Zur Ausgabe
Artikel 25 / 76

LUFTFAHRT / OSTBLOCK-PREISE Wie mit Äpfeln

aus DER SPIEGEL 52/1970

Am 13. November flog Gisela Lehmann, 27, kaufmännische Angestellte in einem West-Berliner Industriebetrieb, In einer sowjetischen »TU 134« vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach Wien. Sie besuchte ihre Großmutter und kehrte sechs Tage später zurück. Die DDR-Interflug-Gesellschaft kassierte 251 Westmark.

Am 15. November reiste Max Rohde, 43, Bauunternehmer aus Berlin-Lankwitz, mit der ungarischen Linie Malév auf der gleichen Strecke und bezahlte für Hin- und Rückflug nur 161 Mark.

Am 19. November schließlich buchte Gudrun Mehnert, 29, Hausfrau aus Berlin-Steglitz, im West-Berliner Lufthansa-Büro einen Linien-Flug von Berlin-Tempelhof via München nach Wien und zurück. Preis für den Lufthansa-Flugschein: 414 Mark.

Derlei Preisunterschiede innerhalb des Ostblock-Luftverkehrs, aber auch zwischen Ost und West, ergeben sich aus der Tarif-Autonomie sozialistischer Staaten. Denn die meisten Ost-Fluggesellschaften sind nicht Mitglied des »Internationalen Luftverkehrs-Verbandes« (IATA) und halten sich daher nicht an das Finanz-Reglement, das für die anderen Linien verbindlich ist. Auf West-Devisen erpicht, bieten die Ost-Unternehmen Flugpreise an, die sich kaum von Bahn- und Bus-Tarifen unterscheiden.

So beträgt zum Beispiel der Preis für ein Interflug-Ticket von Schönefeld nach Bukarest 271 und nach Budapest 158 Mark -- die ungarische Malév hingegen verlangt von Westreisenden für den einfachen Bukarest-Flug nur 174 Mark, und nach Budapest kommt man gar schon für 92 Mark.

Mit einer West-Gesellschaft freilich würde die Bukarest-Reise von Tempelhof über München gemäß IATA-Tarif fast ein Drittel mehr kosten: 435 Mark. Für DDR-Bürger, die mit Interflug fliegen, gibt es sogar einen vierten Tarif auf diesen beiden Routen: Sie zahlen für einen Flug nach Budapest 89 Mark und nach Bukarest 169 Ostmark. » Das ist«, so ein West-Berliner Reisebüroleiter, »wie mit Äpfeln, bei Meyer kosten sie 80 Pfennig, bei Schulze 60 Pfennig, jeder macht seinen Preis.«

Wer von Schönefeld aus in den Nahen Osten, etwa nach Beirut, Kairo oder Damaskus fliegen will, muß 290 Westmark bezahlen. Von Tempelhof dagegen, mit einer der drei westalliierten Fluggesellschaften PanAm, BEA oder Air France bis nach Frankfurt und dann weiter mit der Lufthansa, würde die Reise weit mehr als das Doppelte kosten: 759 Mark.

Ein halbes Dutzend West-Berliner Reisebüros, die vor allem Flugreisen mit den staatlichen Ostblock-Gesellschaften verkaufen, bieten zum Beispiel einen Hin- und Rückflug Schönefeld-Prag der tschechoslowakischen CSA für 107 Westmark an. Nach dem IATA-Tarif beträgt der Preis fast das Doppelte. Zu rund 40 Reisezielen in aller Welt gibt es in West-Berlin billige Ost-Tickets, etwa nach Athen, Kopenhagen oder Teheran.

Trotz mangelnden Platzangebots, Flugzeug-Ausfällen und vergleichsweise bescheidenem Service nimmt die Zahl von West-Touristen auf den Ost-Liniendiensten ständig zu. Von Jahr zu Jahr benutzen mehr Reisende den West-Berliner Übergang »Waltersdorfer Chaussee« zum Flughafen Schönefeld südlich von Berlin -- trotz Visa-Gebühren (5 Mark) und Bus-Transfer (3,50 Mark), trotz Ost-Kontrolleuren und West-Zöllnern.

Innerhalb von vier Jahren haben sich die Zahlen der Transit-Reisenden mehr als verdoppelt: 1967 fuhren 20 996 Halbstadt-Bewohner, 6762 Bundesbürger und 11 351 Ausländer über den Kontrollpunkt Richtung Schönefeld; in diesem Jahr aber nutzten bis Ende Oktober bereits 41 348 West-Berliner, die mit Transit-Visa zum Ost-Rollfeld fahren dürfen, die Billig-Flüge.

Die West-Gesellschaften sehen bislang kein Mittel, das Dumping der Ost-Konkurrenz zu unterbinden. PanAm-Sprecher Hannes C. Schloesser resigniert: »Was sollen wir machen, wir sind ein kommerzielles Unternehmen, wir sind an die IATA-Preise gebunden. Der Osten kann uns jederzeit unterbieten.«

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 76
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.