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FRANKREICH / BARRIKADEN-PROZESS Wie Rosenwasser

aus DER SPIEGEL 2/1961

Über hundert Zeitungsartikel hatte

Gerichtspräsident Thiriet im großen, stucküberladenen Schwurgerichtssaal des Pariser Justizpalasts bereits verlesen. Die Angeklagten des »Barrikaden-Prozesses« starrten gelangweilt vor sich hin. Richter und Verteidiger gähnten. Das Publikum murrte.

»Nehmen wir den nächsten Artikel«, schnarrte Thiriet und griff nach einem weiteren der 162 Pappdeckel, auf denen die belastenden Kommentare säuberlich aufgeklebt waren. Monoton setzte er seine Vorlesung fort: »De Gaulle führt etwas im Schilde. Die Kämpfe (in Algerien) dauern an ...«

Ein Zwischenruf des Verteidigers Jacques Isorni unterbrach ihn: »Verzeihung, Herr Präsident, aber Sie haben eine kleine Abkürzung am Anfang des Artikels übersehen.«

Thiriet: »AFP - ach ja, das stimmt.« Darauf der Angeklagte, Vicomte Alain Le Moyne de Serigny, 48, Herausgeber der mit täglich 100 000 Exemplaren einflußreichsten Tageszeitung Algeriens, des »Echo d'Alger": »Und deshalb stehe ich hier?«

In der Tat hatte die miserabel präparierte Anklage neben einigen anderen auch diese Meldung der französischen Nachrichtenagentur »Agence France Presse« (AFP), die von anderen Blättern Frankreichs und Algeriens unbeanstandet veröffentlicht worden waren, als Belastungsmaterial gegen den wendigen Verleger-Journalisten benutzt.

De Sérigny, zum Komplicen des inzwischen nach Spanien geflüchteten Januar-Putschisten Pierre Lagaillarde gestempelt, wird der »Mittäterschaft bei einer Verschwörung gegen die Staatssicherheit« beschuldigt. Außerdem wird ihm vorgeworfen, mit »provozierenden Artikeln und Druckschriften« das Pressegesetz von 1881 verletzt zu haben.

»All das sieht wie eine Posse aus«, mokierte sich der oppositionelle Pariser »Express« über die neun Tage dauernde Verlesung der 162 vor, während und nach dem Januar-Aufstand erschienenen Sérigny-Artikel. Sämtliche jetzt als staatsgefährdend geltenden Presseprodukte waren nämlich vor ihrem Erscheinen von der im Verlagsgebäude des »Echo d'Alger« installierten Militärzensur genehmigt worden. Nun aber sollen Militärrichter das verurteilen, was Militärbehörden zuvor gutgeheißen haben. Das seit Wochen tagende Gericht ist in peinlicher Verlegenheit.

Alain de Sérigny, kahlköpfig, langaufgeschossen, von seinen Untergebenen »Le crisard« (der Kriserich) genannt, übernahm im Winter 1940 - nach Rückkehr aus deutscher Kriegsgefangenschaft und seiner Heirat mit der Schwägerin des Millionärs, Mühlenbesitzers und »Echo«-Hauptaktionärs Jean Duroux - die Leitung des »Echo d'Alger«. Zuvor hatte er sich als subalterner »Beauftragter für Postpakete« bei der französischen Schiffahrtsgesellschaft »Compagnie Generale Transatlantique« in Algier betätigt, bei der sein Vater als Direktor fungierte.

De Sérigny, mit einer feinen Witterung für jede Änderung der politischen Machtverhältnisse begabt, verstand es nicht nur seine Zeitung zur maßgebenden publizistischen Stimme der Algerien -Franzosen zu machen, sondern auch, den jeweils in Frankreich Regierenden und ihren Abgesandten in Algier ein willfähriger Diener zu sein, solange sie - und hierin erprobte er seinen eigenen Einfluß - die Privilegien der Europäer in Algerien nicht antasteten.

Als Marschall Pétain unangefochten im besetzten Frankreich regierte, war der »Echo«-Direktor absolut Vichytreu. »Ist dieses Bild der Regierung des Marschalls nicht ermutigend?«, schrieb er am 1. Januar 1941 in seinem Blatt. »Wir müssen uns ständig wiederholen, daß lediglich der Wille des Marschalls entscheidet, befiehlt, regiert.«

Für diesen publizistischen Eifer heftete man ihm in Vichy die Francisque, das einer Franken-Streitaxt nachgebildete Ehrenzeichen des Regimes, an den Rockaufschlag. Das hinderte den Vicomte jedoch nicht, nach der Landung der Alliierten in Nordafrika zu den beiden rivalisierenden Befreier-Generalen Giraud und de Gaulle überzuwechseln, die er miteinander zu versöhnen suchte. Dazu de Sérigny jetzt vor Gericht: »Damals, Messieurs, wurde ich dieserhalb weder als Provokateur noch als Ränkeschmied angesehen.«

Der Vicomte, Opportunist aus politischer Passion, war ebenso eng mit dem Exgaullisten Jacques Soustelle liiert, der in Algier als Generalgouverneur residierte, wie mit Soustelles spätem Nachfolger zu Zeiten der V. Republik, dem vor kurzem amtsenthobenen Generaldelegierten Delouvrier, für den de Sérigny energisch die Feder führte.

