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»Wie Schläger vom Kiez«

aus DER SPIEGEL 34/1992

Das Gutachten des Chefarztes im Hamburger Hafenkrankenhaus schildert die schweren Verletzungen von Frank Fennel auf drei Seiten: Blut in den Nieren, eine »fünfmarkstückgroße Prellmarke am Hinterhaupt«, »starke Einblutung« im linken Auge, dazu »zahlreiche« Blutergüsse und Abschürfungen. Die länglichen Prellungen auf Fennels Rücken sehen aus wie Abdrücke von Schlagstöcken.

Das ist die Handschrift der Sondereinheit 16 E, einer knapp 20 Mann starken Elitetruppe der Hamburger Polizei, die der Wache 16 als Sonderschicht zugeordnet ist. Dutzendfach wurden in den vergangenen Jahren Strafanzeigen gegen die meist jungen Beamten erstattet, unter anderem wegen versuchten Totschlags, Körperverletzung im Amt, Bedrohung und Beleidigung. Einheiten wie die 16 E, so Manfred Mahr, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten und selbst Polizeiführer, »müssen aufgelöst werden«.

Opfer der Schlägertruppe sind meist Jugendliche, aber auch Anwälte und gar ein Priester. Bislang hat die Staatsanwaltschaft die meisten Verfahren gegen die Polizisten eingestellt. Ende vergangener Woche wurde dies Polizeireportern in mehreren Fernseh-, Rundfunk- und Zeitungsredaktionen zu bunt; in einer gemeinsamen Aktion nahmen Redakteure, die normalerweise heftig konkurrieren, die Polizisten unter Beschuß.

Der Anlaß: Ende vergangenen Monats erhielt die Anwältin des Schlossers Fennel, 25, Post von der Staatsanwaltschaft. Das Ermittlungsverfahren, das Fennel gegen die Polizisten angestrengt hatte, werde eingestellt. Die Fennel-Anzeige, so der Schriftsatz, »entbehrt schon deshalb der Grundlage«, weil die Aussagen des Opfers »von den Beamten zurückgewiesen und von zeugenschaftlich gehörten Polizisten nicht bestätigt werden«. Auch die Staatsanwaltschaft weiß von den schweren Verletzungen, doch diese seien ja »nicht lebensbedrohend« gewesen.

Fennel saß im Sommer vergangenen Jahres mit seiner Frau Julia, 22, in einem Cafe im Hamburger Schanzenviertel und trank ein Bier. Dann kam, so Fennel, eine Gruppe von jungen Männern und demontierte eine Stellwand des alternativen Stadtteilzentrums »Rote Flora«.

Fennel-Ehefrau Julia und andere Passanten gingen dazwischen und versuchten, die Unbekannten abzuwehren. Doch die Männer packten sich Julia Fennel und schleppten sie zu einem VW-Bus. Ihr Mann schnappte sich eine Bierflasche und griff an, um sie herauszuhauen. Daß es sich bei den Männern in schlampigem Zivil um Beamte handelte, hatte er nicht bemerkt, ausgewiesen hatten sie sich noch nicht. »Die Typen«, so Fennel, »sahen aus wie Schläger vom Kiez.«

Das gammlige Äußere als Tarnung gehört zum Konzept der Sonderschicht und der beiden vergleichbaren Truppen in Hamburg, die wie die 16 E in den sozial schwächsten und unruhigsten Stadtvierteln eingesetzt werden. Mit den dortigen Autonomen und Skinheads hätten sie, so Hamburgs SPD-Innensenator Werner Hackmann, eine »besonders schwierige Arbeit« zu erledigen.

Mit der Bierflasche traf Fennel einen Beamten am Kopf und verletzte ihn, woraufhin die anderen ihn zusammenschlugen, obwohl sie in krasser Überzahl waren. »Ich bekam Tritte gegen den Kopf«, sagt Fennel, »Knüppelschläge auf den ganzen Körper«. Der Passant Dirk Hildebrandt, 24: »Ich dachte, die hauen den tot.«

Julia Fennel konnte ihren Mann nicht sehen, hörte nur noch »dumpfe Schläge«. Erst auf der Polizeiwache, so sagt Fennel, habe er erkannt, daß die vermeintlichen Rowdys Polizisten waren. Auch dort hätten sie noch weiter auf ihn eingedroschen; die Nacht durch hielten sie den Verletzten gefangen, statt ihn ins Krankenhaus zu lassen.

