartier war stark gesichert. Der Berichterstatter der gutbürgerlichen »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« besuchte den Zug in der Nähe Salzgitters. Er schrieb:

»Der Besucher des Sonderzuges muß einige Kontrollen passieren, bevor er ihn überhaupt zu sehen bekommt. In das Waldstück führt nur ein einziger Weg, den man, offenbar für den Aufenthalt Dr. Adenauers, frisch ausgebessert hat. Mitten auf diesem Weg, dicht umsäumt von Männern, Frauen und Kindern, steht der erste Kontrollposten der Bereitschaftspolizei ... In den Abhang, der zu den tief eingeschnittenen Gleiskörpern führt, wurde eine stabile Bohlentreppe eingebaut, um dem 81jährigen Bundeskanzler den Aufstieg zu seinem Mercedes, der oben unter den Bäumen abgestellt ist, zu erleichtern.«

Der mitreisende Journalist Hans Ulrich Kempski von der »Süddeutschen Zeitung« beobachtete bei anderer Gelegenheit: »Wir stehen auf einem Abstellgleis abseits der großen Stadt. Mechaniker stürzen mit Kabeln herbei, die sie in den Nachrichtenwagen leiten, Konrad Adenauer telephoniert mit Staatssekretär Globke. Nein, es ist absolut nichts los in Bonn. Die erste Schicht der Leibwächter nimmt Platz zum Abendessen, die zweite Schicht greift sich Maschinenpistolen. Ich lege mich auf meiner Schaumgummimatratze nieder, so wohlbehütet wie noch nie. Bahnpolizisten und Gendarmen patrouillieren zwischen verrosteten Schienen.«

Und ein anderer Mitreisender im rollenden Kanzlerkampfquartier, der Berichterstatter der Londoner »Times«, konstatierte: »Tatsächlich können selbst die allertreuesten Anhänger des Kanzlers den Ring bewaffneter Männer nicht durchstoßen, der um den Zug gezogen wird, sowie er hält.« Für die Zug-Besatzung wurde nach militärischem Vorbild eine Parole ausgegeben, beispielsweise bei Bielefeld: »Hindenburg.« Nur wer die Parole wußte, durfte die Absperrung passieren.

Der martialische Sperrgürtel um den Sonderzug war nicht die einzige Maßnahme, die den Kanzler auf seiner Wahlreise vor unvorhersehbaren Widrigkeiten schützen sollte. Auch in seinen Versammlungen war stets entsprechend vorgesorgt, und nur so ist es zu erklären, daß seine Erdrutsch- und Untergangsfloskeln allenthalben unwidersprochen blieben.

Konrad Adenauer sprach fast nie unter freiem Himmel. Wo kein Saal verfügbar war, wurden von der CDU meistens Zelte aufgeschlagen, so in Bochum, Bensheim und Mannheim. In der »Süddeutschen Zeitung« schrieb Kanzlerbegleiter Kempski, warum kaum Versammlungen unter freiem Himmel abgehalten wurden:

»Die CDU will nicht riskieren, daß ihr Chef respektlosen Zwischenrufen oder womöglich einer regelrechten Störung ausgesetzt wird ... Einlaß wird nur gegen Eintrittskarten gewährt. Die Karten werden nach einem System ausgegeben, das die Anwesenheit von organisierten Radaugruppen ausschließt.«

In Stuttgart, wo der Kanzler in einer Ausstellungshalle auf dem Killesberg sprach, hatte man dieses System zunächst nicht beachtet. Die Sitzgelegenheiten in der Halle waren zu Blocks zusammengefaßt und auf den Eintrittskarten war nur vermerkt, in welchem Block der Karten -Inhaber Platz zu nehmen hatte, Unbekannte Karteninteressenten bekamen bis zu sechs Karten auf einmal, als zuverlässig bekannte CDU-Mitglieder bis zu zwanzig.

Das erfuhr gerade noch rechtzeitig der persönliche Referent des Kanzlers,« Ministerialrat Kilb. Voller Sorge um die Einstimmigkeit der Versammlung schlug er Alarm, Und so standen zwei Tage vor der Kundgebung Anzeigen in den Stuttgarter Zeitungen, in denen es hieß, alle Karten für die Adenauer-Versammlung müßten in der CDU-Kreisgeschäftsstelle oder an der Abendkasse umgetauscht werden, »um organisierte Störungen des Kundgebungsablaufs und Kartenfälschungen zu verhindern«.

Inzwischen hatte man alle Plätze der Halle einzeln durchnumeriert, und für jeden Platz gab es jetzt eine Karte. Wer Karten zum Umtausch vorlegte, bekam nur eine oder zwei neue zurück, auch wenn er zwanzig alte hatte umtauschen wollen. So war es politischen Gegnern fast unmöglich gemacht, in der Adenauer Versammlung gruppenweise zu sitzen.

Am Eingang wurden überdies alle Karten viermal streng kontrolliert. Bei anderer Gelegenheit, in Mannheim, mußten Besucher mit Aktentaschen eine Sonderkontrolle über sich ergehen lassen. Sie hatten die Taschen vor CDU-Ordnern zu öffnen, damit der Inhalt der Taschen offenbar wurde.

Für den Fall, daß es irgendwelchen Störern dennoch gelingen sollte, sich Einlaß zu verschaffen, standen stets jugendliche Ordner in Bataillonsstärke mit verschränkten Armen herum. Wer nur einen einzigen Pfiff wagen wollte, mußte an vielen Orten damit rechnen, nicht mehr heil nach Hause zu kommen.

»Die Feuerwehrkapellen«, berichtete Kanzler-Begleiter Kempski, »blasen mit aller Kraft, wenn Adenauer ans Podium vorgeht, doch das Gebrüll der Menschen Übertönt auch die lautesten Märsche. Noch In keinem deutschen Wahlkampf der Nachkriegszeit habe ich derart fanatisierte Versammlungen erlebt. Adenauer hat es bei solchen Zuhörern eigentlich nicht nötig,

lange Reden zu halten. Die Leute, denen man Karten anvertraut hat wählen Ihn ohnehin.«

Schrieb die Londoner »Times": »Die Versammlungen sind nur für die schon überzeugten. Eintritt Ist nur auf Eintrittskarte möglich, und wenn ein gelegentlicher Zwischenrufer durchschlüpft, wird er von muskulösen jungen Männern in Behandlung genommen. Es gibt keine freie Aussprache. Die Tour hat alle Merkmale einer Inspektionsreise, die ein Kolonialgouverneur durch eine unruhige Provinz unternimmt.«

In Bremen - in einem Zelt - wagten trotzdem einige Versammlungsbesucher, Zwischenrufe zu machen, als der Kanzler sprach. Sofort hieß es: »Raus!« Im Nu waren Ordner da und griffen sich die Zwischenrufer.

Diese rigorose Unterdrückung jeglicher Gegenäußerung war sogar dem Kanzler zuviel: »Ach, meine Damen und Herren«, rief er, »lassen Sie die doch das hören. Also, meine Freunde von der Ordnung! Darf ich Ihnen ein Wort sagen. Lassen Sie doch ruhig einen Sozialdemokraten Zwischenrufe machen. Ich habe gar nichts dagegen.«

Der Bonner Korrespondent des konservativen »Daily Telegraph«, Douglas Brown, schrieb: »Dr. Adenauer, es ist wahr, mag sehr wohl niemals einen verfassungswidrigen Akt unternommen haben. Es ist aber unzweifelhaft, daß seine eigenen Anhänger ihn mehr als einen vom Himmel gesandten Herrscher denn als einen gewählten Volksvertreter feiern. Gesund und munter, im Alter von 81 Jahren, durchreist er das Land, nicht so sehr, um über Politik zu diskutieren, sondern um Hof zu halten.«

Um die Stimmung anzuheizen, wurde meistens vor den Kanzler-Reden Marschmusik gespielt. Durch Lautsprecher wurde wieder und wieder angesagt: »Der Kanzler trifft in wenigen Augenblicken ein« oder: »Bitte nicht auf die Stühle steigen, wenn der Kanzler kommt!«

Konrad Adenauer wurde stets auf einem möglichst langen Anmarschweg durch Nebenräume und Versammlungshalle zum Rednerpult geführt. In Nürnberg hielt Konrad Adenauers Kolonne »aus Sicherheitsgründen« am rückwärtigen Saaleingang. Durch ein kompliziertes Gewirr von Gängen wurde er so um den Versammlungsraum herum geführt, daß er trotzdem seinen Einzug effektvoll auf dem Mittelgang quer durch das Auditorium halten konnte.

Ziemlich regelmäßig sprach Konrad Adenauer auch noch ein paar besondere Worte zu denen, die in der Halle keinen Platz mehr gefunden hatten, und suchte ihnen Vorteile dieses Umstandes klarzumachen. Wer in Celle vor der Halle stand, bekam diese volksnahe Sonderansprache:

»Meine verehrten Damen und Herren! Meine lieben Freunde! Sie müssen zwar draußen stehen, weil Sie nicht mehr in die Halle hinein können, aber freuen Sie sich, Sie sind an der frischen Luft. Und freuen Sie sich weiter, daß der Regen, den ich eben auf der Fahrt hatte, vorüber ist, daß anscheinend ein schöner Abend kommt. Und Sie werden mit größerer Gelassenheit die Worte, die gesprochen werden, entgegennehmen, als wenn Sie in der Halle wären. Sie sind aber auch an Sie gerichtet, und ich möchte Ihnen jetzt schon sagen: Unsere Zeit ist ernst, sehr ernst, und deswegen bitte ich Sie, das, was ich Ihnen zu sagen habe, in dem Geiste aufzunehmen, in dem ich zu Ihnen spreche.«

Fred Luchsinger von des Kanzlers lieber »Neuen Zürcher Zeitung« und Hans Ulrich Kempski von der Münchner »Süddeutschen Zeitung« haben auch über die Technik berichtet, in der Konrad Adenauer seine Reden vorbereitete.

Luchsinger: »Seine Ansprachen macht sich Adenauer leicht. Er hat ein paar Zettel bei sich mit Zitaten von SPD-Führern, mit denen er die im Gedankengang immer etwa gleiche Rede polemisch würzt.«

Kempski: »Die Zettel - ein dickes Paket - ersetzen ihm das Manuskript. Sie enthalten zumeist vom Bundespresseamt zusammengestellte Zitate der gegnerischen Parteiprominenz, die Adenauer dann in willkürlicher Reihenfolge verliest und mit höhnischen Kommentaren versieht. Auf diese Weise soll der Eindruck entstehen, die Opposition befände sich in einem Zustand totaler geistiger Verwirrung. Die Unterlagen, mit denen er ohne Scheu vor demagogischen Tricks operiert, scheinen ihm dabei nur allzuoft recht zu geben.«

Freilich waren diese Unterlagen häufig recht obskurer Herkunft. Ausländische Zeugen dafür, daß ein Wahlsieg der SPD den Untergang Deutschlands bringe, waren nicht etwa irgendwelche amtierenden Politiker der freien Welt, sondern zwei Amerikaner, deren Urteil ein ernsthafter Kritiker nicht als offizielle amerikanische Äußerung werten kann: der pensionierte amerikanische Außenminister Acheson und »ein sehr bekannter Mann, der Herr Lovestone von der Führung der größten Gewerkschaft der Welt«. Die dritte ausländische Quelle für seine Untergangs-These war der Leitartikel einer portugiesischen Zeitung.

Im Schatten des Dorns

Über die Kanzler-Reden schrieb Douglas Brown im »Daily Telegraph": »In England freilich würde man sie nicht als für eine reife Wählerschaft geeignet betrachten. Vielleicht verdient seine Zuhörerschaft mit ihren Eintrittskarten nichts Besseres. Die Leute lauschen mit verhaltenem Atem seinen inkonsequenten Attacken und seiner primitiven politischen Philosophie und rechnen damit, daß die stämmigen Ordner kurzen Prozeß mit jedem machen, der es wagt, ihn zu unterbrechen. Es ist jedoch die kalte Arroganz des Alters, die die Sozialisten dazu provoziert, ihren Feldzug in einen persönlichen Angriff auf ihn, einen Angriff von fast pathologischer Bitterkeit zu verwandeln.«

»Herr Ollenhauer«, dozierte Konrad Adenauer in Weinheim, »ist schwer zu verstehen, meine Damen und Herren, sehr schwer. Und es hat mich manche - na, Stunde ist was viel gesagt, aber es hat mich doch einige Zeit gekostet, bis mir klar wurde, was er will.« Trotz dieses Galopp-Studiums der Oppositions-Argumente meinte er aber doch, die SPD sei der Untergang Deutschlands, und er sagte das von Anfang an.

Diesen Anfang machte Konrad Adenauer am 2. Juni 1957 in Bamberg. Er sollte dort auf einer »Staatspolitischen Kundgebung der Katholischen Männer Deutschlands« eine Ansprache halten. Einige Bundesminister, die vor ihm gesprochen hatten, hatten sich peinlich bemüht, möglichst überparteilich zu reden und in die kirchliche Veranstaltung keine Wahlkampfatmosphäre hineinzutragen.

Dann kam Konrad Adenauer. Auf der Balustrade des Erzbischöflichen Palais zu Bamberg inmitten der katholischen Geistlichkeit gab er seine Parole für den Wahlkampf aus, unter der fortan alle seine Versammlungen standen: Bei den Bundestagswahlen am 15. September 1957 gehe es darum, ob Deutschland christlich bleibe oder kommunistisch werde.

Der Chefredakteur Fromm von der »Nürnberger Zeitung«, sonst ein Bewunderer des Kanzlers, schrieb: »Es war eine Kundgebung der katholischen Männer Deutschlands; 8000 Plakate mit dem Bamberger Reiter sollen zu ihr gerufen haben. Sie war nicht gedacht, so wurde uns gesagt, als gezielte Wahlkampferöffnung. Aber der Kanzler wäre nicht Adenauer, wenn er nicht (treu seinem Wort: Von Wahlen verstehe ich etwas) die gute Gelegenheit im Schatten des Bamberger Domes genutzt hätte.