Solange der Sozialist Guy Mollet, Premier des Suez-Abenteuers und einer harten Algerien-Politik, in Paris regierte, war auch der »Echo«-Chef gemäßigter Sozialist. Als die IV. Republik zusammenbrach, saß er in den Wohlfahrtsausschüssen der Mai-Putschisten und konvertierte zum Gaullismus.

Den ehemaligen Deputierten Roger de Saivre ließ er damals in seinem Blatt »an alle Franzosen, die Marschall Pétain treu geblieben sind«, appellieren. Schrieb de Saivre für de Sérigny: »De Gaulle muß jetzt an die Macht kommen, denn wenn Marschall Pétain, unser alter Chef, noch am Leben wäre, würde er sagen: 'Folgt de Gaulle'.«

Als der General, von den Mai-Putschisten an die Macht gehievt, im Juni 1958 seine erste Algerien-Reise antrat, jubilierte das »Echo d'Alger": »Heute hat das französische Algerien sein Rendezvous mit der Nation. Charles de Gaulle, Frankreichs größter Sohn, wird ihm in wenigen Stunden den Bruderkuß des Vaterlandes geben.«

Zwanzig Monate später meinte der »Crisard« de Sérigny, die Zeit sei reif für einen neuen Kurswechsel. Auch diesmal glaubte er auf der Seite des Stärkeren, der in Nordafrika stationierten Armee, zu stehen, als er die Algerien-Politik de Gaulles attackierte. Während die Anhänger Lagaillardes in den Straßen Algiers hinter ihren Barrikaden ausharrten, wetterte de Sérigny - von keinem Zensur-Offizier gehindert - unter der Schlagzeile »Verbrechen am Vaterland« am 29. Januar 1960 im »Echo d'Alger":

»Zwischen dem Hochmut des Generals de Gaulle und dem von Franzosen vergessenen Blut muß die Wahl getroffen werden. Der Staatschef hat mit voller Absicht eine Politik gewählt, die geradenwegs zum Verzicht führt.«

Doch der Opportunist aus politischer Passion hatte damit zum erstenmal auf die falsche Karte gesetzt. Zusammen mit dem Exfallschirmjäger Lagaillarde und zahlreichen seiner Komplicen kam er nach dem gescheiterten Putsch ins Gefängnis und schließlich vor das Pariser Militärgericht.

Dort verteidigte er sich im Dezember mit dem Hinweis, jeder seiner Artikel habe ja das Plazet der von der Pariser Regierung eingesetzten Militärzensur gehabt. De Sérigny: »Jedesmal wenn man mir sagte: Vorsicht mit dieser Information oder mit jenem Artikel, schritt ich sofort ein, änderte die Überschrift oder zog den Artikel zurück.«

»Das 'Echo d'Alger' ist niemals verboten worden«, prahlte der ehemalige »Echo«-Direktor vor seinen Richtern. »Warum? Weil ich immer das tat, worum man mich (von höchster Stelle) gebeten hatte. Im Sinne der Mäßigung ...«

Gegen diese Ratschläge von oben hatte de Sérigny tatsächlich nur einmal aufgemuckt, als der Generaldelegierte Delouvrier von ihm noch einen positiven Kommentar zu einer de-Gaulle-Rede verlangte, während der journalistische Verwandlungskünstler bereits zum Parteigänger der rebellierenden »Ultras« geworden war.

Auf den Vorwurf, Lagaillardes Gefechtsstand hinter den Barrikaden besucht und sich dadurch zum Teilnehmer der Verschwörung gemacht zu haben, entgegnete de Sérigny jetzt: »Ich tat nur meine Pflicht als Chronist.«

»Noch nie hat eine Zeitung so dramatisch das Schicksal eines Landes belastet«, urteilte der Pariser »Express« über den »Echo«-Kommentator. »Alain de Sérigny hat einige Gründe, sich darüber zu wundern, daß er neben sich auf der Anklagebank nicht jene Männer (der Zensurbehörde) sieht, die selbstgefällig seine schwere Verantwortung geteilt haben.«

Und der lang aufgeschossene Angeklagte schrie ins Mikrophon (das vor ihm auf vier dicke Pariser Telephonbücher gestellt werden mußte): »Meine Artikel waren wie Lindenblütentee oder Rosenwasser im Vergleich zu denen Debrés.« Auch der heutige Premierminister de Gaulles hatte nämlich - als erbitterter Gegner der IV. Republik - zu jenen prominenten Mitarbeitern des »Echo d'Alger« gehört, die in den Spalten des Sérigny-Blattes die Thesen der »Algérie francaise« verfochten.

Spöttelte de Sérigny in seinem Schlußwort vor Gericht: »General de Gaulle, der jene, die ihm geholfen haben, als impertinent bezeichnet und mich ins Gefängnis werfen ließ, scheint Machiavelli gelesen zu haben: 'Man teilt die Macht nicht mit denen, die einem dazu verholfen haben'.«

Angeklagter de Sérigny

Als pflichtbewußter Chronist ...

Gerichtspräsident Thiriet

... hinter den Barrikaden

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