Der Krankenpfleger Lutz Priebe, 29, behauptet ebenfalls, bei einer anderen Polizeiaktion auf der Wache mißhandelt worden zu sein. Beamte hätten seinen »Kopf immer wieder auf den Tresen geschlagen. Auf meinem Arm wurde eine Zigarette ausgedrückt«. Der behandelnde Arzt konstatierte bei Priebe später unter anderem »Nasenbeinbruch« und »Verletzung der Genitalien«.

Priebes Anzeige wurde abgeschmettert. »Leichtfertig stellen wir gar nichts ein«, wehrt sich Rüdiger Bagger von der Staatsanwaltschaft gegen die Vorwürfe, seine Behörde decke beamtete Schläger. »Das Problem ist«, so Bagger, »daß die Staatsanwaltschaft nicht dabei war.« Entschieden werde deshalb nach »dem vorliegenden Aktenmaterial«. Und das besteht zum Großteil aus den Aussagen und Protokollen der Polizisten.

Nur im Fall Jens Waßmann gab sich die Polizei eine Blöße. Waßmann, Anwalt von Bewohnern der Hafenstraße, intervenierte bei einer Polizei-Durchsuchung von Wohnwagen in der Hafenstraße. Obwohl er sich als Rechtsanwalt auswies, bekam er einen Knüppelschlag auf den Hinterkopf. Er erstattete Strafanzeige.

Wie üblich entlasteten sich die Polizisten gegenseitig. »Die Beamten haben erklärt«, stellte die Staatsanwaltschaft später resignierend fest, Waßmann »weder geschlagen noch beobachtet zu haben, wer als Täter in Betracht kommt«. Somit könne »ein einzelner Beamter als Täter nicht festgestellt werden«.

Doch die für die Polizei verantwortliche Innenbehörde zahlte Waßmann 1842,52 Mark Schmerzensgeld und Schadensersatz - obwohl kein Polizist geschlagen haben will und die Beamten gar auf Geschosse verwiesen, die von Chaoten geworfen worden sein sollen.

Am Donnerstag letzter Woche griff das regionale Fernsehmagazin »Hamburger Journal« die Prügeltruppe an, zeigte Bilder von Verletzten, Schlägereien. Dem ansonsten eher betulichkonservativen Magazin folgte am Freitag morgen zur besten Sendezeit mit zwei Hörfunk-Beiträgen die ebenfalls linker Sympathien gänzlich unverdächtige »Hamburg-Welle« des Norddeutschen Rundfunks.

Parallel dazu brachten Hamburger Morgenpost und die linke Tageszeitung ganzseitige Artikel. »Es gab Absprachen, weil wir alle an der gleichen Geschichte saßen, da wollten wir uns nicht gegenseitig totrecherchieren«, sagt Kai von Appen, Reporter der Tageszeitung. Auch den Erscheinungstermin haben die Kollegen offenbar koordiniert.

»Die Berichte«, so schimpfte Innensenator Werner Hackmann wenige Stunden später, seien eine »gezielte Kampagne«; sie sollten die »erfolgreiche Arbeit der Polizei« diskreditieren. Um die, so Hackmann, »einseitige Darstellung« des Falles Fennel ausbügeln zu können, rief er beim amtierenden NDR-Landesfunkhausdirektor Manfred Schröter an, um Sendezeit am Freitag abend zu fordern.

Doch die Prügel-Vorwürfe konnte er auch in der Sendung nicht entkräften. Er verharmloste, sprach von möglichen »Übergriffen einzelner« und tadelte gegenseitiges Decken als »falsch verstandene Kameraderie«. Trotzdem trügen die Männer der 16 E, so Hackmann standfest, bei »zum Abbau von Gewalt und Angst«.

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