»Der Kanzler erwies sich als ein erfahrener Massenpsychologe. Darum vermied er die komplizierten Zusammenhänge und verwickelten Gedankengänge der großen internationalen Politik. Immer, wenn man eine entsprechende Erläuterung erwartete, dann überschwemmte schon der Beifall den Platz, weil Dr. Adenauer, suggestiv den Zeigefinger zu den Versammelten in die Luft bohrend, seiner ungebrochenen Hoffnung auf eine günstige Entwicklung und seinem nicht zu erschütternden Gottvertrauen Ausdruck gegeben hatte ...«

Von Bamberg an bis zu seinen letzten Reden vor der Wahl hat Konrad Adenauer vor seinen Zuhörern - wie die stenographischen Niederschriften ausweisen - nicht ein einziges Mal etwas entwickelt was auch nur annähernd so etwas wie ein Regierungsprogramm der CDU für die nächsten vier Jahre gewesen wäre.

»Wie macht man Eindruck auf die Phantasie der Massen?«, fragte 1895 Gustave Le Bon: »Nie durch den Versuch, auf Geist und Vernunft zu wirken ... Alles, was die Phantasie der Massen erregt, erscheint in der Form eines packenden, klaren Bildes, das frei ist von jedem Deutungszubehör.«

Und: »Verknüpfung ähnlicher Dinge, wenn sie auch nur oberflächliche Beziehungen zueinander haben, und vorschnelle Verallgemeinerung von Einzelfällen, das sind die Merkmale der Massenlogik. Schlußfolgerungen solcher Art werden den Massen durch geschickte Redner immer wieder vorgesetzt. Von ihnen allein lassen sie sich beeinflussen. Eine logische Kette unumstößlicher Urteile würde für die Masse völlig unfaßbar sein, und deshalb darf man sagen, daß sie gar nicht oder falsch urteilen und durch Logik nicht zu beeinflussen sind. Oft staunen wir

beim Lesen über die Schwäche gewisser Reden, die ungeheuren Eindruck auf ihre Zuhörer gemacht haben.«

Dem Kanzler kam es darauf an, seinen Zuhörern in den Wahlreden zweierlei zu suggerieren:

- Die SPD wird von einer kleinen Gruppe vaterlandsloser, womöglich zum Teil kommunistischer Wirrköpfe geführt, die weder ein außen- noch ein innenpolitisches Konzept hat, den Stamm der SPD-Mitglieder an der Nase herumführt und sogar schon geäußert hat, Konrad Adenauer müsse erschossen werden; käme diese Clique an die Regierung, dann würden die Londoner Abrüstungsverhandlungen scheitern, dann zöge Amerika sich aus Europa zurück, dann überrollte die Sowjet -Union den Kontinent bis zu den Pyrenäen.

- In der CDU sind Führung und Anhängerschaft auf christlicher Basis eins. Siegt die CDU, dann bleibt alles so stabil, wie es ist; den Bauern, dem Mittelstand und den Familien geht es sogar noch besser als bisher; die Londoner Abrüstungsverhandlungen verlaufen erfolgreich, und die Sowjets werden schließlich resignieren und Mitteldeutschland freigeben.

Um diese Thesen zu untermauern, scheute Konrad Adenauer auch vor Korrekturen der Wahrheit nicht zurück. Die. Londoner »Times« drückte es vornehm so aus: »Dr. Adenauer konnte sich (in der Wahlkampfkampagne) mit Schwung auf die Erfolge seiner Regierung konzentrieren. Sie hören sich gut an, auch wenn man eine gelegentliche Mißachtung der Tatsachen in Rechnung setzt. Natürlich kann kein öffentlicher Sprecher es den Tatsachen erlauben, seine Redekünste zu stören, aber Dr. Adenauer hat eine Simplizität, die nach Vergebung ruft.«

Zunächst einmal galt es, der Sozialdemokratie anzuhängen, sie stehe unter kommunistischem Einfluß. Ollenhauer war zwar beim bösesten Willen nicht, als gefährlicher verkappter Kommunist an der Spitze der SPD darzustellen. Aber bei einem anderen Mann ging das schon besser: bei dem Bundestagsabgeordneten Herbert Wehner.

Wehner hatte bis 1942 zur KPD gehört, zunächst in Deutschland, nach 1933 in der Emigration, die er zum Teil in der Sowjet-Union verbrachte. Weil er 1942 von Schweden aus versuchte, Kontakt mit Widerstandskreisen in Deutschland zu bekommen, wurde er von den Schweden zu Gefängnis verurteilt. Er brach mit der KPD, wie schon vor ihm viele andere, etwa der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter oder der jetzige Bundestagsabgeordnete der Deutschen Partei Albert Walter. Nach 1945 baute Wehner mit Kurt Schumacher die SPD auf.

Wehner schien den CDU-Propagandisten schon seit längerem gut dazu geeignet, die SPD in Verruf zu bringen. Am 21. Februar 1957 hatte der Sekretär des damaligen CDU-Chefpropagandisten Otto Lenz, ein Mann namens Dr. Werner Marx, das Spiel gegen Wehner begonnen. Marx erzählte in einer CDU-Versammlung, Wehner habe im Kriege in Stockholm einem russischen Spionagering angehört.

Am 9. März 1957 griff die schwedische Zeitung »Dagens Nyheter« das Thema auf, und es war dann der Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion des Deutschen Bundestages, Will Rasner, der in Bonn eine Pressekonferenz einberief und Teile des Artikels aus Schweden vorlas. Wehners schwedische Episode machte daraufhin die Runde durch die deutschen Zeitungen.

Das schwedische Blatt gab später eine Erläuterung: Wehner habe ausschließlich politisch gegen Hitler-Deutschland gekämpft. Aber daß von den Anwürfen, Wehner sei russischer Spion gewesen, bei den Wählern doch etwas hängengeblieben war, merkte Konrad Adenauer, als er in einer seiner ersten Wahlveranstaltungen am 5. Juli in Kiel sprach.

»Herr Wehner ist der maßgebendste Sachverständige für außenpolitische Angelegenheiten innerhalb der SPD«, sagte der Kanzler, »er hat ja, wie Sie wissen, auch im Ausland manche Erfahrungen gesammelt ...« An dieser Stelle unterbrach »Heiterkeit« den Kanzler.

Am 7. Juli in Nürnberg ging Adenauers Kampagne weiter: »Und Herr Wehner, der der führende Experte für außenpolitische Angelegenheiten ist ...« Zahlreiche stürmische Pfui-Rufe machten das Ende des Satzes unverständlich. Als wieder Ruhe war, brachte der Kanzler seinen Witz noch an: »Sie können sich leicht täuschen, da der Mann viele Erfahrungen im Ausland gesammelt hat.« Stürmischer Beifall lohnte diesen Satz.

Am 27. Juli in Münster ging Konrad Adenauer vorsichtig noch etwas weiter: »Herr Wehner ist der maßgebende Mann in der sozialdemokratischen, Bundestagsfraktion in Sachen der Außenpolitik. Und er kennt ja das Ausland, meine Damen und Herren!«

Große Heiterkeit und Beifall

Am 3. August in Pirmasens wurde die Passage leicht abgewandelt: »Und am 17. Juni dieses Jahres hat in Frankfurt Herr Wehner, der Auslandsexperte der Sozialdemokratie ...

Heiterkeit

... wer lacht da, meine Damen und Herren? Ich habe das nur jetzt festgestellt, daß Wehner das Ausland kennt.«

Heiterkeit

Mit derart halben Andeutungen war der Zweck erreicht, ohne daß man den Redner hätte belangen können. Der Abgeordnete Wehner, der das Ausland kennt und die Außenpolitik der SPD bestimmt, hatte als Bürgerschreck seinen festen Platz in des Kanzlers Wahlkampfrepertoire.

Um nicht nur führende SPD-Politiker mit dem Odeur des Kommunismus zu umgeben, sondern auch die Wirtschaftspolitik ihrer Partei, deutete Adenauer geschickt an, die Sozialdemokratie werde die Wirtschaftsformen des Kommunismus übernehmen. In Stuttgart sagte er: »Wo ich hinkomme, meine Freunde, überall ein Aufbau, der großartig ist.

Beifall

Meine Freunde! Sicher hat der Fleiß, die Arbeitsamkeit, der Wille des deutschen Volkes daran einen ganz großen Anteil. Aber trotzdem, das war es nicht allein.

»Denken Sie an die Deutschen In der Sowjetzone! Sie hatten vielleicht noch mehr arbeiten müssen als Sie. Und was haben sie als Frucht ihrer Arbeit gesehen? Sie sind in Not und Entbehrung geblieben.«

Der Kanzler zog die aktuelle Lehre: »Es kommt also nicht nur darauf an, daß ein Volk fleißig und arbeitsam ist, es kommt auch darauf an, welche Regierungsform jedes Volk sich wählt ... Der Marxismus, meine Freunde, auch in der verdünnten, in der Verdünnung, in der er uns jetzt präsentiert wird von der Sozialdemokratie, meine Damen und Herren, auch in dieser Verdünnung ist er ein Feind der wirtschaftlichen Freiheit.«

Und im Deutschen Fernsehen sagte der Kanzler gar: »Jeder sieht, daß wir ... Erfolg hatten. Die Wirtschaft gedeiht, der Wohlstand wächst Sehen Sie sich dagegen diese Bilder der marxistischen Planwirtschaft an, die vor drei Monaten in Ostpreußen aufgenommen wurden. Und damit will man die Leistungen der sozialen Marktwirtschaft überflügeln!«

Gegen derartige Praktiken Konrad Adenauers erhoben sich schon früh Stimmen, die den Kanzler ziehen, er habe den Wahlkampf auf ein niedriges Niveau gedrückt. Der Kanzler war deshalb darauf bedacht, der Gegenseite - der SPD - noch viel schlimmere Wahlkampfsünden vorzuwerfen. In vielen seiner Versammlungen erzählte er seinen Zuhörern immer wieder eine schreckliche Geschichte: die Sache mit dem Staatsanwalt aus Limburg an der Lahn.

In Limburg hatte die SPD für den 23. Juni eine Wahlversammlung angesetzt. Eine Neuerwerbung der SPD, die ehemalige Bundestagsabgeordnete Helene Wessel, die nach der Auflösung der Heinemannschen Gesamtdeutschen Volkspartei in die SPD eingetreten ist, sollte in der Limburger Turnhalle sprechen. Neben einer stattlichen Schar sozialdemokratischen Fußvolks war auffallend viel katholische Jugend erschienen, die sich um den Kaplan Hans

Jamin aus Weilmünster scharte, der seinen Priesterrock angelegt hatte.

Kaplan Jamin, 36 Jahre alt, ist Mitglied der CDU und im Oberlahnkreis als hitziger Eiferer bekannt. Die Atmosphäre in der Limburger Turnhalle war von Anfang an gespannt, denn katholische Jungmannen hatten auf der Galerie ein Tonbandgerät aufgestellt, um Helene Wessels Rede festzuhalten. Die SPD-Veranstalter entdeckten das Gerät und nahmen es bis zum Schluß der Veranstaltung an sich.

Helene Wessel ging zunächst mit der Innen- und Außenpolitik Konrad Adenauers ins Gericht und verkündete, bei den kommenden Bundestagswahlen gelte es, die Alleinherrschaft der CDU zu brechen. Dann setzte sie sich mit der Erklärung des Bischofs Keller von Münster auseinander, nach der ein gläubiger Katholik sich nimmermehr zur SPD bekennen könne. Zum Beweis des Gegenteils verwies sie auf ihr eigenes Beispiel: Sie sei gleichzeitig treue Katholikin und SPD-Mitglied.

Kaum hatte Helene Wessel geendet, meldete sich Kaplan Jamin zur Diskussion. Er sagte, ein Christ dürfe niemals SPD wählen, und schließlich steigerte er seine lautstark vorgetragenen Ausführungen ("Mein Temperament geht eben manchmal mit mir durch, ich kann mich nicht beherrschen") zu der Feststellung: Wenn man aus den scharfen Angriffen, die Helene Wessel gegen die Politik des Herrn Bundeskanzlers gerichtet habe, das Fazit ziehe, würde es lauten, Adenauer müsse erschossen werden.

Erregt konterte der Versammlungsleiter, der stellvertretende SPD-Kreisvorsitzende und Staatsanwalt Dr. Hans Weinland: »Wir sind eine demokratische Partei. Daß wir auch eine christliche Partei sind, kann der Herr Kaplan schon daraus entnehmen, daß wir Herrn Adenauer nicht erschießen. obwohl er es vielleicht verdient.«

Kaum hatte er das heraus, da berichtigte Dr. Weinland seinen - wie er es nannte - »falschen Zungenschlag": »Wir achten immerhin Herrn Adenauer, der an der Spitze der Bundesrepublik steht ... Wir wollen und dürfen nicht vergessen, daß Adenauer vieles getan hat ... Der Herr Kaplan hat das Wort vom Erschießen des Dr. Adenauer geprägt. Aber wir - der Kaplan und ich - haben nicht erschießen, sondern abschießen gemeint.«

Kaplan Jamin äußerte sich zu dieser Interpretation nicht mehr. Der Staatsanwalt Weinland hingegen entschuldigte sich noch einmal anderntags in der örtlichen (CDU)-Zeitung »Nassauer Bote« in einem Leserbrief: »Ich muß gestehen, daß ich selbst über mich verärgert war.« Aber er sei durch seine »andauernden, aber erfolglosen Bemühungen, den Kaplan und die stürmisch teils widersprechenden, teils zustimmenden Versammlungsteilnehmer zu bändigen, so erregt worden, daß mir leider der falsche Zungenschlag passierte ...

»Ich habe für mich aus jener Versammlung meine Lehren gezogen. Hoffentlich tut das aber auch der Kaplan Jamin, durch dessen Diskussion in einer BHE-Versammlung in Weilburg die Gemüter so erhitzt wurden, daß es beinahe zu einer Schlägerei zwischen den Versammlungsteilnehmern gekommen wäre.«

In der Tat hat Kaplan Jamin wegen seiner hitzigen Wahlkampftaktik - er hatte auf einer CDU-Veranstaltung in Mengerskirchen gesagt, der Herrgott gehe am 15. September mit in die Wahlkabine - einen Entschuldigungsbrief an den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Hessischen Landtag geschrieben. Man möge entschuldigen, wenn ihm, dem Kaplan, ein falsches Wort unterlaufen sei.

Das Jaminsche Wahlkampfintermezzo In Limburg an der Lahn mußte aber trotzdem in fast allen Reden Konrad Adenauers als Beweis dafür herhalten, daß des Kanzlers eigener giftiger Ton von der SPD ja erst provoziert worden sei.

