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WOHNUNGSBAU / NEW YORK Wie Monopoly

aus DER SPIEGEL 44/1970

Es gibt praktisch keinen privaten Wohnungsbau mehr in New York«, klagte Albert A. Walsh, ranghöchster Beamter in der Wohnungsverwaltung der Acht-Millionen-Stadt. Und die »New York Times« prophezeite kürzlich düster. »Der Mangel an brauchbaren Wohnungen wird in den nächsten zwei oder drei Jahren noch schlimmer werden.«

Viel schlimmer freilich geht es kaum. Schon heute hat die Stadt der Wolkenkratzer, in der trotz Auszugs so renommierter Firmen wie IBM, Xerox, General Foods, BASF und möglicherweise PanAm immer noch neue Geschäftshäuser entstehen und deren neugebautes »World Trade Center« am Hudson River sogar das Empire State Building überragt, seinen privaten Mietern fast keine freien Wohnungen mehr anzubieten. Noch Anfang der 60er Jahre, als der Wohnungsbau wie selten zuvor florierte, hatten Hauseigentümer ihre Wohnungen bis zu drei Monaten mietfrei angepriesen, nur um überhaupt Mieter anzulocken. Jetzt suchen Hunderttausende von New Yorkern vergebens ein Appartement. »Wir benötigen mehr Wohnungen als je zuvor«, befand der Gouverneur des Bundesstaates New York, Nelson Rockefeller, »aber wir bauen weniger denn je.«

Experten ermittelten, daß in New York jährlich zwischen 150 000 (dringendst) und 800 000 (wünschenswert) neue Wohnungen errichtet werden müßten, um der Misere Herr zu werden. Aber nur 2000 der als dringendst eingestuften Wohnungen werden gebaut.

Der Mangel treibt die Mieten. Jeder Raum in einem Appartement kostet mindestens 75 bis 80 Dollar. In den besseren Bezirken New Yorks müssen Mieter für eineinhalb bis zwei durchschnittliche Wohnräume sogar oft zwischen 600 und 800 Dollar berappen -- ein Luxus, den sich laut »New York Times« nur sieben Prozent der New Yorker leisten können.

Zwar hat New York als einzige amerikanische Stadt noch heute eine amtliche Mietkontrolle, unter deren Schutz fast eine Million Familien lebt. Wer sich um eine unter Mietaufsicht stehende Wohnung bewirbt, muß aber mitunter Jahre warten. Und wer das Glück hat, eine solche Wohnung zu finden, muß seinem Vorgänger oft das Zehnfache des Werts der Inneneinrichtung zahlen.

Den Hausbesitzern ist die Mietkontrolle ein Greuel. Sie lassen daher ihre Mietskasernen häufig herunterkommen, bis es sich nicht mehr lohnt, sie wieder instandzusetzen. »Hausbesitzer » so das »New York«-Magazin, »haben ihre Gebäude trockengemolken und sich ein gutes Leben gemacht.«

Ähnlich wie in Frankfurts einst feinem Westend und Londons Renommierviertel Kensington bieten New Yorker Hausbesitzer ihre verrotteten Wohnbauten zahlungskräftigen Firmen zum Abbruch an, die dann dort Geschäftshäuser errichten.

Gegen Mieter, die sich nicht vertreiben lassen wollen, gehen die Eigentümer mit rüden Methoden vor. »Sie können Mieter bedrohen oder sie angreifen«, schilderte beispielsweise die »New York Times«, »können erlauben, daß Kriminelle vorübergehend einziehen oder Heizung, Wasser und Strom abstellen. Einige haben sogar mit dem Abbruch begonnen, während Mieter noch im Hause wohnten.«

Nur wenige Wohnungsbauer sind noch willens, in New York für Leute mit mittleren oder geringen Einkommen zu bauen. Den meisten Bauherren erscheinen ausschließlich »die attraktiven und teuren Wohnviertel wie etwa Upper East Side lukrativ genug. »Wir bauen aus Spaß am Gewinn, so wie Kinder Monopoly Spielen«, bekannte ein New Yorker Wohnungsunternehmer.

Auch die Banken wollen seit den Rassenunruhen, bei denen ganze Wohnblocks in Flammen aufgingen, Bauvorhaben nur noch in risikofreien Gegenden der Stadt finanzieren. Klagte Donald H. Elliott, Vorsitzender der Stadtplanungskommission: »Es gibt noch genug Raum für Wohnungsbau in New York. Aber wenn Sie Bauherren fragen, ob sie an der

New Yorks »schlimmster Wohnraummangel seit 20 Jahren« ("The New York Times") könnte nur behoben werden, so errechnete Wohnungsverwalter Walsh, wenn die Nixon-Regierung jährlich eine Milliarde Dollar für den Wohnungsbau in Amerikas größte Stadt pumpt. Aber im bisher besten Jahr flossen nur 100 Millionen Dollar aus Washington -- und das war 1968.

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