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STIERKAMPF Wie Puppen

Wieder starb ein Torero in der Arena - aus Leichtsinn. In Zukunft sollen wendigere Stiere die Corrida noch gefährlicher machen. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Tausende von roten Nelken flogen in den gelben Sand der Madrider Stierkampfarena Las Ventas. Tausende von weißen Taschentüchern wurden geschwenkt. »Torero, Torero«, schallte es durch die größte Arena der Welt.

Doch der gefeierte Stierkämpfer drehte nicht, wie sonst nach einem guten Kampf, tänzelnd die Ehrenrunde. Er wurde im Sarg durch die Arena getragen. Der Beifall galt einem Toten.

Jose Cubero, »Yiyo« genannt, hatten viele eine große Zukunft als Torero vorausgesagt - wegen seiner »klugen Beherrschung, kühlen Intelligenz und anmutigen Grazie, mit der er furchtlos vor die Stiere trat«, so der Stierkampfkritiker Joaquin Vidal.

Doch in der kleinen Dorfarena von Colmenar geschah das Unglück: Der sechste Stier der Corrida, obwohl schon tödlich getroffen vom Degen des Toreros, durchbohrte im letzten Aufbäumen noch mit seinem linken Horn Yiyos Herz. Sekunden später brachen beide tot im Sand zusammen.

Wie immer, wenn ein Mensch in der Arena schwer verletzt wird, diskutierten die Spanier das Pro und Contra der »Fiesta Nacional«, die längst rituelle Volksbelustigung geworden ist. Der »Tod am Nachmittag«, von Hemingway so poetisch wie realistisch beschrieben, bewegt die Spanier stärker als etwa der Terror baskischer Separatisten, dem in den letzten 15 Jahren über 500 Menschen zum Opfer fielen.

Auch diesmal wieder schockierte es die Nation, daß menschliche Geschicklichkeit im Kampf gegen die vom Stier symbolisierte dämonische Urkraft keineswegs immer Sieger bleibt. 10 000 trauernde Menschen begleiteten am vorletzten Samstag den erstochenen Helden nach der Totenehrung in Las Ventas zum Grab.

Obwohl skrupellose Manager und der Tourismus-Rummel den Stierkampf zu einem manipulierten Show-Geschäft gemacht haben, ist er noch immer beliebtester Höhepunkt aller Sommerfeste Spaniens. Rund 5000 Corridas werden jährlich veranstaltet, über 20 000 speziell für den Kampf gezüchtete Stiere getötet.

Bisweilen fließt dabei auch Menschenblut. So gering die Zahl der toten Matadores auch ist (in 80 Jahren 16) - weit über 100 Verletzte hinterläßt der Stierkampf jährlich. 1984 war eines der blutigsten Jahre der Stierkampfgeschichte. Die namhaftesten Toreros wurden von kämpferischen Stieren bisweilen wie Puppen durch die Arena gewirbelt. Der als besonders draufgängerisch angesehene Matador Emilio Munoz erlitt nacheinander sogar drei schwere Verletzungen. Völlig gelähmt ist der Stierkämpfer »El Pilarico«, nachdem ein Stier nicht dessen rotes Tuch, sondern gleich ihn selbst angriff.

In diesem Jahr sieht es für die Toreros nicht besser aus: Kaum ein Wochenende, an dem nicht ein Star-Torero schwer verletzt aus der Arena getragen wird. Allein am vorletzten Wochenende, an dem Yiyo starb, wurden noch drei weitere Toreros auf die Hörner genommen. Selbst der 53jährige »Anonete«, das Idol der intellektuellen Stierkampfanhänger, die in seiner Kampfart die höchste Form von Kunst sehen, liegt schon wieder mit aufgerissenem Oberschenkel im Krankenhaus. Noch am Tag zuvor hatte er mit ansehen müssen, wie Yiyo zu Tode kam.

Daß in letzter Zeit Toreros so häufig im Kampf den kürzeren ziehen, steht in krassem Gegensatz zu den Klagen vieler Fiesta-Anhänger, denen, von der sicheren Tribüne aus, die meisten Stiere zu lahm und zu brav erscheinen.

Tatsächlich wurde in den letzten 40 Jahren bei der Zucht der Kampfstiere mehr Wert auf imponierende Größe als auf Kampfeslust und Aggressivität gelegt. Doch gerade so entstand eine große Gefahr für den Torero.

Viele Stierkämpfer nämlich tun so, als seien die furchterregend aussehenden, oft über 500 Kilo schweren Ungetüme lammfromme Tiere, kraulen ihnen übermütig die Ohren und vergessen dabei die

alte Kampfregel: »Verliere nie das Gesicht des Stiers aus den Augen.«

Allzuviel Vertrauen wurde im vorigen September dem erfahrenen »Paquirri« zum Verhängnis, der über 2000 Stiere getötet hatte. Als er das Tier einen Moment aus den Augen ließ, stieß ihm der Stier »Avispado« (der Listige) sein Horn 30 Zentimeter tief durch den Schenkel in den Unterleib. Der 36jährige Paquirri starb auf dem Weg von der kleinen Provinzarena in Pozoblanco zum Krankenhaus in Cordoba.

Auch Yiyo glaubte wohl am vorletzten Freitag, den Kampf schon gewonnen zu haben, nachdem er dem Stier »Burlero« (Täuscher) den tödlichen Degenstoß versetzt hatte. Statt sich weiterhin auf den Stier zu konzentrieren, genoß er den schon aufbrausenden Beifall. Da stieß das todwunde Tier noch einmal zu.

Stierkämpfer und ihre Manager sorgten in der Vergangenheit oft selbst dafür, daß der Matador dem Stier relativ sorglos gegenübertreten konnte: Auf ihre Anweisung hin wurden die Hörner der Tiere mitunter angefeilt, so daß der Stier die Zielgenauigkeit des Stoßes verlor.

Die sozialistische Regierung versuchte, den Stierkampf von Betrug und Korruption zu säubern, ließ jedes Horn nach dem Kampf untersuchen und Manipulationen streng bestrafen. Seither müssen sich die Toreros wieder auf ihre ursprünglichen Eigenschaften wie Mut, gute Technik, Vorsicht und Kaltblütigkeit verlassen.

Vor einer anderen Neuerung im Stierkampf fürchten sich die Toreros noch mehr: Von der Regierung animiert und unterstützt, züchten die Kampfstierfarmen jetzt keine großen, schwerfälligen Monstren mehr. Das neue Ideal ist wie einst das kleinere, wendigere, angriffslustigere Tier.

Der Stierkampfexperte der Sozialisten, Senator Juan Antonio Arevalo, muß da beruhigen: »Keine Angst«, sagt er den Toreros, »die neuen Stiere sind zwar schneller und aggressiver, aber auch kalkulierbarer« - allerdings nur für den Torero, der sich wirklich auf seine Kunst versteht.

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