Die Limburger Tatsachen wurden dabei in eigenwilliger Form dargestellt. »Vor einiger Zeit«, so sagte Konrad Adenauer am 27. Juli auf dem Diözesantag der Kolpingsfamilie in Münster, »ich glaube, ehe ich meine erste Wahlrede gehalten habe, hat ein Staatsanwalt in Limburg über mich Ausführungen gemacht, daß ein katholischer Kaplan, der da war, gerufen hat: 'Wenn das wahr ist, müßte man

Adenauer erschießen.' Und dann hat dieser Staatsanwalt gesagt: 'Ja, man müßte ihn auch erschießen.'

Empörte Pfui-Rufe

»Er hat dann am Tage darauf doch wahrscheinlich gesehen, daß er zu weit gegangen war, und hat in einer Erklärung an seine sozialdemokratische Zeitung gesagt, er habe 'abschießen' gesagt. Nun, erschießen und abschießen, das, meine Freunde, war die Methode der Sozialdemokratie, diesen Wahlkampf zu führen. Und das sagte ein Staatsanwalt, ein Mann, der dazu berufen ist, ein Hüter des Gesetzes zu sein. Pfui-Rufe

»Und ich habe bisher nicht gehört, daß sein Vorgesetzter, der Justizminister von Hessen, irgendwo etwas gegen ihn getan hat.«

In Hannover wurde die Limburger Affäre vom Kanzler hoch ein bißchen mehr dramatisiert: »Vor wenigen Wochen hat in Limburg an der Lahn eine sozialdemokratische Versammlung stattgefunden. Sie wurde geleitet von einem Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, der Staatsanwalt, und zwar Vertreter des Oberstaatsanwalts beim Landgericht Limburg, ist. Und dieser Herr hat über mich derartig

gesprochen, daß ein Versammlungsteilnehmer, der nicht Sozialist war, in einem Zwischenruf gesagt hat: Wenn das wahr ist, was Sie über diesen Bundeskanzler sagen, dann müßte er erschossen werden. Darauf hat ein Staatsanwalt, meine Damen und Herren, erklärt: Jawohl, der Bundeskanzler müßte erschossen werden.'

Stürmische Pfui-Rufe

»Nach zwei Tagen hat ihm vielleicht jemand klargemacht, daß das wohl ein bißchen viel wäre.

Heiterkeit

»Dann, meine Damen und Herren, hat er in der sozialdemokratischen Zeitung dort in einer Zuschrift erklärt, er habe sich versprochen.

Heiterkeit

»Er habe nicht sagen wollen, der Bundeskanzler müßte erschossen werden. sondern er habe sagen wollen, er müßte abgeschossen werden.

Heiterkeit

»Meine Damen und Herren! Ich muß Ihnen gestehen, ich finde es unmöglich für einen Rechtsstaat, daß ein Staatsanwalt etwas Derartiges tut, ohne daß dagegen was geschieht.

Beifall

»Und, meine Freunde, ich finde es auch unmöglich, daß weder der hessische Justizminister noch der hessische Ministerpräsident, der ja erklärt hat, er wolle sich nicht mehr mit mir an einen Tisch setzen* - dann mag er davonbleiben, meine Damen und Herren -

Heiterkeit und Beifall

daß weder der hessische Justizminister noch der hessische Ministerpräsident ein Wort der Entschuldigung gegenüber dem Bundeskanzler gefunden hat.

Pfuil-Rufe

»Auf welchen Tiefstand, möchte ich jetzt sagen, sind wir in Deutschland gekommen, wenn solche Dinge möglich sind!«

Vergleiche mit Ulbricht

Konrad Adenauer wußte noch ein Tiefstand-Beispiel, freilich älteren Datums. Ein Blatt mit dem Namen »Junge Gemeinschaft«, das sich monatlich mit rund 22 000 Exemplaren an die älteren Jahrgänge der »Sozialistischen Jugend Deutschlands 'Die Falken'« wendet, hatte in seiner Januarausgabe 1957 einen »Ungarischen Epilog« veröffentlicht.

Der Artikel hatte einen Sekretär der Falken zum Verfasser, der für die Zwölf bis Sechzehnjährigen zuständig ist und als Leo Kron zeichnet. In diesem Artikel wird untersucht, »warum der Kreml gemäß seinen Thesen vom XX. Parteitag den Polen auf friedlichem Wege Unabhängigkeit zubilligte, die er im Falle Ungarn durch ein Blutbad verhinderte«. Der Artikel kommt zu dem Schluß: Der polnische Kardinal »Wyszinsky reagierte glänzend. Er einigte sich mit Gomulka, weil er durch ein Eingreifen der Roten Armee seine Ziele mehr gefährdet sah als unter unabhängigen Nationalkommunisten ... In Ungarn verlangte (Kardinal) Mindszenty nicht nur Gewaltanwendung und an Stelle der Vernunft die Bereitschaft zum Sterben; er fiel auch noch dem Titoisten Nagy - in dessen Regierung auch Sozialdemokraten, Agrarpartei und Liberale vertreten waren - in den Rükken. Er wollte ein Adenauer-Regime

Niemand in der Welt kann von Rußland verlangen, daß es freiwillig ein Land preisgibt, das ein Adenauer-Regime bekommen soll.

»Damit sind die stalinistischen Methoden nicht gerechtfertigt. Dadurch wird aber klar, warum der Kreml in Ungarn anders handelte als in Polen ... Das weiteste Zugeständnis, das der Kreml seinen Satelliten zur Zeit zu machen bereit ist, ist der Titoismus. Weitergehende Zielsetzungen müssen scheitern ...«

Diese Analyse, gegen die kaum etwas einzuwenden ist und die außerdem in einem politisch völlig bedeutungslosen Jugendblatt erschien, diente dem Kanzler dazu, den Wahlkampf hochzupeitschen und die SPD der vaterlandslosen Gesinnung zu bezichtigen. Aus der Art der Zitierung mußte der Zuhörer entnehmen, daß die SPD eine Vereinigung der Sowjetzone mit einer christlich-demokratisch regierten Bundesrepublik nicht wünsche.

In Braunschweig sagte er: »In der Januarausgabe 57 der 'Jungen Gemeinschaft', der Zeitung für die Sozialistische Jugend, heißt es: 'Niemand in der Welt kann von Rußland verlangen, daß es freiwillig ein Land preisgibt, das ein Adenauer-Regime bekommen soll.'

Zahlreiche Pfui-Rufe

»Sehen Sie, meine Damen und Herren, das Adenauer-Regime, das kränkt mich nicht weiter. Ich bin ganz zufrieden damit.

Beifall

»Aber, meine Damen und Herren, daß man so der SED und den Russen die Karten zuspielt, das finde ich entsetzlich geradezu.«

Pfui-Rufe

Und in Celle zitierte er wieder diesen einen aus dem Zusammenhang gerissenen Satz und ereiferte sich: »Meine Damen und Herren, das ist schauerlich, wenn die sozialistische Jugend so denkt, die sozialistische Jugend, die so lange die größte Freiheit genießt und die doch einmal die Nase reinstecken soll in die Sowjetzone,

Beifall und Bravorufe

die, meine Damen und Herren, auch einmal sprechen soll mit den Menschen, die aus der Sowjetzone zu uns flüchten;

Beifall

und welchen politischen Schaden richtet man an durch einen derartigen Satz auch wieder im Ausland, meine Damen und Herren! Das kann doch nur einer schreiben, der das Regime von Grotewohl und Ulbricht höher stellt als die Freiheit in unserem Land.« Beifall

In Hannover zog er dann die Kurve von der »Jungen Gemeinschaft« zur SPD: »Wie kann man sich soweit vergessen, und wenn das die Jugend tut, die sozialistische Jugend, meine Damen und Herren, dann gnade uns Gott, wenn diese sozialistische Jugend mit einer solchen Gesinnung mal irgendwie zur Herrschaft hier bei uns kommen sollte. Ich habe bisher nicht gehört, daß die sozialdemokratische Leitung hier Remedur geschaffen hat.«

Nun ging es dem Kanzler natürlich darum, unter anderem auch sozialdemokratische Wähler für sich zu gewinnen. So fing er schon früh an, zwischen den sozialdemokratischen Führern und der Masse der SPD-Mitglieder zu unterscheiden. Am 7. Juli in Nürnberg räumte er ein: »Es gibt auch vernünftig denkende Leute darunter.«

Am 25. Juli in Gummersbach war Konrad Adenauer schon der Überzeugung: »Ich weiß, viele Sozialdemokraten sind irre daran (an der Politik ihrer Führer), und daß sie sich sagen: Wir wollen das doch nicht. Aber die Bonzokratie, meine Damen und Herren, die ist sehr stark dort.«

Am 27. Juli in Münster hieß es: »Ich weiß genau, daß viele Sozialdemokraten eine ganz andere Außenpolitik wollen als ihre Führer.«

Am 2. August in Kaiserslautern sagte Konrad Adenauer, er wisse, »daß auch in der Sozialdemokratie viele, viele Mitglieder mit dieser also vollständig unverständlichen Politik« ihrer Führer nicht einverstanden seien. Diese Führer seien »eine relativ kleine Führerschaft ..., die Gott weiß was von welchen Leuten geleitet wird ... In der sozialdemokratischen Führung, meine Damen und Herren, hat sich in den letzten Monaten eine Richtung durchgesetzt, die wir bei Gott auch in der Sozialdemokratischen Partei als solche nicht haben wollen.«

Am 3. August in Pirmasens bekräftigte Konrad Adenauer, »daß nach meiner Überzeugung nach und meinem Wissen ein großer Teil der Sozialdemokratischen Partei mit diesem Vabanque-Spiel nicht einverstanden ist, sondern daß die Führer der Sozialdemokratischen Partei - ich weiß nicht, wie sie zu solchen Ideen überhaupt kommen -, daß die Führer der Sozialdemokratischen Partei diejenigen sind, die die Politik der Sozialdemokratie machen.«

Das Vaterland und die Partei

Aber auch unter den vaterlandslosen Gesellen in der SPD-Führung gibt es offenbar gute Menschen. Denn am 9. August in Braunschweig sprach Konrad Adenauer davon, »daß in der Sozialdemokratischen Partei bis in ihre höchsten Parteiämter hinein viele vernünftige Deutsche sind«.

Am 10. August in Celle ist der Kanzler schon fest überzeugt, »daß der größte Teil der Anhänger der Sozialdemokratie« nicht will, was die SPD-Führer wollen.

Am 11. August in Hannover gibt es für Konrad Adenauer »in der Sozialdemokratie einen großen Prozentsatz vernünftig denkender Deutscher, die das Vaterland über ihre Partei stellen«. Den Kanzler drängt es zu »betonen, auch in der Führerschicht sind manche Leute, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über derartige Geschichten«.

Am 15. August in Wuppertal kommt es dann zu einer Liebeserklärung des Kanzlers an die SPD: »Ich, wünsche, wir hätten eine gute Sozialdemokratische Partei in Deutschland. Denn, meine Damen und Herren, dann könnte man sich sachlich auseinandersetzen, und ich bin der Auffassung, wir würden uns namentlich in außenpolitischen Fragen in vieler Hinsicht verständigen. Und dann würde Deutschland gegenüber dem Ausland ganz anders dastehen, als wie es jetzt dasteht, wo eine so große und alte Partei wie die Sozialdemokratie doch eine solche unmögliche Außenpolitik propagiert und damit den Glauben in die Zuverlässigkeit Deutschlands in der Welt auf das schwerste schädigt.«

Am 16. August in Bochum setzt der Kanzler seine Schäkereien fort: »Meine Damen und Herren, ich hoffe - und das ist wirklich eine ernste Hoffnung von mir - daß wir doch eines Tages wieder eine vernünftige Sozialdemokratische Partei bekommen, mit der zusammen sich arbeiten läßt. Sehen Sie, wenn in dieser schweren außenpolitischen Situation das deutsche Volk nach außen geschlossen aufgetreten wäre, welch anderen Eindruck würde das gemacht haben, und wie sehr würde die Stellung Deutschlands in der Welt dadurch gewonnen haben. Es war nicht möglich, meine Damen und Herren.

»Gewiß, Opposition ist in einem demokratischen Staate nötig, und sie muß sein, damit nicht das ganze politische Leben einfach versumpft. Aber, meine Freunde, ich meine, es gibt Situationen im Leben eines Volkes, und in einer solchen Situation befindet sich das deutsche Volk, in denen das Vaterland über der Partei steht.«

Am 27. August in Bremen stellte Konrad Adenauer klar: »Ich werde im Verlaufe meiner Rede scharfe Angriffe richten gegen die Führer der Sozialdemokraten, aber ich betone ausdrücklich: Ich weiß, daß in der Sozialdemokratischen Partei ein erheblicher Prozentsatz von Menschen ist, die durchaus vernünftig, ehrlich und anständig ist und genauso denken in diesen Dingen wie wir.«

Seine Zuhörer mußten begreifen, was der Kanzler meinte: Vernünftig, ehrlich und anständig ist, wer denkt wie die CDU. Der Hauptteil der Sozialdemokraten, und besonders ihre Führer, seien das Gegenteil von vernünftig, ehrlich und anständig: unvernünftig, unehrlich und unanständig.

Schimpfwort oder Lob?

In Recklinghausen zog er schließlich aus dieser Situation die christdemokratische Nutzanwendung:

»Ich weiß aber wohl, meine Freunde, daß innerhalb der Sozialdemokratischen Partei auch eine ganze Reihe von Menschen sind, die vernünftig denken, auch wenn sie nicht zu uns gehören, vernünftig denken in vielen, vielen Sachen wie wir. Und ich habe oft den Wunsch, daß solche Sozialisten einmal in unsere Versammlungen kommen, um sich anzuhören, was dort gesagt wird. Und ich glaube, daß sie dann vielleicht doch bei der Wahl ihre Zweitstimme nicht der SPD, sondern der CDU geben.«

Die Zweitstimme entscheidet nach dem geltenden Wahlrecht nämlich darüber, wie stark die Parteien im dritten Bundestag sein werden.

Bei seiner Taktik, die Volkswut auf eine kleine Clique vaterlandsloser unanständiger SPD-Führer zu lenken, berücksichtigte der Kanzler auch den Umstand, daß der erste Nachkriegsvorsitzende der SPD, Dr. Kurt Schumacher, der 1952 starb, bei den Sozialdemokraten heute in fast legendärem Ansehen steht. In Münster bedauerte der Kanzler vor der Kolpingsfamilie: »Jahrelang habe ich mich bemüht, mit den Sozialdemokraten eine gemeinsame Außenpolitik zu treiben. Es ist mir nicht gelungen. Aber ich bin der Überzeugung, wenn Dr. Schumacher am Leben geblieben wäre, dann wäre das gelungen.«

Als Schumacher noch lebte, hatte der Kanzler derartige Hoffnungen offenbar noch nicht gehegt*; er empfing ihn nicht ein einziges Mal zu einem grundsätzlichen Koalitions-Gespräch, er ging auch nicht zu Schumachers Beerdigung. Am 28. April 1951 sagte Konrad Adenauer über Schumacher: »Die Opposition von Herrn Dr. Schumacher hat nichts Konstruktives ... Er macht die Koalition der großen deutschen Parteien in Bonn unmöglich.«

Freilich war es Dr. Schumacher gewesen, der den Bundeskanzler einmal tief kränkte. In seiner Mainzer Wahlrede kam Konrad Adenauer selbst darauf zu sprechen: »Einmal bin ich im Bundestag unter tosendem Beifall der Sozialdemokraten der 'Bundeskanzler der Alliierten' genannt worden. Das war ein gemeines Schimpfwort, meine Damen und Herren. Aber der Betreffende ist nicht mehr unter uns.«

Aber Konrad Adenauer mußte doch wohl fühlen, daß er bisher immer als Vertrauter der Alliierten gegolten hat: »Man wirft mir vor, laut oder leise, ich sei amerikahörig«, sagte er in Mannheim, »nun, meine Damen und Herren, das ist mir weiter nicht bekannt.«

Wer in Wahrheit bei diesem Wahlkampf von den Amerikanern unterstützt werde, erläuterte Konrad Adenauer in Bochum. Der FDP-Wahlkampfleiter Wolfgang Döring habe eine »Rede damit eröffnet, daß er gesagt habe, er komme gerade in einem amerikanischen Militärflugzeug von München« (Döring war von Amerikanern zu einem Flug in einem amerikanischen Düsenjäger eingeladen worden).

»Und die SPD hat neulich bekanntgegeben, daß Herr Ollenhauer mit seinem Flugzeug, das er aus der Schweiz habe, auf zahlreichen amerikanischen Militärflugplätzen landen werde als willkommener Gast, damit er von da aus mehr Wahlversammlungen abhalten könnte.

»Meine Freunde hatten, ohne daß ich es wußte, vor einiger Zeit bei den Amerikanern angefragt, ob ich für einen Tag ein Flugzeug nach Hamburg und zurück haben könnte, weil ich unbedingt nach Hamburg mußte, aber sonst meine Zeit so verplant war, daß ich es nicht schaffen konnte. Und was hat man uns zur Antwort gegeben von seiten der Amerikaner? Man hat gesagt, man bedauere sehr, aber sie müßten sich in dieser Wahl absolut neutral verhalten.

»Sehen Sie, meine Damen und Herren, Herr Döring bekommt ein Militärflugzeug von den Amerikanern, wie er sagt ... Und, meine Damen und Herren, Herr Ollenhauer landet auf Militärflugplätzen der Amerikaner als ein geehrter Gast. Nur ich armer Kerl, ich stehe daneben und muß sehen, wie ich es schaffe.«

Die Friedhofs-Szene

Dieses nationale Thema von der amerikanisch unterstützten Opposition wurde vom Kanzler noch in anderen Variationen durchgespielt: »Nach dem Zusammenbruch«, sagte er in Nürnberg, »galt ja bei den Besatzungsmächten nur der noch als ein frei denkender Mensch, der entweder Sozialist, stellenweise sogar Kommunist war.

Zurufe: Sehr richtig!

»Und wir haben uns unsere Position gegenüber dem Auslande und gegenüber der Sozialdemokratischen Partei, die als die Partei des Fortschritts und der Freiheit galt, schwer erkämpfen müssen.«

Daß die Bundesregierung die Militärregierungsherrschaft langsam abstreifen konnte, ist nach Adenauerscher Wahlkampf-Lesart nicht etwa der politischen Entwicklung zu verdanken, die den Westmächten das westdeutsche Potential interessant erscheinen ließ, und auch nicht des Kanzlers Bereitschaft, dieses Potential willig anzudienen, sondern allein des Kanzlers Hartnäckigkeit bei seinen Verhandlungen mit den Hohen Kommissaren vor dem Petersberger Abkommen.

»Die Entscheidung über die künftige Linie der Außenpolitik, wie ich sie Ihnen eben gekennzeichnet habe«, sagte Konrad Adenauer in Lübeck, »ist gefallen im Jahre 49, als es sich um das Petersberger Abkommen gehandelt hat. Die Spannung zwischen uns und den drei Siegermächten war sehr groß geworden. Zwar hatten wir das Besatzungsstatut, aber dieses Besatzungsstatut legte uns wirtschaftliche und legte uns politisch unerträgliche Fesseln an.

»Und in den regelmäßigen Sitzungen, die ich mit den drei Hohen Kommissaren hatte, kam diese Spannung sehr stark zum Ausdruck, daß ich den drei Herren gesagt habe: 'Ich mache eine solche Verhandlung nicht mehr mit. Sie ist Ihrer nicht würdig und sie ist meiner nicht würdig.'

Beifall

»Und dann, meine Damen und Herren, hat eine längere Unterbrechung eingetreten. Und es haben sich die drei Regierungen der Siegermächte nun doch gesagt, daß so das deutsche Volk nicht sich behandeln lassen würde. Und sie haben dieselbe Überlegung angestellt, die wir angestellt haben, und sind zu der Überzeugung gekommen, daß es doch richtig sei, mit dem deutschen Volk zusammenzugehen.

»Sehen Sie, das Petersberger Abkommen war die Frucht dieser Überlegung. Nach der längeren Pause, die nach dieser Eruption, nach diesem Ausbruch, folgte, kamen zunächst die Briten im Auftrag der anderen zu mir mit dem Vorschlag, ein Abkommen abzuschließen etwa wie das Petersberger Abkommen ...«

In des Kanzlers ganz neuartiger Lektion über deutsche Nachkriegsgeschichte wird eine zweite entscheidende Wendung der alliierten Deutschland-Politik auf ein immer wieder gern zitiertes Datum gelegt, das dem Kanzler ein sehr persönliches Erlebnis bescherte.

»Sie wissen, wie dann nach dem Petersberger Abkommen und dem neuen Abkommen schließlich der Eintritt in den Europarat kam. Durchgeschlagen hat eigentlich mein Besuch in den Vereinigten Staaten im Jahre 53. Und als ich im Jahre 53, während vor mir die deutsche Fahne getragen wurde, in Arlington einen Kranz niederlegte am Grabe des nur Gott bekannten Soldaten, wie es dort heißt, und dort bei Washington dann die deutsche Nationalhymne gespielt wurde - glauben Sie mir, da war das für mich und alle meine Begleiter ein sehr bewegender Augenblick«. (Bremenhaven).

Wenn er sich selbst bei den Westmächten auf die Hinterbeine gestellt und dergestalt das Petersberger Abkommen erzwungen haben wollte*, so hatte er nach seiner Darstellung in Moskau natürlich erst recht aufgetrumpft.

Nun ist schon historisch erwiesen, daß Konrad Adenauer derjenige in der Bonner Moskau-Delegation war, der den Sowjets am meisten entgegenkommen wollte. Nicht nur, daß er im Bolschoj-Theater und anderwärts für die Photographen Verbrüderungsszenen mit den Sowjetmenschen stellte - auch in der Delegation wäre es beinahe zum Streit gekommen, weil der Kanzler etwa dem Außenminister Heinrich von Brentano viel zu nachgiebig zu sein schien (SPIEGEL 37/1955).

Aber jetzt, im Bundestagswahlkampf 1957, sagte Konrad Adenauer: »Meine Damen und Herren, eine Politik der Schwäche, der moralischen Schwäche, der sittlichen Schwäche, die allerdings, die vertrete ich nicht gegenüber Sowjet-Rußland.

Bravo-Rufe und tosender Beifall

Das habe ich auch nicht getan, als ich in Moskau war.

Bravo-Rufe und stürmischer Beifall

Bulganin und Chruschtschew auf der einen Seite und ich auf der anderen Seite sind hart aneinandergeraten ... und ich habe ihnen gründlich meine Meinung gesagt« (Mannheim).

In allen Reden, die der Kanzler hielt, nahm ein Überblick über die Weltlage und die Außenpolitik die weitaus meiste Zeit ein. Fred Luchsinger skizzierte in der »Neuen Zürcher Zeitung« die Standardrede: »Sie geht von der Bedrohung durch das hochgerüstete Sowjetreich aus, die als dringende Gegenmaßnahme die Einigung Europas einerseits und die Atlantische Allianz andererseits erfordere.

»Das gibt die Basis für eine belehrende Darlegung seiner seit dem Petersberger Abkommen verfolgten Politik wie für eine schonungslose Auseinandersetzung mit der SPD, die diese Politik immer bekämpft habe und die nun mit der Sicherheit des Landes ein Hasardspiel treiben wolle. Kerngedanke und Schlußfolgerung ist das unerschütterliche Festhalten an der Allianz mit Amerika und der übrigen freien Welt.«

Es war voll unfreiwilliger Komik, wie der Kanzler seinen Zuhörern immer wieder klarzumachen versuchte, die Weltlage sei ernst, obwohl das Wetter schön ist.

In Kiel: »Es ist nicht leicht für einen Redner, in einer Zeit, in der wir jetzt leben, an einem so strahlenden Sommertag, wo es uns gut geht - die Ferien haben hier gerade angefangen -, sehr ernste Worte auszusprechen. Aber, meine Damen und Herren, ich glaube, ich bin dazu verpflichtet. Und deswegen lassen Sie mich Ihnen sagen: Wir haben seit einer ganzen Reihe von Jahren noch nicht in einer so ernsten Periode in der Welt gelebt, wie wir jetzt leben.«

In Nürnberg: »Ich möchte - ich tue es nicht gern, meine Damen und Herren - aber ich möchte einen so sonnigen schönen Tag - für meinen Geschmack meint es die Sonne zu sehr gut. Aber dann denke ich an den Frankenwein, den Rheinwein und den Moselwein und den Saarwein, den wir demnächst bekommen werden,

Beifall

aber, meine Damen und Herren, trotzdem: Ich glaube verpflichtet zu sein, Ihnen zu sagen, wie ernst die Lage in der Welt ist.«

In Mainz: »Und da muß ich zu meinem großen Bedauern an die Spitze, meine Damen und Herren, stellen den Satz, den auszusprechen an einem so schönen Sommerabend in dieser herrlichen Landschaft, vor einer solch schönen Versammlung hier und draußen auf dem Platze, Ihnen zu sagen: Es sieht in der Welt sehr ernst aus.«

Der Psychologe Professor Erich Stern schreibt in seinem 1955 erschienenen Werk »Der Mensch in der zweiten Lebenshälfte« vom Gedächtnis des alternden Menschen: »Die Dinge werden oft in einer mechanischen Art in den gleichen Worten, mit dem gleichen Tonfall reproduziert, bisweilen ohne jede wesentliche Affektbeteiligung. Es ist hier manchmal wirklich so, als ob eine Grammophonplatte abliefe. »In anderen Fällen freilich fehlt der Affekt durchaus nicht, und doch zeigt das stereotype Wiederholen der gleichen Dinge mit fast den gleichen Worten etwas Mechanisches.«

Stern sagt, daß es »alten Menschen schwerer falle, komplizierten Gedankengängen zu folgen oder sie selbst zu Ende zu führen«. Diese wissenschaftliche Erkenntnis wäre eine Erklärung dafür, daß der Kanzler bei seinen Äußerungen über ein wichtiges Thema - die Pläne der SPD für ein Europäisches Sicherheitssystem - in außerordentlichem Umfang von der Wahrheit abwich, wenn man nicht unterstellen will, er habe seinen Zuhörern wider besseres Wissen etwas Falsches gesagt.

Vor dem Plenum des Deutschen Bundestages, den Mikrophonen der Radiostationen und in zahlreichen Zeitungsartikeln haben die Sozialdemokraten ihre Wiedervereinigungs-Pläne seit Jahren bis zum Überdruß entwickelt. Als die Christdemokraten dennoch so taten, als ob sie von den SPD-Plänen nie etwas gehört und gesehen hätten und als ob ein unheilvoller Nebel das Wiedervereinigungs-Programm der SPD einhülle, setzte der SPD-Abgeordnete Erler unverdrossen neu an, jenen Nebel aus den CDU-Köpfen zu blasen.

Erler demonstrierte - wiederum vor dem Bundestagsplenum - den Garantie-Mechanismus, der das von der SPD projektierte Europäische Sicherheitssystem nach der Wiedervereinigung Deutschlands stabilisieren soll. Er sagte: »Darf ich ... darum bitten, daß Sie (von der CDU) ... nicht weiter draußen die Legende verbreiten, wir hätten uns darüber ausgeschwiegen. Und nun will ich hier den Nachhilfeunterricht zum mindestens dritten Mal erteilen: ... (Wir fordern) eine Garantie der beiden Großen in der Welt, der Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjet-Union, für den Bestand dieser europäischen Friedensordnung.«

Das war am 31. Januar dieses Jahres. Am 23. Mai präzisierte die SPD ihr Wiedervereinigungs-Rezept sicherheitshalber noch einmal in einem sogenannten »Ollenhauer-Plan«. Hauptpunkt dieses Plans: Der durch freie Wahlen konstituierte gesamtdeutsche Staat wird Mitglied eines Europäischen Sicherheitssystems, dessen Unverletzlichkeit von beiden Weltmächten, den Vereinigten Staaten und der Sowjet-Union, garantiert wird.

Vor dem Kongreß der Sozialistischen Internationale in Wien - am 3. Juli - hob SPD-Chef Ollenhauer die entscheidende Bedeutung dieser west-östlichen Garantieklammer für Europas Sicherheit zum soundsovielten Male und so eindringlich, wie er es nur kann, hervor: »Schließlich aber wird ein solches System nur Bestand haben, wenn von vornherein die beiden Großmächte, die Vereinigten Staaten und die Sowjet-Union, sich bereit erklären, diese Abmachungen für ein Europäisches Sicherheitssystem zu garantieren.«

Abgesehen davon, hatte Ollenhauer sich auch überlegt, wie in der Übergangsphase zwischen dem Status heute - da die Bundesrepublik zur Nato und die Sowjetzone zum Warschauer Pakt gehört - und der Konstituierung Gesamtdeutschlands militärische Konflikte in der Mitte Europas vermieden werden könnten. Ollenhauers Gedanken zu diesem Problem wurden in »Stichworten zum Referat an den Wiener Kongreß« niedergelegt, die »an die Mitgliedsparteien und die Delegierten zum Wiener Kongreß' verteilt und später auch im SPD-Pressedienst veröffentlicht wurden.

Die »Stichworte« waren in acht Punkte gegliedert. Punkt 6a lautete:

- »Dieses Europäische Sicherheitssystem

soll das wiedervereinigte Deutschland, seine Nachbarn im Osten und Westen sowie andere interessierte europäische Staaten umfassen

Im Punkt 7c hieß es:

- »Bis zur tatsächlichen Errichtung des Europäischen Sicherheitssystems und seiner Organe und bis zur Durchführung der Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen garantieren die vier Großmächte die Unverletzlichkeit aller Territorien ...«

Nun war aber ein Malheur passiert: In diesen »Stichworten« war wegen der Selbstverständlichkeit der west-östlichen Doppelgarantie für den Europapakt nicht noch einmal ausdrücklich gesagt worden, daß Amerika und die Sowjet-Union das Sicherheitssystem nicht nur vor, sondern logischerweise auch nach seiner Konstituierung garantieren sollen, obwohl Ollenhauer in seiner Wiener Rede auch darauf wieder einmal hingewiesen hatte.

Konrad Adenauer, dem viele Male Gelegenheit geboten worden war, sich mit allen Details des SPD-Programms vertraut zu machen, strich alles, was er darüber bis dahin gehört und gelesen hatte, aus seinem Gedächtnis und ging fortan mit den lückenhaften »Stichworten« des SPD-Pressedienstes hausieren. Souverän ignorierte der Kanzler, was die Sozialdemokratie vor dem 3. Juli parteiamtlich verkündet und was auch Ollenhauer in Wien noch einmal hervorgehoben hatte.

In Münster - am 27. Juli - machte der Kanzler das so: »Was ist das denn, was die Herren von der Sozialdemokratischen Partei-Führung uns als Ersatz anbieten, diesen sogenannten - das Sicherheitssystem? ... Ich will Ihnen aus einer amtlichen Veröffentlichung der Sozialdemokratischen Partei nur - sie ist vom 3. Juli dieses Jahres, ich zitiere sehr genau, fast so genau, wie der SPIEGEL alles zitiert - also vom 3. Juli dieses Jahres, Nummer 6a: 'Dieses Europäische Sicherheitssystem soll das wiedervereinigte Deutschland, seine Nachbarn im Osten und Westen sowie andere interessierte europäische Staaten umfassen.'«

Gerade so, als ob Adenauer sich vor und nach dem 3. Juli nicht eine Minute mit der Politik der SPD beschäftigt und nie etwas von der Doppelgarantie der Sowjets und der Amerikaner für den Europa-Pakt vernommen hätte, schloß er aus diesem Punkt 6a der »Stichworte«, der die Mitglieder des Pakts behandelt und in dem die Garantiemächte deshalb nicht ausdrücklich erwähnt sind:

»Eines steht danach fest: Die Vereinigten Staaten sollen heraus, denn sie sind weder Nachbarn von Deutschland noch ein europäischer Staat. Also dieser famose Vorschlag schreibt die Vereinigten Staaten schon mal glatt ab. Die sollen weg.«

Das war freilich nicht der einzige Punkt, den Konrad Adenauer vorsätzlich mißverstand. Er klammerte sich auch an jenen Punkt 7c, in dem es heißt, die Garantie der Großmächte für die europäische Ordnung solle schon vor Abschluß des Sicherheitssystems wirksam werden. Ohne Rücksicht darauf, daß unter seinen Zuhörern der eine oder andere sitzen könnte, der aufmerksam Zeitungen gelesen und Radio gehört hatte, sagte er - zum Beispiel in Mainz -:

»Also bis dahin (zum Abschluß) nur. dann nicht mehr, meine Damen und Herren! Dann würden also ausscheiden aus unserer ganzen außenpolitischen Situation hier in Deutschland, hier in Europa, die Vereinigten Staaten ...

»Und Sie würden, wenn das die Ansicht der Sozialdemokraten ist, also folgende Situation haben, meine Damen und Herren: In einem System von Staaten sind wir und unsere Nachbarn im Osten und Westen ... verbunden mit Sowjet -Rußland, und Amerika, meine Damen und Herren, scheidet aus allem aus. Na, das sage ich Ihnen: Der Deutsche, der so etwas akzeptiert, meine Damen und Herren, ist ein Esel. Ich kann Ihnen nicht helfen.«

Sportpolost-Reden

Als sogar Amerikas Präsident Eisenhower im Mai 1955 einen Gürtel neutraler Staaten quer durch Europa für diskutabel befunden hatte, zog Ollenhauer sich manche Kritik zu, weil er der Meinung Eisenhowers heftig widersprach. Vor und nach diesem Intermezzo haben die Sozialdemokraten in mehr als zwanzig Bundestagsdebatten klargemacht, was sie in der deutschen Frage nicht wollen: den Verzicht auf den Schutz durch die Amerikaner.

Haargenau das aber, tönte Wahlkämpfer Adenauer überall, sei das Ziel der SPD -Politik: »Ein Pakt, in dem Sowjet-Rußland sich befindet, während die Vereinigten Staaten sich nicht mehr darin befinden.« So war es in Pirmasens, so ging es weiter in Braunschweig ("Wenn Sie sich das mal vorstellen, dann sitzen wir ohne den Schutz der amerikanischen Waffen da ..."), in Celle, in Hannover und wo immer der Kanzler sonst noch gesprochen hat.

»Die Behauptung hat aber nur dann wirklichen Einfluß«, schrieb Le Bon 1895, »wenn sie ständig wiederholt wird, und zwar möglichst mit denselben Ausdrücken ... Das Wiederholte befestigt sich so sehr in den Köpfen, daß es schließlich als eine bewiesene Wahrheit angenommen wird.«

Eins fehlte nun freilich in Konrad Adenauers Zitatenschatz: die Äußerung eines verantwortlichen Staatsmannes der Westmächte, daß man einer sozialdemokratischen Regierung jede Unterstützung entziehen würde.

Konrad Adenauer mochte jedoch nicht darauf verzichten, so etwas zu behaupten. Schon im Dezember 1954, vor den Wahlen zum Westberliner Stadtparlament, hatte der Kanzler im Berliner Sportpalast diese Behauptung einmal in einer CDU-Kundgebung aufgestellt: »Wenn die Sozialdemokraten bei dieser Wahl siegen würden, und wir würden dann einen sozialdemokratischen Regierenden Bürgermeister hier haben, einen sozialdemokratischen Senat, die sozialdemokratischen Bezirksbürgermeister, und wer es alles sein würde, wie können dann diese Herren im Verkehr mit den Besatzungsmächten erwarten, Vertrauen und Hilfe zu finden?«

Der Berliner SPD-Vorsitzende Franz Neumann bat daraufhin sofort die drei westalliierten Stadtkommandanten um eine Stellungnahme. Sie versicherten das Selbstverständliche: Sie würden eng mit denen zusammenarbeiten, die vom Volk gewählt worden sind.

Jetzt, im Bundestagswahlkampf, versuchte Konrad Adenauer wieder die gleiche Methode. In Gummersbach zitierte er zunächst einige historische Aussprüche von toten und lebenden SPD-Prominenten zur Sozialisierung, aus denen der Wandel in den Auffassungen zu dieser Frage deutlich wurde, und sagte dann: »Ein solcher Politiker und eine solche Partei, die heute so und einige Jahre darauf so sagt, glauben Sie, daß die bei den anderen Völkern Vertrauen haben wird? Das ist vollkommen ausgeschlossen, meineDamen und Herren!«

Wird Amerika vertragsbrüchig?

Damit er das auch beweisen könne, hatte man dem Kanzler die August-Ausgabe einer belgischen Monatsschrift mit dem Namen »Occident« herausgesucht, eines Blattes, das seit Mai 1957 existiert. »Occident« veröffentlicht auch eine englischsprachige Ausgabe unter dem Titel »Western World« und hat sich erklärtermaßen zum Ziel gesetzt, den Nordatlantikpakt zu propagieren.

In der August-Ausgabe dieser belgischen Monatsschrift sind je ein Artikel von SPD -Chef Ollenhauer und dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Dean Acheson abgedruckt, die von zwei Seiten das von der Redaktion gestellte Thema anleuchten: »Ist die Nato wirklich zweckvoll?«

Ollenhauer vertritt seine alte These, daß sie es wohl gewesen sei, aber bald nicht mehr sein werde; ein von Amerika und Rußland garantiertes Sicherheitssystem sei heute für Europa das Rechte.

Acheson entwickelt dagegen eine Theorie, die für die Vertragstreue der amerikanischen Regierung nicht eben schmeichelhaft ist. Er sagt, wenn Amerika ein Europäisches Sicherheitssystem gegen einen sowjetischen Angriff garantiere, so sei nicht sicher, ob die amerikanische Regierung ihre Garantieverpflichtungen auch erfüllen würde: »Warum ist die äußerste Sanktion, die Drohung atomarer Vergeltung von seiten der USA, weniger wirksam im Fall eines Übereinkommens der europäischen Sicherheit (wie immer auch seine Modalitäten wären) als im Fall der Nato? Es würde sich (bei einer sowjetischen Aggression gegen einen Mitgliedstaat des Europäischen Sicherheitssystems) nicht um eine Aggression gegen die USA handeln. In einem solchen Fall wäre der Angriff auf ein Land nicht gegen alle gerichtet, ganz gleich, wie der Text des Vertrages lauten könnte.«

Diese nicht eben beruhigenden Ansichten über amerikanische Vertragstreue erläuterte der Kanzler freilich nicht, als er in seinen Wahlreden die Monatsschrift »Occident« erwähnte. Er gab immer wieder die völlig entstellte Version, die er zum Beispiel in Mainz verbreitete: »Nun hat Herr Ollenhauer sich in einer Auseinandersetzung in einer französischen und in einer amerikanischen Zeitung eingelassen mit Herrn Acheson. Herr Acheson war amerikanischer Staatssekretär des Auswärtigen, bis Eisenhower kam. Und in diesem Artikel hat Acheson ihm gesagt: Wenn ihr das tut, ihr Sozialdemokraten, was ihr wollt, dann würde der Schutz der Vereinigten Staaten euch nicht zuteil werden.«

Und also sprach der Kanzler in Dutzenden von Versammlungen, nicht einmal der technische Irrtum, daß es sich um eine französische Zeitschrift gehandelt habe,

wurde berichtigt, viel weniger natürlich gesagt, daß es sich um offizielle Nato -Propaganda handelte und daß Ollenhauer oder die Sozialdemokraten in dieser Form überhaupt nicht angesprochen worden waren.

Außer dem ehemaligen Außenminister Dean Acheson hatte Konrad Adenauer nur noch einen anderen amerikanischen Zeugen dafür, daß auch nach amerikanischer Ansicht ein Wahlsieg der SPD die Weltkatastrophe herbeiführen würde: »Und wenn, meine Damen und Herren«, so formulierte er es beispielsweise in Braunschweig, »vielleicht Herr Ollenhauer und Herr Wehner und Herr Erler auf Acheson, weil er Demokrat ist drüben, nicht hören wollen, dann würde ich Ihnen dringend raten, einen Aufsatz eines führenden Mannes der amerikanischen Gewerkschaften, Lovestone, über dasselbe Thema zu lesen, in dem ausführlich dargelegt wird genau dasselbe, was Acheson gesagt hat.«

Dieser Lovestone - mit Vornamen Jay - geistert ohne nähere Bezeichnung durch die Kanzler-Reden, wahrscheinlich aus gutem Grund: Er war Vorsitzender der Kommunistischen Partei Amerikas, ehe er sich zu einem der schärfsten Kommunistenfresser der Staaten entwickelte. Heute ist Jay Lovestone Berater des Präsidenten der amerikanischen Gewerkschaft AFL/CIO, George Meany.

Auf die KP-Vergangenheit seines Kronzeugen Lovestone wies Konrad Adenauer nirgends hin. Vielleicht hätte sich der eine oder andere Zuhörer seiner Reden doch noch fragen können, warum der ehemalige untergeordnete KP-Funktionär Wehner so gefährlich sei, während der ehemalige amerikanische KP-Chef Lovestone des Kanzlers willkommener Verbündeter ist.

Ein anderes Opfer des »schrecklichen Vereinfachers« Konrad Adenauer wurde der SPD-Abgeordnete Fritz Erler. Er hatte am 16. Januar 1957 im Bayrischen Rundfunk einen Vortrag gehalten und dabei gesagt: »Für die Gefahren aus der Spaltung Deutschlands gibt es nur ein Heilmittel: die Wiedervereinigung Deutschlands in gesicherter Freiheit. In dieser Richtung muß daher die deutsche Politik vorrangig arbeiten.

»Das geht aber nur, wenn man bereit ist, einen militärischen Status Deutschlands zu diskutieren, welcher für alle Beteiligten annehmbar ist ... Wie will die Bundesregierung zur deutschen Einheit kommen? Die alte Platte, daß das über den Atlantikpakt gehe, hat sich wirklich als nicht mehr durchsetzbar erwiesen ...

»Die Blöcke schmelzen dahin, der Sowjet-Block hat in Ungarn und Polen eine Schwächung erlebt, die Schwäche des Atlantikpaktes ist offenbar geworden. Daher müssen wir die Stunde nützen und unsere Politik nach vorn entwickeln und nicht nur von neuen Wegen reden, sondern vor allem auch neue Wege beschreiten ...«

Diesen Erler-Vortrag interpretierte Konrad Adenauer am 8. August in Salzgitter folgendermaßen: »Am aufschlußreichsten war eigentlich, am aufschlußreichsten für die inneren Absichten der Sozialdemokraten war eigentlich eine Ausführung, die Herr Erler, der sonst ungemein vorsichtig ist, im Januar dieses Jahres im Bayrischen Rundfunk gemacht hat.

»Er hat dort ausgeführt, und zwar hat er ausgeführt, daß, nachdem die Sowjets Ungarn niedergeknüppelt hatten, da hat er ausgeführt, meine Damen und Herren - ich versuche, es Ihnen wörtlich vorzulesen -, hat er gesagt, und zwar am 16. Januar dieses Jahres: 'Die Schwäche des Atlantikpaktes ist offenbar geworden. Daher müssen wir die Stunde nützen, um unsere Politik nach vorn zu entwickeln, und nicht nur von neuen Wegen reden, sondern vor allem auch neue Wege beschreiten ...'

»Meine Herren! Was heißt das in einem solchen Fall: Neue Wege gehen? Das heißt also nicht, mit den freien Völkern des Westens zusammengehen, sondern zusammengehen, meine Damen und Herren, mit Sowjet-Rußland und seinen Satellitenstaaten.«

Am nächsten Tag in Braunschweig wiederholte der Kanzler diese abstruse Deutung der Erler-Rede. Er zitierte wieder den einzigen Satz und kommentierte: »Was heißt das auf deutsch? Der alte Weg, das war der Weg, der uns an die Seite der freien Völker geführt hat, die Nato. Wenn jemand sagt: Wir müssen die Stunde nützen, und wir müssen neue Wege beraten und beschreiten, dann sind das doch, meine Damen und Herren, das ist doch vollkommen unmißverständlich, sind das die Wege, die nach Osten führen sollen.«

Zuruf: Sehr richtig!

Das gleiche servierte der Kanzler auch am 11. August seinen Zuhörern in Hannover. Er nahm sich noch ein anderes Zitat des sozialdemokratischen Wehrexperten vor: »Herr Erler hat in diesen Tagen bestätigt, was ich jetzt eben gesagt habe. Er hat ausgeführt: Der Westen solle Chruschtschews Angebot, die Sowjet-Truppen bis zur Sowjetgrenze zurückzuziehen, wenn die Nato-Truppen, wenn die Nato ihre Truppen aus Westeuropa zurücknehmen, nicht ungeprüft verwerfen, sondern zum Gegenstand von Verhandlungen machen.

»Meine Damen und Herren! Ich nehme an, der Ausdruck Torheit ist ein parlamentarischer Ausdruck. Und deswegen erlaube ich mir, dieses zu sagen: Welche ungeheure Torheit steckt darin.«

Die Begründung des Kanzlers dafür, warum es töricht sein würde, mit den Sowjets darüber zu verhandeln, daß sie Ihre Truppen hinter ihre Grenze zurücknehmen, wenn Nato-Verbände nach Westen zurückgingen, stellt nun alles in den Schatten, was Konrad Adenauer bis dahin an Begründungen geliefert hatte.

Er sagte nämlich allen Ernstes, dieser Plan sei deswegen indiskutabel, weil er den Sowjets ein großes Opfer zumute, nämlich sehr starke Kräfte aus Osteuropa zurückzunehmen. Wörtlich: »Wissen Sie, meine Freunde, daß allein in Polen die Sowjets zwölf bis dreizehn Divisionen stehen haben? Wissen Sie, daß sie eine große Truppenmacht stehen haben in der Tschechoslowakei, in Ungarn und natürlich in der Sowjetzone? Und wissen Sie, daß doch auch in Ungarn und in Polen und in der Tschechoslowakei Kommunisten herrschen?

»Und jetzt verlangt Herr Erler, man solle das Angebot Chruschtschews nicht ungeprüft verwerfen, sondern zum Gegenstand von Verhandlungen machen!«

Dennoch: Die Adenauersche Begründung, die nur einer momentanen Gedankenverwirrung des Kanzlers zu verdanken sein kann, fand den Beifall seiner Zuhörer. Sie klatschten. Er konnte noch so großen Wirrwarr reden, der Kanzler durfte überall des Beifalls sicher sein.

Die CDU-Presse tat ein übriges, ihn zu beweihräuchern. So schrieben die »Ruhr -Nachrichten« über eine Kanzler-Rede vor dem Arbeitskreis Bochum der Evangelischen Akademie Westfalen: »Die Menschen, die ihn hörten oder auf der Straße Stunde um Stunde auf eine weitere Begegnung mit Dr. Adenauer warteten, waren zugleich froh begeistert und ernst ergriffen. Jemand aus der Menge ... sagte sicherlich im Namen der vielen: Adenauer muß unsere Stimmung und unser Vertrauen mit nach Bonn nehmen ... Er darf und soll sich stark fühlen in seiner Riesenarbeit für uns alle und für Europa! ...'

»Dann sprach der Bundeskanzler, klipp und klar, ohne zu deuteln und zu drehen ... Mit jeder Antwort, die nicht klügelte, ... nahm die Anteilnahme und Zustimmung zu. Das sah man den Gesichtern der Alten und Jungen an ... Sie saßen wie zu Füßen eines Weisen.«

»Wir danken unserem Kanzler«

Es kam noch zu anderen Führerkult -Exzessen. Hans Ulrich Kempski berichtete in der »Süddeutschen Zeitung": »Außer Gerstenmaier und Außenminister Brentano sehe ich auf dieser Fahrt nur CDU-Politiker, die sich, in feierliches Schwarz gekleidet, Adenauer unterwürfig nähern. Einer steht sogar in der Vormittagssonne im Cut auf dem Bahnsteig. Ein anderer schreit: 'Wir danken unserem Kanzler.' Die lokalen CDU-Größen schieben Adenauer ihre Mitgliedsbücher mit der Bitte um eine eigenhändige Unterschrift hin.«

Fred Luchsinger von der »Neuen Zürcher Zeitung« beobachtete: »Er erhält von lokalen Honoratioren in feierlichem Schwarz die unwahrscheinlichsten Blicke gläubiger Verehrung aus glänzenden Augen, und ihr 'Diener' - die zivile Ehrenbezeigung der Deutschen durch Verbeugung mit stramm zusammengestellten Absätzen - fällt so tief aus wie nie mehr seit ihrer Tanzstunde; der niedersächsische Kellner ist kraft der ihm verliehenen Macht, Eintrittskarten zum Empfang des hohen Herrn zu kontrollieren, für einen Moment vom gehobenen Selbstbewußtsein des Miniaturdiktators durchdrungen und wird deshalb arrogant und unhöflich.«

Als Konrad Adenauer in Stuttgart zu einem Essen der Vereinigung Junger Unternehmer kam, begrüßte ihn Rolf Reclam, aus Leipzig vertriebener Verleger, als »den Vater des ganzen deutschen Volkes«.

Konrad Adenauer ließ seine Anbeter gewähren und gefiel sich in der Pose eines Führers der Nation. In Mainz sagte er, demoskopische Umfragen hätten den »Beweis erbracht, daß so, wie ich denke, fühle und spreche, heute der größte Teil in Deutschland fühlt, denkt und spricht«.

Im schweizerischen Landessender Beromünster kommentierte Gody Suter: »Niemand, der ... die ganze Propaganda sieht, käme auf die Idee, daß am 15. September eigentlich Parlamentswahlen stattfinden. Jeder muß annehmen, daß darin der Bundeskanzler gewählt wird. Der Bundestag, die Vertretung des Volkes in der Bundesrepublik, spielt in der Propaganda für die Wahlen zu diesem Bundestag keine Rolle.

»Vielleicht habe ich in diesen Tagen deshalb niemand über Politik reden hören. Vielleicht verstehen die Leute nicht ganz, warum mit großem Aufwand und großem Getöse ein Parlament mit 500 Abgeordneten neu bestellt werden muß, wenn es schließlich doch nur auf einen einzigen Mann ankommen soll. Ich selber jedenfalls habe es auch nicht ganz verstanden.«

Angesichts der gläubigen Verehrung Konrad Adenauers nimmt es nicht wunder, daß der Kanzler es sich leisten konnte, auf das innenpolitische Programm der CDU für die nächste Legislaturperiode nur mit Formulierungen einzugehen, die aller Details bar sind. In Celle meinte er: »Ich glaube, Innerpolitische Sachen sollten Sie anvertrauen den Abgeordneten hier, die für Sie Im Bundestag tätig sind.« Die Parolen, daß Innenpolitisch alles so bleiben solle, wie es jetzt ist, oder daß man sich keine Sorgen zu machen brauche, denn die Regierung werde es schon machen - diese Parolen gab der Kanzler für alles und jedes aus.

Zur Privatisierung von Bundesvermögen: »Wir denken nicht an eine Privatisierung der Reichswerke, sondern das soll sich weiter entwickeln in der Weise, wie es sich jetzt entwickelt hat« (Salzgitter).

Zur Aufwertung der Deutschen Mark: »Sie haben kürzlich sicher gelesen, daß man in anderen Ländern enttäuscht darüber war, daß wir unsere Mark nicht aufgewertet hätten, das heißt, nicht ein Verhältnis zum Dollar hergestellt hätten, das nicht wie es jetzt ist, sondern daß wir stärker werden. Nein, meine Damen und Herren, man soll bescheiden sein.

Heiterkeit

»Wir wollen gar nicht, daß nun noch mehr über uns gezetert wird, über unsere Währung und über die Devisen, die wir angeblich halten.« Die- CDU-Wahlparole »Kurs halten« nahm Konrad Adenauer hier ganz speziell; gut ist für ihn, was bleibt, wie es ist, selbst eine zu geringe Dollarparität der Mark: »Meine Damen und Herren, wir machen es so, wie es richtig ist, und wir halten das Verhältnis der Deutschen Mark zum Dollar, so wie es war« (Bremen).

Zu Preis- und Lohnerhöhungen: »Wir werden, meine Damen und Herren, alles tun, was wir können, und dafür sorgen, daß, wenn Preiserhöhungen kommen sollten und Lohnerhöhungen kommen sollten, und es liegen gewisse Anzeichen für Lohnforderungen vor, dann wollen wir dafür sorgen, daß die Kirche im Dorf bleibt« (Mannheim).

Zur Steuerpolitik: »Eine zweite Aufgabe, meine Freunde, wird die Steuerreform sein. Ich denke jetzt nicht an eine Steuerreform, so wie wir sie manchmal in den vergangenen acht Jahren gehabt haben, die man geflickt hat, hier etwas flickt, dort etwas hinzusetzt, hier etwas streicht, sondern ich

denke an eine wirkliche Steuerreform unseres ganzen Steuerwesens« (Gummersbach).

Zur Mittelstandspolitik: »Und nun, meine Freunde, komme ich zu dem, was wir tun wollen, wenn wir wieder die Regierung haben. Wir werden unsere Wirtschaftspolitik fortführen. Wir werden sie ausdehnen auf den Mittelstand in seiner allgemeinen Bedeutung, nicht nur auf den gewerblichen Mittelstand, auch auf die Angestellten, auf die Intellektuellen, auf die freien Berufe, weil wir der Überzeugung sind, daß der Mittelstand, meine Damen und Herren, die tragfähigste soziale Schicht in einem demokratischen Staat ist und sein muß.«

So pauschal redete er in Bochum daher, und fast genauso in Weinheim und Bensheim, in Mannheim und Pforzheim, in Stuttgart und Bremen, in Gummersbach und Münster, in Celle und Hannover. Selbst vor Zuhörern, die für Einzelheiten, beispielsweise der geplanten Agrarpolitik, durchaus aufnahmefähig gewesen wären, nämlich den Teilnehmern der Agrarpolitischen Bundestagung der CDU in Köln, sagte der Kanzler platte Gemeinplätze: »Ich möchte an die Spitze stellen, meine Damen und Herren, daß für uns die Landwirtschaft ein notwendiger Bestandteil der gesamten deutschen Wirtschaft ist und bleibt,

Zurufe: Sehr gut!

und daß, wenn es der Landwirtschaft nicht gut geht, die gesamte Wirtschaft ebenfalls davon in Mitleidenschaft gezogen wird.

Zurufe: Sehr richtig!

»Noch ein Weiteres möchte ich sagen: Man kann einen landwirtschaftlichen Betrieb nicht etwa unter dem Gesichtspunkt betrachten: Wieviel Mark und Pfennige bringt er oder bringt er nicht? Das ist vollständig unmöglich. Die Landwirtschaft enthält die wertvollsten Elemente unseres gesamten Staates und Volkes ...

»Sie können versichert sein, daß wir die Bedeutung der Landwirtschaft im Rahmen des ganzen Staates und des gesamten Volkes durchaus anerkennen und würdigen und daß wir dieser Bedeutung der Landwirtschaft, die ich sehr nachdrücklich unterstreichen möchte, volle Gerechtigkeit zuteil werden lassen.«

Und damit war die Rede des Kanzlers vor der Agrarpolitischen Bundestagung der CDU zu Ende; seine Hörer waren's zufrieden. Sie klatschten.

In dreien seiner vielen Versammlungen ging Konrad Adenauer allerdings in Sachen Landwirtschaft über derartige Redensarten hinaus und bot Einzelheiten: in Celle, Weinheim und Bensheim.

In Celle tat er es allerdings nur widerwillig, weil seine bodenständigen Getreuen ihn im Interesse der lokalen Stimmungsmache darum gebeten hatten: »Man hat mir sehr ans Herz gelegt, und dem muß ich nachkommen - namentlich Herr Dr. Fricke hat mir das ans Herz gelegt -, daß ich gerade bei Ihnen ein Wort sprechen solle über die Zuckerrübensubvention, weil sie für Celle von außerordentlicher großer Bedeutung sei. Ich habe heute noch einmal in Bonn nachfragen lassen. Ich möchte Ihnen sagen, daß die Auszahlung für die Schäden der beiden letzten schlechten Jahre am nächsten Montag aus Bundesmitteln beginnen wird.«

Und schon fuhr er fort: »Meine Damen und Herren, ich sage eben, diese Bundestagswahl, die dritte, falle in eine sehr schwere Zeit.« Und so weiter. Anreiz der fraulichen Instinkte

In Weinheim an der Bergstraße sah es noch einmal so aus, als wolle der Kanzler ein konkretes Kapitel Agrarpolitik aufgreifen: »Mein Wahlkreis ist Bonn-Stadt und -Land. Und im Wahlkreis Bonn-Stadt und -Land ist auch viel Obst- und Gemüsezucht. Und ich habe vorgestern eine einstündige Besprechung mit den Führern der Obst- und Gemüsezucht in meinem Wahlkreis wegen der Besorgnisse, die sie haben hinsichtlich des Gemeinsamen Marktes für ihre Erzeugnisse. Ich glaube, meine Damen und Herren, es ist gelungen, diese Sorgen zu zerstreuen.«

Das war nun ein Thema, das in Weinheim brennend interessieren mußte. Das Städtchen lebt weitgehend vom Weinbau, und gerade die Spitzenfunktionäre des deutschen Weinbaus haben wiederholt gesagt, es wäre das Ende dieses Zweiges der Landwirtschaft, wenn deutscher Wein auf längere Sicht mit französischen und italienischen Weinen konkurrieren müßte, ohne wie bisher durch Zolle und Importkontingente geschützt zu sein. Die Weinheimer Interessenten mochten nun hoffen zu hören, wie sie auf dem Gemeinsamen Markt geschützt werden sollten.

Aber der Kanzler fuhr schlicht fort: »Es würde hier zu weit führen, wenn ich Ihnen das im einzelnen auseinandersetze. Aber da auch hier ja, in Ihrem Kreis, gerade Obstzucht und auch der Weinbau eine Rolle spielt, so glaube ich, Ihnen sagen zu dürfen, daß wir auf die besonderen Belange der Landwirtschaft und insbesondere der Obstzucht und Gemüsezucht, wenn der Gemeinsame Markt einmal da ist, sorgfältig achten werden und dafür sorgen werden, daß unsere Gemüsezucht, unsere Obstzucht und unser Weinbau durchaus konkurrenzfähig bleiben.«

Die Zuhörer klatschten. Sie waren überzeugt, daß ER- denn so war er in Weinheim ja angekündigt worden - es schon machen werde.

Am selben Tage, in Bensheim, gab Konrad Adenauer noch einmal ein Detail seiner landwirtschaftlichen Plane. Erst kam die übliche Floskel, die in allen Reden ähnlich wiederkehrt: »Wir wollen weiter, meine Damen und Herren, die Landwirtschaft, ganz konsequent wollen wir ihr helfen, damit sie der strukturellen, die die Technisierung des Betriebes mit sich bringt, gerecht werden kann. Beifall

Das ist eine Arbeit, die mindestens zehn Jahre erfordert.«

Und dann kam ein agrarpolitisches Detail des CDU-Regierungsprogramms, das zu hören den Bensheimern vorbehalten blieb: »Ich möchte Ihnen eine Ziffer nur sagen, damit Sie sehen, was das für eine Arbeit ist. Um die Wege von den Dörfern und von den Einzelhöfen in die Felder hinein für Traktoren und so weiter auch bei Regenwetter fahrbar zu machen, müssen hunderttausend Kilometer Wege befestigt werden. Es ist eine große Aufgabe. Wir werden' sie lösen, denn wir halten die Landwirtschaft als das, was ich eben vom Mittelstand sagte, für eines der Fundamente unseres ganzen Volkes.«

So sehr sich der Kanzler scheute, in seinen Reden auf wichtige innenpolitische Themen wie etwa Finanz-, Wirtschafts - und Agrarpolitik einzugehen, so beharrlich dozierte er über einen Gegenstand, der den Verwaltungskünsten einer demokratischen Regierung gottlob entzogen Ist: die ethische Basis der Familiengemeinschaft. »Wir wollen die deutsche Familie wiederherstellen«, sagte er in Bochum, »die Familie, meine Freunde, ist und bleibt die Grundzelle jedes menschlichen Gemeinwesens ... Und wenn wir nach den Bundestagswahlen die Bundesregierung wieder führen werden, dessen seien Sie überzeugt, daß der Anfang, den wir bisher gemacht haben, -der Anfang in der Sorge für die Familie eine sehr gute und starke Fortsetzung erfahren wird.« Eine Erläuterung dessen, was man sich unter einer »Wiederherstellung der deutschen Familie« konkret vorzustellen habe, blieb der Kanzler allerdings schuldig.

In der Tat sind des Kanzlers Ausführungen über die Rettung der deutschen Familie wohl weniger als die Ankündigung eines Familienprogramms der dritten Regierung Adenauer zu verstehen, sondern eher als ein Appell an die mütterlichen und hausfraulichen Instinkte der weiblichen Wähler. Der Kanzler betätigte sich nicht als innenpolitischer Programmatiker, sondern als eine Art wandelnder »Allgemeiner Wegweiser«, wenn er etwa in Bochum predigte: »Bitte, tun Sie das doch, was in meiner Jugend geschehen ist: Erziehen Sie sehr frühzeitig Ihre Kinder zum Sparen. Sie gewöhnen sie dadurch an die Schätzung des Wertes des Geldes, und Sie gewöhnen sie daran, daß man nicht jedem, was man gerade will, und was einem einfällt, nachgehen und kaufen muß, was man sieht. Ich glaube, die Erziehung zum Sparen, schon bei den Kindern angefangen, ist eine außerordentlich wichtige Aufgabe für die Eltern.«

Bei seinem Versuch, die deutsche Familie als erneuerungsbedürftig abzuschildern und der deutschen Mutter das wohlige Gefühl zu geben, sie werde durch Adenauer die Kernzelle des ganzen Staates, hatte der Kanzler allerdings einige Mühe, die Schuld am »Zusammenbruch der Familie« so zu verteilen, daß niemand sich geärgert fühlt.

»Ich mache niemandem einen Vorwurf, weder den Eltern noch den Kindern«, erklärte er in Hannover, wahrscheinlich sind beide mit daran schuld. Aber die größte Schuld daran, daß die deutsche Familie nicht mehr das ist, was sie einmal gewesen ist, das war der Krieg und das waren die Nachkriegsverhältnisse. Das war in gewissem Sinne auch die technische Entwicklung, deren wir eben noch nicht Herr geworden sind in unseren Lebensgewohnheiten.

»Aber, meine Damen und Herren, die Familie ist und sie muß bleiben die Grundzelle jeder völkischen Gemeinschaft. Und darum glaube ich, daß wir hier versuchen müssen, Ordnung wieder zu schaffen, Vertrauen zu schaffen und zusammenzufügen in der Familie, was jetzt droht, auseinanderzugehen.«

Den Beweis dafür, daß es ihm bei solchen Reden nicht darum geht, seine politischen Ziele zu verdeutlichen, sondern ausschließlich darum, mehr oder minder unartikulierte Gefühle vor allem der Frauen zu mobilisieren, lieferte eine Wahlrede Konrad Adenauers in Bremerhaven:

»Ich glaube, werden wir alle stimmen am 15. September so, daß wir zum Frieden kommen, insbesondere auch die Frauen. Atomare Waffen sind etwas Schreckliches, das wissen wir, man kann sie aber nicht aus der Welt schaffen mit papiernen Protesten. Man kann sie nur aus der Welt schaffen durch kontrollierte Abrüstung, die jetzt von den Vereinigten Staaten erstrebt wird, ein Verlangen, ein Versuch, bei dem wir alle stehen.

»Das ist die einzige Möglichkeit, die atomare Waffe wieder aus der Welt zu schaffen. Daran sollte man auch denken am 15. September, und daran sollten auch namentlich die Frauen denken, meine Freunde.«

Vor einer Frauenversammlung in Essen, die auf seinen Wunsch einberufen worden war, versprach der Kanzler sozusagen den CDU-Multimix frei Haus und das Haus gleich dazu: »Am liebsten als früherem Oberbürgermeister wäre es mir, wenn jede Familie ein, wenn auch noch so kleines Haus haben könnte ... Was wir weiter tun wollen? Wir wollen auch gerade für die berufstätigen Frauen und für die Landfrauen, meine Damen und Herren, Erleichterungen schaffen in Hauswirtschaftsarbeiten.

»Mir tun immer die berufstätigen Frauen wirklich leid, die nun ihre vielstündige Büroarbeit hinter sich haben, und dann noch, für sich alleinstehend, hauswirtschaftliche Arbeit verrichten müssen. Mir tun die Landfrauen leid, die sehr schwer arbeiten müssen von morgens früh bis abends spät. Und da wollen wir versuchen, durch die verschiedensten Einrichtungen ihnen die Arbeiten, die abgenommen werden können, abzunehmen oder sie wenigstens durch die maschinellen Fortschritte, die wir gemacht haben, zu erleichtern. Was will die SPD, wenn sie zur Macht kommt? Ja, meine Damen und Herren, ich weiß es nicht.« Vom seelischen Altern

War also sein eigenes innenpolitisches Programm für die nächste Legislaturperiode ohne irgendeine Kontur, so fand er doch, daß die Opposition gar kein Programm habe, obwohl er sich an anderen Stellen, seiner Reden mit angeblichen Programmen der Opposition auseinandersetzte.

In Bochum sagte er: »Von der FDP weiß ich in meinem Leben nicht, was sie will, und ich werde es auch nie wissen.« Auch mit seiner Ignoranz in Sachen SPD-Programm brillierte er, wo er konnte; in Pforzheim klang es so:

»Es ist ungewöhnlich schwer, aus den Verlautbarungen; sei es den offiziellen Verlautbarungen der Sozialdemokratie, sei es aus den Verlautbarungen ihrer führenden Leute, mit Sicherheit herauszubekommen, was sie eigentlich wollen.

Beifall

Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich weiß nicht, ob sie es selbst nicht wissen.

Heiterkeit

Das ist möglich, meine Damen und Herren ...

»Und dann sagte Herr Ollenhauer an dem Tage das und Herr Eichler sagte jenes, und dann kam Herr Erler, den Sie kennen, und sagte wieder etwas anderes. Und dann kam wieder ein anderer und sagte etwas anderes. Und dann sagte Herr Ollenhauer etwas anderes, als er damals gesagt hat. Und so, meine Damen und Herren, muß man sich da hindurchwinden, und eigentlich steht man da und greift sich an den Kopf und sagt: Was wollen sie denn eigentlich?«

Kempski: »Daß seine eigene Rede meist ebenso wirr ist, auf Beweisführungen tunlichst verzichtet und nicht selten keinen druckreifen Satz enthält, fällt den Zuhörern nicht weiter auf.«

Luchsinger: »Daß die Reden oft keinen logischen Aufbau haben und von einem Thema ins andere gleiten, daß einmal die Sowjets im letzten Vierteljahrhundert 56 Verträge gebrochen haben sollen, ein andermal nur 47, das entgeht den gras- oder moosgrünen Gestalten aus der Heide, den jungen Leuten in der Kunstlederjacke und den Hausfrauen.«

Die Angaben, des Kanzlers über Vertragsbrüche der Sowjet-Union waren in Wahrheit noch viel unterschiedlicher:

- In Salzgitter: »Seit dem Jahre 1925 gebrochen 56.«

- In Wuppertal: »Von 58 Verträgen, die Rußland seit 25 geschlossen hat, hat es 47 gebrochen.«

- In Essen: »In der Zeit von 45 bis 49 ... 25 Verträge.«

- In Bensheim: »... In wenigen Jahren

47 Verträge ...«

- In Pforzheim: »Seit 25 von, Ich glaube,

56 Verträgen... 47 gebrochen.«

- In Stuttgart: »Rußland hat seit 25

58 Verträge mit den fremden Regierungen abgeschlossen, und von diesen 58 Verträgen hat die Sowjet-Union 57 gebrochen oder einseitig gekündigt.«

- In Lübeck: »Sowjet-Rußland hat seit 25 28 Verträge politischen Inhalts mit fremden Regierungen abgeschlossen, und von diesen 58 hat es 47 gebrochen oder einseitig gekündigt. Elf Nichtangriffspakte waren darunter. Vier nach 45 geschlossen. Von diesen elf Nichtangriffspakten, hat Sowjet-Rußland zehn gebrochen. Sechs Friedensverträge hat Sowjet-Rußland nach 46 geschlossen und davon drei gebrochen.«

Aber das waren Dinge, die des Kanzlers Zuhörer nicht merken konnten. Sie schluckten sogar Behauptungen, die jeder halbwegs aufmerksame Zeitungsleser mühelos widerlegen könnte. Der Kanzler behauptete In Münster, er habe die Saar zu Deutschland zurückgebracht: »Es ist auch gelungen, meine Damen und Herren, die Saar wieder zu Deutschland zurückzubringen. Wer spricht jetzt noch davon. Ich habe noch nirgendwo bei einer Wahlrede in diesem Wahlkampf ein Wort der Anerkennung dafür gehört.« Dabei hatte der Kanzler zwei Tage vor der Saar-Volksabstimmung den Saarländern empfohlen, das Saarstatut anzunehmen, das die Saar endgültig von Deutschland getrennt hätte.

Konrad Adenauer konnte sagen, was er wollte: Die Leute klatschten.

Es gibt nun wohlwollende Kanzler-Kritiker, die Konrad Adenauers Reden weniger nach den Erkenntnissen der Massenpsychologie als nach denen der Alterspsychologie werten mochten.

Der Psychiater und Neurologe Professor Dr. med. Ferdinand Adalbert Kehrer, 1925 bis 1953 Ordentlicher Professor für Psychiatrie und Neurologie und Direktor der Universitätsklinik in Münster (Westfalen), schreibt in seinem 1952 erschienenen Werk »Vom seelischen Altern«, im Spät- und Greisenalter seien allgemein eine Verlangsamung der psychischen Abläufe, Abnahme der Merkfähigkeit, Erschwerung der Wortfindung und Verarmung an Gedankeneinfällen festzustellen, weiterhin »Minderung der geistigen Produktivität und Initiative, die die Notwendigkeit nach sich zieht, mehr und mehr auf Automatismen des psychopraktischen Apparates zurückzugreifen.«

Auch für die »Abnahme der Merkfähigkeit« gab es in des Kanzlers Wahlkampagne zwei treffende Beispiele. Im Verlaufe weniger Tage erinnerte er sich an gleiche Sachverhalte auf die unterschiedlichste Weise. Dabei verwandelte seine Erinnerung die Tatsachen nach und nach immer mehr so, daß sie schließlich in sein Konzept paßten. Dr. Reinhold Maier, Vorsitzender der Freien Demokratischen Partei, wurde Opfer der Adenauerschen Denkverwandlungen.

Die Tante aus Amerika

In einer Wahlversammlung in Memmingen hatte Maier den Offenen Brief an John Foster Dulles erwähnt, den die amerikanische Staatsbürgerin Sheila Tobias Ungeheuer in der Freien Demokratischen Korrespondenz veröffentlicht hatte (SPIEGEL 34/1957).

Maier war dann fortgefahren: »Als ein Mann, der von den allerersten Tagen in der US-Zone in die amerikanische Besatzungsschule gegangen ist, sage ich den Amerikanern, die uns einst die demokratische Deutschland-Doktrin in Mühen beigebracht haben und jetzt drüben privat leben, etwas ganz anderes:

... Ich und andere Männer und Frauen von demokratischen Überzeugungen von alters her haben Ihre Lehren von der Demokratie voll billigen können... Nicht wir haben die Fahne der Demokratie in Deutschland sinken lassen. Sie, meine Amerikaner, haben dem deutschen Bundeskanzler Propagandamöglichkeiten von nie dagewesener Wirkungskraft eröffnet ... Sie, meine Herren, wissen, was ein Demokrat ist und was ein Autokrat ist. Sie haben in der Bundesrepublik für die falschen Demokraten optiert, gegen die erprobten und zuverlässigen Demokraten...

»Wie gesagt, wir führen hiermit kein Gespräch mit Regierungsstellen. Wir reden in persönlicher Weise mit den Amerikanern, die einst den Unterricht in der Demokratie erteilt haben -und mit denen uns persönliche Wertschätzung bis zum heutigen Tag verbindet ...«

Im Kopf des Kanzlers gingen der Brief der Sheila Ungeheuer an Dulles und die Worte Maiers an seine ehemaligen Besatzungsamerikaner offenbar rettungslos durcheinander. Maier habe, so sagte Konrad Adenauer auf der Kundgebung in Bochum, »einen Brief geschrieben an eine bekannte Amerikanerin. Und diesen Brief gibt er zum besten. Und aus diesem Brief möchte ich Ihnen einige Zeilen vorlesen.«

Ein paar Tage später, in Mannheim, hatte sich in des Kanzlers Hirn schon eine Vorstellung davon gebildet, wer diese von ihm erfundene Amerikanerin sei, an die Reinhold Maier den - ebenfalls nicht existierenden - Brief geschrieben habe:

»Meine Damen und Herren, dann wirft uns jetzt die SPD - das ist etwas Neues - wirft uns vor, auch Herr Reinhold Maier in diesem schönen Brief, den er an seine Tante in Amerika gerichtet hat und den er der Öffentlichkeit übergeben hat, ehe die Tante den Brief bekam. Ich weiß nicht, ob es die Tante gewesen ist, es kann auch eine Cousine gewesen sein.«

Einen Tag später in Pforzheim: »Sie wissen, daß sogar Herr Maier einen Brief an eine ihm bekannte Dame - er hat die Adresse nicht genannt - in Amerika geschrieben hat. Er hat dann den Brief hier der Öffentlichkeit übergeben.« Etwas später in der gleichen Rede erwähnte der Kanzler dann das »Schreiben des Herrn Maier an seine Tante - ich nehme an, es war seine Tante.«

Wieder einen Tag später, in Stuttgart, hieß es: »Ich denke jetzt an den Brief Ihres früheren Ministerpräsidenten, an den Brief, den er an eine amerikanische Tante geschrieben hat, damit er dort veröffentlicht wurde.« Die Leute klatschten wie wahnsinnig.

Das zweite Beispiel für die Art und Weise, in der sich in des Kanzlers Hirn Vorstellungen bilden, die sich von der Wahrheit immer weiter entfernen, ist die Sache mit Portugal.

Am 15. August hatte in der portugiesischen Zeitung »Diario da Manha«, die keineswegs das offizielle Blatt der portugiesischen Regierung ist, in einem Leitartikel der Satz gestanden: »Wenn Deutschland sich aus der Nato zurückziehen würde, was unzweifelhaft das Ende des Bündnisses wäre, wenn die Bildung eines neutralisierten deutschen Staatsbundes dazu führen würde, daß sich die amerikanischen und russischen Truppen zurückzögen, die einen um 5000, die anderen um 500 Kilometer, so hätte das in Anbetracht des politisch-militärischen Vakuums der Vierten Republik zur Folge, daß die Grenze Europas an den Pyrenäen läge.«

Um seine These zu untermauern, ein Wahlsieg der SPD bedeute den Untergang Deutschlands, führte der Kanzler Ende August ein neues Zitat in seine Reden ein: »Das portugiesische Regierungsblatt, das hat auch darüber geschrieben und hat geschrieben, wenn das die Deutschen tun, wenn sie so Nato zerstören, dann wird in kürzester Zeit Sowjet-Rußland bis zu den Pyrenäen reichen.«

Die Quelle dieser Weisheit, eine Zeitung, war nun allerdings nicht sehr repräsentativ. Und so hieß es einen Tag später in Pforzheim: »Die portugiesische Regierung, die sehr klug ist, die hat in ihrem amtlichen Blatt veröffentlicht - ich habe es hier unter meinen Papieren -, daß, wenn das käme, was die Sozialdemokraten vorschlügen, daß dann die Herrschaft der Sowjet-Union sehr schnell bis zu den Pyrenäen gehen würde. Und so ist es auch in der Tat, meine Freunde!«

Wieder drei Tage später, in Bremen, war dann von einer Zeitung überhaupt keine Rede mehr. Nun hatte Konrad Adenauer schon dies in sein Gehirn aufgenommen: »Die portugiesische Regierung, die sehr klug ist, meine Damen und Herren, die hat zum Ausdruck gebracht, daß der mit einer solchen Aktion, wie sie Herr Ollenhauer vorschlägt, unvermeidliche Zusammenbruch von Nato die Russen in kurzer Zeit zu den Herren ganz Europas bis zu den Pyrenäen werden läßt. Das ist doch absolut richtig, meine Damen und Herren.«

Und am Abend desselben Tages, in Bremerhaven, war Konrad Adenauer noch präziser: »In Portugal hat die dortige Regierung erklärt: Wenn das geschieht, wenn die sozialdemokratische Politik durchgeführt wird, dann wird die Macht Sowjet -Rußlands bis zu den Pyrenäen reichen.«

Aus dem Leitartikel einer Zeitung, der ihm gut in sein Konzept paßte, war in Konrad Adenauers Kopf nach wenigen Tagen die Erklärung einer Regierung geworden.

Außer dieser Fähigkeit, die Tatsachen seinen Wünschen entsprechend umzudenken, legte der Kanzler in seinen Reden noch andere,Eigenheiten an den Tag, die von der Wissenschaft als spezifische Erscheinungen seiner Altersstufe erkannt worden sind: Er benutzte überlange, grammatisch falsche und wirr zu Ende geführte Sätze, wie sie etwa in Mainz zu hören waren. Einer dieser Sätze lautete:

»Aber, meine Freunde, wenn man durch solche Illusionen den Russen etwas Hoffnung gibt, daß die Sozialdemokraten an die Macht kommen und daß sie dann auch in den russischen Sog Deutschland führen werden - denn das geschieht dadurch - und daß dadurch, meine Damen und Herren, Sowjetrußland wirtschaftlich Amerika gleichgestellt wird, gleich stark wird, ja, meine Damen und Herren, dann stärkt man doch bei Gott doch nicht den Willen der Russen zur Abrüstung, sondern man gibt ihnen die Möglichkeit, auch vor ihren eigenen Leuten, noch sich zurückhaltend sich zu zeigen, weil sie das Ziel, das sie haben wollen, also gleich stark wie Amerika zu werden, dann nicht mehr nahe sieht.«

Gelegentlich geraten dem Redner auch zwei verschiedene Themen durcheinander, wie etwa in Salzgitter. Dort war zunächst wieder von dem schönen Wetter die Rede, aber nun folgte nicht - wie anderwärts - ein Hinweis auf die ernste Lage, sondern auf die politischen und wirtschaftlichen Fundamente, die von der CDU in Westdeutschland gelegt seien. Dieser Gedankensprung war darauf zurückzuführen, daß der Redner in seine Schilderung des schönen Wetters einen Hinweis auf das Fußwandern eingebaut hatte. Es hörte sich dann so an:

»Meine Freunde! Wenn man jetzt durch diesen Wahlkampf durch das Land fährt und nun sieht, wie überall neue Häuser gebaut sind, neue Bauernhöfe, wie der Boden so schön bebaut ist und wir einer so herrlichen Ernte entgegengehen, der Reife, und wenn man die vielen Menschen sieht, die doch im großen und ganzen zufrieden sind, und wenn man die vielen Ferienreisenden sieht!

»Mir sind aber am sympathischsten die zu Fuß gehen, und die können wir am Rhein in großem Maße sehen, und zwar deshalb am sympathischsten, weil man vom Fußwandern sehr viel mehr hat. Und dann, meine Damen und Herren, wie ist das schön, wie ist das sicher%und wir können,

weiter fortschreiten auf den Fundamenten, die wir gelegt haben.

»Meine Freunde! Es ist auch schön und wir können auch fortschreiten auf diesen Fundamenten, und mit Recht ist eben gesagt worden, daß das hier ein europäisch wichtiges Gebiet ist infolge der großen Bodenschätze, die wir finden. Das ist allem richtig und ist alles wahr.«

Des Redners Absicht, möglichst viele Dinge in einem normalen Satz unterzubringen, scheiterte an der alterstypischen Minderung der Konzentrationsfähigkeit. In kurzen Sätzen dagegen verspricht sich Konrad Adenauer nicht viel häufiger als jüngere Redner auf der Höhe ihrer Konzentrationsfähigkeit.

»Sie sind jetzt doch immerhin 81 Jahre«, wurde Konrad Adenauer, im rollenden Kanzlerhauptquartier von einem mitreisenden Journalisten gefragt »und wenn Sie wieder Kanzler werden und die vier Jahre der Legislaturperiode durchhalten, werden Sie fast 86 Jahre sein, ist das nicht ein bißchen anstrengend?«

»Aber warum denn«, antwortete Konrad Adenauer, »sehen Sie einmal, Papst Leo XIII. wurde zu seinem 90. Geburtstag von den Mitgliedern des Diplomatischen Corps beglückwünscht, und der Doyen äußerte dabei die Hoffnung, der Papst möge in der gleichen Frische auch noch das hundertste Lebensjahr erreichen. Leo XIII. meinte daraufhin: 'Aber meine Herren, warum schätzen Sie die Barmherzigkeit Gottes denn so niedrig ein?'«

Konrad Adenauer erläuterte, das Gehirn sei »der wichtigste Körperteil des Menschen«, und die Wissenschaft habe festgestellt, »daß das menschliche Gehirn bis zu 130 Jahren funktioniert, und stellen Sie sich mal vor, sogar bei ganz normalen Menschen.«

Vor den Jungen Unternehmern in Stuttgart meditierte Konrad Adenauer ("Es ist ja wohl kaum Presse da"): »Wenn wir siegen, fängt das Geschäft an. Ich habe 1953 gesagt, ich möchte lieber noch einmal eine Wahlkampagne mitmachen, als ein Kabinett bilden. Wenn andere ans Ruder kommen, wofür bis jetzt wenig Anzeichen vorhanden sind, werde ich gern zusehen.

»Aber ich leugne nicht: Lieber handle ich, als daß ich zusehe.«

* Als Antwort auf Konrad Adenauers Nürnberger Behauptung, eine SPD-Regierung bedeuzte den Untergang Deutschlands, hatten sich Anfang Juli die sozialdemokratischen Länderchefs, unter ihnen Zinn, geweigert, an einem Essen des scheidenden Bundesratspräsidenten Sieveking für den Bundeskanzler und die Bundesregierung teilzunehmen.

* Auch von einem anderen abgetretenen Politiker behauptete Konrad Adenauer rückblickend, er hätte mit ihm - wäre er im Amt geblieben - gut zusammenarbeiten können, obgleich der Kanzler zu Amtszeiten dieses Mannes, als also Gelegenheit zur Zusammenarbeit bestand, keinerlei Kooperationsbereitschaft hatte erkennen lassen. In einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift »Look« sagte Adenauer: »Wenn Malenkow der entscheidende Mann geblieben wäre, bestünde eine größere Wahrscheinlichkeit für Veränderungen als unter Chruschtschew. Malenkow ist ein Mann, mit dem man reden kann. Ich habe das eine ganze Weile In Moskau getan, und er sprach vernünftige Ansichten über wirtschaftliche Dinge aus, die ich ziemlich anerkenne. Er ist ein Mann, der Realitäten in Rechnung stellt, und deshalb hätte er es auch als Politiker getan. Chruschtschew dagegen ist ein Mann, der von diesen Dingen nichts weiß und nichts versteht, ein brutaler Kämpfer.«

* »New York Times« im November 1951: »Alle

Konzessionen, die die Alliierten gemacht haben, können aus dem Gefühl heraus unterstützt werden, daß Konrad Adenauer in jedem Fall die Dinge so wie wir sieht ... vielleicht war das wenigst Kluge, was Adenauer seit seiner Amtsübernahme getan hat, die zu offene Favorisierung der vereinigten Staaten gegenüber Frankreich und England ... In Deutschland Ist die Außenpolitik des Kanzlers nicht so willkommen, wie sie den Alliierten ist.«

Propagandist Adenauer auf Wohltournee: »ER kommt - Wer kommt?«

Maschinenpistolen im Kanzlerzug: Touren eines Kolonialgouverneurs?

CDU-Versammlungsplakat

Vom Himmel gesandter Herrscher?

Adenauers Reisearzt Nonn

Aus lauter Jux und Tollerei

Sperrkreis um das Kanzler-Hauptquartier »Parole!?« - »Hindenburg!«

Adenauer, dahinter Kanzler-Referent Klub, Leibwächter: »Ich freue mich, daß Kinder hier sind«

Adenauer, Kanzler-Sekretärin Zimmermann: Zwischen Staatsgeschäften...

... Muße zum Spiel: Sekretärin Zimmermann

Show im Zelt: Eintritt nur ...

... für Linientreue; Kundgebung in Bensheim

Bürgerschreck Wehner

Wer lacht da?

Simplicissimus

Wer die Jugend hat: »Hochwürden Herr Bundeskanzler, darf ich Ihnen unseren KJ-Fähnleinführer vorstellen - die Konrad-Jugend steht geschlossen hinter ihm«

CDU-Aktivist Kaplan Jamin

Kann sich nicht beherrschen

Deutsche Zeitung und Wirtschaftszeitung

»Nicht wahr, mein Michelchen - keine Experimente ...«

Länderecht für SPD-Ollenhauer: Der Kanzler monierte ...

... amerikanische Flug-Wahlhilfe: Düsenjägerflug für FDP-Döring (r)

Adenauer, Hochkommissare McCloy, Robertson, Francois-Poncet: Nach dem Krach ...

... das Deutschlandlied: Adenauer in Arlington

Simplicissimus

Auf in den Kampf! »Dat Plakat muß noch besser werden, mein Lieber: Malen Sie dem Kerl

noch einen zweiten Bockfuß und klemmen Sie ihm 'ne Atombombe untern Arm!«

Bulganin, Adenauer, Chruschtschew: »Hart aneinandergeraten«

Adenauer vor weiblichem Publikum: »Wir werden die Hausarbeit erleichtern«

Adenauer in Weinheim »Ich freue mich, daß es nicht regnete«

Adenauer, Referent Kilb: »Ist es nicht ein bißchen anstrengend?«

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